Die Sängerin –

Teil II

 

 

von Eberhard Spree

Anna Magdalena Bach war am Köthener Hof als Sängerin angestellt. 1723 zog sie mit ihrer Familie nach Leipzig. Aber auch hier schulte sie weiterhin ihre Stimme. Ihr Ehemann Johann Sebastian bescheinigte ihr 1730, dass sie „einen sauberen Soprano“ singen würde. (Siehe Beitrag: „Die Sängerin – Teil I“ ) .  Somit stellt sich die Frage: Welche Möglichkeiten hatte sie nach 1723, um vor Publikum aufzutreten? Leider gibt es dazu keine Zeitzeugenberichte. Es müssen Indizien ausgewertet werden, um Antworten zu finden.

Für den 17. September 1733, einem Donnerstag, schrieb ein Leipziger Student in sein Tagebuch: „Abends von 8. biß 10. Uhr wurde im Schelhafferschen Hause vom Hrn. Capellmeister Görner ein Concert aufgeführet, alwo eine ungemeine Anzahl von Vornehmen sowohl als andern Leuthen geringern Standes zugegen war. Es ließen sich dabey des hiesigen Tantz-Meisters, Nagel, zwey Töchter, die eine im Singen, die andere auff der Flaute-traverse, hören.“ Es dürfte sich dabei um eine Veranstaltungsreihe gehandelt haben, die im Leipziger Adressbuch für das Jahr 1732 beschrieben wird:

„Der ordinairen Collegiorum Musicorum sind zwey“. Eins trat am „Donnerstags von 8. bis 10. Uhr unter Direction Herrn Johann Gottl. Görners, Organistens bey der St.Thomas-Kirche, im Schellhaferischen Hause auf der Closter-Gasse“ auf, das andere wurde „unter Direction des Herrn Cantoris Bachs bey Hrn. Gottfried Zimmermann, Sommers-Zeit im Garten Mittwochs, von 4. biß 6. Uhr, und Winters-Zeit Freytags im Caffee-Hause, auf der Catharinen-Straße Abends von 8. biß 10. Uhr gehalten.“

Das Zimmermannsche Caffee-Haus war eine Institution, die von „Einheimischen als Frembden Hohen und Niedern Standes, Männ- und Weiblichen Geschlechts […] wegen ihrer schönen Gelegenheit, Aussicht, und guten Accommodement, als auch sonst wegen derer sich täglich darinnen ereignenden grossen Assembléen berühmt“ gern besucht wurde.

Es kann also geschlussfolgert werden, dass auch Anna Magdalena Bach in einem solchen Rahmen hätte auftreten können.

Es gab weitere Möglichkeiten für sie. In einer Anzeige der „Leipziger Zeitungen“ vom 30. April 1749 ist zu erfahren, dass „eine fremde Weibs-Person, welche von einem hohen Hofe verschrieben worden“, in Leipzig angekommen sei. „Selbige ist gesonnen, Morgen den 1. May ein Concert aufzuführen, nicht nur von ausserordenlich-angenehmer Vocal- sondern auch Instrumental Music, insonderheit Violin, worinnen sie ausserordentliche Geschicklichkeit besitzet; ferner in Clavicin, und allerley Instrumenten. Dieses Concert wird aufgeführet im Brühl in drey Schwanen, Nachmittags von 5 bis 7. Uhr“. Die Eintrittspreise lagen zwischen 16 Groschen und 2 Talern pro Person.

Ob ein solcher Auftritt dem Stand der Frau Capellmeisterin Bach allerdings angemessen gewesen wäre, ist fraglich. Sie hatte andere Möglichkeiten, um vor Publikum zu singen. Hinweise dafür liefern Werke ihres Mannes. So komponierte er die Kantate „Schwingt freudig euch empor“ (BWV 36.1). Neben einem Sopran sind in ihr weitere solistische Singstimmen besetzt. Das Werk war für einen Anlass bestimmt, bei dem ein verdienstvoller Lehrer geehrt werden sollte. Die Aufführung fand höchstwahrscheinlich im Frühjahr 1725 statt.

