Albert Roussel

von Anja Weinberger

Albert Roussel und die „Joueurs de Flûte“

Albert Roussel wurde 1869 in Tourcoing im Département du Nord in eine reiche Industriellenfamilie hinein geboren und kam erst spät zur Musik. Denn von frühester Jugend an stritten drei Seelen in seiner Brust. Er liebte die  Musik, die Mathematik und –  das Meer. Dem wird schließlich seine erste professionelle Ausbildung gelten und loslassen wird es ihn ein Leben lang nicht.

In frühester Kindheit starben seine Eltern und seine beiden Großeltern, so dass er bei einer Tante aufwuchs. Bald schon stand er auf eigenen Füßen und entschied sich eben für eine Laufbahn zum Marineoffizier. Die Musik begleitete ihn auch auf hoher See und er eignete sich selbst Grundzüge der Harmonielehre und Musiktheorie an. 1894 nahm er offiziell seinen Abschied von der Marine und  wurde einige Zeit später Schüler von Vincent d’Indy an der Pariser Schola Cantorum, denn für das Konservatorium kam er aus Altersgründen nicht mehr in Frage.

Seine stilistische Entwicklung spiegelt die der französischen Musik seiner Zeit wieder: aus spätromantischen Anfängen gelangte er über den Impressionismus zum Neoklassizismus. Und obwohl er heute weit weniger bekannt ist als seine Kollegen aus der „Groupe de Six“ war er im Paris der zwanziger und dreißiger Jahre ein überaus populärer Komponist. Er selbst teilte sein Werk in drei Abschnitte ein: Schwache Debussy-Einflüsse – der impressionistischen Schule nahestehende Werke – neuer Ton und eigentlicher Ausdruck. Spannend, denn es ist eher selten, dass ein Komponist sein eigenes Werk so analytisch betrachtet. Meist erledigen das erst die Nachgeborenen.

 

Als Kompositionslehrer war er außerordentlich umworben, auch Edgar Varèse und Bohuslav Martinů gehörten zu seinen Schülern.

Schon in der Zeit auf See sammelte er Eindrücke in Indochina und Fernostasien. Frisch verheiratet, brach er dann 40jährig mit seiner Ehefrau zu einer Südostasienreise auf, die ihn sehr prägte und deren Einflüsse sich in vielen seiner Werke wiederfinden.

 

Bei genauerer Betrachtung verband Roussel v.a. Klangeindrücke aus Indien mit Mythen der griechisch-römischen Antike.

Und in diesem Zusammenhang stoßen wir auch auf das 1924 entstandene Werk  Joueurs de flûte mit den Sätzen Pan, Tityre, Krishna und Monsieur de la Péjaudie. Zusätzlich zu den vier Flötenspielern der jeweiligen Satztitel wird jeder dieser Sätze einem Flötisten der damaligen Zeit gewidmet – Flötisten im Überfluss sozusagen.

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Im ersten Satz Pan hören wir den Gott der Natur und des Waldes in sehnsüchtigen, meist chromatischen Läufen auf seiner Panflöte spielen. Wir ahnen die Sprünge des Bocksbeinigen und erinnern uns vielleicht ein wenig an Syrinx von Claude Debussy. Dieser Satz ist Marcel Moyse gewidmet, dem legendären Flötisten, Pädagogen und Propheten des Wohlklangs.

Im zweiten Satz finden wir uns in der römischen Antike wieder. Tityrus ist ein Hirte, der bei Vergil mit den berühmten Hexametern daher kommt, ohne die kein Lateinunterricht stattfinden kann. Tityre, tu patulae recubans sub tegmine fagi,  silvestrem tenui musam meditaris avena. In Roussels Werk haben wir nicht den Eindruck, dass Tityre unter dem Dach der Buche lagert. Auch sinnt er nicht oder ruht sich aus. Die schnellen Sprünge der Flöte und die hüpfenden Akkorde des Klaviers fliegen nur so an uns vorbei. Dieser Satz ist dem Flötisten Gaston Blanquart gewidmet, dem begeisterten Kammermusiker, der gleichermaßen neue Musik liebte, wie die Werke Bachs.

Im dritten Satz reisen wir nach Indien. Ganz besinnlich und nur dezent an Hindumusik angelehnt erscheint Krischna vor unserem inneren Auge. Roussel hatte schon 1918 die „indische“ Balletoper Padmâvatî auf die Bühne gebracht, in der er gesammeltes Material aus seinen Reisen benützte. Das Publikum war begeistert von dieser Mischform aus Oper und Ballet. Louis Fleury, der in Frankreich und England so erfolgreiche Flötist, ist Widmungsträger dieses dritten Satzes.

Die literarische Anspielung des letzten Satzes ist außerhalb Frankreichs kaum verständlich.   Denn Monsieur de la Péjaudie heißt der Flötist in Henri de Régniers in Frankreich sehr bekanntem Roman La Pécheresse (Die Fischerin). Sein koketter Walzer ist wie für Philippe Gaubert gemacht, dem großartigen, immer gut angezogenen, redegewandten und empathischen Flötisten, der außerdem als Erster Dirigent der Pariser Oper eine Institution war.

 

Roussel schrieb auch Symphonien und weitere Ballette. Er arbeitete hochfrequent. Ab 1936 übernahm er sich zusehends und 1937, während eines Aufenthalts am Atlantik, also an dem so geliebten Meer, starb er an einem Herzinfarkt.

Verwendete Literatur:

Mgg online
Böhmer, Dr. Karl: Kammermusikführer online
Adorjan, Andras (Hrsg.) u.a.: Lexikon der Flöte, Laaber 2009

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