Adenauers Traum von Olympia

 

 

von Berno Maria Hübinger

Konrad Adenauer entstammt einem äußerst strengen Elternhaus. Der Vater Conrad, selbst früh schon Waisenjunge, wächst in Meßdorf bei Bonn auf. In der Saison verdient er sich sein Brot als Tagelöhner in der Landwirtschaft.

Für seine Zukunft sieht er nur eine realistische Chance. Er tritt in die preußische Armee ein, die im Rheinland herrscht. Erbarmungsloser Drill und unbedingter Gehorsam gestalten seinen Tagesablauf. Er atmet den Geist des Preußentums ein, den Kadavergehorsam. Derart abgerichtet zieht er in die Schlacht von Königgrätz und vier Jahre später in den deutsch-französischen Krieg. Er überlebt die Kriege, kuriert seine Verletzungen aus und darf zum Dank die preußische Beamtenlaufbahn einschlagen.

Der Weg führt ihn ans Appellationsgericht nach Köln, wo er als Gerichtsschreiber mehr als dreißig Jahre seine Pflicht tun wird. Am Ende seiner Laufbahn ist er Kanzleirat, Vorsteher des Schreibdienstes. Sein Vorgesetzter bescheinigt ihm, ein strenger Mann zu sein, überaus pflichttreu und gewissenhaft.

Conrad Adenauer, der Meßdorfer Waisenjunge hat sein Lebensziel erreicht. Er wohnt in Köln, in der engen Balduinstraße, verheiratet mit der Kölnerin Helene Scharfenberg. Im Hause Adenauer ist man katholisch und zutiefst fromm, es herrschen extreme Sparsamkeit und strenge Ordnungssysteme, so wie der alte Soldat Conrad es verinnerlicht hat. In diese Welt wird Konrad Adenauer 1876 als drittältester Sohn hineingeboren.

Konrad Adenauer erlangt am Apostelgymnasium sein Abitur und wird nach erfolgreichem Jurastudium 1902 Assessor beim Amtsgericht Köln. Weitere viereinhalb Jahre Ausbildungszeit stehen ihm bevor, die Einkünfte sind so gering, dass der Vater ihn immer noch unterstützt und demzufolge auch äußerste Sparsamkeit vom Sohn einfordert. Da erfährt Konrads Leben eine dramatische Wendung. Ein vormals unerreichbarer Traum deutet sich an. Adenauer lernt Emma Weyer kennen.

Archiv der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, Bad Honnef-Rhöndorf/Fotograf: unbekannt; mit freundlicher Genehmigung

Ein ehemaliger Mitschüler des Apostelgymnasiums, Carl Custodis, hat Konrad zum Tennis mitgenommen, für ihn gebürgt, denn die Mitglieder des Clubs sind sehr reich. „Pudelnaß“ nennt sich der Club, der sich auf einem Lehmplatz in Klettenberg bei Wind und Wetter trifft und den Tennisschläger weniger als Sportgerät sondern mehr als Verlobungskelle schwingt. Hier verlieben sich Konrad Adenauer (vorne Mitte) und Emma Weyer (daneben sitzend mit Hut) ineinander, er im weißen Hemd mit Stehkragen und schwarzer Fliege, sie im knöchellangen Rock und Rüschenbluse.

Zur Verlobung tritt er den unvermeidlichen Besuch bei Emilie Weyer an, Emma´s Mutter. Der Vater, ehemals Direktor der Kölnischen Rückversicherungsgesellschaft, ist bereits verstorben. „Wovon der Herr Rechtsreferendar denn leben wolle“, war die zu erwartende Frage, und Konrad, bestens vorbereitet, erzählt von einer möglichen Notarstelle, aus der er Einkünfte  generieren wolle. Möglicherweise durchschaut Emilie seine Worte als nicht gesicherte Vision. Jedoch stimmt ihr Mutterherz der Liaison zu, und die Zukunft wird ihr Recht geben. Konrad ist ein Visionär, und er ist ein treu sorgender Ehemann, getragen von seinem tief empfundenen Katholizismus.