Mit einem anderen Text erklangen die Arien dieser Kantate zum Geburtstag der Fürstin von Anhalt-Köthen. Das Werk ist unter dem Namen „Steigt freudig in die Luft“ (BWV 36.2) bekannt. Im Band 1 der „Ernst- Schertzhaffte und Satyrische Gedichte“ von Picander, erschienen 1727, kann auf Seite 14 der Text nachgelesen werden. Dort ist auch zu erfahren, dass die Aufführung anlässlich „der ersten Geburths-Feyer der Durchlauchtigsten Fürstin zu Anhalt-Cöthen 1726“ stattfand. Bei dieser Jahreszahl muss aber ein Fehler unterlaufen sein. Charlotte Friederica Amalia geborene von Nassau-Siegen, die am 30. November 1702 zur Welt kam, heiratete am 21. Juni 1725 Fürst Leopold von Anhalt-Köthen.

Ihren „ersten Geburtstag“ als Fürstin in Köthen beging sie also am 30. November 1725. Auch wurde im Text nicht auf die Geburt des Thronfolgers eingegangen, den sie am 12. September 1726 zur Welt brachte. Dieses Ereignis war für die Dynastie und somit auch für die junge Fürstin von immenser Bedeutung. Darauf bei einer solchen Huldigung nicht einzugehen, wäre wohl als Affront angesehen worden. Die Aufführung wird 1725 erfolgt sein und Anna Magdalena Bach dürfte dabei den Sopranpart übernommen haben. In einer Abrechnung vom 15. Dezember 1725 ist zu einem ausgezahlten Geldbetrag nämlich vermerkt: „Dem Leipziger Cantori Bachen und seiner Ehefrauen so sich alhier etzliche mahl höhren laßen“.

Es ist naheliegend, dass sie auch bei der angesprochenen Ehrung des verdienstvollen Lehrers mitwirkte.

Ihr Ehemann hat dieses Werk dann noch mindestens ein weiteres Mal überarbeitet. Mit einem weiteren Text entstand die Kantate „Die Freude reget sich“ (BWV 36.3) zu Ehren eines Mitglieds der Leipziger Familie Rivinus.

Agierten in diesen Fällen mehrere Singstimmen solistisch, so komponierte Johann Sebastian Bach mit der Kantate „O angenehme Melodei“ (BWV 210.1) ein Werk für Sopran-Solo. Davon ist eine Sopranstimme erhalten, in der deutlich zu sehen ist, dass an etlichen Stellen Worte ausradiert und mit „Flemming“ überschrieben wurden. Dort hatte „Christian“ gestanden, denn im Januar 1729 war die Kantate für Herzog Christian von Weißenfels in seinem Beisein aufgeführt worden. Später änderte Bach den Text, um sie für eine Ehrung des Grafen Flemming nutzen zu können.

Wie auf der Abbildung zu sehen, ist noch eine weitere Zeile unterlegt. So konnte das Werk auch allgemein für „werthe Gönner“ erklingen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Ausschnitt aus der Sopranstimme der Kantate „O angenehme Melodei“ (BWV 210.1), Satz 10, wobei die Noten von Anna Magdalena, der Text aber von Johann Sebastian Bach geschrieben wurden (Kraków, Biblioteka Jagiellonska, PL-Kj Mus. ms. Bach St. 72)

Johann Sebastian Bach nutzte es mit einem anderen Text auch für die Hochzeitskantate „O holder Tag, erwünschte Zeit“ (BWV 210.2). Instrumentalstimmen zeigen, dass es davon mindestens zwei verschiedene Versionen gab, die sich in den Rezitativen unterschieden.

