Barry

von Thomas Stiegler

Barry – der Urvater aller Rettungshunde

Er ist fast ein inoffizielles Wahrzeichen der Schweiz und das Fässchen mit dem roten Kreuz, das er um den Hals trägt, ist wohl ebenso berühmt wie sein trauriger Blick oder der bedächtige Gang, mit dem er über die verschneiten Berge seiner Heimat stapft. Und wahrscheinlich genügen schon diese wenigen Worte, um zu erahnen, von wem ich spreche, denn vor unserem inneren Auge ersteht sogleich das Bild dieses weltberühmten Bernhardiners, der zu einem Symbol von Mut und Hilfsbereitschaft geworden ist und der auch genau so Eingang in die zeitgenössische Kultur gefunden hat. Gleichzeitig ist nahezu alles an diesem Bild falsch – vom Fässchen, das er um seinen Hals trug (das es nie gab, doch ein brillantes Beispiel für geschicktes Marketing bleibt) über die einsamen Gänge über beschneite Gipfel (wie wir noch sehen werden, ging keiner dieser Hunde ohne Führer ins Gelände) bis hin zum angeblichen Mord an ihm, der ebenfalls ins Reich der Fiktion gehört (denn in Wahrheit schlief er ruhig und friedlich in seinem Hundebett ein). Doch seien wir einmal ehrlich – warum sollten wir es an dieser Stelle allzu genau mit der Wahrheit nehmen? Dürfen denn Legenden nur in grauer Vorzeit entstanden sein oder können wir nicht bei Geschichten, die unser Herz berühren, ein Auge zudrücken und die Wirklichkeit mit einem Hauch Fantasie anreichern? Ich glaube ja, und daher werde ich in diesem Kapitel zwar auch über die offizielle Geschichte dieses Hundes sprechen, vor allem aber all die Mythen und Legenden einfließen lassen, die im Laufe der Zeit rund um ihn entstanden sind. Wer es trotzdem ganz genau wissen möchte, muss nur die Seite des Naturhistorischen Museums in Bern aufsuchen, wo die Geschichte Barrys akribisch genau beschrieben wird.

Womit auch schon sein Name gefallen ist, und so wollen wir am besten gleich damit beginnen. Der Name Barry könnte sich vom alten Rufwort Bäri ableiten, einem zu jener Zeit geläufigen Rufwort, mit dem die Bauern ihre dunklen Hofhunde herbeilockten. Eine andere Theorie hält es für möglich, dass der Name auf die Stadt Bari anspielt – dort werden die Reliquien des heiligen Nikolaus von Myra verehrt, der als Schutzpatron des Hospizes auf dem Großen St. Bernhard (der Heimat Barrys) gilt. [1]

Anders als bei vielen anderen legendären Gestalten unserer Geschichte haben wir das Glück, erstaunlich viel über diesen Urvater der heutigen Bernhardiner zu wissen. Dabei war Barry selbst noch gar kein echter Bernhardiner, sondern vermutlich ein kräftiger Hofhund, wie es sie damals zu Tausenden in den Schweizer Bergen gab. Geboren wurde er im Jahr 1800 (vermutlich auf einem Bauernhof) und schon als junger Hund gelangte er als Geschenk in die Obhut der Chorherren des Hospizes.

Dieses Hospiz nun thront (fast wie ein Wachtposten der Barmherzigkeit) strategisch günstig an einer Passstraße auf dem Großen St. Bernhard, die das Wallis mit dem Aostatal verbindet, und die einst stark frequentiert war. Doch da der Pass auf über 2500 Metern über dem Meer liegt und die Überquerung selbst in den Sommermonaten voller Gefahren steckte, hatten die Chorherren eigene Bergführer, die sogenannten Marroniers, angestellt, die die verschlungenen Wege abschritten und nach Verletzten oder Verirrten Ausschau hielten. Dabei wurden sie, wie ein Archäozoologe des Naturhistorischen Museums in Bern erklärte, von Hunden begleitet, die mit ihrem scharfen Gehör Hilfsbedürftige leichter ausfindig machen konnten: »Es ist viel einfacher, wenn man drei, vier grosse Hunde vor sich hat. Erstens wissen diese Hunde, wohin sie gehen. Zudem bahnen sie einen Weg durch den tiefen Schnee, was das Gehen einfacher macht. Und zudem haben sie eine gute Nase – alle Hunde haben gute Nasen – und wenn sie irgendwo jemanden rochen, machten sie ihre Führer mit Gebell darauf aufmerksam.« [2] Noch wichtiger aber war ihre Gabe, selbst bei dichtestem Nebel oder Schneegestöber den Weg zurück in das Hospiz zu finden, wo die Verletzten versorgt wurden. Man nimmt an, dass so im Laufe von rund 200 Jahren mehr als 2000 Menschen gerettet werden konnten, was nicht zuletzt der unermüdlichen Hilfe dieser Hunde zu verdanken war.