Konrads Karriere nimmt ein atemberaubendes Tempo auf. Bereits nach einem Jahr tritt er in die Anwaltskanzlei von Hermann Kausen ein. Kausen ist Rechtsanwalt beim Oberlandesgericht und Vorsitzender der Zentrumsfraktion in der Stadtverordnetenversammlung. Eben dieser Kausen steckt ihm die Neuigkeit, dass eine Dezernentenstelle in der Stadtverwaltung frei werden wird, natürlich unter dem Mantel der strengsten Verschwiegenheit. Kausen bereitet das Zentrum auf die Wahl dieses hoffnungsvollen jungen Juristen und frommen Katholiken vor. Dasselbe betreibt Max Wallraf, Onkel von Emma Weyer, in seiner Fraktion der Liberalen. Als dann die Stelle öffentlich ausgeschrieben wird, überrascht es nicht, dass Adenauer die Kommission in der strengen Befragung „restlos überzeugt“. Mit 30 Jahren ist Konrad der jüngste der zwölf Kölner Dezernenten. Der Kölner Klüngel hat zugeschlagen, oder wie Adenauer später den Klüngel definieren wird: „Man kennt sich, und man hilft sich“.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Max Wallraf, Adenauers Onkel, wird Oberbürgermeister von Köln. Wenig verwunderlich, dass Adenauer zwei Jahre später, 1909, Erster Beigeordneter der Stadt Köln und somit Stellvertreter des OB wird. Als dann der Onkel 1917 inmitten der Kriegswirren Staatssekretär des Inneren in Berlin wird, ist für Adenauer der Weg frei an die Spitze der Stadt Köln. Mit 41 Jahren wird er der jüngste Oberbürgermeister einer Deutschen Großstadt. Adenauer wird die Geschicke der Stadt in den folgenden sechzehn Jahren mit äußerster Kraft, Disziplin und visionären Ideen gestalten.

Eine Tragödie hat ihn ein Jahr zuvor in tiefste Trauer gestürzt. Seine geliebte Frau Emma stirbt an Nierenversagen, akut gereizt durch eine Pilzvergiftung. Die Kinder sind vier, sechs und zehn Jahre alt, nun in der Obhut seiner Mutter. Denn Adenauer stürzt sich in die Arbeit. Sie ist ein Narkotikum für sein Leid, wie er selbst sagt. Für Köln ist sein Einsatz ein Segen, denn der Krieg bringt einen nicht gekannten Mangel an Lebensmitteln, vor allem aufgrund der britischen Seeblockade. Adenauer setzt Ersatzprodukte ein, Sojamehl für die „Kölner Wurst“, Reis- und Maismehl für das „Kölner Brot“ und Graupen für das „Rheinische Schwarzbrot“. Wegen des minderwertigen Geschmacks danken es ihm die Kölner mit dem wenig schmeichelhaften Spitznamen „Graupenauer“.

Nach dem Krieg widmet er seine gesamte Energie dem Wiederaufbau, zeigt seine Visionen von einem modernen Köln, besteht seine Meisterprüfung als Oberbürgermeister. Die altehrwürdige Universität, die die Franzosen vor gut 100 Jahren geschlossen hatten, weil die Professoren den Eid auf die Französische Verfassung verweigerten, wird wiedereröffnet. Ein hochmodernes Messegelände entsteht, das mit der internationalen Presse-Ausstellung 1928 seinen ersten Höhepunkt erfährt. Der Butzweiler Hof wird der zweitgrößte deutsche Flughafen nach Tempelhof. Die Strecke Köln-Bonn wird gebaut und gilt als erste Autobahn der Welt, weil kreuzungsfrei. Das Hansahochhaus mit einem innovativen Stahlskelettbau wird in Rekordbauzeit das höchste Wohnhaus Europas. Dann die Sensation, Ford verlässt sein Werk in Berlin und kommt nach Köln, weil man hier ein neues Werk gebaut bekommt.

Ein besonderes Leuchtturmprojekt Adenauers ist verknüpft mit einer unheilvollen Vorgeschichte. Drei Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg im Jahr 1871 und der für die Franzosen demütigenden Kaiserkrönung Wilhelms I im Spiegelsaal von Versailles baut Köln einen Ring von Forts weit vor der Stadt. Man befürchtet eine militärische Reaktion der Franzosen, eine mögliche Attacke der französischen Artillerie, deren Geschosse aus dieser Entfernung die Stadt nicht erreichen können. Die Attacke der Franzosen kommt tatsächlich, aber auf eine andere Art als erwartet. Nach den traumatischen Erlebnissen des Weltkriegs, den erbarmungslosen Stellungskriegen an der Somme, an der Marne und um Verdun, gehört Frankreich zu den Siegermächten. Die Demütigung liegt nun in Händen des Nachbarlandes. Sie lassen die Deutschen einen Friedensvertrag  im Spiegelsaal von Versailles unterzeichnen. Dieser Versailler Vertrag verlangt von den Deutschen hohe Reparationszahlungen und verlangt von der Stadt Köln, alle Forts zu schleifen.

