Bronislava Nijinska

 

von Anja Weinberger

Bronislava Nijinska

 

von Anja Weinberger

Bronislava Nijinska wurde – wie auch ihr berühmter Bruder Vaclav – in Minsk während einer Tournee der Eltern geboren und in Warschau getauft. Beide Elternteile waren selbst Tänzer polnischer Herkunft und traten in Provinztheatern des Russischen Reiches auf.

Die Kinder waren also von Geburt an vom Tanz umgeben. Bronja, wie sie meist genannt wurde, besuchte gemeinsam mit ihrem älteren Bruder die Kaiserliche Ballettschule in Sankt Petersburg. Ihre Karriere verlief recht steil, und bald war sie eine adäquate Tanzpartnerin für ihren innovativen, charismatischen, aber unsteten Bruder Vaclav. Mit ihm gemeinsam konnte sie auch abseits der offiziellen Proben neue Tanzschritte ausprobieren und die beiden waren ein eingeschworenes Trainingsteam.

In der Truppe, die 1909 zu Diaghilev nach Paris ging und als ›Les Ballets Russes‹ Ballettgeschichte schrieb, war natürlich auch Bronislava. Anfangs tanzte sie im Corps de Ballet, wurde jedoch bald auch für kleinere solistische Partien eingesetzt und schließlich als Solistin. Sie sollte u. a. die ›Auserwählte Jungfrau‹ tanzen in der Uraufführung von Stravinskys Sacre du printemps. Ihre Schwangerschaft, sie hatte 1912 den Tänzer Aleksander Kochetowsy geheiratet, verhinderte dies leider. Jedoch entwickelte sie gemeinsam mit ihrem Bruder die so neuartige, schwer zu tanzende und skandalträchtige Choreografie zu Stravinskys Musik.

Während des Ersten Weltkriegs und bis 1921 lebten Bronja und ihr Ehemann in Russland. Nicht am Mariinskitheater setzte sie ihre Karriere fort, sondern in der freien Theaterszene. Sie trat in Klassikern auf, aber auch mehr und mehr in experimentellen Stücken. Ihre Technik wird von zeitgenössischen Kollegen als außerordentlich ›männlich‹ beschrieben, denn sie konnte höher springen als ihre Kolleginnen und tanzte kraftvoll und raumgreifend – all das gepaart mit einer einmaligen Weichheit der Bewegung.

Schließlich gründete sie in Kiew eine Ballettschule[1] und begann zu choreografieren – nun hatte sie ihren Platz gefunden. Diese ›russischen Jahre‹ waren schwere Jahre, es fehlte an allem, jedes Engagement musste angenommen werden, um das Überleben zu sichern. Nur selten wollte das Publikum neue Choreografien sehen, sondern hauptsächlich in den berühmten Tänzen der ›Ballets Russes‹ schwelgen.

1921 verließ Bronislava mit ihrer Mutter und den beiden Kindern Irina und Leon Russland endgültig; unterdessen hatte sie sich vom untreuen Ehemann getrennt. In Wien besuchte sie ihren kranken Bruder und war erschüttert von dessen schlechtem Zustand[2]. Sie schloss sich ein zweites Mal den ›Ballets Russes‹ an, diesmal in ihrer neuen Rolle als Choreografin und Regisseurin der Avantgarde. Aber sie führte auch die Arbeit ihres genialen Bruders fort, der unterdessen selbst nicht mehr auftreten konnte, indem sie seine Choreografien tanzte und weitergab. Hätte ich ein Ticket für eine Zeitreise, oder sogar zwei, so würde ich zu gern zuerst Vaclav seine Choreografie L’après-midi d’un faune bei der Uraufführung 1912 tanzen sehen und anschließend Bronislava ihre Version des Jahres 1922.

 Zurück bei den ›Ballets Russes‹ bestand ihre erste Aufgabe in der Wiederaufnahme des Petipa-Klassikers La Belle au bois dormant, dem sie einige von ihr choreografierte Nummern im 3. Akt hinzufügte. Und auch bei den folgenden Projekten konnte sie Diaghilev mit ihrer Arbeit beeindrucken. Das Geld war wieder einmal knapp beim umtriebigen Ballettimpresario, aber Bronislava bewies Durchhaltevermögen, das sich mit sehr guten Ideen paarte. Kurz gesagt: Die junge Choreografin verband sehr gekonnt traditionelle Kunst mit radikaler Innovation.

 

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Im Jahre 1923 wird Les Noce[3] mit der Musik von Igor Stravinsky und Bronislavas Choreografie uraufgeführt. Rückblickend wird dieses Werk, bestehend aus vier Szenen einer russischen Bauernhochzeit, als erstes protofeministisches Ballett in die Geschichte eingehen. Die Choreografin betont weniger den fröhlichen Aspekt einer Hochzeit als vielmehr das beklemmend Restriktive für die dabei beteiligte Frau.

