Auf dem Weg nach Amiens

 

von Anja Weinberger

Ich liebe es zu schauen – genauer gesagt, ich liebe es, mich in eine Kirche zu setzen und den Raum auf mich wirken zu lassen. Und noch genauer: am allerliebsten lese ich vor dem „Kirchenschauen“ alles, was schon irgendwer über diese Kirche geschrieben hat, um dann beim Schauen viel zu sehen.

Natürlich geht es da nicht alleine um das Gebäude „Kirche“. Nein, dazu gehört auch alles, das sich darin und außen herum befindet. Die ganze Platzgestaltung, wie sich der Ort oder die Stadt um die Kirche herum entwickelt hat, die Lage an sich – also auf einem Hügel vielleicht oder am Fluss – und auch, was man sieht, falls man von einem Turm oder dem Dach der Kirche herabblicken kann.

Mich fesseln die Portale und ihre Geschichten. Ich suche nach den immer gleichen Bildern und freue mich, wenn ich sie finde.

Am liebsten sind mir dabei die Paardarstellungen: die Verkündigung, Mariä Heimsuchung, Anna und Joachim,  Maria und Johannes unter dem Kreuz oder Anna und Maria. Das Doppelbildnis dieser beiden findet man hier in der Mitte Europas sehr, sehr selten, aber ganz häufig in z.B. bretonischen Kirchen; gezeigt wird, wie Anna Maria im Lesen unterweist.  

Aber auch Adam und Eva fehlen ja meist nicht oder Abraham und Sarah, wobei ich mich im Alten Testament wesentlich weniger gut auskenne, als im Neuen.

Im Nordosten Deutschlands findet man auch gerne Martin Luther und Philipp Melanchthon oder Luther und Katharina von Bora. Schön ist das, wie ein Buch. Und darum geht es ja auch, alle sollten teilhaben können an den Geschichten; auch die, die nicht lesen konnten.

Obwohl während der französischen Revolution alle Kirchen im Lande sehr gelitten haben, hat Frankreich für uns eine Überfülle solcher Geschichten zu bieten.

Woran liegt das bloß, dass unser Herz uns in eine bestimmte Richtung zieht? Und ich meine hier tatsächlich die geographische Richtung. Eine Reise nach Frankreich oder Italien würde ich jedem Luxusurlaub auf einer Karibischen Insel oder einem Flug nach Asien vorziehen. Natürlich weiß ich, dass auch dort viel zu sehen wäre. Aber ich will nach Italien – oder nach Spanien – oder nach England … oder eben nach Frankreich.

Bereits die  Anfahrt ist herrlich, denn schon auf dem Weg liegt ja eine Menge schönes Zeug.

Will man z.B. nach Reims, um den lächelnden Engel zu sehen, so kann man eine Nacht in Limburg an der Lahn verbringen oder in Heidelberg oder in Saarbrücken.

Und dann die Fahrt über die Grenze! Heutzutage bemerkt man die Ländergrenze ja eigentlich gar nicht mehr, es sei denn man achtet genau auf die vielen Schilder. Aber ich könnte wetten, dass es spätesten ab St. Avold nach frischem Baguette riecht.

…, © Anja Weinberger

Und natürlich fahren wir immer in das nächste Lädchen zum Einkaufen – nur Butter und Brot, oder vielleicht ein bisschen Käse. Wir haben stets ein Brettchen, Messer und Gläser dabei, um überall picknicken zu können.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass es hier in Frankreich wunderbare kleine Herrlichkeiten für den Nachtisch gibt? Profiteroles, Eclairs, Tartes, Macarons, Kouign-amann  und Cannelés. Die ersteht man ganz einfach gleich neben dem Bäcker in der Pȃtisserie, die dem Paradies schon sehr nahe kommt. Nun sind wir also mehr als bereit für die erste französische Pause.

Diese Franzosen wissen nämlich, wie das Leben noch schöner sein kann. An jeder hübschen Ecke des Landes steht eine Bank, oft sogar mit Tisch. Auf diese Art haben wir schon viele Flüsse dahinfließen, viele Hunde ein Stöckchen jagen und viele Radler grüßend vorbeifahren sehen. Möglicherweise kennen wir jede Picknickmöglichkeit zwischen Sankt Ingbert, Metz und Reims.

