Anna Pawolwa

 

von Anja Weinberger

Anna Pawlowa

 

von Anja Weinberger

Anna Pawlowa (1881-1931) hatte keinen leichten Start ins Leben. Sie kam zu früh zur Welt, war während ihrer Kindheit ständig kränklich und wuchs schließlich auf dem Lande bei der Großmutter auf, wo sie besser umsorgt werden konnte. Ihre Begeisterung fürs Ballett entdeckte sie, als ihr die Mutter, trotz sehr geringem Einkommens, den Besuch einer Aufführung von Dornröschen im Petersburger Mariinski-Theater spendierte.

Danach bettelte das Mädchen um Ballettunterricht, wurde jedoch wegen ihrer zarten, schwächlichen Statur nirgends zum Unterricht zugelassen. 1891 schließlich bestand sie doch die Aufnahmeprüfung an der Kaiserlichen Ballettschule und endlich konnte die Geschichte ihren Lauf nehmen.

Aber ach, Annas Beine waren zu lang, die Knöchel zu schwach, die Füße zu stark gewölbt. Keiner ihrer damaligen Lehrer hätte ihr eine Weltkarriere vorhergesagt. Anna ließ sich nicht entmutigen, sie war fleißig, übte, trainierte und erstaunte ihre Lehrer[1]. Mit 18 Jahren war sie im Corps de Ballet[2] des Theaters angekommen – vermutlich hatte das niemand erwartet. Marius Petipa und Pavel Gerdt erkannten schließlich, dass Anna zwar technisch manch anderen unterlegen war, durch ihr ätherisches, zartes Wesen aber sehr gut in entsprechende Ballette passen würde.

Ab 1902 war Michel Fokine Lehrer an der Kaiserlichen Ballettschule und er choreografierte für sie das vierminutige Solo Der sterbende Schwan, das bis in unsere Tage mit dem Namen Anna Pawlowas verbunden wird. Diese weltberühmte, berührende und ungewöhnliche Miniatur lässt auch heute noch erahnen, welche Art Mensch Anna Pawlowa gewesen sein muss. Vielfach wurde sie beschrieben als sehr freundlich, außergewöhnlich caritativ und besonders tierlieb. Das neue Solo wurde zu einem Meilenstein der Ballettgeschichte, denn in ihm verbinden sich erstmals Elemente des klassischen Balletts mit neueren Bewegungsformen des modernen Ausdruckstanzes. Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass im Grunde »nur« die Arme tanzen – nirgendwo sonst war zuvor etwas Derartiges choreografiert worden.

Auch das Tutu, also der Ballett-Rock, wurde bei Annas Auftritten noch etwas kürzer und nahm langsam aber sicher die Form an, die wir bis heute kennen: aus Tüll gefertigt, kurz und tellerartig abstehend. Anna dachte auch über ihre Spitzenschuhe nach, denn durch den stark gewölbten Fuß entstand in ihrem Fall eine sehr schmerzhafte, ungünstige Druckverteilung. Sie experimentierte mit einer festen Ledersohle und härteren Verstärkungen. Der moderne Spitzenschuh war endgültig geboren.

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1906 wurde Anna Primaballerina und Petipa passte manche der älteren Choreografien ihren Möglichkeiten und Besonderheiten an. Das beinahe fanatisch ballettbegeisterte Petersburger Publikum hatte nach Pierina Legnanis Weggang endlich wieder Grund zu feiern. Annas zart-ätherisches Aussehen, gepaart mit ihrem Fleiß und ihrem intensiven, ausdrucksstarken Tanzstil, machte sie schnell zum Liebling des Publikums.

1908 ging sie mit mehreren ihrer Petersburger Kollegen nach Paris um für Diaghilevs Ballets Russes zu tanzen; jedoch verließ sie die Kompanie nach einem Jahr, um ihre eigene zu gründen, mit der sie in den Folgejahren durch die ganze Welt reiste. Unterdessen war sie verheiratet mit dem Ballettimpressario Victor Dandre, der sie in all ihren Plänen unterstützte, auch wenn er in finanziellen Belangen das eine oder andere Mal vorsichtig ausgedrückt unzuverlässig war. Während des 1. Weltkrieges lebte das Paar in London, nahm fünfzehn Waisenkinder bei sich auf und unterstützten das Rote Kreuz mit großen Beträgen.

Auf das englische Ballett hatte Annas Anwesenheit großen Einfluss und dasselbe gilt für Übersee. Zwischen 1912 und 1926 unternahm sie jährlich Tourneen nach Amerika, auch in sehr abgelegene Gegenden. Rückblickend hat sich eine ganze Generation amerikanischer Tänzer Annas wegen dem Ballett zugewandt, unter ihnen auch der spätere Sir Frederick Ashton, der in Peru aufwuchs und sie dort tanzen sah. Mit dem eleganten Stil des Royal Ballets in London wird sein Name und damit auch Anna Pawlowas für immer verbunden bleiben.

Anna besuchte entlegenste Gegenden in China, Australien und Südamerika in einer Zeit, in der der Flugverkehr noch nicht etabliert war und verbreitete ihre Passion beinah in der ganzen Welt.

Bei einer dieser Reisen erkältete sie sich und die darauffolgende Lungenentzündung beendete das Künstlerinnenleben recht plötzlich. Anna Pawlowa starb 1931 in Den Haag, ihre Asche ist gemeinsam mit der ihres Ehemannes im Golders Green Crematorium in London beigesetzt.

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Fußnoten und Literaturverzeichnis

[1] »Niemand kann allein durch sein Talent zum Erfolg kommen. Gott gibt das Talent, die Arbeit verwandelt das Talent in ein Genie.« – Anna Pawlowa

[2] Das »Corps de Ballet« ist die Gruppe der Tänzerinnen und Tänzer. Ihm gegenüber stehen die Solistinnen und Solisten.

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