Hans-Joachim Schulze, von 1992–2000 Direktor des Bach-Archivs Leipzig und langjähriger Herausgeber des Bach-Jahrbuchs, fasste das mit folgenden Worten zusammen: „Die anspruchsvolle zehnsätzige Kantate […] für Sopransolo und Instrumente, die in wenigstens fünf Fassungen für unterschiedliche Gelegenheiten – Hochzeitsfeiern, Geburtstage, Huldigungen – existiert haben muß, demnach ein gern dargebotenes Favoritstück war, dürfte gleichfalls mit der Gesangskunst Anna Magdalenas zu tun haben. Aufschlußreich sind bei dieser Komposition die Verschiedenartigkeit der Arien, die der Sängerin ein hohes Maß an Charakterisierungskunst abverlangen, die Ausdehnung des Werkes mit fast einer Dreiviertelstunde Aufführungsdauer sowie der geforderte Stimmumfang von zwei Oktaven, wobei im Mittelteil der ersten Arie am Ende einer schnellen Passage das dreigestrichene cis als Spitzenton erreicht wird. In Ermangelung anderer Nachrichten über die stimmlichen Fertigkeiten Anna Magdalenas bilden Rückschlüsse dieser Art einen willkommenen Ersatz.“

Die Hochzeitskantate (BWV 210.2) ist auch in einer Stimme erhalten, die neben der Sopranstimme nur den Generalbass enthält. Johann Sebastian Bach schrieb sie sehr akkurat auf hochwertiges Papier und versah sie mit der Aufschrift „Cantata. la Voce e Basso per il Cembalo“. Das dürfte als Hinweis zu werten sein, dass dieses Werk auch nur durch eine Sängerin mit Cembalobegleitung aufgeführt werden konnte.

Wer waren aber die „werthen Gönner“, die in einer der Textvarianten angesprochen werden? Dafür kamen in Leipzig viele Personen infrage. Dazu sei etwas weiter ausgeholt: Musik diente in der damaligen Zeit nicht nur der Ergötzung des Gemüts, sondern war auch ein Mittel der Repräsentation. In der Residenzstadt Dresden hielten sich nicht nur der Kurfürst ein eigenes Orchester, sondern auch Adlige in seinem Umfeld wie Heinrich von Brühl, Jacob Heinrich von Flemming oder Christoph August von Wackerbarth. Dort gab es in mancherlei Hinsicht andere Strukturen als in der ebenfalls zum Kurfürstentum Sachsen gehörenden reichen Messestadt Leipzig.

In bestimmten Bereichen orientierte sich die Leipziger Oberschicht aber durchaus an Lebensverhältnissen der Residenzstadt. So wurden höfische Titel so geschätzt, dass sie in den Leipziger Adressbüchern in der Rubrik „Personen mit besonderen Dignitäten“ noch einmal extra aufgeführt wurden. Das Repräsentationsbedürfnis zeigt sich besonders bei den zahlreichen prachtvollen Privatgebäuden, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Leipzig entstanden. Sie boten ihren Besitzern einen Rahmen, in dem sie Erreichtes präsentieren konnten.

Dazu sei nur ein Beispiel angeführt: Direkt vor der Stadt ließ sich der Königlich-Polnische und Kurfürstlich-Sächsische Cammer- und Bergrat Johann Christoph Richter (1689–1751) ein Landhaus errichten. Der Bau orientierte sich am Schloss Hubertusburg, einem Jagdschloss des Kurfürsten von Sachsen, der auch König von Polen war. Zu diesem Ensemble in Wermsdorf, einem Ort zwischen Leipzig und Dresden, gehörte auch ein Opernhaus. Natürlich war das Landhaus von Johann Christoph Richter nicht für eine Hofhaltung ausgelegt, aber es ermöglichte „bequemstes Wohnen und Repräsentieren“. So besaß es einen „schönen Saal und in dem Seitenflügel einen großen dergleichen“. Zum Ensemble gehörte eine barocke Gartenanlage (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Das Gartenhaus von Johann Christoph Richter vor dem Hallischen Tor von Leipzig nach einem Stich von Johann Martin Bernigeroth (Bearbeitung Steffen Junghans)

Johann Christoph Richter war Kaufmann und Ratsherr und bekannt für seine große Naturaliensammlung. Christiana Sybilla Richter geborene Bose, die „Herzens Freündin“ von Anna Magdalena Bach war seine Schwägerin.

