Carl Philipp Emanuel Bach

von Anja Weinberger

Carl Philipp Emanuel Bach- von Beruf weit mehr als Sohn

 

Viele von uns kennen Carl Philipp Emanuel Bach vor allem als Sohn des großen Johann Sebastian Bach. Doch zu Lebzeiten der beiden war das ganz anders. Sprach damals jemand vom „großen Bach“, so war Carl Philipp gemeint, nicht sein Vater Johann Sebastian.

Hier seine Geschichte.

‚Ich wurde geboren am 8. März 1714 in der schönen Stadt Weimar. Mein Vater war dorthin vor einigen Jahren als Hoforganist berufen worden. Meine Mutter Maria Barbara Bach hatte vor mir schon 4 Kinder zur Welt gebracht, von denen zwei bald starben. Mein Taufpate war Georg Philipp Telemann, ein Freund meines Vaters. Später in meinem Leben sollte diese Verbindung noch von großem Interesse sein.

Als ich drei Jahre alt war zogen wir nach Köthen, wo wir 6 Jahre verbringen sollten. Die Familie wächst weiter, zwei Brüder kommen noch dazu. Und dann das Fürchterliche: meine Mutter stirbt völlig unerwartet und das, als mein Vater nicht in der Stadt weilt, sondern zwei Monate mit dem Hof in Karlsbad verbringen musste. 1721, da war ich 7 Jahre alt, heiratete mein Vater ein zweites Mal. Meine Stiefmutter Anna Magdalena Bach, eine hervorragende Sängerin, wird ihm in den folgenden Jahren noch 13 Kinder schenken, von denen 6 die ersten Jahre überleben.

1723 zogen wir alle dann nach Leipzig, denn mein Vater wurde Thomaskantor. Und dort an der Thomasschule wurde auch ich von ihm erzogen. Lebhaft ging es zu in unserer Kantorenwohnung. Mein Vater unterrichtete viele Schüler am Cembalo, Kollegen kamen häufig zu Besuch, die eigene Kinderschar war groß. Auch nach der Schule wurden wir Söhne vom Vater am Klavier und in der Komposition unterrichtet. Wir hatten großes Glück.

Ich komponierte vorerst kleine Formen – Märsche, Menuette und Sonatinen. Von Anfang an hatte ich den Drang, anders zu schreiben, als meine Lehrer. Dieser ermunterte mich dazu, nicht zu imitieren, sondern selbst kreativ zu sein.

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1731 entschied ich mich für das Jurastudium. Ich blieb vorerst in Leipzig und selbstverständlich musizierte und komponierte ich weiter. Drei Jahre später setzte ich dann meine Studien in Frankfurt/Oder fort. Dort konnte ich mir Geld als Klavierlehrer dazuverdienen und wurde außerdem Mitglied des Collegium Musicum. Interessant war für mich, dass ich so der väterlichen Aufsicht entkommen konnte. Anders als in Hamburg oder Erfurt gab es hier niemanden, der über mich nach Hause berichten konnte. Ich fand viele gute Bekannte, besonders  verstand ich mich mit Ludwig Wilhelm und Ernst Wilhelm Happe, den beiden Söhnen des späteren preußischen Kriegsministers. Auch begegnete ich hier zum ersten Mal den Gedanken der Aufklärung.

Die wenigen Frankfurter Jahre waren sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung. 1738 schloss ich meine Studien schließlich ab. Doch einer akademischen Laufbahn zu folgen, das konnte ich mir nun doch nicht vorstellen. Allerdings war es gut, diese Ausbildung in der Tasche zu haben, denn viele höhere Musikerstellen wurden nur mit Akademikern besetzt. Auch Händel und mein Bruder Wilhelm Friedemann sind diesen Weg gegangen. Die Musik hatte mich nun einmal von Geburt an in ihren Bann gezogen und so folgte ich auch jetzt – 24jährig – ihrem Ruf.

