Anna Bon di Venezia

von Anja Weinberger

Wirklich Erstaunliches geschieht, versucht man mehr über Anna Bon zu erfahren.Wie eine Fata Morgana taucht sie in den 1750er-Jahren am Horizont der Musikgeschichte auf, um Mitte der 1760er-Jahre wieder zu verschwinden. Während dieser eher kurzen Zeit muss sie eine eindrucksvolle Karriere gemacht haben.

Warum ihr weiteres Schicksal im Dunklen liegt – darüber lässt sich nur mutmaßen. Hat sie geheiratet und somit ihren Namen geändert? Oder ist sie wie viele Frauen der damaligen Zeit im Kindbett verstorben und entsprechende  Aufzeichnungen sind verloren gegangen?

Die wenigen bekannten Jahre der Anna Bon, die sich selbst auf dem Frontispiz einer Komposition Anna Bon die Venezia genannt hat, möchte ich gerne genauer betrachten.

Wie wir erst seit Kurzem [1] wissen, wird Anna im August 1738 in Bologna geboren.

Ihre Mutter, Rosa Ruvinetti, eine erfolgreiche Sängerin, kam für die Geburt zurück in ihre Heimatstadt, nachdem sie zuvor mit dem Ehemann und einer Truppe Wandermusiker durch ganz Europa gereist war. Der Vater des kleinen Mädchens, Girolamo Bon, war angesehener Bühnenbauer, Maler und Librettist. Die Familie Bon trat in fürstlichen Theatern auf und brachte der europäischen Aristokratie die moderne italienische Oper direkt ins eigene Haus. Zwischen 1735 und 1746 war die für ihre Arbeit europaweit bekannte Truppe mit kürzeren Unterbrechungen in Russland verpflichtet und die kleine Anna trat deshalb vierjährig ins Ospedale della Pietà in Venedig ein. In dieser Stadt lebte auch ihr Großvater und hier wird sie die nächsten Jahre verbringen.

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Das Ospedale della Pietà, ursprünglich ein Waisenhaus für Mädchen, hatte sich im Laufe der Zeit zu einer bedeutenden Musikschule entwickelt. Das Mädchenorchester des Hauses genoss international einen ausgezeichneten Ruf, und Eltern konnten ihre Töchter in Einzelfällen auch gegen Bezahlung als Zöglinge aufnehmen lassen. Jedoch war dieses Unterrichtsgeld sehr hoch und nur adelige oder entsprechend wohlhabende Familien vermochten es aufzubringen. In Annas Fall beschritt man einen anderen Weg. Die Familie Bon und auch die Leitung des Ospedale verließen sich von Anfang an auf ihr Talent und so wurde sie vermutlich kostenfrei oder gegen eine geringe Gebühr aufgenommen. Das hatte nichts mit Wohltätigkeit zutun, sondern wurde aus der Hoffnung geboren, dass gut ausgebildete und hochbegabte Schülerinnen auch in Zukunft den außergewöhnlichen Ruf des Orchesters und des Chores hochhalten würden. Denn zahlreiche Bildungsreisende der damaligen Zeit kamen auch wegen des exzellenten Mädchenorchesters nach Venedig.

Viele berühmte Namen großer Lehrer stehen in den Annalen des Ospedales. Ab 1703 unterrichtete und komponierte Antonio Vivaldi hier, und als Anna eintrat war gerade Nicola Porpora Chorleiter des Waisenhauses geworden. Das Alltagsleben war engmaschig strukturiert und der Stundenplan der Mädchen bestand aus Instrumental- und Gesangsunterricht, Gehörbildung, Latein, Französisch, Griechisch, aber auch Verzierungslehre, Vom-Blatt-Spiel und Komposition.

Vermutlich blieb Anna bis zu ihrem 16. Lebensjahr in Venedig, bis Ende 1754.

Auch das lässt manche Fragen im Raume stehen, denn üblicherweise mussten die Mädchen des Ospedale nach erfolgter Ausbildung einige Jahre bleiben, um ihrerseits Zöglinge zu unterrichten und auf diesem Wege für Nachfolgerinnen zu sorgen. Wir wissen aber, dass Anna ab diesem Zeitpunkt mit ihren Eltern reiste und gemeinsam mit ihnen schließlich in Bayreuth landete.