Adenauer ergreift die einmalige Gelegenheit, den unbebauten Festungsrayon vor den Forts als Grüngürtel zu erschließen. In Sorge um die Gesundheit der Kölnerinnen und Kölner werden von Beginn an Sportanlagen als Bestandteil des Grüngürtels eingeplant. Denn der Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen (DRAfL) in Berlin fordert im Namen des Generalsekretärs Carl Diem 3qm Spielfläche pro Einwohner, was Großstädte wie Köln nicht annähernd bieten können. Tennisfelder werden gebaut, Fußballfelder angelegt, Weiher ausgehoben zum Rudern und Kanufahren. Eines dieser Fußballfelder wird die Heimat der SpVgg Sülz 07 sein, noch nicht ahnend, dass nach dem Zusammenschluss des BC01 mit der SpVgg Sülz 07 im Jahr 1948 hier die Heimat des 1.FC Köln entstehen wird.

Genau im Westen der Stadt, inmitten des Grüngürtels, planen der Hamburger Architekt Fritz Schumacher und der Gartenbaudirektor Fritz Encke einen 50ha großen Sportpark. 15.000 Erwerbslose finden in den Jahren 1921-23 hier ihre Arbeit, lassen nach den Plänen mehrere Stadien, eine Radrennbahn, ein Schwimmstadion, Tennis- und Hockeyplätze, ein Reitstadion, eine Boxhalle und Stätten zum Turnen, Ringen und Fechten entstehen. Es ist ein Sportpark von gigantischen Ausmaßen und wird nach dem Stadtteil benannt, in dem er liegt: der Sportpark Müngersdorf

Festzeitung 14. Deutsches Turnfest Köln 1928. Nummer 11, S.253. Dresden 1928

Adenauer sieht in „seinem“ Sportpark eine gestaltete Natur, die dem Breitensport offen steht, aber auch Großveranstaltungen als Werbung für die Stadt Köln austragen soll.

Mit markigen Worten richtet er sich bei der Eröffnung des Sportparks an die geladenen Gäste, fordert Tugenden wie den Gemeinschaftssinn, Willen und Disziplin und nennt den Sportpark eine Hochschule der Volkserziehung. Zwei Dinge tun uns Deutschen vor allem not, wenn wir wieder ein großes Volk werden wollen, so Adenauer, zwei Dinge, ohne die ein Volk nicht bestehen kann: Gemeinschaftsgeist und körperliche Ertüchtigung. Die Worte klingen, als spräche er nicht nur zu seinen Kölnerinnen und Kölnern. Hat Adenauer damals schon geahnt, dass ihn sein Weg einmal an die Spitze Deutschlands führen wird?

© Berno Maria Hübinger

Seit 1923 empfängt der Schriftzug „Stadion“ die Besucherinnen und Besucher, die den Sportpark von der Aachenerstraße her betreten, ein Sportpark, der bei seiner Einweihung als der größte Sportpark Europas gefeiert wird.

„Stadion“ bezeichnet im ursprünglichen Wortsinn ein antikes griechisches Längenmaß mit einer Strecke von 600 Fuß, was je nach regionalem Fußmaß einer Länge zwischen 165 und 196 m entspricht. So ist der Lauf über die Strecke eines Stadions von Beginn an fester Bestandteil bei den antiken Olympischen Spielen, die seit 776 v.Chr. historisch belegt sind. Im Jahre 80 v. Chr. wandern die Spiele erstmalig nach Rom. Dann naht das Ende der Olympischen Spiele der Antike. Der römische Kaiser Theodosius repräsentiert die neue Staatsreligion, das Christentum. Für ihn sind die Spiele eine heidnische Zeremonie, und er lässt im Jahre 394 die Olympischen Spiele verbieten.

Mit Pierre de Coubertin beginnen 1896 die Olympischen Spiele der Neuzeit, symbolisch in Athen. Die Stadien sind den Bedürfnissen der Moderne angepasst. Das ehemals schmale Oval des antiken Stadions wird breiter und die Laufbahnen umrahmen ein Spielfeld für Leichtathletik und Sportspiele. Erdwälle werden rund um die Bahnen aufgeschüttet, um im Bedarfsfall eine „unbegrenzte“ Anzahl  Zuschauer aufnehmen zu können. So fasst die Kölner Hauptkampfbahn 55000-70000 Zuschauer, einschließlich der 3000 Sitzplätze der Haupttribüne. Im Londoner Wembley Stadion, das ebenfalls 1923 eröffnet wird und für 127.000 Zuschauer ausgelegt ist, werden bei einem Cupspiel 200000 Zuschauer gezählt.

