Bier versus Wein

 

von Christian Schaller

Bier versus Wein – Kelten, Germanen und Römer im antiken Süddeutschland

Die schöne und fruchtbare Landschaft Süddeutschlands zog schon sehr früh die Menschen an. Der älteste Nachweis der Gattung Homo auf dem heutigen Gebiet Deutschlands stammt in der Tat auch aus dem Süden, genauer gesagt, aus einem Fund bei Heidelberg. Er ist über 500.000 Jahre alt. Doch von dieser vorgeschichtlichen Zeit bis hin zur durchgehenden Besiedlung Mitteleuropas sollten noch einmal Abertausende von Jahren ins Land gehen.

Und auch hier spielt Süddeutschland – zumindest aus Sicht der archäologischen Forschung – eine wichtige Rolle. Als sich während der letzten Eiszeit vor etwa 43.000 Jahren Menschen in Europa niederließen, bewohnten sie auch die zahlreichen Schutz bietenden Höhlen der Schwäbischen Alb. Hier hinterließen sie die ältesten mobilen Kunstwerke und sogar Musikinstrumente der Welt. Die steinzeitlichen Jäger und Sammler, die Europa durchstreiften, wurden um 5500 vor Christus von ersten Bauernkulturen abgelöst. In der nachfolgenden Bronzezeit entwickelten sich die Volksgruppen langsam zu Stämmen. Doch erst die klassischen Griechen gaben diesen Bewohnern Namen, die uns bis heute ein Begriff sind. In Westeuropa wurden sie Kelten genannt, im Osten Europas Skythen. Und die Römer gaben dann schließlich den Völkern Nordosteuropas, die quasi dazwischen lebten, den Namen Germanen. Doch natürlich nannten sich diese frühen Europäer nicht selbst Kelten, Germanen oder Skythen, es waren stark verallgemeinernde Bezeichnungen von außen.

Im eisenzeitlichen Süddeutschland, also in der Zeit zwischen 500 vor Christus bis zur Zeitenwende, lebten Kulturgruppen, die man den Kelten zuordnen konnte. Diese sogenannte Latènezeit war zugleich eine Blütezeit der keltischen Kultur. Diese archäologische Periode wurde nach der Fundstelle La Tène am Neuenburger See in der Westschweiz benannt. Die Stämme der Kelten siedelten damals in weiten Teilen Mitteleuropas, aber auch in Spanien, England, Frankreich, Osteuropa und später sogar in Zentralanatolien.

Hohler Stein bei Krögelhof, Jahrtausendealter Ritualplatz; © geoworld

Die Siedlungen erreichten beträchtliche Ausmaße. Neben der Landwirtschaft und der aufwendigen Keramikproduktion bildete auch die Metallverarbeitung einen wichtigen Wirtschaftszweig. Mit der Zeit entstanden sogenannte Oppida, also stark befestigte Städte, die zugleich zentrale Wirtschaftsorte waren und in denen neben vielen Menschen auch Adel und Priester lebten. Wichtige Oppida lagen zum Beispiel im heutigen Manching bei Ingolstadt oder in Kelheim nahe Regensburg. Im ersten Jahrhundert kam es im Norden zu Auseinandersetzungen mit germanischen Stämmen und im Süden zu Kämpfen mit den Römern. Die Oppida verfielen zusehends.

Um 15 vor Christus eroberten die Stiefsöhne des Augustus, Tiberius und Drusus, das Voralpenland. Bereits zuvor waren Gallien, das heutige Frankreich, und Illyrien, Pannonien sowie Noricum, also die Gebiete an der unteren Donau, an das Römische Imperium geraten. Die Annektierung Süddeutschlands schloss eine wichtige Lücke. Durch die Einrichtung der Provinz Rätien war ein Verbindungsglied zwischen den Nordwestprovinzen und den Donauprovinzen geschaffen worden, was den Verkehr stark erleichterte. Gleichzeitig hatte man einen Puffer geschaffen, der das Mutterland und Rom im Süden gegen Einfälle aus dem Norden besser schützen sollte. In den Jahrzehnten nach der Zeitenwende wurde Süddeutschland immer mehr romanisiert und zugleich die Außengrenzen des Reiches weiter nach Norden verschoben – erst an die Donau, dann darüber hinaus. Nun ergab sich eine strategisch und verteidigungstechnisch etwas ungünstige Situation: Zwischen dem nach Norden fließenden Rhein im Westen und der nach Osten fließenden Donau gehörte ein großes, ungefähr dreieckiges Gebiet zum Reich, das jedoch über kaum natürliche Außengrenzen verfügte. Dieses sogenannte Dekumatland (auch als »Zehntland« bezeichnet, weil man den zehnten Teil der Erzeugnisse an den römischen Kaiser abgeben musste) entsprach in großen Teilen dem modernen Baden-Württemberg. Hier baute man dann den Obergermanisch-Rätischen Limes aus, ein System aus Mauern, Türmen und Kastellen.

