Die Sängerin – Teil I

 

 

von Eberhard Spree

Dass Anna Magdalena Bach nach ihrer Eheschließung und dem Umzug nach Leipzig 1723 ihre Karriere als Sängerin beenden musste, ist eine weit verbreitete These. Doch hält sie einer genaueren Untersuchung stand? Das soll hier geprüft werden.

Im „Verzeichniß des musikalischen Nachlasses des verstorbenen Capellmeisters Carl Philipp Emanuel Bach“, das 1790 in Hamburg gedruckt erschien, ist eines der Ölgemälde mit den Worten beschrieben: „Bach, (Anna Magd.) Sopranistin“. (Siehe Beitrag: Wie sah Anna Magdalena Bach aus? ) Leider ging das Bildnis verloren. Der Eintrag zeigt aber nicht nur, dass einmal eine Darstellung von Anna Magdalena Bach existierte, sondern auch, dass die angeführte Tätigkeit eine bedeutende Rolle in ihrem Leben gespielt haben muss. Bedauerlicherweise gibt es nur wenige Quellen, die darüber genauere Auskünfte geben. Etliches lässt sich aber schlussfolgern.

Erste namentliche Belege, die sie als Sängerin ausweisen, stammen aus Köthener Kirchenakten vom September 1721. Darin wird sie als „fürstl. Sängerin“ bzw. „Cammer-Musicantin“ bezeichnet. Es handelt sich dabei um Einträge, in denen sie als Patin aufgeführt ist. Ob „Cammer-Musicantin“ ihre genaue Titelbezeichnung am Hofe von Anhalt-Köthen war, kann durch weitere Dokumente nicht bestätigt werden. Die Einträge zeigen aber, dass sie dort als Sängerin wirkte. Folglich muss sie eine entsprechende Ausbildung erhalten haben.

Wann und wie diese genau erfolgte, ist nicht bekannt. Anna Magdalena kam am 22. September 1701 in einem Musikerhaushalt zur Welt. Ihr Vater war Trompeter am Hof von Sachsen-Zeitz. Ihre Mutter stammte aus dem Haushalt eines Organisten. Ihr Onkel war Hoftrompeter und Organist an der Schlosskirche in Zeitz. Spätestens 1718 dürfte Anna Magdalena nach Weißenfels gezogen sein, denn im Februar 1718 verkaufte ihr Vater das Haus in Zeitz. Er hatte am Hof von Sachsen-Weißenfels eine Anstellung als Trompeter erhalten. Dort wirkte auch die Sängerin Christiane Paulina Kellner (1664 – 1745), die unter dem Namen Paulina bekannt war. Es ist möglich, dass sie bei der Ausbildung von Anna Magdalena eine Rolle spielte, doch gibt es dafür keine Belege.

In Abrechnungen aus Zerbst, welche den Zeitraum Mitte 1720 bis Mitte 1721 betreffen, ist zu lesen: „6 Thaler dem Trompeter Wilke von Weißenfels so sich allhier hören lassen, 12 Thaler dessen Tochter so in der Capelle einige Male mitgesungen“ Leider ist der Name der Tochter nicht angegeben. Es ist aber anzunehmen, dass es sich um Anna Magdalena handelte. Ihre Schwestern waren zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet und eine von ihnen wäre wohl in Verbindung mit dem Namen ihres Mannes aufgeführt worden. Aus den ausgezahlten Summen von Vater und Tochter können keine Rückschlüsse auf die Wertschätzung gezogen werden, da nicht bekannt ist, in welchem Umfang und welchen Positionen die beiden auftraten. Festzuhalten ist aber, dass die Tochter mit „einigen Malen mitsingen“ eine Summe verdiente, für die eine angestellte Frau, die von „früh halb Sieben biß abends 10 Uhr“ Wäsche plättete, 58 Tage arbeiten musste.

Vielleicht fand der besagte Aufenthalt in Zerbst unmittelbar vor dem Eintreffen Anna Magdalenas in Köthen statt. In dortigen Akten erscheint sie erstmalig für eine Abendmahlsteilnahme am 15. Juni 1721.

Stadtansicht von Köthen im 17. Jahrhundert

Quelle: Topographia Superioris Saxoniae, Thuringiae, Misniae, Lusatiae etc., Frankfurt am Main 1650

Am 3. Dezember 1721 heirateten „Johann Sebastian Bach, HochFürstlicher Capell-Meister alhier Wittber“ und „Jungfer Anna Magdalena, Herrn Johann Caspar Wülckelns, Hoch-Fürstlich Sachßen Weißenfelßischen Musicalischen Hoff- und Feld Trompeters eheliche jüngste Tochter“.

Johann Sebastian Bach war seit 1717 am Köthener Hof tätig. Seine erste Ehefrau Maria Barbara verstarb Anfang Juli 1720 und hinterließ ihm vier Kinder, die bei ihrem Tod 5, 6, 9 und 11 Jahre alt waren. Nach damaligem Recht hätte er bereits nach einem halben Jahr erneut heiraten dürfen. Die Ehe mit Anna Magdalena ging er also nicht ein, weil die Kinder versorgt werden mussten und dringend eine Arbeitskraft für den Haushalt notwendig war. (Siehe auch: Gab es Gesinde im Hause der Familie Bach?) Es muss andere Gründe für ihn gegeben haben. Vielleicht waren die beiden sehr verliebt ineinander? Als Grund für eine Eheschließung spielte das in ihrer Zeit aber nur eine untergeordnete Rolle. Ehepartner sollten sich wertschätzen und mussten vor allem in der Lage sein, gemeinsam ein Hauswesen zu führen. Anna Magdalena Wilcke stammte aus einer Familie, in der mit Musik Geld verdient wurde. Ihre Erfahrungen und Fähigkeiten qualifizierten sie als Partnerin für die Führung eines Hauswesens, in dem das ebenfalls der Fall war. Welche Gründe für die Eheschließung bei Johann Sebastian aber welche Gewichtung hatten, ist nicht bekannt. Das gilt auch für Anna Magdalena. Es sei nur darauf aufmerksam gemacht, dass sie als Hofsängerin finanziell unabhängig war. Sie heiratete also nicht, weil sie versorgt werden musste. Die Eheschließung machte ihre wirtschaftliche Situation aber sicherer und war für sie auch ein Schutz.

Mit der Eheschließung hatte sie das Recht, die Ehren und Würden des Mannes zu übernehmen. Sie stieg sozial auf und wurde die Frau Capellmeisterin. Als Sängerin war sie weiterhin am Hofe tätig. Abrechnungen, die aus der Zeit nach ihrer Hochzeit stammen, weisen für sie nach dem Capellmeister Bach und dem Concertmeister Spieß das dritthöchste Gehalt aus.

Im April 1723 wurde Johann Sebastian Bach in Leipzig zum Cantor an der Thomasschule und Musicdirector der Stadt gewählt. Einen Monat später zog die Familie um. Es ist nicht bekannt, was Anna Magdalena empfand, als sie das ländlich geprägte Köthen verließ, um in Leipzig zu leben, einer Universitätsstadt, in der jährlich drei große Handelsmessen stattfanden und in der drei Mal so viele Menschen lebten als im ganzen Fürstentum Anhalt-Köthen. Vielleicht fiel es ihr schwer, die Möglichkeiten, die ihr das Leben in Köthen bot, aufzugeben? Es ist aber auch möglich, dass sie froh über die Veränderung war. Vielleicht hatte ihr hohes Gehalt Neider auf den Plan gerufen hatte, die ihr das Leben schwer machten? Auch war eine höfische Anstellung immer von der Gnade des Regenten abhängig. Intrigen waren ein bewährtes Mittel, um Konkurrenten zu verdrängen und in seiner Gunst zu steigen.

Die Antwort bleibt bestehen: Wir wissen nicht, was Anna Magdalena Bach beim Verlassen von Köthen empfand.

Vorstellungen über ihr Wirken als Sängerin werden immer noch sehr von diesen Zeilen bestimmt: „Bach (Anna Magdalena) geb. 1700 war eine vortrefliche Sopranistin, und die zweyte Gattin von Joh. Sebastian Bach. Sie starb im J. 1757 ohne jemals öffentlich von diesem ihrem vortreflichem Talente Gebrauch gemacht zu haben.“ So schrieb Ernst Ludwig Gerber in seinem „Lexicon der Tonkünstler“, das 1790 erschien. Sein Vater war ein Schüler Johann Sebastian Bachs gewesen, was zur Schlussfolgerung führte, dass diese Auskünfte über Anna Magdalena Bach eine besonders hohe Glaubwürdigkeit haben. Sie sind aber in mehrfacher Hinsicht inkorrekt. Das Geburts- und auch das Sterbejahr sind falsch angegeben und was ihr Wirken als Sängerin angeht, so hatte sie bis zum Umzug 1723 nach Leipzig eine Anstellung am Köthener Hof. Heute bekannte Abrechnungen von 1724, 1725 und 1729 beweisen, dass sie auch danach öffentlich auftrat. Diese drei Auszahlungsbelege stammen aus Köthen. Sie sind keine Beweise, dass sie nur noch selten vor Publikum agierte, denn niemand weiß, wie viele andere Zahlungsnachweise verloren gingen. Diese Dokumente machen aber deutlich, dass Anna Magdalena Bach auch in ihrer Zeit in Leipzig auf einem sehr hohen Niveau sang.

Das wird im Oktober 1730 durch keinen geringeren als ihren Ehemann bestätigt. In einem Brief an einen Schulfreund attestierte ihr Johann Sebastian Bach, dass sie „einen sauberen Soprano singet“. Es sei darauf hingewiesen: Er nutzte die Gegenwartsform. In diesem Brief hätte er nicht auf ihre Fähigkeiten eingehen müssen. Dass er es tat, zeigt eindeutig, dass ihre sängerischen Leistungen hohen Ansprüchen genügten. In seinen Urteilen über musikalische Fähigkeiten konnte er sehr deutlich sein. Im August 1730 hatte er zum Beispiel dem Leipziger Rat über die von der Stadt angestellten Musiker, die bei den Kirchenmusiken mitwirkten, mitgeteilt: „Von deren qualitäten und musicalischen Wißenschafften aber etwas nach der Warheit zu erwehnen, verbietet mir die Bescheidenheit. Jedoch ist zu consideriren, daß Sie theils emeriti, theils auch in keinem solchen exercitio sind, wie es wohl seyn solte“. Die ihm dabei zur Verfügung stehenden Sänger beschrieb er als „17 zu gebrauchende, 20. noch nicht zu gebrauchende, und 17 untüchtige“.

Es sei also festgehalten: Anna Magdalena Bach war auch Anfang der 1730er Jahre, zu einer Zeit, in welcher die Familie schon mehr als sieben Jahre in Leipzig lebte, eine sehr gute Sängerin. Musizieren auf hohem Niveau ist aber nicht mit einem Sonntagshut gleichzusetzen, der im Schrank liegt, dann kurz getragen wird und wieder für längere Zeit verschwindet. Musizieren auf hohem Niveau ist ohne regelmäßiges Üben nicht möglich, was in besonderem Maße für eine Künstlerin gilt, die zwischen 1723 und 1730 sieben Kinder zur Welt brachte. (Siehe Beitrag: Wie viele Kinder hatte Anna Magdalena Bach zu versorgen?) Das Instrument einer Sängerin ist ihr Körper. Vor allem bei Schwangerschaften und Geburten kann es da zu größeren Veränderungen kommen. Anna Magdalena musste ihre Stimme also nicht nur regelmäßig schulen, sondern auch in besonderem Maße Aufmerksamkeit auf Veränderungen ihrer stimmlichen Mittel verwenden und darauf mit zeitaufwendigem Üben reagieren. Ohne die Aussicht auf regelmäßige Auftritte vor Publikum ist es kaum vorstellbar, dass sie für eine so anstrengende Arbeit die nötige Motivation aufbringen konnte. Dafür waren die Räume der Wohnung aber nicht geeignet. Selbst im größten Zimmer betrug die Entfernung von Wand zu Wand weniger als 6 Meter und kein Raum war über 30 Quadratmeter groß. Für eine Sängerin mit ausgebildeter Stimme ist es schwierig, unter solchen akustischen Bedingungen vor Publikum zu singen und für Zuhörer, die sich an der Darbietung einfach nur erfreuen wollen, meist kein Genuss.

