Barbara Strozzi

von Anja Weinberger

Auf dem Weg vom Madrigal zur Kantate

Die spätere Komponistin, Sängerin und durchaus streitbare Wortführerin Barbara Strozzi wurde unter nicht ganz geklärten familiären Verhältnissen am 6. August 1619 in Venedig geboren. Sie wuchs auf als leibliche oder angenommene Tochter des Giulio Strozzi, dessen Hausangestellte ihre Mutter war. Der Vater – Jurist, aber auch Intellektueller, Dichter und überhaupt Freund der schönen Künste – war eine angesehene Persönlichkeit im kulturellen Leben Venedigs und bemerkte sehr früh Barbaras Talent. Mit Claudio Monteverdi, dem damaligen Kapellmeister des Markusdomes und Schöpfers sehr früher Opern, pflegte er gute Bekanntschaft und schrieb für ihn und andere Komponisten Libretti.

In der damaligen Zeit konnten Frauen nur in Klöstern oder aber im venezianischen Ausnahmeprojekt der Mädchenwaisenhäuser das Kompositionshandwerk erlernen. Barbara aber bekam durch die Beziehungen ihres Vaters Kompositionsunterricht bei Francesco Cavalli, einem weiteren führenden Künstler der damaligen Zeit. Außerdem hatte sie Zugang zu den unterschiedlichsten Zirkeln der Stadt, denn in vielen der in Italien sehr verbreiteten Akademien war Giulio Strozzi Mitglied oder gar Gründer.

Hier versammelte sich die politische und intellektuelle Elite des Landes, führte wortgewandte Diskussionen, pflegte Kontakte oder richtete kulturelle Veranstaltungen aus. Die Accademia degli Unisoni gründete Giulio 1937 vermutlich hauptsächlich, um seiner Tochter ein Forum zu erschaffen. Im Stile der vom Hofe des Alfonso II. d’Este in Ferrara bekannten Concerti delle Donne[1]  musizierte Barbara dort nun also. Sie begleitete sich selbst auf der Gambe oder der Theorbe und trug beispielsweise die Bizzarrie poetiche von Nicolò Fontei nach Gedichten Giulio Strozzis vor, deren erster Band ihr gewidmet war. Und schon bald komponierte sie selbst die hauptsächlich weltlichen Madrigale, Rezitative und Arien, die zu ihrem Markenzeichen werden sollten. Innerhalb der Accademia degli Unisoni scheint Barbara die Leitfigur gewesen zu sein, obwohl Frauen üblicherweise dort höchstens als Musizierende geduldet wurden. Sie aber leitete die anstehenden Diskurse, stellte Themen in den Raum und vergab sogar Preise für besonders gute Argumentation.

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Barbara Strozzi hat ein erstaunlich großes Werk hinterlassen, das in zahlreichen Publikationen zu ihren Lebzeiten erschien, insgesamt acht Bände mit mehr als 120 Kompositionen. Sie beschränkte sich beinahe ausschließlich auf Kammermusik für Sopran und Basso continuo, vielleicht auch deshalb, weil sie bei dieser Besetzung auf niemanden angewiesen war, um ihre Musik zur Aufführung zu bringen. Ihre Werke haben ein außerordentlich großes dramatisches Potential, sind erzählfreudig und nicht selten gesellschaftskritisch. Barbara gelingt es meisterlich, die unterschiedlichen Gefühlslagen in Töne zu gießen. Sie hat durch ihr erzählerisches Vorwärtsdrängen einerseits und den kantablen, mit Wortwiederholungen spielenden Gesang andererseits die Entstehung der Kantate auf den Weg gebracht.[2]

Das wenige, was man über ihr privates Leben der späteren Jahre weiß, führt leicht zu Spekulationen.

Barbara hatte bis 1651 vier Kinder zur Welt gebracht. Der Vater einiger dieser Kinder war ein verheirateter venezianischer Patrizier, Giovanni Paolo Vidman; manchmal liest man, das erste der Kinder wäre durch eine Vergewaltigung durch denselben entstanden.

 

Und ist es wirklich Barbara Strozzi, die auf dem Gemälde Die Gambenspielerin in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden abgebildet ist? Falls ja, dann liegt die Vermutung nahe, dass sie ihr Leben als Kurtisane bestritten haben könnte. Eine schöne Frau ist da zu sehen; im rötlichen, lockigen Haar steckt eine Blume, das Kleid ist so tief dekolletiert, dass beinahe ihre üppige Brust entblößt wird. In der linken Hand hält diese schöne Frau ihre Gambe, Noten liegen rechts von ihr, aufgeschlagen und bereit zum Musizieren. Sie schaut den Betrachter direkt an, der Blick ist wissend und ein wenig erschöpft.

Für eine alleinstehende Frau der damaligen Zeit war das Leben als ehrenwerte Kurtisane eine der wenigen Möglichkeiten, um für sich und eventuell vorhandene Kinder Unterhalt zu erlangen.

 

 

Bernardo Strozzi: Eine Gambenspielerin (Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlung Dresden), gemeinfrei

Der Eintritt in ein Kloster wäre eine andere Möglichkeit, aber die hohe Mitgift konnten im Allgemeinen nur Adelige für ihre Töchter aufbringen. Wie auch immer, Vidman stirbt 1648 und Barbara hat nun alleine vier kleine Kinder zu versorgen, denn 1652 muss sie auch ihren Vater zu Grabe tragen. Von der Sängerin Barbara Strozzi hört man kaum mehr etwas, aber nacheinander erscheinen all ihre Werke im Druck. Alle sind sie europäischen Würdenträgerinnen und – trägern gewidmet, und das lässt vermuten, dass die Musikerin auf eine Anstellung als Hofkomponistin gehofft hatte.

Für eine Frau wäre das ein Novum gewesen, aber entschlossen und rebellisch, wie ihre Musik ja war, könnte man sich durchaus vorstellen, dass Barbara Strozzi für sich diesen Lebensweg im Auge hatte. Es wurde nichts daraus.

 

Über ihre letzten Jahre ist kaum etwas bekannt, seit Kurzem erst wissen wir, dass sie noch nicht 60jährig 1677 in Padua starb und in der Chiesa degli Eremitani beigesetzt wurde. Die Musikwissenschaft beschäftigt sich erfreulicherweise recht intensiv mit Barbaras Leben und ihrer Musik und es ist anzunehmen, dass in den kommenden Jahren das eine oder andere Erhellende in Archiven, Bibliotheken oder Kirchenbüchern gefunden wird.

Ihre wundervollen Arien werden seit einiger Zeit wieder entdeckt und beim Hören ist man ergriffen von diesen lebendigen, musikalischen Erzählungen, die da aus der späten Renaissance zu uns herüberklingen.

 

(Dieser Text stammt aus dem Buch „Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik„, das beim Leiermann erschienen ist.)

Fußnoten

[1] Die virtuose Kunst singender Frauen – im Gegensatz zu singenden Kastraten.

[2] Musikwissenschaftlich betrachtet spricht man bei dieser Art des Gesanges von »seconda pratica«. Der Text, das einzelne Wort werden als Leitelement betrachtet und die Verständlichkeit des Inhaltes und somit des Affektes stehen im Vordergrund. Dementsprechend wird die aus den Niederlanden stammende Polyphonie »prima pratica« genannt; sie gibt der reinen musikalischen Form den Vorrang und legt weniger Wert auf Textverständlichkeit.

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