Der Anfang bei den Vereinigten Bühnen Wien
von Christine Piswanger-Richter
Der Anfang bei den Vereinigten Bühnen Wien
von Christine Piswanger-Richter
Ich war zwar schon in Wien, als mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Cats von Andrew Lloyd Webber Wien 1983 die »Musical-Hauptstadt« von Festland-Europa wurde, aber ich hatte noch nichts damit zu tun. Ich schwelgte damals noch in Ballett- und Opernklängen an der Staats- und Volksoper. Doch der Erfolg von Cats war so phänomenal und langanhaltend, dass der damalige Bürgermeister Helmut Zilk dem Intendanten Peter Weck – der das Wagnis startete, eine Bühne Wiens en suite mit einem Musical zu bespielen – zwei weitere Bühnen, das Raimundtheater und das Ronacher, anvertraute. Aus diesen drei Bühnen wurden dann schließlich die Vereinigten Bühnen Wien, kurz VBW. Weck hatte den Plan, an allen drei Bühnen Musical zu spielen, denn nicht nur die Wienerinnen und Wiener hatten dank Cats Gefallen daran gefunden, das Publikum war auch bereit, weite Strecken per Bus aus allen Bundesländern Österreichs, aber auch aus Deutschland, der Schweiz, Italien, etc. auf sich zu nehmen, um diese Erfolgsproduktion live mitzuerleben. Viele davon nicht bloß ein Mal. Drei Bühnen täglich oder fast täglich zu bespielen, bedeutete auch, drei Orchester pro Abend stellen zu müssen. Und da kam ich ins Spiel.
1986 rief mich Linda Thiery, die Sekretärin und Pressechefin von Peter Weck an und meinte, Weck wolle mich sprechen. Damals lief Cats bereits drei Jahre, weitere Pläne waren noch nicht publik geworden. Cats interessierte mich nicht, ich schwebte damals gewissermaßen auf anderen »kulturellen Wolken«. Allerdings hatte ich durch meine Offenbachiaden und auch die Operetten-Produktionen an der Volksoper durchaus einen gewissen Hang zur leichteren Musik entwickelt. Reden kann man schließlich immer, also nahm ich den Termin bei Peter Weck gerne wahr. Ich ging in sein Büro im Theater an der Wien, direkt am Wiener Naschmarkt gelegen, er saß am Schreibtisch, davor elegante Ledersessel vom Feinsten, und erzählte mir von ebendiesem Angebot des Wiener Bürgermeisters, die Vereinigten Bühnen Wiens zu gründen und fortan drei Bühnen zu bespielen und somit auch drei Orchestergräben mit erstklassigen Musikern zu befüllen. Wie er darauf kam, gerade mir das Angebot zu unterbreiten, Gründungsmitglied und Musikdirektor der VBW zu werden, habe ich erst aus Peter Wecks Biografie erfahren.
Da schreibt er: »Durch mehrere Empfehlungen war ich auf Caspar Richter, der damals bei Direktor Lorin Maazel als Dirigent an der Wiener Staatsoper beschäftigt war, aufmerksam geworden. Ausschlaggebend war für mich, dass er sich universell im Musiktheater-Metier auskannte, ihm »U« und »E« gleichermaßen vertraut waren, er Konzerte, klassische Oper und Ballettabende geleitet hatte.« Ich war von Wecks Angebot wie vom Donner gerührt. Einerseits schmeichelte das sehr, aber anderseits hatte ich auch Zweifel, ob ich da der Richtige dafür war. Am Tag darauf fuhr ich nach Brünn, um Mahlers 3. Symphonie zu dirigieren. Das war damals meine Musik-Welt. Meine Frau redete mir zu, die Musical-Chance wahrzunehmen und nicht immer nur auf Opern aus zu sein. Ich bat Weck um eine Frist zum Überlegen und Entscheiden von zwei Wochen. Das Dirigat in Brünn war ein großer Erfolg, mit diesem zusätzlich gewonnenen Selbstbewusstsein sagte ich schließlich zu. Dann folgten die Vertragsverhandlungen. Wir haben sehr viel über Zuständigkeiten und natürlich auch über die finanzielle Seite diskutiert. Meine Rechnung war ganz einfach: Drei Theater – das macht drei Gagen. Ich hatte tatsächlich den Mumm, eine hohe Summe als Wunschgage zu nennen. Weck und die anderen Zuständigen haben kurz geschluckt, sich zu Beratungen zurückgezogen und als sie zurückkamen, hatten sie meine Wünsche akzeptiert. Es fing also in jeder Beziehung gut an.
Ein Jahr hatte ich Vorbereitungszeit. Ich bezog ein neues Büro und hatte viel mit Wecks Assistenten Eberhard Witt und der Pressechefin Karin Bergmann – die dann später am Burgtheater wirkte – zu tun. Bergmann meinte: »Ist dir klar, dass wir zwei weitere Orchester besetzen müssen?« Natürlich war mir das klar, das war auch meine allererste Aufgabe. Am Theater an der Wien wurde noch immer Cats gespielt, das dafür erforderliche Orchester ist eher klein. Das Raimundtheater hatte ein Orchester mit rund 35 Musikern, das lange Jahre mal schlecht, mal recht Operette gespielt hatte. Wir veranstalteten ein Probespiel, zu dem explizit auch die Mitglieder des Raimundtheater-Orchesters eingeladen waren. Viele sagten von vornherein ab, sie wollten sich nicht mehr auf etwas Neues einlassen, das war natürlich zu akzeptieren. Manche kamen und spielten vor, da gab es einige, die den Anforderungen nicht gerecht wurden, aber durchaus auch gute Musiker und Musikerinnen, die wir gerne aufnahmen. Fünfzehn konnten schließlich übernommen und in das neu formierte VBW-Orchester integriert werden. Natürlich reichte das nicht aus, und wir engagierten weitere Musiker und Musikerinnen. Ich erinnere mich noch lebhaft an ein junges Mädchen, das sehr gut auf der Oboe vorspielte. »Ich möchte Sie auch auf dem Englischhorn spielen hören«, meinte ich zu ihr. »Oje, das habe ich zu Hause vergessen, vor lauter Aufregung«, antwortete sie mit roten Nervositätsflecken im Gesicht. »Na, gut, dann kommen Sie eben morgen wieder mit dem Englischhorn!« Sie kam und wurde – wie viele andere – eine wichtige Stütze des Orchesters. Auch von vielen Musikhochschulen aus Österreich und Deutschland kamen junge Talente zu den Vorspiel-Terminen. Manche, die ich damals engagiert habe, spielen noch heute im VBW-Orchester. Und es haben sich natürlich auch weitere Musiker und Musikerinnen, die schon bei Cats dabei waren, profiliert. Unter anderem Hans Salomon, der mit seinem Saxophon schon damals eine Größe in Wien war. Es konnte am Ende dieses Auswahlprozesses eine sehr gute Mischung aus älteren, erfahrenen und jungen, top motivierten Musikern zusammengestellt werden. Das war den weiteren Plänen sehr zuträglich. (…)