Damit ist nicht bewiesen, dass in diesem Anwesen eine Kantate von Johann Sebastian Bach aufgeführt wurde. Es wäre hier aber, wie in etlichen anderen Häusern der Stadt, ein sehr geeignetes Umfeld dafür gewesen.

Leider ist dieses von Johann Christoph Richter in Auftrag gegebene Ensemble nicht erhalten geblieben. So erging es auch vielen anderen prachtvollen Gebäuden, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Leipzig entstanden. Nur wenige haben überdauert. Einen kleinen Eindruck vermögen aber wohl noch der Sommersaal im Bose-Haus oder das Schloss Güldengossa in der Nähe der Stadt zu vermitteln. (Familienmitglieder der Besitzer dieser Häuser waren der Familie Bach übrigens durch Patenschaften verbunden.)

Für Leipzig ist nicht nachzuweisen, dass Privatkapellen gehalten wurden. Wenn aber vermögende Persönlichkeiten vor der Wahl standen, für Empfänge in entsprechendem Umfeld Stadtpfeifer zu engagieren oder für die musikalische Ausgestaltung den Capellmeister und Kurfürstlich-Sächsischen sowie Königlich-Polnischen Hofcompositeur Johann Sebastian Bach zu beauftragten, so dürfte eine Entscheidung im Sinne einer möglichst beeindruckenden Repräsentation naheliegend gewesen sein.

Es ist nicht davon auszugehen, dass Johann Sebastian Bach bei solchen Aufführungen auf Honorar und/oder geldwerte Gegenleistungen verzichtete, auch wenn eine nähere Bekanntschaft zum Auftraggeber bestand. Entsprechende Leistungen konnten nur in Ausnahmefällen „verschenkt“ werden. Im Haushalt der Familie Bach wurde mit Musik das Geld für den Lebensunterhalt verdient. Da musste strikt verfahren werden. Das wird zum Beispiel auch deutlich, als der Verwandte Johann Elias Bach, der mehrere Jahre bei der Familie gearbeitet hatte, um ein Exemplar der „Preußischen Fuge“ bat. Bei Eingang eines Talers, könne er das Gewünschte erhalten, erhielt er zur Antwort.

 

Leipzig war aber nicht nur eine Handels- sondern auch eine Universitätsstadt. An der 1409 gegründeten Universität, wie auch an der Thomas- oder der Nikolaischule, gab es eine große Anzahl hochverdienter Männer, bei deren Ehrungen Musik angebracht war. Ein Beispiel aus Bachs Werken ist dafür die bereits erwähnte Kantate BWV 36. In einer Textvariante dieses Werks (BWV 36.1) heißt es: „Du bist es ja, o hochverdienter Mann, der in unausgesetzten Lehren / mit höchsten Ehren / den Silberschmuck des Alters tragen kann. Dank, Ehrerbietung, Ruhm kömmt alles hier zusammen“. Mit verändertem Text und den Eingangsworten „Die Freude reget sich“ (BWV 36.3) erklang diese Kantate zu Ehren eines Mitglieds der Leipziger Gelehrtenfamilie Rivinus.

Es handelt sich dabei um das gleiche Werk, das, mit angepasstem Text, beim Geburtstag der Fürstin von Anhalt-Köthen 1725 aufgeführt wurde. Hier lautet die Eingangszeile „Steigt freudig in die Luft“ (BWV 36.2) Anna Magdalena Bach wirkte dabei im Solistenensemble mit. Diese Schlussfolgerung lässt eine erhaltene Rechnung zu. Es gibt keinen Hinweis, dass sie bei den Ehrungen der Gelehrten nicht ebenfalls als Sopranistin in Erscheinung trat.

