Der Camembert

von Anja Weinberger

Es gibt viele Markennamen, die in der Alltagssprache verallgemeinernd benutzt werden. Als »Deonym« wird ein solches Wort bezeichnet und meint damit Wortschöpfungen, die von Eigennamen abgeleitet worden sind. Das vermutlich bekannteste Deonym der deutschen Sprachentwicklung ist »Tempo« für das zugegebenermaßen umständliche Wort »Papiertaschentuch«. Tempotaschentücher waren sehr schnell sehr erfolgreich, und so wurde der eingängige Markenname in verkürzter Form von uns adoptiert. Andere alltägliche Beispiele sind Uhu, Tesa, Tupper, aber auch Nutella. Ebenso können Verben auf diesem Weg entstehen – »röntgen« gehört dazu und das in neuster Zeit gern verwendete »googeln«.

Aber hätten Sie gedacht, das auch der Camembert in dieser Kategorie zuhause ist? Der leckere französische Käse stammt ursprünglich aus dem Dörfchen Camembert in der Normandie und wurde schlicht und ergreifend nach seinem Produktionsort benannt. Längst nennen wir in der Alltagssprache aber jeglichen Weißschimmelkäse Camembert … Mir war bis zu dem Augenblick, an dem wir bei einer Frankreichreise den Wegweiser erblickten, gar nicht bewusst, dass es dieses Örtchen gibt. Sogleich habe ich »gegoogelt« und erfuhr, dass zahlreiche französische Leckereien nach ihrem Herkunftsort benannt sind. Der Brie und der Calvados sind dabei nur zwei wohlschmeckende Beispiele.

Natürlich sind wir dem Schild nach Camembert gefolgt und so in dem winzigen Dörfchen gelandet, das sich durch und durch dem Käse verschrieben hat. Auf einem der Höfe lässt sich die Geschichte des Camembert und seiner Herstellung im liebevoll eingerichteten Museum gut nachvollziehen. Und selbstverständlich kann man im angeschlossenen Verkauf verschiedene Sorten kosten.

Das haben wir erfahren: Die Bäuerin Marie Harel, geboren am 28. April 1761, lebte hier. Während der französischen Revolution wagte sie es, einen Kirchenmann aus Brie zu verstecken, der ihr zum Dank für Schutz und Unterkunft die Geheimnisse der Käseherstellung seiner Heimat verriet. Marie war fleißig und einfallsreich, so dass sie das ihr anvertraute Rezept sorgfältig befolgte und sogar verbesserte. Napoleon III. liebte den Weißschimmelkäse und verhalf ihm zu großer Popularität. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde der Camembert schließlich in den noch heute verwendeten Holzschächtelchen verkauft und war auch in den großen Kriegen wichtiger Proviant für die Soldaten an der Front.

Möglicherweise ist an dieser Geschichte nicht alles wahr, jedoch glauben wir es gern. Vom üppigen Grün, das uns umgibt, und dem zum Käse genossenen Cidre sind wir milde gestimmt und lassen etwaige geschichtliche Ungenauigkeiten außer Acht.

Hier, in dieser hügeligen, von Hecken durchzogenen Landschaft voller Kühe, Kälber, Apfel- und Nussbäume haben viele Orte einem Käse zu seinem guten Namen verholfen. Gleich fallen einem da Pont l’Evêque, Livarot, Neufchâtel, und ein bisschen weiter entfernt Meaux und Melun ein – aber nur der Camembert hat es geschafft, zu einem Deonym zu werden. Auf diesem Weg wird nun also für uns der eine oder andere seiner wohlklingenden und wohlschmeckenden »käsigen« Kollegen schlicht und ergreifend zum Camembert.

Dieser Text ist die Kulturgeschichte zum 28. April aus dem Buch Kulinarische Kalendergeschichten, das beim Leiermann erschienen ist.

Von Anja Weinberger im Leiermann-Verlag erschienen: