Agnes

Dürer

von Anja Weinberger

Agnes

Dürer

von Anja Weinberger

Agnes wurde 1475 als Tochter des Ehepaares Frey im spätmittelalterlichen Nürnberg geboren. Kaum etwas weiß man über ihre Kindheit. Jedoch betritt sie die Bühne des Weltgeschehens am Tage ihrer Heirat mit Albrecht Dürer im Jahre 1494.

Diese Heirat mit Agnes bedeutete für Albrecht einen Aufstieg innerhalb der städtischen Hierarchie. Albrecht Dürer war damals 23 Jahre alt, hatte schon eine Lehre bei Michael Wolgemut absolviert und die erste große Reise an den Oberrhein hinter sich. Er stand quasi in den Startlöchern zu der großen Laufbahn, die nun vor ihm und seiner jungen Frau lag. Vermutlich ein Werbungsbild für Agnes ist das Selbstbildnis von 1493, auf dem der Jüngling eine Distel mit dem Namen Mannstreu in der Hand hält. Die Zeichnung, die Albrecht kurz darauf von seiner Liebsten anfertigt, hat er mit »Mein Agnes« unterzeichnet – man scheint sich wirklich gemocht zu haben.

Agnes war ihm in den folgenden Jahren eine exzellente Vermarkterin – heute würde man sagen sie war seine Managerin. Vor allem ab 1503, als Albrecht Dürer in der Nürnberger Altstadt eine eigene Werkstatt mit vielen Mitarbeitern betrieb, war sie es, die Drucke und Stiche der hier entstandenen Werke herstellte und verkaufte.

Im Dürerhaus © B.Böllinger

Diese waren leicht zu transportieren und zur damaligen Zeit eine relativ neue und ausgezeichnete Möglichkeit, um die Qualität der ihnen zugrunde liegenden Bilder zu demonstrieren.

Dürer war mithilfe seiner Ehefrau einer der ersten Künstler, die eine Art »Urheberrechtsschutz« beansprucht haben, auch durch die weltberühmte Signatur AD auf seinen Werken. Durch Agnes konnte die Marke »Dürer« höchste Kunst mit höchstem Marktverständnis verbinden. Die Auflagenstärke der Holzschnitte und Kupferstiche vergrößerte sich deutlich nach der Eheschließung.

Agnes hatte einen kleinen Stand auf dem Nürnberger Wochenmarkt in Nachbarschaft von Gemüse- und Tandhändlern. Und sie reiste regelmäßig zu den großen Messen nach Leipzig und Frankfurt, bereitete Verträge für das Werkstattpersonal vor und kontrollierte die Abrechnungen. Bald zählten die Dürers zu den Reichsten in Nürnberg – die Überwindung der Standesschranken scheint schon in greifbarer Nähe.

Bei Abwesenheit ihres Ehemannes führte Agnes Dürer die Werkstatt, die mit einem sehr großen Hausstand verbunden war. Sie konnte selbstbewusst auftreten, vermarktete die ihr anvertraute Ware mit gutem Gewinn und organisierte immer wieder neu den sich ständig verändernden und dabei immer größer werdenden Hausstand.

Dürerhaus in Nürnberg © anaterate

Gemeinsam schließlich reisen Agnes und Albrecht Dürer 1520/21 in die Niederlande. Dort beschenkt Albrecht seine Frau mit wertvollen Stoffen und Tüchern. Ein wenig scheint er eifersüchtig zu sein auf Agnes‘ viele Bewunderer, vielleicht aber ist er auch stolz auf seine schöne und kluge Angetraute. Agnes Dürer ist wortgewandt, schlagfertig im Gespräch und gebildet – nicht selbstverständlich für eine Frau der Renaissance.

Ob die Kinderlosigkeit die Ehe belastet hat, kann aus heutiger Sicht nicht beantwortet werden. Ziemlich sicher lässt sich allerdings sagen, dass die Schuld daran alleine Agnes zugeschoben wurde. Vielleicht aber war Albrecht auch froh, seine Agnes nicht wie die eigene Schwester im Kindbett verlieren zu müssen. Krankheit, Tod und Unfälle aller Art waren in jener Zeit ein ständiger Begleiter.

Nach Albrechts Tod im Jahre 1528 kümmerte sich Agnes als Alleinerbin weiterhin um die Verbreitung seiner Werke und seines guten Rufes. Ihr ist es zu verdanken, dass der Name Dürer nie vergessen wurde.

 

Agnes Dürer starb nach über zehnjähriger Witwenschaft Mitte sechzigjährig im Jahre 1539, hinterließ eine ordentliche Werkstatt. In ihrem Testament verfügte sie die Weiterführung des vom Ehepaar Dürer gestifteten Stipendiums für einen Theologiestudenten.

Der schlechte Ruf, der Agnes Dürer bis in unsere Zeit hinein anhaftete, ist größtenteils Albrechts Freund  Willibald Pirckheimer zu verdanken, der die selbstbewusste Frau nicht mochte. Auf dem Weg über Joachim von Sandrart und andere wurde diese Lesart bis heute kaum oder nicht reflektiert. Somit teilt Agnes Dürer das Schicksal vieler eigenständiger starker Frauen, die in der männerdominierten Welt als störend wahrgenommen wurden. Ihnen konnte man nur über schlechte Nachrede entgegentreten. Dazu kommt noch das Ideal des Renaissancekünstlers, der vermeintlich aus eigener Kraft und ohne Unterstützung anderer sein alles überstrahlendes Werk erschaffen hat. Eine tüchtige Partnerin war da in der Rezeption der vergangenen 500 Jahre nicht vorgesehen.

 Wie schön, dass sich diese Betrachtungsweise gerade ändert.

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