Und schon ein Jahr später folgt Les Biches[4]: Die Musik stammt von Poulenc, das Bühnenbild von Marie Laurencin und die Choreografie von Bronislava Nijinska. Dieses Kleeblatt harmonierte bestens und fabrizierte ein modernes ›fête galante‹[5]. Ideenreich, modern, aber trotzdem geprägt vom klassischen Ballett – der Neoklassizismus war geboren. Und Nijinska drehte den maskulin-femininen Spieß um: Die drei männlichen Tänzer des Balletts werden zu wehrlosen Objekten eines libidinösen weiblichen Blicks. Dieser doch überraschende Kunstgriff hat ihr bei den eigenen Geschlechtsgenossinnen viel Lob eingebracht und überraschenderweise auch beim Publikum im Allgemeinen. Les Biches wurde, wie auch im folgenden Jahr Le Train bleu[6], zu einem Riesenerfolg.

Jedes Jahr mindestens ein großes Bühnenwerk, jedes Jahr intensive Arbeit, jedes Jahr begeistertes Publikum. Bronja war die erste Frau, die als Choreografin weltweiten Erfolg hatte.

 

1924 heiratete sie in zweiter Ehe den Tänzer Kolya Singaevsky, sie verließ die ›Ballets Russes‹ und arbeitete in der Folgezeit mit vielen Ballettkompanien in Europa und Südamerika. 1928 choreografierte Bronislava für Ida Rubinstein zunächst den dieser Tänzerin gewidmeten Boléro von Ravel und kurz darauf Le baiser de la fée[7] beides sehr große Erfolge für Tänzerin und Choreografin.

1932 gründete sie schließlich eine eigene Kompanie, mit der sie ihre alten, aber auch neue Choreografien einstudierte und häufig auf die Bühnen der Welt brachte. Und weitere Höhepunkte folgten: 1934 bat Max Reinhardt Bronislava nach Los Angeles, um die Tanzszenen für seinen Film A Midsummer Night’s Dream zu choreografieren.

Den Beginn des Zweiten Weltkriegs erlebte Bronislava in London,  packte jedoch mit ihrer Familie die Gelegenheit beim Schopf, im Jahr 1939 in die USA auszuwandern. Zuvor musste sie allerdings noch eine traurige Pflicht erfüllen. Relativ unerwartet war der große russische Opernsänger Fjodor Iwanowitsch Schaljapin in Paris gestorben; er war die große Liebe ihres Lebens gewesen, und umgekehrt galt das Gleiche, jedoch hatte den beiden Liebenden immer irgendetwas im Wege gestanden; über die vielen Jahre waren Bronja und Schaljapin sehr gute Freunde geblieben – nun musste sie erleben, wie er zu Grabe getragen wurde.

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In Los Angeles eröffnete Bronislava eine Ballettschule und arbeitete auch weiterhin als begehrte Ballettmeisterin und Choreografin für Kompanien in New York, Bordeaux, Paris, Warschau, Monte Carlo, London und Venedig – 1945 beispielsweise für das ›Grand Ballet du Marquis de Cuevas‹, ab 1964 für das ›Royal Ballet‹ in London und ab 1967 leitete sie das ›Buffalo Ballet Theater‹, meist unterstützt von ihrer ebenfalls tanzenden Tochter Irina.  

Die innovative, kreative, weitgereiste und nimmermüde Primaballerina, Choreografin, Regisseurin, Pädagogin, Ideen- und Ratgeberin Bronislava Nijinska starb 1972 in Pacific Palisades, Kalifornien. Ihr uns hinterlassenes Erbe ist riesig.

Dieser Text entstammt dem Buch Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik von Anja Weinberger, das 2023 beim Leiermann erschienen ist.

Fußnote

[1] Hier entdeckte sie das junge Talent Serge Lifar.

[2] Der »Gott des Tanzes« litt unter Schizophrenie, sprach nicht und lebte in einer Parallelwelt.

[3] Die Hochzeit

[4] Hindinnen oder Hirschkühe, meist in der freien Übersetzung vom Arbeitstitel »Les Desmoiselles«, also Fräulein.

[5] Dt. »galantes Fest«. Ursprünglich wird damit eine aus dem Rokoko stammende Bildkomposition von z. B. Watteau und seinen Zeitgenossen bezeichnet, in der verliebte Paare in ländlicher oder romantischer Umgebung dargestellt sind.

[6] Musik: Darius Milhaud, Libretto: Jean Cocteau, Kostüme: Coco Chanel, Bühnenvorhang: Pablo Picasso und das kubistische Bühnenbild von Henri Laurens

[7] Der Kuss der Fee

Anja Weinberger im Leiermann-Verlag

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