Schließlich kommt man dann im Hotel an. Wir suchen es uns immer im Voraus aus, möglichst soll es in der Ortsmitte sein, am besten direkt an der Kirche. Natürlich wird dieser Traum nicht immer Wirklichkeit, aber das eine oder andere nette Domizil haben wir auf diesem Wege schon gefunden und sind dann bei der Zielsuche per Auto im meist unübersichtlichen Gassengewirr aufgeregt wie Kinder.

Unsere „erste“ Kathedrale war Amiens. Erwähnen muss man vielleicht, dass ich mich annähernd 25 Jahre auf diesen Moment gefreut habe. Ganz genau kann ich gar nicht sagen, warum es nicht früher geklappt hat. Aber ein paar Erklärungen sind im Angebot.

Am Anfang unserer Ehe hatten wir noch kein eigenes Auto, da haben wir uns dann gerne am Familienurlaub „beteiligt“ und der fand oft in der Lombardei statt. Später mit Kind waren Glasfenster und gotische Rosetten nicht wirklich das Richtige, obwohl unsere heranwachsende Tochter sich durchaus mit einem Eis pro Gotteshaus bestechen ließ. Und – ich bin die einzige in unserer kleinen Familie, die Französisch spricht, die beiden anderen sind eher „anglo– und italianophil“.

Naja, lange Rede, kurzer Sinn. Endlich war es ja soweit. Wir hatten zwei interessante Tage in Trier hinter uns und kamen an einem grauen, kühlen, nebligen und regnerischen Abend ziemlich spät in Amiens an. Unser Hotel hieß „Le Prieuré“, was ja schon darauf hindeutet, dass die Räume früher kirchlich genützt worden sind. Und tatsächlich schliefen wir unter gotischen Kreuzrippen, der Schlussstein direkt über uns, sehr suggestiv.

…, © Anja Weinberger

Am nächsten Morgen läuteten die Glocken, nah klang das. Na klar, ich wusste ja, dass unsere Unterkunft nur wenige Schritte von Notre-Dame entfernt lag. Noch vor dem Frühstück schlüpfte ich aus dem Hotel und musste mich nur nach links drehen, um am Ende der Straße sofort einen schönen, gotischen Glockenturm zu sehen, den südlichen der beiden Türme der Westfassade.

Der Himmel war immer noch eher bedeckt, aber ein bisschen Licht konnte die Sonne schon beisteuern. Die hohen Turmwände leuchtete gelb-grau und ein paar Schritte später konnte ich feststellen, dass die ochsenblutroten Türen von Notre-Dame einen wunderbaren Kontrast zum Stein darstellen.

Ein guter Freund hatte mir empfohlen, zuerst die Pforte des Südquerhauses anzuschauen, also mich von der Seite anzunähern, um nicht gleich als erstes die ganze Gewalt der gotischen Fassade bewundern zu „müssen“. Also habe ich mich rechts gehalten, und da war sie – die Vierge dorée.

Die Goldene Jungfrau gehört auch zur Gruppe der Paare, denn natürlich hält sie ihr Söhnchen auf dem Arm. Hier in Amiens am Honoratusportal, dem südlichen Seiteneingang, war sie früher aufwendig vergoldet, woher ihr heutiger Name rührt. Sehr hübsch ist sie, das Wörtchen „entzückend“ fällt einem ein, obwohl man es sonst eigentlich nicht verwenden würde.

Historiker datieren sie auf das Jahr 1240 und sie fehlt in kaum einem Werk über mittelalterliche Skulpturen. Sehr elegant ruht ihr Gewicht auf dem linken Bein und ein Hüftschwung ist angedeutet. Der Knabe auf ihrem linken Arm blickt vergnügt zu seiner Mutter auf und sie wiederum lächelt ihn an. Wir dürfen Zeuge sein vom Beginn einer neuen Phase in der Bildhauerei, plötzlich zeigen sich Natürlichkeit und Menschlichkeit. Nicht nur in Paris und Frankreich, nein überall wendet sich ab diesem Zeitpunkt der Stil in diese Richtung.