Dort regierten gerade Friedrich von Brandenburg-Bayreuth und seine aus Preußen stammende Gattin Wilhelmine, eine der musikliebenden Schwestern Friedrichs des Großen. Das markgräfliche Ehepaar verpflichtete die Familie Bon und gründete gleichzeitig eine Akademie der freien Künste und Wissenschaften. Annas Vater Girolamo unterrichtete dort und es gab eine ausgezeichnete Hofkapelle. 1756 brach der Siebenjährige Krieg aus und in Bayreuth gelang es, das eigene Land aus den Kriegshandlungen herauszuhalten, Wilhelmine versuchte sich gar – leider erfolglos – in Friedensgesprächen. Ihr Gatte Friedrich, der aufgeklärte und beim Volk recht beliebte Fürst, war Schüler von Michel Blavet und Johann Joachim Quantz. Die Flöte war also am Bayreuther Hof oft zu hören und das stellte eine Gemeinsamkeit mit dem Hofe Friedrichs des Großen dar.

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Anna Bon beteiligte sich an der Flöten-Euphorie. Sie komponierte 1756 sechs Sonaten opus 1 für Flöte. Der genaue Titel der Erstausgabe war VI Sonate da Camera per il Flauto traversiere con Cembalo o Violoncello. Eine eigenartige Besetzungsangabe ist das, denn verlangt ist ausdrücklich Cembalo oder Violoncello anstatt der allgegenwärtigen B.c.-Besetzung Cembalo und Violoncello. Kurz zuvor wurde Anna am Bayreuther Markgrafenhof der Titel einer Virtuosa di musica di camera verliehen. Selbstverständlich widmete sie die sechs Sonaten ihrem Dienstherren. Und diese Ausgabe ist es auch, auf der sie sich Anna Bon di Venezia nannte. Die sechs Flötensonaten wurden im Nürnberger Verlag Balthasar Schmidt veröffentlicht.

Ein Jahr später erschienen dann sechs Sonaten für Cembalo, das Instrument, das eigentlich das ihre war. Gewidmet ist dieser Sonatenzyklus Ernestine Auguste Sophie, der Nichte des Bayreuther Markgrafen. Diese junge Prinzessin war ungefähr in Annas Alter und lebte als Vollwaise am Hofe ihres Onkels, wo sie ebenfalls von den vielfältigen musikalischen Anregungen Gebrauch machen konnte. Die Cembalosonaten zeigen deutlich, dass die junge Komponistin Bescheid wusste, welche Veränderungen im Instrumentenbau gerade aktuell waren. In der musikalischen Welt trat zu dieser Zeit das Hammerklavier verstärkt in den Vordergrund und ein solches stand auch am Bayreuther Hofe zur Verfügung. Annas Sonaten verwenden einen großen Tonumfang und sind durchaus modern in der Ausgestaltung. Vor allem ist aber anzumerken, dass die Komposition und Veröffentlichung eines ganzen Sonatenzykluses, ja sogar schon des zweiten, für eine junge Komponistin ungewöhnlich ist. Im Nürnberger Friedens- und Kriegs-Courier wird im Herbst 1758 die Herausgabe der Cembalosonaten, ebenfalls im Verlag Balthasar Schmidt, angezeigt.

Und schließlich erfahren wir vom Erscheinen ihres Opus 3. Sei Divertimenti a Due Flauti e Basso sind es, die wir nun von Anna Bon auf dem Notenständer liegen haben. Sehr ausgereift ist der Stil, die beiden Flöten kommunizieren miteinander und tun das in kontrapunktisch äußerst eleganter Art und Weise. Schöne Modulationen begleiten die Flöten-Konversation und treiben die Musiker in erstaunlich weit entfernte Tonarten. Diese Sammlung ist Carl Theodor von der Pfalz gewidmet, der an seinem Hof in Mannheim und Schwetzingen ebenfalls großartige Musiker versammelt hatte. Leider ist nicht zu belegen, in welcher Beziehung Anna oder ihre Familie zum pfälzischen Hofe standen. Anzunehmen ist, dass freundschaftliche oder sogar verwandtschaftliche Bande zu Musikern dort vorhanden waren und dass Anna eventuell auf eine Anstellung am damals sehr berühmten Mannheimer Hof hoffte.