Die Römer brachten ihren Lebensstandard mit in die Region – Wein und Olivenöl, Theater und Thermen. Die keltischen Ureinwohner vermischten sich mit der Zeit mit den romanischen Siedlern. Im dritten Jahrhundert nach Christus geriet das Imperium dann jedoch in eine ausgewachsene Reichskrise, und Süddeutschland wurde von einer Katastrophe heimgesucht, welche die Geschichte des Landstriches über Jahrhunderte prägen sollte. Das Dekumatland wurde im Jahr 260 von germanischen Stämmen überrannt und erobert. Die Römer zogen sich nun hinter »nasse« Verteidigungslinien zurück – Rhein, Bodensee, Iller und Donau bildeten die neuen Grenzen zum freien Germanien. Im heutigen Baden-Württemberg lebten fortan die Alemannen. Im Mittelalter sollten sie ein Stammesherzogtum bilden, aus dem sich schließlich Schwaben entwickeln sollte. Die Provinz Rätien im Osten blieb weiterhin römisch. Währenddessen schritt auch die Christianisierung immer weiter fort, sowohl im Reich als auch in Süddeutschland. Als das Weströmische Reich dann 476 unterging, verblasste allerdings auch hier die römische Zentralgewalt rasch. In den Wirren der Völkerwanderungszeit konnten sich einige süddeutsche Ortschaften dennoch erhalten: Konstanz am Bodensee und Kempten im Allgäu waren in der Spätantike Grenzposten geworden. Regensburg am nördlichsten Donaubogen war ein Legionslager, wurde aber nach dem Abzug der Soldaten aufgrund seiner mächtigen Steinmauern auch weiterhin bewohnt und entwickelte sich sogar zur Hauptstadt der Bajuwaren und damit zu einer ersten Hauptstadt des Vorgängers von Bayern. Die ehemalige Provinzhauptstadt Augsburg verkleinerte sich stark, blieb jedoch ebenfalls durchgängig besiedelt. Alle genannten Städte sollten sich dann im Mittelalter zu selbstbewussten und wohlhabenden Reichstädten entwickeln, also zu autonomen Stadtstaaten, die im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, einem historischen Vorläufer Deutschlands, nur dem Kaiser und sonst keiner anderen Autorität unterstellt waren. In Baden-Württemberg hatte es das römische Erbe viel schwerer. Hier sollten die Alemannen die prägende Kraft sein, die in der Völkerwanderungszeit und damit am Übergang von der Antike zum Mittelalter Siedlungen und Städte gründeten – so zum Beispiel auch in der direkten Umgebung von Stuttgart oder am obersten Donauhafen Ulm.

Alte antike Amphoren; © e.m.mitroshin.gmail.com

Doch nun aber die abschließende Frage: Was trank man in dieser turbulenten Zeit der Antike, in denen sich Kelten, Römer und Germanen bekriegten, aber viel mehr noch friedlich zusammenlebten und vermischten? Schon im Altertum gab es Bier und Wein. Dass die Römer am liebsten Wein tranken und die bierliebenden Germanen als Barbaren betitelten, ist wohl wahr, aber auch ein bisschen übertrieben.

Auch die Bewohner des Römischen Reiches tranken gerne Bier, ebenso wie Germanen und vor allem Kelten Wein liebten. Und auch heute gibt es dahingehend noch seichte Vorurteile: In Baden-Württemberg gibt es zahlreiche preisgekrönte Weinanbaugebiete, also ist doch wohl klar, was man dort trinkt. Und Bayern ist geradezu weltbekannt für seine Braukunst und seine Biergärten, also stellt sich auch hier diese Frage nicht. Eine diplomatische Antwort ist aber ebenso einfach: Wenn man Alkohol trinkt, dann kann beides wunderbar schmecken und ein Gericht perfekt abrunden. Die Mischung macht‘s. Zugleich gibt es im 21. Jahrhundert auch gelungene alkoholfreie Alternativen.

Um dieses Kapitel zur Antike abzurunden, wird hier noch ein antikes Rezept für römischen Gewürzwein aufgeführt. Es stammt aus dem Kochbuch des Apicius, eines berühmten Feinschmeckers, der um die Zeitenwende in der Nähe von Köln lebte. Es wurde leicht abgewandelt, um es den heutigen Geschmacksvorlieben anzupassen. Das Conditum Paradoxum, der »paradoxe Gewürzwein«, vereint trockenen Weißwein mit fruchtig-kräftigen Honignoten und ist darum eine Art Symbiose aus Wein und Bier.

