Beim Teutates!

von Anja Weinberger

Wir schreiben das Jahr 1959 nach Christus. Ganz Frankreich kämpft mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs; die noch beinahe jungfräuliche 5. Republik versucht, sich und das Land neu zu erfinden, der in Algerien geführte Krieg ist dabei nicht besonders hilfreich. Ganz Frankreich? Nein! Denn in der Hauptstadt Paris sitzen zwei Männer an einem Tisch, gerüstet mit Pastis, jeder Menge Zigaretten und ebenso viel gespitzten Stiften. Es sind der Texter René Goscinny und der Zeichner Albert Uderzo, die mit Asterix und seinen Freunden an diesem Abend Figuren erfinden, die schon bald Comicgeschichte schreiben werden. Dass hier in Frankreich einst Gallier lebten, das hatten die neuzeitlichen Einwohner des Landes beinahe vergessen. Doch nun werden Asterix und Obelix, die beiden ungleichen Gallier, unterstützt von einer ganzen Dorfgemeinschaft, wieder daran erinnern – und das auf unvergessliche Art und Weise.

Vercingetorix, der reale gallisch-keltische Fürst, der in den Jahren kurz vor Christi Geburt lebte und kämpfte, stand mit den letzten beiden Buchstaben seines Namens Pate für die komplette männliche Besetzung der bald weltweit erfolgreichen Comics. Nicht einer der Darsteller, egal ob Druide, Barde, Häuptling, Dorfältester oder Handwerker, kann beim eigenen Namen auf die Endung -ix verzichten.

 

Innerhalb kürzester Zeit bringen Uderzo und Goscinny die Abenteuergeschichte Asterix, der Gallier auf’s Papier, die am 29. Oktober 1959 erstmals im Magazin Pilote erscheint. Auf den ersten Blick ist es eine kleine, heile gallische Welt, die sich da vor uns ausbreitet, und das Dorf ein sicherer Platz. Erst auf den zweiten Blick bemerken wir, dann aber mit großem Vergnügen, wie hintergründig und teils bitterböse der Blick des klarsichtigen Autorenduos auf die Gesellschaft ist. Kaum einer kommt gut weg, Mit ihren neuen Helden als Sprachrohr legen sie den Finger in diverse Wunden und machen sich ungeniert lustig. Über Franzosen, über Deutsche und Schweizer, über Briten und natürlich über Römer wird geschimpft und gezetert, was das Zeug hält, denn: »Die spinnen, die Römer!«

 

Kulinarisches spielt eine erhebliche Rolle im kleinen gallischen Dorf von Asterix, Obelix, Idefix, Troubadix und ihren Mitstreitern, braut doch der Druide Miraculix beispielsweise einen Zaubertrank, der für kurze Zeit übernatürliche Kräfte verleihen kann. Nur bei Obelix, dem menhirtragenden und vollschlanken treuen Begleiter des Asterix, hält dieser Effekt ein Leben lang an, weil er als kleiner Kerl in den Kessel mit der Mixtur gefallen ist.

Und natürlich gibt es Wildschweinbraten, denn vor allem Obelix kennt wirklich nichts, das ihm mehr munden könnte. So gehen unsere Helden in den dichten Wäldern Frankreichs, oder wo auch immer sich das jeweilige Abenteuer zuträgt, täglich auf die Jagd. Nicht wenige der witzigsten Szenen werden durch ein auftauchendes Wildschwein in Gang gebracht. Zählt man die erlegten Keiler, so ist man schnell im dreistelligen Bereich angekommen. Und am Ende beinahe jeder Geschichte steht ein Festmahl. Die letzte Szene zeigt einen langen Tisch, umrundet von hungrigen Galliern und manchmal auch ihren Gästen – da wird aufgetischt, was der Wald hergab.

 

Dieser Text ist eine Kulinarische Kalendergeschichte aus dem beim Leiermann erschienenen Buch.