Aber könnte Anna Magdalena Bach vielleicht auch nur geübt haben, um mit ihrem Ehemann und den Kindern Hausmusik zu machen, bei der sich die Teilnehmenden ohne weitere Zielstellung einfach nur am gemeinsamen Musizieren im eigenen Heim erfreuten? Liefert der bereits erwähnte Brief vom Oktober 1730 dafür Hinweise? Darin ging Johann Sebastian Bach nämlich nicht nur auf seine Ehefrau, sondern die gesamte Familie ein. Zusammenhängend schrieb er: „Insgesamt aber sind sie gebohrne Musici, u. kan versichern, daß schon ein Concert Vocaliter u. Instumentaliter mit meiner Familie formiren kan, zumahln da meine itzige Frau gar einen sauberen Soprano singet, auch meine älteste Tochter nicht schlimm einschläget.“ Die Vorstellung eines Musizierens der Eltern mit kleinen Kindern ist hier aber fehl am Platze. Sohn Wilhelm Friedemann war 19 Jahre alt. Keine drei Jahre später setzte er sich gegen Mitbewerber durch und erhielt die Organistenstelle an der Sophienkirche in Dresden.

Fast zur gleichen Zeit bewarb sich der drei Jahre jüngere Carl Philipp Emanuel um die Organistenstelle an der Wenzelskirche in Naumburg. Es wurde zwar ein anderer Bewerber ausgewählt, doch dürfte Carl Philipp Emanuel das musikalische Können für diese Position besessen haben. Johann Gottfried Bernhard, beim Verfassen des Briefes 15 Jahre alt, wurde 1735 Organist in Mühlhausen. Diese Söhne waren Meisterschüler ihres Vaters, standen am Beginn ihrer Laufbahn als Berufsmusiker und spielten wie er nicht nur Tasteninstrumente. Die musikalischen Fähigkeiten von Anna Magdalena und der ältesten Tochter Catharina Dorothea, damals 21 Jahre alt, werden diesem hochkarätigen Ensemble entsprochen haben. Die anderen Kinder der Familie waren zu dieser Zeit 6, 4 und 1 Jahr alt. Sie werden an diesen „Concerten“ nicht mitgewirkt haben, sind doch auch keine Stücke ihres Vaters bekannt, in denen neben anspruchsvollen Stimmen auch einfache für Anfänger enthalten sind.

Da Johann Sebastian Bach diese „Concerte formierte“, wird er sich für deren Qualität verantwortlich gesehen haben. Sohn Carl Philipp Emanuel berichtet von ihm: „Sein Gehör war so fein, daß er bey den vollstimmigsten Musiken, auch den geringsten Fehler zu entdecken vermögend war. Nur Schade, daß er selten das Glück gehabt, lauter solche Ausführer seiner Arbeit zu finden, die ihm diese verdrießlichen Bemerkungen ersparet hätten.“ Er sah wohl immer Verbesserungspotential bei musikalischen Vorträgen und wird das Menschen, für die er sich verantwortlich fühlte, auch mitgeteilt haben.

So steht außer Frage: In der Wohnung der Familie Bach erklang ständig Musik. Dort wurde unterrichtet, geübt, geprobt. Das war aber keine Hausmusik, die ausschließlich zur Freude der Ausführenden erklang und davon schreibt Johann Sebastian Bach in dem besagten Brief auch nichts. Er teilt nicht mit, wo diese „Concerte“ letztlich stattfanden. In den Zeilen ist zweifellos seine Freude an den musikalischen Fähigkeiten seiner Angehörigen zu spüren. Es sei aber nicht vergessen: In diesem Haushalt wurde mit Musik Geld verdient. Die Annahme, dass vorhandenes Potential nicht für die Erlangung zusätzlicher Einkünfte genutzt wurde, hieße wirtschaftliches Unvermögen zu unterstellen und dass es genutzt wurde, belegt die bereits erwähnte Rechnung aus Köthen von 1729. Dort ist zu lesen, dass der „CapellMeister Bachen, deßen Ehefrau und Sohne auß Leipzig“ bei „Musiquen“ mitwirkten und dafür bezahlt wurden.

Ausschnitt aus einer Abrechnung des Köthener Hofs vom 25. März 1729

(Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Z 73 Kammer-Köthen, Kammerrechnung 1728 – 1729, Seite 115)

Wenn Anna Magdalena Bach auch zu dieser Zeit sehr gut sang und Auftritte vor Publikum (mit Honorar) die Motivation für das notwendige Üben waren, dann stellen sich verschiedene Fragen: Wo konnte sie in Leipzig auftreten? Welche Anlässe boten sich dafür an? Gibt es Hinweise auf Kompositionen ihres Ehemanns, in denen er ihre Fähigkeiten berücksichtigte? Darauf soll in „Die Sängerin. Teil II“ eingegangen werden.

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