Die drei Stadien im Zentrum des Sportparks Müngersdorf werden Kampfbahnen genannt. Es gibt die Hauptkampfbahn und die Nebenkampfbahn Ost und West. Der Name Kampfbahn ist dem Weltkrieg geschuldet. Deutschland ist von den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen ausgeschlossen, ebenso 1924 in Paris. Um sich dennoch in olympischen Disziplinen messen zu können, wird ein Plan geschmiedet, alle vier Jahre eigene Spiele auszurichten. Die Olympischen Spiele heißen nun Kampfspiele, und sie werden 1922 erstmalig in Berlin ausgerichtet, 1926 dann in Köln. Der Sportpark als Veranstaltungsstätte ist dazu wie geschaffen, und die Durchführung der Kampfspiele erweist sich als ein grandioser Erfolg für Köln.

1928 findet ein weiterer weltweit beachteter Höhepunkt im Sportpark statt, das 14. Deutsche Turnfest. Oben auf dem Erdwall im Süden der großen Wiese wird ein Denkmal eingeweiht. Es erinnert an den „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, und zur Einweihung des Jahndenkmals reist sein Urenkel eigens aus Chicago an

© Berno Maria Hübinger

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Friedrich Ludwig Jahn legt 1811 in Berlin einen ersten öffentlichen Turnplatz in der Hasenheide in Berlin an. Die Fremdherrschaft Napoleons ist sein Antrieb, das Turnen eher Willensbildung und paramilitärische Ausbildung als sportliche Körperbildung. Frisch, fromm, fröhlich, frei lautet der Wahlspruch der Turner, wobei das „frei“ für die Unabhängigkeit von fremden Besatzungen gilt. Deshalb ist an der Spitze seines Denkmals ein vierfaches großes „F“ zu erkennen, nach oben und jeweils zur Seite gespiegelt

Das Turnfest im Jahr 1928 ist für Adenauer eine Bewährungsprobe. Über 200.000 Menschen werden in Privat- und Massenquartieren untergebracht, und die Kölner meistern die Austragung dieses Großereignisses auf glanzvolle Art und Weise. Wann auch immer Konrad Adenauer erstmalig von Olympischen Spielen in Köln geträumt haben mag, spätestens ab diesem Jahr wird er an die Verwirklichung seines Traums geglaubt haben.

1929 schreibt Adenauer an den Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen (DRAfL) und weist auf die  grandiose Organisation der Kampfspiele und des Turnfests hin. Er sehe die Stadt Köln in der Lage, auch die Olympischen Spiele in einer Form zur Durchführung zu bringen, die in jeder Hinsicht der Würde des Deutschen Volkes und dem Ansehen des deutschen Sports entsprechen wird.

1930 ist es dann soweit. Adenauer bewirbt sich um die Olympischen Spiele im Jahr 1936, richtet sein Schreiben an „Die Damen und Herren des Olympischen Kongresses“, stellt eine Erweiterung der Hauptkampfbahn auf ein Fassungsvermögen von 100.000 Personen in Aussicht und verspricht die Bereitstellung aller notwendigen Sportarenen in bester olympischer Qualität. Er verweist auf eine international erprobte Radrennbahn, 1927 Schauplatz der Radweltmeisterschaften, die Boxhalle, wo Max Schmeling sich 1924 einige Monate auf seinen Kampf gegen Jack Dempsey vorbereitet, die Tennisanlage, wo Cilly Aussem gerade zur Weltklassespielerin reift, bevor sie 1931 das Turnier in Wimbledon gewinnt, ein Reitstadion, ein Schwimmstadion und natürlich die Hauptkampfbahn, wo bereits seit Jahren Leichtathletikländerkämpfe und Fußballländerspiele erfolgreich veranstaltet werden.

