Arthur Honegger und der Ziegentanz

 

von Anja Weinberger

Arthur Honegger und der Ziegentanz

von Anja Weinberger

Eines der bekanntesten Werke für Flöte allein

Wir Flötistinnen und Flötisten haben riesengroßes Glück, denn für uns gibt es, seitdem die Böhmflöte die Musikwelt erobert hat, nahezu unendlich viel Musik für Flöte allein. War es zunächst Claude Debussy, der mit Syrinx 1913 das erste Werk dieser Gattung nach langer Zeit komponiert hat, so überschlugen sich die Komponistinnen und Komponisten in den Folgejahren beinahe, um Schönes und noch Schöneres für unser Instrument aus ihren Federn und Bleistiften fließen zu lassen. In ganz Frankreich wenden sich Ibert, Bozza, Jolivet, Kœchlin, Ferroud, Rivier und Varèse begeistert der Flöte zu, in Deutschland Karg-Elert und Hindemith, in der Schweiz Honegger und Burkhard.

Nimmt man es ganz genau, so gehört Arthur Honegger der französischen Komponisten-Fraktion an, denn obwohl er und seine Eltern Schweizer Staatsbürger gewesen sind, wurde der kleine Arthur im März 1892 in Le Havre geboren, der bedeutenden Hafenstadt an der Ärmelkanalküste der Normandie. Dort wuchs er in den Folgejahren auf und erhielt früh sowohl Violin- als auch Kompositionsunterricht. Nur wenige Jahre besuchte er ab 1909 das Konservatorium in Zürich, ehe er seine Studien am Conservatoire de Paris fortsetzte und 1918 dort abschloss. Ebenfalls in Paris wurde er schließlich Mitglied der legendären Groupe des Six. Diese lose Verbindung zwischen Francis Poulenc, Darius Milhaud, Germaine Tailleferre, Georges Auric, Louis Durey und eben Arthur Honegger wurde nicht etwa von gemeinsamen kompositorische Strukturen zusammengehalten, sondern vor allem vom übereinstimmenden Drang der sechs, Romantik und Impressionismus in der Musik- und Theaterwelt zu überwinden. Sie wollten vielmehr zeitgemäße Formen entwickeln und das Publikum auf diese neuen Wege mitnehmen.

Das nur drei Minuten dauernde Werk Danse de la Chêvre – also Ziegentanz – hat Honegger im Jahr 1921 als Bühnenmusik für das Stück La Mauvaise Pensée und die darin auftretende Tänzerin Lysana komponiert. Gewidmet ist es dem damals bekannten Flötisten René Leroy, der vermutlich die Uraufführung spielte. Der Ziegentanz hat alles zu bieten, was die berühmte französische Flötenmusik dieser spannenden Jahre ausmacht: technische Herausforderungen, klangliche Vielfalt, lebendige Bildhaftigkeit und farbenfrohe Klänge. Auch die Faszination der damaligen Zeit für pastoral angehauchte Motive und die Freude an chromatischen Klangkaskaden kommen nicht zu kurz. Mit einem Satz gesagt: Das Stückchen hatte von Anfang an alles an Bord, was man braucht, um ein Welterfolg zu werden. Und so kam es. Vermutlich ist der Ziegentanz neben Debussys Syrinx und Bachs Partita das am häufigsten gespielte Werk für Flöte allein. Es bringt alle Seiten der Flöte großartig zur Geltung, ist kurz genug, um als Zugabe zu dienen und lang genug, um ein Programm zu bereichern. Und ebenso vermute ich, dass das Stück Honeggers am meisten und regelmäßigsten aufgeführtes Werk ist, denn wirklich jeder Flötist, jede Flötistin hat es ein Leben lang im Repertoire.

Eröffnet wird der Ziegentanz mit einer geheimnisvollen tönenden Klangfolge, die auf dem Tritonus basiert, dem sogenannten Diabolus in Music. Dieses Intervall aus drei Ganztönen fasziniert Komponisten seit dem Barock und sorgt auch hier für die nötige Spannung. Nun ist der Boden bereitet für den Tanz, vielleicht hat die Ziege geschlafen und ist erwacht. Wie auch immer, es geht los. Lebhaft, bukolisch, voll unerwarteter Wendungen – die Möglichkeiten der modernen Böhmflöte werden in allen Belangen ausgelotet. Lautstärkeunterschiede, abwechslungsreiche Artikulation, Triller, Chromatik, weit hinauf und weit hinunter – die Böhmflöte gibt all das jetzt endlich her und Honegger schöpft die Möglichkeiten geschickt aus.

Ist das Zicklein am Anfang erwacht, so scheint es sich bald müde zu tanzen und kommt schließlich wieder zur Ruhe. Der erneut erklingende Tritonus zeigt uns, dass wir am Ende angekommen sind. Arthur Honegger hat mit diesem kraftvollen Werk sehr geschickt traditionelle Strukturen mit damals modernem kompositorischem Gedankengut verknüpft. Sein zeitloser Ziegentanz erfreut Flötisten und Publikum gleichermaßen.

 

(2025)

Hier kann man eine Aufnahme des Werks finden

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