 

Es gibt Hinweise, dass sie weitere Möglichkeiten hatte, in Leipzig vor Publikum aufzutreten. Im Nekrolog auf Johann Sebastian Bach, an dem sein Sohn Carl Philipp Emanuel mitwirkte, ist zu lesen, dass sein Vater viele „Dramata, Serenaden, Geburts- Namenstags- und Trauermusiken, Brautmessen, auch einige komische Singstücke“ komponiert habe. Aber gerade in diesem Bereich gibt es eine ungewöhnlich hohe Quote an Verlusten. Wie hoch diese sein können, zeigen die Trauungskantaten. In den Leipziger Traubüchern sind zwischen 1723 und 1748 bei dreißig Eintragungen „gantze Braut-Messen“ vermerkt, bei denen gewöhnlich eine Kantate erklang. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese zumindest in der Mehrzahl beim führenden Leipziger Kirchenmusiker, dem Capellmeister Bach, bestellt wurden. Sehr viele davon müssen verloren gegangen sein, denn im Bach Compendium können nur noch vier Kantaten für diesen Zweck beschrieben werden. Eine davon ist die Kantate für Sopran-Solo und Alt-Solo „Vergnügte Pleißenstadt“ (BWV 216).

Sie erklang 1726 anlässlich der Hochzeit von Susanna Regina Hempel und Johann Heinrich Wolff, deren Eheschließung im Schellhaferischen Haus stattfand. Erhalten blieben nur die beiden Gesangsstimmen. Ihre Geschichte ist so interessant, dass auf sie kurz eingegangen werden soll. 1901 wurden diese beiden Stimmen als Sensation der Öffentlichkeit in einer Ausstellung in Berlin vorgestellt. Danach verschwanden sie aber wieder und waren für die Forschung nicht mehr erreichbar. 2003 tauchten sie ganz überraschend in Tokyo wieder auf. Der Text stammte von Christian Friedrich Henrici, der ihn unter seinem Pseudonym Picander im Band 2 seiner „Ernst- Schertzhafften und Satyrischen Gedichte“ veröffentlichte (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Überschrift zum Text der Kantate „Vergnügte Pleißenstadt“ in Picander: Ernst- Schertzhaffte und Satyrische Gedichte, anderer Theil, andere Auflage, Leipzig 1734, Seite 379

 

Diese Hochzeitskantate kann als weiteres Beispiel dafür dienen, wie flexibel Johann Sebastian Bach mit seinen Werken umging. Die darin enthaltene Sopranarie „Angenehme Hempelin“ ist mit einem anderen Text in der Kantate „Ich bin in mir vergnügt“ (BWV 204) wiederzufinden. Von der Besetzung ist dieses Werk der Kantate BWV 210 ähnlich, die für Herzog Christian, dann für Graf Fleming und dann für reiche Gönner bestimmt war. Auch sie ist für Sopran-Solo und eine relativ kleine Besetzung (Flauto traverso, zwei Oboen, zwei Violinen, Viola und Basso continuo) komponiert. War in diesen Fällen allerdings Reichtum deutlich sichtbar, dürfte die Kantate „Ich bin in mir vergnügt“ eher für einen Anlass (oder auch Anlässe) gedacht gewesen sein, wo Bescheidenheit gepriesen werden sollte.

 

Auch Auftritte in Kirchen sollten für Anna Magdalena Bach nicht generell ausgeschlossen werden. „Ewre weyber/ last schweygen vnter der gemeyne“, ist in der Bibel im ersten Brief des Paulus an die Korinther im Kapitel 14 im Vers 33 zu lesen. Es können aber für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts Fälle nachgewiesen werden, in denen Sängerinnen in Kirchen auftraten. Über Johann Mattheson wird berichtet: „Den 17. Sept. [1716] hielt er Musik im Dom, und führte Madame Kayser aufs Chor, welches, ausser obigem Exempel, zuvor in keiner hamburgischen Kirche geschehen war, daß ein Frauenzimmer mit musiciret hätte; hinführo aber im Dom allemahl, bey seiner Zeit, geschah.“

Für die genannte Margaretha Susanna Kayser sowie die ebenfalls sehr bekannte Sängerin Anna Maria Schober ist in Darmstadt für den Januar 1710 nachweisbar, dass sie anlässlich der Trauerfeier für die Landgräfin Elisabeth Dorothea in einer Kirche auftraten.