Konrad Adenauer ist gewöhnt, jede Aufgabe unter Anspannung aller Kräfte zu lösen. Seine eiserne Disziplin, im Elternhaus erlernt und durch den Verlust seiner Frau nochmals verstärkt, sein Pflichtgefühl, Fleiß und sachlicher Ehrgeiz lassen es nicht zu, sich fremdem Willen kampflos unterzuordnen. So paktiert der erzkatholische Adenauer Ende der 20-er Jahre mit den Kommunisten im Rat der Stadt, um beim Bau der Mülheimer Brücke eine Hängebrücke mit den Seilen von Felten&Guilleaume aus Köln statt einer Eisenbogenbrücke mit dem Stahl von Krupp aus Essen durchzusetzen. Als Bundeskanzler wird er nach dem Krieg Bonn gegen Frankfurt als Bundeshauptstadt durchsetzen, nicht etwa, weil er im benachbarten Rhöndorf wohne, sondern weil Bonn besser als provisorische Bundeshauptstadt und Platzhalter für Berlin geeignet sei, so die offizielle  Verlautbarung. Von charismatischem Charakter zeugt sein Einsatz im Jahr 1955, als er in Moskau mit Chruschtschow die Rückkehr der Kriegsgefangenen aushandelt. Adenauer handelt in machtloser Position, bekommt lediglich ein mündliches Versprechen, verlässt sich, wie er später sagt, auf sein Bauchgefühl, vertraut dem Ehrenwort Chruschtschows und reist gegen alle Bedenken seines Beraterstabs ohne einen Vertrag ab. Drei Wochen später erreichen die ersten Busse das Aufnahmelager Friedland.

Doch 1930 erwächst ihm ein Gegner, gegen den er machtlos ist. Am 28. Mai desselben Jahres lädt der Präsident des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen (DRfL), Theodor Lewald, das IOC anlässlich eines turnusmäßigen Treffens nach Berlin ein. Mit Massenvorführungen von Leibesübungen und prunkvollen Festen möchte er eindrucksvoll die Eignung Berlins zur Durchführung von Olympischen Spielen demonstrieren. Seine Rede vor dem Olympischen Kongress beendet er mit den Worten „Auf Wiedersehen 1936 in Berlin“. Adenauer ist erbost, protestiert aus der Ferne gegen die anmaßenden Worte eines Funktionärs, der sein Amt politisch zum Vorteil eines Konkurrenten missbrauche und ein aufstrebendes dynamisches Köln diskreditiere. Die aktuelle politische Lage lässt jedoch keinen Spielraum mehr für Adenauers Ränkespiele. Die NSDAP wird wenige Monate später bei den Reichstagswahlen zweitstärkste Partei, und die Ideologen, Funktionäre und Schlägertrupps der Nationalsozialisten bestimmen fortan mit skrupelloser Gewalt das politische Geschehen.

Theodor Lewald ist mit seiner Parteinahme für Berlin einer dieser willfährigen Agitatoren, noch nicht ahnend, dass er wenige Jahre später als Halbjude selbst Opfer des Systems sein wird. Seine Prophezeiung für Berlin als Austragungsort der Olympischen Spiele ist keine Hellseherei. In Grunewald rollen bereits die Bagger an, um das 1913 erbaute Stadion auszubauen. Das Stadion wird seinerzeit für die Olympischen Spiele 1916 erbaut, die man nach Berlin vergeben hat. Inmitten der Haupttribüne ist noch die Kaiserloge für Wilhelm II und seiner Entourage erhalten, eine Loge, die der Kaiser nie betreten wird. Stattdessen betritt er 1914 den Balkon des Berliner Schlosses und beschwört die „Tapferkeit der Deutschen bis ans Ende“. Eben diese Loge scheint den Nationalsozialisten gerade gut genug zu sein, um dem neuen Führer des Volkes vor den Augen der Welt zu huldigen.

1931 vergibt das IOC die Olympischen Spiele mit 43:16 Stimmen gegen Barcelona nach Berlin. Die deutschen Mitbewerber Köln, Frankfurt und Nürnberg ziehen ihre Kandidatur  im Vorfeld zurück, wobei Nürnberg mit dem Titel „Stadt der Reichsparteitage“ entschädigt wird. Adenauer hat den Kampf um die Olympischen Spiele verloren. Sein Traum von einer Olympiade in Köln bleibt unerfüllt, die Olympiade in Berlin hingegen wird zum Trauma Deutschlands

© Berno Maria Hübinger

Verwendete Literatur

Biermann, Werner: Konrad Adenauer – Ein Jahrhundertleben. Berlin 2017

Langen, Gabi: Geliebt, Verehrt, Vergöttert – die Idole des Kölner Sports. Leck 2000

Langen,Gabi./ Deres,T.: Müngersdorfer Stadion Köln, Emons 1998

Molzberger,A./ Wassong,S./Langen,G.: Siegen für den Führer. Der Kölner Sport in der NS-Zeit, Emons 2015

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