Adalbert Stifter

 

von Meike Dahlström

Adalbert Stifters Herkunft und Ausbildung als Grundlage seiner Bildungsidee

 

Adalbert Stifter (1805-1868) wächst als einfacher Bauernsohn im südböhmischen Oberplan auf, damals noch Teil der Habsburgermonarchie. Das oberflächlich idyllisch wirkende Landleben ist geprägt von Mühe und Arbeit. Keiner der Dorfbewohner hätte dem kleinen „Bertl“ eine große Zukunft vorausgesagt. Als er im Alter von zwölf Jahren seinen Vater verliert, scheint sein Schicksal bestimmt zu sein. Es liegt von jetzt ab an ihm, gemeinsam mit dem Großvater die Feldarbeit zu besorgen. Stifters Geschick liegt in den Händen der von Mühe und Verzicht geprägten Menschen, die ihn aufwachsen sehen. Zum Glück für den jungen Adalbert erkennen einige unter ihnen sein frühes Talent.

Sein Wissensdrang erwacht früh. Die Erwachsenen versuchen so gut wie möglich, seinen Fragen gerecht zu werden. Es wird nicht immer einfach gewesen sein, den Gedanken des phantasievollen und empfindsamen Kindes zu folgen. Von frühester Kindheit an wird Stifter geprägt durch die Landschaft und die Bewohner seiner Heimat. Sie müssen ihm vertraut und lieb geworden sein, denn immer wieder wird man in seinen späteren Erzählungen seine Verbundenheit mit der Heimat erkennen können. Ebenso spielen die kirchlichen Feste eine wichtige Rolle im Leben des kleinen Jungen. Als über Vierzigjähriger wird er oftmals in die Nähe seines Geburtsortes zurückkehren und zeitweise seine letzten zwanzig Lebensjahre dort verbringen. Doch zunächst lernt der Knabe spielerisch in Natur und innerhalb der Familie die Welt kennen. Diese ersten Eindrücke werden erweitert, als seine Schulzeit beginnt.

Der Landschulmeister Josef Jenne ist einer der Ersten, der ein ungeahntes Talent hinter der Fassade des einfachen Bauernjungen vermutet. Er nimmt sich seiner persönlich an und wird das große Vorbild des jungen Adalbert. Geistig wächst Stifter allmählich über seine ländliche Umgebung hinaus. Schule und Elternhaus können dem wissensdurstigen Knaben keine neuen Anregungen mehr bieten. Aus dieser Situation heraus setzt sich Jenne dafür ein, ihn auf die höhere Schule zu schicken. Hinzu kommt der Ehrgeiz des Großvaters, seinem ältesten Enkel ein Studium zu ermöglichen. Gemeinsam mit dem zwölfjährigen Adalbert wandert er im Sommer 1818 zum Benediktinerstift Kremsmünster in Oberösterreich. Hier begegnet der Junge zum ersten Mal seinem zukünftigem Lehrer Placidus Hall. Nach einem unorthodoxen, mündlichen Examen, dessen Motiv Stifter 1848 in seiner Erzählung Die Pechbrenner (später Granit) aufzeichnet, wird er in das Gymnasium aufgenommen.

Stifters Geburtshaus in Horní Plan, © Meike Dahlström

Kremsmünster wird für Stifter mehr als nur eine »Lehranstalt«. Hier werden ihm zum ersten Mal die Gedanken und Ideen vertraut gemacht, die seine späteren Zielsetzungen bestimmen. Die Grundlagen seiner Bildungsidee haben ihre Wurzel in den Unterweisungen des Benediktinerordens. Hier lernt er Begriffe wie »Humanismus« und »Kunst« nicht nur kennen, sondern auch zu bewerten und einzuordnen.

Nach dem Schulabschluss 1826 hat er das Gymnasium mit dem besten Abschlusszeugnis verlassen. Vorerst gilt sein ganzer Ehrgeiz dem Studium der Rechte in Wien. Doch seine Kräfte sind bald erschöpft. Zwar soll ihm dieses Studium für die Laufbahn eines staatlichen Beamten befähigen, doch seine Neigungen gehen andere Wege. Er nutzt die Gelegenheit, seinen schmalen Geldbeutel aufzubessern und gibt Privatunterricht. 1831 beendet er sein Studium ohne Abschluss. Er gilt als »verbummelter Student«, weil er trotz eines erfolgreichen Studiums das Abschlussexamen nicht antritt. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Stifter einen wichtigen Prüfungstermin ausfallen lässt. Auch bei seiner Bewerbung um den Lehrstuhl für Physik an der Prager Universität habe er nach eigener Aussage den mündlichen Prüfungstermin schlichtweg »vergessen«. Er befindet sich in einer zwiespältigen Lage. Zwischen 1832 und 1837 bewirbt er sich fünfmal ohne Erfolg an den verschiedenen Lehranstalten, wobei er zum Teil die notwenigen Prüfungen mit Absicht »vergisst«. Wie kann man diese Versäumnisse mit seinen überdurchschnittlichen Leistungen in der Schule, im Studium sowie in seinem späteren schriftstellerischen Werk und in seiner Tätigkeit als Schulrat vereinbaren? Es ist vielmehr eine unergründliche Lebensangst, die ihm die nötige Energie raubt. Immer wieder wird sie in seinem späteren Leben auftauchen und einen lähmenden Einfluss auf ihn ausüben.

Seinen Lebensunterhalt verdient Stifter sich unterdessen weiter durch Privatunterricht. Diese Unvereinbarkeit von Beruf und Berufung ist ihm selbst bewusst. Er erkennt, dass sein Herz weniger an der Vermittlung von Wissen, als an der Bildung der gesamten Persönlichkeit hängt. Mit seiner ganzen Liebe widmet er sich dieser Aufgabe:

»Leider sah ich auch bald, daß ich als Profeßor nicht nach der Art würde wirken können, wie ich es wünschte und gab auch diesen Gedanken auf. Wohl hing ich der Sache noch nach, indem ich Privatunterricht gab, und, zwar nicht überall, aber an vielen Orten mit der größten Liebe gab. Ich habe auch ein paar Schüler, die mich sehr lieben, und gerne an unsere Lernzeit zurük denken.«

Der junge Adalbert Stifter, © Hans

Aufgrund des überraschenden Erfolgs seiner ersten Erzählungen kann Stifter seine finanzielle Misere überwinden. Zum ersten Mal in seinem Leben sieht er einer gesicherten Zukunft entgegen. In den 1840er Jahren publiziert er vierundzwanzig Erzählungen, die ihn nicht nur finanziell absichern, sondern auch in der Öffentlichkeit bekannt machen.

In diesen frühen Erzählungen offenbart sich der Dichter als tief mit der österreichischen Tradition und Kultur verwurzelt. Stifter ist im böhmischen Teil der Donaumonarchie aufgewachsen. Die kleine Ortschaft im damaligen Südböhmen trägt heute den tschechischen Namen Horni Planá. Diese Verwurzelung spiegelt sich sowohl in seinem Beruf als »k.k. Schulrat« als auch in seiner Lebensart wider: Seine Anlehnung an deutsche Traditionen ist mit den philosophischen Ursprüngen seines Werkes verknüpft. Von politischem Engagement ist in diesen frühen Werken allerdings wenig zu spüren.

Dagegen ist der pädagogische Ansatz bereits wahrnehmbar, wenn er in den Jahren 1837 und 1838 in der Erzählung Feldblumen über eine sinnvolle Erziehung von Mädchen schreibt. In diesen Jahren hat er neben seinen Schülern auch einige Schülerinnen zu betreuen, über deren »Programm« er in einem Brief folgendes positives Urteil äußert: »Sie sind bei weitem mehr, als ich ihnen bei meiner ersten Bekanntschaft zumuthete.« Der gleiche Ansatz wird vier Jahre später in Brigitta wieder aufgenommen. Hier ist es ein aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes von den Eltern missachtetes Mädchen, dem es letztendlich gelingt, die lieblose Kindheit zu überwinden und wahre Liebe zu erfahren.

Innerhalb weniger Jahre kann sich der Schriftsteller von der Harmlosigkeit der ersten Schreibversuche lösen. Sein Verleger Gustav Heckenast ermuntert ihn zur Herausgabe seiner Erzählungen. 1844 erscheinen die ersten beiden Bände der Studien. Romantische Rührseligkeiten und extensive Beschreibungen werden allmählich durch einen einfachen Klang im Erzählen ersetzt. Weniger die Schilderung einer äußeren Farbenpracht als die inneren seelischen Belange stehen im Mittelpunkt. Stifter selbst setzt hohe Maßstäbe, was sein dichterisches Schaffen betrifft. In einem Aufsatz Über Stand und Würde des Schriftstellers aus dem Jahre 1848 hält Stifter die Aufgaben dieses Berufes fest:

»Die ganze Innerlichkeit eines Menschen ist es zuletzt, welche seinem Werke das Siegel und den Geist aufdrückt. […] Es ist daher die letzte und tiefste Bedingung des Schriftstellers, daß er seinen Charakter zu der größtmöglichen Reinheit und Vollkommenheit heranbilde. Ist es schon in den gewöhnlichsten Dingen des Lebens so, daß nur der Charakter in sie die Bedeutung bringt, und daß nur der Charakter andere zum Guten führt, so ist es in der Schriftstellerei um so mehr.«