Anna Magdalena Bach wirkte 1729 bei den Traufeierlichkeiten für Fürst Leopold mit, die in der „Stadt- und Cathedral-Kirchen zu Köthen“ stattfanden.

Eine generelle Feststellung, dass es Frauen zu dieser Zeit verboten war, in Kirchen solistisch aufzutreten, ist also unzulässig. Es muss für den Einzelfall nachgewiesen werden, wie es in der jeweiligen Kirche, zu welcher Zeit, zu welchem Anlass gehandhabt wurde.

 

Über die Einstellung von Anna Magdalena Bach zu solchen Auftritten gibt es leider keine gesicherten Informationen. Es ist wohl davon auszugehen, dass sie als ehemalige Hofsängerin generell sehr gern bei den verschiedensten Anlässen mitwirkte. Die Zusammenarbeit von Musikern muss aber auch nicht immer erfreulich sein und die Behandlung durch Auftraggeber oder Lampenfieber können die Freude am Musizieren durchaus trüben.

Es ist auch nicht bekannt, bis in welches Alter sie vor Publikum sang. Die berühmte Sängerinnen Faustina Hasse (1697–1781) oder Margaretha Susanna Kayser (1690–1774) traten noch nach ihrem 50. Lebensjahr öffentlich auf.

 

Fazit: Vorstellungen zum Leben der Familie Bach orientierten sich häufig an einem Ehemodell, das erst im 19./20. Jahrhundert für das eheliche Zusammenleben bestimmter Schichten typisch wurde. Diese Vorstellungen zum Maßstab erklärend wurde der Wirkungsbereich von Anna Magdalena Bach auf den privat-familiären Bereich reduziert. Typisch für ihre Zeit war aber, dass die Ehepartner als Arbeitspartner fungierten, was durch Forschungen überzeugend belegt werden kann. Es lässt sich nachweisen, dass Anna Magdalena Bach ihre Leistungsfähigkeit als Sängerin auch nach dem Umzug nach Leipzig 1723 durch regelmäßiges Üben aufrechterhielt. (Siehe Beitrag: Die Sängerin – Teil I“ ) Ihr Ehemann komponierte Kantaten für nicht dienstbezogene Auftritte. Sie erklangen zu Huldigungen, Ehrungen und Hochzeiten vor illustrem Publikum. Diese Aufführungen wurden bezahlt. Wenn Sopranpartien von anderen Personen übernommen wurden, mussten diese dafür entlohnt werden. Wie aus Briefen von Johann Sebastian Bach hervorgeht, waren ihm finanzielle Dinge nicht gleichgültig. Schon aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten wäre es für die Familie also höchst unklug gewesen, wenn die musikalischen Fähigkeiten von Anna Magdalena (und der herangewachsenen Kinder) nicht genutzt worden wären. Dass mit ihnen kompetente Mitwirkende zur Verfügung standen, bringt Johann Sebastian Bach dann auch 1730 mit den Zeilen zum Ausdruck, dass er mit seiner Familie ein „Concert vocaliter und instrumentaliter formiren“ könne.

Der Begriff „Beruf“ steht im Allgemeinen für eine erlernte, sich wiederholende Tätigkeit, mit der Geld verdient wird. Als „Karriere“ wird für der beruflichen Werdegang eines Menschen bezeichnet. Von diesen Definitionen ausgehend ist die These, Anna Magdalena Bach habe ihre Karriere als Sängerin mit ihrer Eheschließung und dem Umzug nach Leipzig beenden müssen, nicht haltbar. Sie arbeitete mit einem der besten Musiker zusammen und ihre Auftritte wurden bezahlt. Diese Tätigkeit war für sie sogar so bezeichnend, dass sie bei der Beschreibung ihres Porträts im Nachlassverzeichnis ihres Stiefsohnes Carl Philipp Emanuel Bach 1790 erwähnt wird: „Bach (Anna Magd.) Sopranistin“. (Siehe Beitrag: „Wie sah Anna Magdalena Bach aus?“ )

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