»Blut und Dinge«
von Janin Pisarek
B wie Blaubart, »Blut und Dinge« oder Band 4 – Grimms Märchen von Henrik Schrat und Gästen
Jaja, unzählige Auflagen und Ausgaben der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen (kurz: KHM) existieren mittlerweile – ja, sie gehören sogar nach der Bibel zum am weitesten verbreiteten Buch in deutscher Sprache.
Dabei wissen viele Märchenliebhaber und Buchbesitzer doch gar nicht, dass es schon zu den Lebzeiten Jacob und Wilhelm Grimms unterschiedliche, sogar sieben (märchenhaft!) verschiedene Ausgaben mit mal mehr, mal weniger und wieder abgeänderten Märchen gab. Denn nicht alle ihrer Freunde und Kollegen hatten nur lobende Worte für die Arbeit der damals noch sehr jungen, sich in ihren Zwanzigern befindenden Brüder über.
Ein vielleicht schon fast überschwänglich-naives Herangehen sorgte für die Aufnahme von Erzählungen wie etwa Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben in ihr »Erziehungsbuch«. Tatsächlich war es nur in der ersten Ausgabe der KHM enthalten, die zunächst in zwei Bänden 1812 und 1815 erschien – damals in seiner Beliebtheit übrigens sogar hinter den Märchen des Thüringers Ludwig Bechstein.
Heute ist das längst nicht mehr so und den Markt schmücken massenhaft Märchenbücher nach Grimms – für jedes Herz und jeden Zweck etwas dabei. Da gibt es beispielsweise den reich bebilderten DDR-Kultklassiker von Werner Klemke, Grimms Märchen in Sütterlinschrift oder wissenschaftlich kommentierte Auflagen wie von Märchenforscherkoryphäe Hans-Jörg Uther.
Auch der jüngst leider verstorbene Grimmexperte Heinz Rölleke, dem in diesem rezensierten Buch ein Dank gewidmet ist, gab die »Ausgabe letzter Hand« von 1857 mitsamt aller Märchen früherer Ausgaben mit Grimm’schen Originalanmerkungen und Anhang nebst Herkunftsnachweisen heraus. Wieder andere Kollektionen rühmen(?) sich damit, nur die »schönsten« der 210 Erzählungen für ihr Werk auserkoren zu haben, um Kinder mit bunten, künstlich harmonieaufgeladen Bildern eine heile Welt vorzuspielen, die es in den Märchen wahrlich nicht immer gibt – wie wir auch in jenem Buche eindrücklich demonstriert bekommen.
Böse Zungen könnten nun nach der Sinnhaftigkeit einer weiteren Ausgabe fragen. Doch Münder, aus denen vergleichbare Fragen stammen, haben die Rechnung ohne Henrik Schrat und seine zwölf »Gäste« gemacht (im Übrigen macht das 13 Illustrierende, Zufall oder wollte man gezielt eine böse Fee meiden?). Seit 2020 gibt der in Greiz geborene und heute weltumrundende Künstler in fünf Bänden die Grimm’schen Märchen heraus – ein interessantes und noch ansehnlicheres Unterfangen mit einem ausgeklügelten Konzept, das mutig die feste Nummerierung der Erzählungen durchbricht. Denn diese bestimmt normalerweise – zumindest in Gesamtausgaben – die Reihenfolge, trägt doch jedes der Märchen eine feste KHM-Nummer, die dafür sorgt, dass immer Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich (KHM 1) an erster Stelle steht. Schon von außen fällt das unterschiedliche Design auf, das jeden Band entsprechend seines Inhalts und damit seiner Märchenauswahl ziert – und somit auch einzigartig macht.
»Band 4, Blaubart – Blut und Dinge« lässt durch das Signalwort »Blut« und den titelgebenden Blaubart schon erahnen, wohin die Reise geht. Der Mädchenmörder, der immer wieder mit dem sadistischen, adligen Serienmörder Gilles de Rais assoziiert wurde; als Märchen aber sicherlich auch durch die im 16. Jahrhundert kursierenden Mädchenräuberballaden inspiriert war, konnte dazumal allerdings ebenso nur in die erste Ausgabe der Grimms von 1812 einziehen. Schrats gewähltes Umschlagdesign unterstreicht erste geweckte Vermutungen – ein bedrohlich schwarzer Ledereinband, eine Frakturschrift, eine Sense, hinten die Warnung »Obacht!«, untermauert durch einen Schädel. Interessant und nicht alltäglich ist auch der Farbschnitt der Buchseiten.
Aufgeschlagen springen einem nicht unbedingt zuerst die Illustrationen des Vorsatzpapiers ins Auge, sondern der tiefe Rotton, der direkt Blaubarts bekannte Blutkammer zu imaginieren weiß. Blut und Düsternis, die sich auch im blutrot gefärbten Lesebändchen widerspiegelt.