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Im Oktober 1758 stirbt Wilhelmine 51-jährig in Bayreuth, für die fränkische Stadt und den Hofstaat ein herber Schlag, denn die Markgräfin war Dreh- und Angelpunkt des musikalischen Lebens. Unmittelbares Resultat dieser Begebenheit war eine Hoftrauer für das ganze folgende Jahr. Das bedeutete unter anderem, dass Opernaufführungen nicht stattfinden konnten.

Vielleicht ist es durch diese Zwangslage zu erklären, dass die Familie Bon nun erst bei Gastspielen in Wien und kurz darauf in Preßburg anzutreffen ist.

1762 schließlich tritt die Familie für zunächst ein Jahr in die Dienste von Fürst Nikolaus von Esterhazy. Hier war Annas neuer Dienstherr Joseph Haydn, der am Hofe in Eisenstadt gerade eine neue Stellung angetreten hatte. Spätestens jetzt wird aktenkundig, dass Anna auch als Sängerin Geld verdiente. Vermuten lässt sich das jedoch auch für ihren Aufenthalt am Bayreuther Hof.

Fürst Esterhazy scheint sehr zufrieden mit den Bons gewesen zu sein, vor allem Vater Girolamo war ihm bei unterschiedlichsten Projekten eine große Hilfe. Denn dieser sorgte für Dekorationen bei Haydns frühen Bühnenwerken, entwarf Kostüme und war auch mitbeschäftigt bei aufwendigen Planungen für Umbauarbeiten des Schlosses. Die beiden Damen der Familie nahmen teil an Kammermusiken und der Kirchenmusik. Die Befristung des ersten Vertrages wurde bald aufgehoben und man einigte sich gar auf Bonuszahlungen. Bis in diese Zeit hinein lässt sich Annas Name immer wieder auf Gehaltsabrechnungen finden. Von Kompositionen aus ihrer Feder jedoch ist keine Spur mehr zu entdecken. Das heißt aber nur, dass uns keine Kompositionen überliefert wurden, nicht dass sie nicht mehr komponiert hat.

(Vielleicht sollte noch einmal gründlicher darüber nachgedacht werden, dass Anna in Bayreuth möglicherweise deshalb so produktiv sein konnte und sogar Verleger fand, weil Wilhelmine, also eine Frau, an wichtiger Stelle am Hofe agierte.)

Und dann ist plötzlich Schluss – nichts mehr zu hören und zu sehen von Anna Bon di Venezia. Eine schwache Spur führt noch nach Hildburghausen, wo eine vermutlich irrtümliche Lexikoneintragung Anna als Ehefrau eines Hofsängers verortet. Ganz unwahrscheinlich ist das zwar nicht, denn die dortige Herzogin ist Ernestine Auguste Sophie, der Anna ihr Opus 2 gewidmet hatte. Die Spur endet aber in einer recht unübersichtlichen Faktenlage. Eine weitere ebenso schwache Spur führt nach Böhmen und ist ähnlich mehrdeutig.

Das wissenschaftliche Misstrauen ist längst geweckt, Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler haben sich auf die Suche gemacht. Bis jetzt ist nichts Neues zu berichten, außer dass Annas Sonatenzyklen Eingang gefunden haben in den musikalischen Kanon zumindest der Flötistinnen und Flötisten.

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Das waren sie, die wenigen Jahre im Leben der Anna Bon, die sicher belegt und nachvollziehbar sind.

Gerne würden wir wissen, ob sie tatsächlich jung gestorben ist oder  einfach verloren gegangen in bürokratischen Mühlen.

Für uns Flötisten ist ihr Opus 1 und Opus 3 jedoch so oder so eine Bereicherung des Repertoires. Interessant wäre es gewesen, wie eine dermaßen begabte junge Komponistin in späteren Jahren geschrieben hätte. Nicht wahr?

1 … Durch Zufall wurde vor einigen Jahren der Taufeintrag gefunden, bis dahin wusste man nur ungefähr Annas Geburtsjahr. 

Verwendete Literatur:
Bassi, Adriano: Guida alle Compositrici dal Rinascimento ai giorni nostri
Krucsay, Michaela: Zwischen Aufklärung und barocker Prachtentfaltung – Anna Bon di Venezia und ihre Familie von „Operisten“

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