Die Ausbildung des Charakters zu »größtmöglicher Reinheit und Vollkommenhei« sind Ziele, die auch bei seiner Bildungsidee eine wichtige Rolle spielen. Vor allem ist es der Begriff der »Sittlichkeit«, der immer wieder im Wortschatz Stifters auftaucht. Auf ihr ruht letztendlich seine gesamte Bildungsidee, sein pädagogisches Handeln und Dichten. Aber erst die Revolution von 1848 bietet Stifter den geeigneten Anlass, seine Bildungsidee in klare Worte zu fassen. Er formuliert für sein Werk eine eigene Theorie, die er unter dem Begriff des »sanften Gesetzes« zusammenfasst:

»Es ist das Gesetz […] der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe […]. So wirkt das Sittengesetz still und seelenbelebend durch den unendlichen Verkehr der Menschen […].«

Dieses in der Vorrede formulierte Sittengesetz wird zum Leitfaden seines pädagogischen Handelns. Erziehung ist bei Stifter nicht nur eine Quelle der Wissensvermittlung, sondern bedeutet für ihn die Ausbildung charakterlicher Reife: Bildung wird gleichgesetzt mit umfassender Entwicklung der Persönlichkeit.

Steindenkmal Adalbert Stifter auf dem Plockenstein im Böhmerwald, © MarkuzaAnna

Darüber hinaus erkennt er die Notwendigkeit, das Bildungssystem in Österreich neu zu strukturieren. Nicht nur in der Theorie, auch in der Praxis kann er an der Neugestaltung des Schulwesens mitarbeiten. Stifter wird zum »Schulorganisator«. Mit ganzer Kraft setzt er sich für die Verbesserung des Unterrichts, der Erziehung und des Ansehens der Lehrer ein. In seinem Aufsatz über Bildung des Lehrkörpers formuliert er diese Zielsetzung folgendermaßen: »Es ist unsere heiligste Pflicht, das Leben der Lehrer vor Mangel und Entbehrung sicherzustellen, weil es unsere heiligste Pflicht ist, unsere Kinder gut zu erziehen und unterrichten zu lassen.«

Auch wenn Stifter nicht zu den großen Pädagogen des 19. Jahrhunderts zählt, erfüllen seine Grundsätze die Richtlinien eines ernstzunehmenden Erziehungsansatzes. Gemäß der Definition von Pädagogik als »Erziehungskunst« soll diese in erster Linie Anregungen zur Führung und Begleitung in das Erwachsenenleben bieten. Diese Voraussetzungen erfüllt der Stiftersche Denkansatz. Es ist in erster Linie die Persönlichkeitsbildung, der sowohl seine erzieherische als auch schriftstellerische Arbeit gilt. Über die Vermittlung von Kunst als Sinnbild des Schönen möchte er ein sittliches Verhalten zur Entfaltung bringen. Nur aufgrund des Wissens um den Wert des eigenen sittlichen Verhaltens kann sich ein vollkommener Charakter ausbilden.

Auch in Buchform: Hier werden die modernen und wegweisenden pädagogischen Ansichten Adalbert Stifters im Rahmen seiner Lebensgeschichte vorgestellt, die auch 150 Jahre nach seinem Tod noch überraschend relevant sind. Meike Dahlström folgt Stifters Arbeit als Pädagoge und geht dabei insbesondere auf die Jahre 1852 bis 1857 ein: In dieser Zeit arbeitet Adalbert Stifter an seinem Lesebuch zur Förderung humaner Bildung und formuliert für sein Werk eine eigene Theorie, das »sanfte Gesetz»«. Seine Reaktion auf die als traumatisch empfundene 1948er Revolution verarbeitet er in dem Bildungsroman Der Nachsommer, in den auch seine pädagogischen Zielsetzungen und Bildungsgedanken einfließen. Diese Neuauflage richtet sich nicht nur an literaturwissenschaftliche Kreise, sondern an alle, die mehr erfahren möchten über Adalbert Stifter; diesen eigenwilligen Idealisten, Innovator und, wie er sich selbst bezeichnete, »Mann des Maßes und der Freiheit«.

Verwendete Literatur

Mathias Mayer: Adalbert Stifter. Erzählen als Erkennen, Stuttgart 2001 (Universal-Bibliothek 17627).

Adalbert Stifter: Die kleinen Dinge schreien drein. 59 Briefe, hg. von Werner Welzig, Frankfurt/M./Leipzig 1991.

Adalbert Stifter. Pädagogische Schriften, hg. von Theodor Rutt, Paderborn 1960.

Adalbert Stifter: Vorrede. In: Bunte Steine. Erzählungen, 6. Aufl., Augsburg 1998.

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