Auf den zweiten Blick lassen sich allerhand greuliche und beklemmende Szenerien erkennen, die uns nur noch tiefer in die Stimmung bringen für das was uns vermeintlich erwartet. Es wird deutlich, dass hier nicht nur ein Künstler am Werk ist, sondern auch ein erfahrener Typograph und Grafikdesigner, hier Christoph Steinegger.
Schon der erste Eindruck weiß zu faszinieren und uns in die düstereren Märchenwelten zu entführen – ein Verdacht, der sich mit Blick auf die Märchenauswahl verhärtet. Beispielsweise erwarten uns Herr Korbes, Der Bärenhäuter, Das Mordschloss oder das eingangs erwähnte Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben.
Unter den zwölf »Gästen« befinden sich zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen wie die in Polen geborene Malgosia Jankowska und die Koreanerin Soyun Jung sowie längst verstorbene wie der, der Märchenszene bekannte, Otto Ubbelohde oder der Österreicher Alfred Kubin, dem der Band gewidmet ist – unter besonderem Verweis auf sein einziges Textwerk »Die andere Seite« von 1909.
Für die Vorrede stellte Literaturwissenschaftler Wolfgang Bunzel einige Passagen der Grimm’schen Vorrede von 1812 zusammen.
Bereits auf den ersten Seiten wird auch für den Nicht-Erzählforscher oder -Märchenkundigen klar: Märchen sind hochmodern und aktueller denn je! Hier haben wir es nicht nur mit dem im Märchen wohnenden Zauber zu tun, sondern auch mit der Magie der komplexen Verzahnung von Bild und Text – grafisch wie auch inhaltlich. Ohne allzu tiefgründige Überlegungen fällt ein erster Groschen schnell, erblickt man als Auftakt das Märchen Der süße Brei, während in den einbettenden Zeichnungen Reklameschilder nur so förmlich die dargestellte Szenerie dominieren. Die Bestrafung von Tabubrüchen und Gier, die der Erzählung innewohnt wird mit dem hier zugehörigen Bildwerk Schrats zu einem Sinnbild der Konsum- und Kapitalismuskritik. Es zeigt sich, der heutige Wunsch nach Überfluss hat längst die Hungersnöte unserer Vergangenheit überschattet.
An anderer Stelle darf man sich über »easter eggs« aus der Popkultur freuen, so wenn der Drache bei Die vier kunstreichen Brüder weniger an den klassischen Märchendrachen erinnert, als vielmehr einem geflügelten Xenomorphen H. R. Gigers, besonders bekannt aus der Alien-Filmreihe. Eine Schrat‘sche Spezialität, möchte man meinen, denn ist dies nur eines von vielen, die immer wieder zu erquicken, aber auch zu irritieren wissen.
Mit einem kurzweiligen Nachwort von Literaturwissenschaftlerin Mona Körte findet das Werk einen würdigen und einordnenden Abschluss.
So lässt es noch einen Blick hinter die Märchenauswahl zu und sorgt für ein paar Aha-Momente zum Ende. Wie der ganze Band regen auch diese Worte zum Nachdenken an, wenn Motive der Rache und Vergeltung doch vielen Märchen fremd sind, wieso nicht auch unserer Welt? Unerwähnt bleibt auch nicht der Verweis auf die Grausamkeiten der Grimm`schen Volkspoesie wie abgeschlagene Köpfe, Zungen, Hände und mehr.
Das Werk oszilliert also zwischen klassischem Volksmärchen und Graphic Novel, zwischen Zeitlosigkeit und Moderne.
Märchen sind bekannt dafür, keine Zeit zu benennen, sie könnten immer und überall spielen – ein Spiel was hier durch Henrik Schrat auf eine neue Ebene gehoben wird, indem er zeigt wie die alten Erzählungen auch eine perfekte Symbiose mit 2020er Szenerien eingehen. Wer bildschöne Märchenprinzessinnen, hübsche Märchenschlösser und edle Prinzen mit gewelltem Haar sucht, wird hier nicht fündig. Wer sich aber auf ein Abenteuer einlässt, um jahrhundertealte Geschichten in mitunter beklemmender, teils schon dystopischer Rohheit und abstrakter Schönheit neu zu erleben, der wird viele Gedankenanstöße mitnehmen können. Zwischen bitterer Realität und absurder Fantasywelt zeigt sich Band 4 der Grimm-Schrat’schen Reihe in ansprechenden Tuschezeichnungen, außergewöhnlichem Design und einem innovativen Ansatz.
Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Henrik Schrat
Grimms Märchen, Blaubart – Blut und Dinge
Bd. 4
Textem Verlag
ISBN: 978-3-86485-249-7
Hardcover, 285 S., 34,00 €
https://www.textem-verlag.de/textem/literatur/539