 

Rezept für antiken römischen Gewürzwein (Conditum Paradoxum):

Zutaten:

250 g Honig
2 l Wein (am besten Retsina)
30 schwarze Pfefferkörner
20 Lorbeerblätter
2 Datteln
Safran

Den Honig mit etwa 0,25 l des Weins in einen Topf geben, kurz aufkochen und dann alle Gewürze und Zutaten hineinwerfen. Den Herd ausstellen und alles zugedeckt in Ruhe ziehen lassen, bis der Wein erkaltet ist. Alternativ den Wein direkt nach dem Ausschalten des Herdes kühlstellen.

Den Würzwein ziehen lassen. Je länger, desto intensiver der Geschmack. Zum Schluss den restlichen Wein auffüllen und alles durchseihen. Auch hier gilt: Je mehr Wein aufgefüllt ist, desto schwächer kommt die Würze am Ende zum Tragen.

Verwendete Literatur

Kochbücher und Fachbücher über Esskultur und Kulinarik:

  • Adalbert-Raps-Stiftung (Hg.): Die junge bayerische Küche. Von Tradition und neuen Einflüssen. Odenthal 2021.
  • Albala, Ken: Food in early modern Europe. Westport 2003.
  • Ars Vivendi (Hg.): Gesse wird deheim: Das Kochbuch badischer Landfrauen. Spangenberg 2013.
  • Berschti, Hannes, Reckewitz, Marcus: Von Absinth bis Zabaione. Berlin 2002
  • Etzelsdorfer, Hannes (Hg.): Küchenkunst und Tafelkultur. Culinaria von der Antike bis zur Gegenwart. Wien 2006.
  • Hirschfelder, Gunther: Europäische Esskultur. Eine Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute. Frankfurt 2001.
  • Mangold, Matthias: Die Schwäbische Küche – Regionale Spezialitäten. Stuttgart 2011.
  • Neumüller, Franziska: Bayerische Schmankerl – 303 Rezepte von klassischen Schmankerln bis zur neuen bayerischen Küche inkl. regionaler Spezialitäten!. Wien 2021.
  • Ott, Christine: Identität geht durch den Magen. Mythen der Esskultur. Frankfurt 2017.
  • Peter, Peter: Kulturgeschichte der deutschen Küche. München 2008.
  • Peter, Peter: Kulturgeschichte der österreichischen Küche. München 2013.
  • Prato, Katharina: Die Süddeutsche Küche. Innsbruck 1897.

 

Historische Fachliteratur:

  • Begleitband zur Ausstellung des Landes Baden-Württemberg im Kunstgebäude Stuttgart, 1. Oktober 2005 bis 8. Januar 2006 ; [Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2005 …]. Esslingen am Neckar 2005.
  • Czysz, Wolfgang / Dietz, Karlheinz / Fischer, Thomas: Die Römer in Bayern. Hamburg 2005.
  • Diefenbacher, Michael: Nürnberg: Kleine Stadtgeschichte. Regensburg 2017.
  • Dotterweich, Volker (Hg.): Geschichte der Stadt Kempten. Kempten 1989.
  • Freier, Peter / Ute, Freier: Baden-Württemberg: 60 Ausflüge in die Geschichte. Stuttgart 2013.
  • Freitag, Matthias: Kleine Regensburger Stadtgeschichte. Regensburg 2007.
  • Gottlieb, Gunther (Hg.): Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart. Stuttgart 1984.
  • Heydenreuter, Reinhard: Kleine Münchner Stadtgeschichte. Regensburg 2007.
  • Hubenstetter, Benno: Bayerische Geschichte. Staat und Volk, Kunst und Kultur. Rosenheim 2013.
  • Kirn, Daniel: Stuttgart. Eine kleine Stadtgeschichte. Erfurt 2007.
  • Kunth Verlag (Hg.): Das Bayern Buch: Highlights eines faszinierenden Landes. München 2016.
  • Patzer, Georg: Kleine Geschichte der Stadt Karlsruhe. Karlsruhe 2014.
  • Schmidt, Richard: Deutsche Reichsstädte. München 1957.
  • Susanne, Schmid (Hg.): Imperium Romanum – Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau
  • Weber, Reinhold / Wehling, Hans-Georg (Hg.): Geschichte Baden-Württembergs. München 2007.
  • Zang, Gert: Kleine Geschichte der Stadt Konstanz. Karlsruhe 2010
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