 

Unter all diesen Hunden nun stach Barry besonders hervor, was nicht nur daran lag, dass er in den mehr als zehn Jahren seines Dienstes am Pass 40 Menschen das Leben rettete (was allein ihn bereits zu Lebzeiten zu einer Legende machte), sondern auch wegen all der Geschichten, die sich um seinen Namen rankten. [3]

So soll er einmal einem Knaben, der sich in einem Schneesturm verirrt hatte und dem Tod ins Auge blickte, das Leben gerettet haben, indem er ihn auf seinem Rücken ins Hospiz trug. Doch damit nicht genug: »Angelangt zogst du an der Klingel der heiligen Pforte, auf daß du barmherzigen Brüdern den köstlichen Findling zur Pflege übergeben könntest, und als die süße Last dir abgenommen war, eiltest du sogleich aufs neue zum Suchen auf und davon.« [4] Diese Geschichte kann freilich nicht ganz der Wahrheit entsprechen, denn selbst die kräftigsten Bernhardiner von heute wären nicht imstande, ein Kind über weite Strecke zu tragen. Es ist daher weit wahrscheinlicher, dass sich hier Wirklichkeit und Legende vermischten. Denn das Bild des Tragens eines Kindes durch eine Gefahr hindurch reicht weit zurück, bis hin zu den Darstellungen des heiligen Christopherus mit dem Jesuskind auf seiner Schulter.

An dieser Stelle können wir auch mit der Legende aufräumen, dass die Rettungshunde ein Fläschchen Rum um den Hals getragen hätten. Dieser Glaube rührt wohl daher, dass die Marroniers ihren Hunden kleine Packsättel umschnürten, in denen sie einige Lebensmittel mit sich führten. Vielleicht schmuggelte man dabei auch das eine oder andere Fläschchen Schnaps hinein (doch eher für die Bergführer selbst als für die Verletzten), doch wie ein Geistlicher des Hospizes einmal feststellte: »Was aber das Rumfläschchen betrifft, so haben die Hunde zu keiner Zeit eines getragen.« [5]

Wie bereits erwähnt sollte Barry mehr als zehn Jahre lang seinen Dienst auf dem Großen St. Bernhard verrichten und in dieser Zeit vierzig Menschen das Leben retten. Der Einundvierzigste jedoch sollte ihn, so die Legende, bei seiner Rettung getötet haben, worauf auch das Zitat auf seinem Denkmal in Cimetière des Chiens hinweist: »Er rettete das Leben von 40 Menschen. Er wurde von der 41. Person getötet.« [6] Diesem Zitat zufolge soll ihn ein französischer Soldat, der ihn im Schneegestöber für einen angreifenden Wolf hielt, erstochen haben, was jedoch den historischen Tatsachen widerspricht. Denn der Prior des Klosters sandte Barry 1812 nach Bern, damit er sich von den Strapazen seines mühevollen Lebens erholen und einen friedlichen Lebensabend verbringen konnte. Und dort starb er auch im Jahr 1814 an Altersschwäche.

 

Nach seinem Tod wurde Barry präpariert und im Naturhistorischen Museum Bern gezeigt, damit seine Taten nicht in Vergessenheit gerieten. Doch war diese Kunst damals noch nicht vollends ausgereift, weshalb auch der Körper zweimal neu präpariert werden musste, ehe sie in der uns heute vertrauten Gestalt die Zeit überdauerte. Dabei wurde jedoch das ursprüngliche Aussehen stark verändert, denn man passte es dem Bild der neu entstandenen Bernhardiner-Rasse an, indem man seinen Kopf vergrößerte und die Beine verlängerte. Auch schien seine ursprüngliche demütige Haltung nicht mehr dem Zeitgeist zu entsprechen, weshalb man sein Bild dem eines heldenhaften Hundes anzugleichen suchte. In dieser Gestalt kann man das Präparat noch heute als Teil der Sammlung der Albert-Heim-Stiftung betrachten, und seit 2014 widmet das Naturhistorische Museum Bern diesem Hund eine eigene Dauerausstellung.

Eine würdige Hommage an einen Hund, der so vielen Menschen das Leben rettete und der bis heute als eines der bekanntesten Symbole der Schweiz gilt.

Fußnoten

1 In Bari werden die Reliquien des heiligen Nikolaus von Myra verehrt; er gilt als Schutzpatron des Hospizes auf dem Großen St. Bernhard. Bernhard von Menthon († um 1081), der Gründer des Hospizes, wurde in Novara bestattet. Quelle: Wikipedia, Artikel »Bernhard von Menthon«, https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_von_Menthon, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

2 SWI swissinfo.ch, Artikel »Barry: Vom Bauernhund zum Nationalhelden«, mit dem Archäozoologen Marc Nussbaum;  https://www.swissinfo.ch/ger/kultur/barry-vom-bauernhund-zum-nationalhelden/40495102, abgerufen am 14. September 2024.

3 Die Angabe von etwa vierzig Geretteten beruht auf der traditionellen Überlieferung, wie sie unter anderem vom Naturhistorischen Museum Bern und in älteren Hospizchroniken weitergegeben wird; ein historischer Nachweis im engeren Sinn existiert nicht.

4 Scheitlin, Peter: Versuch einer vollständigen Thierseelenkunde. Zweiter Band. Druck und Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart/Tübingen 1840, S. 269–271; zitiert nach Wikipedia, Artikel »Barry (Rettungshund)«, https://de.wikipedia.org/wiki/Barry_(Rettungshund), Lizenz: CC BY-SA 4.0, abgerufen am 3. Juli 2024.

5 Nach den Worten eines Geistlichen des Hospizes (1956); zitiert nach Wikipedia, Artikel »Barry (Rettungshund)«, https://de.wikipedia.org/wiki/Barry_(Rettungshund), Lizenz: CC BY-SA 4.0, abgerufen am 3. Juli 2024.

6 Inschrift auf Barrys Denkmal im Cimetière des Chiens (Asnières-sur-Seine); im Original: »Il sauva la vie à 40 personnes. Il fut tué par la 41ème.«

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