Aber nun wird es wirklich Zeit für die Hauptfassade. Auch deshalb, weil irgendwo dort – sozusagen zum Vergleich – eine Madonna im alten, sakral-feierlichen sog. hieratischen Stil zu finden sein muss. Allerdings vergaß ich völlig nach ihr zu suchen. Denn die dreiteilige gotische Fassade lässt einen sprach – und gedankenlos werden.

Es war noch sehr früh am Tag, ich hatte den Vorplatz ganz für mich und konnte in aller Ruhe schauen.

Hier in Amiens ist es möglich, recht weit zurückzugehen und so die ganze Schönheit auf einmal  bewundern zu können, denn der Platz vor der Westfassade der Kathedrale ist tief genug.

Drei Portale sind es, das mittlere höher als die beiden anderen. Vier mächtige Strebepfeiler nehmen den Schub der Schiffgewölbe auf. Erst in den Tiefen der Portale sieht man, wie mächtig die Pfeiler tatsächlich sind. Das mittlere Portal zeigt Szenen des Jüngsten Gerichtes, wie man es häufig an dieser Stelle findet, das linke erzählt vom örtlichen Evangelisten Sankt Firmin, und das rechte Portal ist der Muttergottes gewidmet, genauso wie die ganze Kirche. Unzählige Skulpturen bevölkern die Fassade – Apostel, Propheten, Könige, Engel, man kann lange schauen.

Geht man wieder näher heran und bleibt genau vor der Mitte der Fassade stehen, so hat man den Beau Dieu direkt vor Augen. Der „Schöne Gott“, ein segnender Christus mit dem Buch des Lebens in Händen, stammt aus der selben Zeit wie unsere entzückende, goldene Maria mit Kind am Honoratusportal. Er steht vor oder am zentralen Trumeau des mittleren Portales, diesem Steinpfeiler, der das Tympanon darüber unterstützt und der eine gern genutzte Gelegenheit zur Platzierung einer weiteren Figur ist. Meistens findet man an dieser Stelle, also am Haupteingang der Kirche, den jeweiligen Schutzpatron, oder eine Madonna  oder wie hier in Amiens eine Christusfigur.

…, © Anja Weinberger

Gerne wird da dann Bezug genommen auf den guten Hirten aus dem Johannes-Evangelium: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein und ausgehen und Weide finden.“ (Joh 10,9)

Die beiden Türme der Kathedrale sind nur ähnlich, nicht gleich und nehmen die schöne, große Rosette in ihre Mitte. Der linke Turm ist etwas höher und verleiht dem Gesamtbild dadurch seine Einmaligkeit. Ungewöhnlich ist hier in Amiens, dass sich die sogenannte Königsgalerie unter und nicht über der Rosette befindet und diese dadurch keinerlei Verbindung hat zum darunterliegenden Portal. 

Im überraschend hellen Inneren finden wir das berühmte Amienser Labyrinth. Es ist viel größer, als ich es mir vorgestellt habe und erstreckt sich am Boden über die ganze Breite des Mittelschiffes.

Der Chor der Kathedrale wurde nicht wie im Allgemeinen üblich zuerst erbaut, denn dort wo er jetzt steht, befand sich bei Baubeginn noch die Stadtmauer. So wuchs die Kirche vom Langhaus aus in alle Richtungen und wurde schließlich zum größten  französischen Kirchengebäude des Mittelalters.

Die Stadt Amiens hat auch einen Fluss zu bieten, von dessen jenseitigem Ufer der Blick auf die Kathedrale herrlich ist. Leider wurde die Innenstadt im 2. Weltkrieg stark zerstört, so dass viele Gebäude aus den Wiederaufbauarbeiten der 50er Jahre stammen.

Außerdem gibt es hier ein jahrhundertealtes, von Kanälen durchzogenes Obst- und Gemüseanbaugebiet, das auch der Tourist mit kleinen Booten befahren kann. Sehr idyllisch und verwunschen ist dieser französische „Kleingartenverein“.

Schön ist es hier – wir kommen hoffentlich wieder.

Verwendete Literatur

Schäfke, Werner: Frankreichs gotische Kathedralen, Köln 1979

Kimpel, Suckale, Hirmer: Die gotische Architektur in Frankreich 1130 – 1270, Darmstadt, München 1985

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