Vermutlich war er durch eine Kantate auf mich aufmerksam geworden, die ich anlässlich seines Geburtstages komponierte. Jedenfalls rief mich der preußische Kronprinz Friedrich (der spätere Friedrich der Große) als Cembalist in seine Kapelle nach Ruppin. Für diese Stelle habe ich sogar das Angebot einer Bildungsreise nach Italien an der Seite  Heinrich Christian Keyserlingks ausgeschlagen.

Nach der Krönung Friedrichs im Jahre 1740 zum preußischen König erhielt ich dann eine Festanstellung als Konzertcembalist, 1746 wurde ich Kammermusikus. Mein Privileg war es, den Flöte spielenden König auf dem Cembalo zu begleiten.

Am preußischen Hofe war die Crème de la Crème der europäischen Instrumentalmusik versammelt. Ich lernte Johann Joachim Quantz kennen, den genialen Flötisten, Flötenbauer, Komponisten und Flötenlehrer des Königs. Außerdem waren da die Gebrüder Graun und die böhmischen Gebrüder Benda, alle Komponisten und Violinvirtuosen erster Klasse.

Ich kann ohne überheblich klingen zu wollen sagen, dass auch ich einer der berühmtesten „Claviristen“ Europas war. Für mein Lieblingsinstrument, das Cembalo, habe ich rund 150 Sonaten und über 50 konzertante Stücke geschrieben – alle in dem so gerühmten neuen deutschen Stil. Denn ich hatte ja das Glück, in diesen spannenden Moment der Veränderung hineingeboren worden zu sein. Auf der einen Seite die Musik der Generation meines Vaters – Stichwort Kontrapunkt, Generalbass  und Polyphonie – auf der anderen Seite der Drang zu einer neuen musikalischen Ausdrucksweise, der v.a. vom Dresdner Hof und dann auch von den Opern Glucks ausging.

In diesem neuen, später empfindsam genannten Stile fühlte ich mich sofort zuhause. Ich befreite die Oberstimme, ich wollte Gedanken denken voller Schönheit und Esprit. Ich versuchte individuelle und unverwechselbare Themen zu formulieren. Handelte es sich um ein Gesangsstück, so versuchte ich den Text treffend zu deklamieren, den Affekt unmittelbar umzusetzen. Und so wurden z.B. meine Vertonungen der Oden und Lieder Christian Fürchtegott Gellerts fünfmal alleine bis 1784 herausgegeben. Sie machten mich von heute auf morgen zu einem der berühmtesten Liedkomponisten des Landes. Ich war hocherfreut, wenn ich beim Vorbeigehen eine Marktfrau oder einen Handwerker eines meiner Lieder trällern hörte. Die Musik war im Volk angekommen, sie feierte nicht mehr nur Gott, sondern war auch ein Ausdruck reiner Lebensfreude.

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1744 habe ich übrigens meine Johanna Maria geheiratet, wir waren glücklich zusammen und  bekamen drei Kinder. Einer meiner Söhne wurde Jurist, wie ich es auch hätte werden können, und ein anderer Kunstmaler.

1749 erkrankte mein Vater schwer. Die Stadt Leipzig musste über eine Nachfolgeregelung für die Thomaskirche nachdenken. Mein Vater bat mich und meinen älteren Bruder Wilhelm Friedemann, der zu dieser Zeit Musikdirektor und Organist an der Marienkirche in Halle war, um die Einreichung von „Probe-Musicen“. Ich schrieb mein Magnificat, dem ich dann viele Jahre später in unserer Hamburger Zeit noch  in manchen Sätzen Trompeten und Pauken beigab. Das Werk wurde in ganz Europa sehr bekannt und beliebt.

Die Thomaskantorenstelle wurde damals übrigens Johann Gottlob Harrer zugesprochen, protegiert von Heinrich von Brühl. Der, sächsischer Premierminister, und der Leipziger Bürgermeister Born wollten wohl auf diesem Wege auch den unbotmäßigen Angestellten Bach maßregeln, der ihrer Ansicht nach zu viel Wert auf höchste Qualität in der Kirchenmusik legte. Mir sollte das recht sein, denn unsere Bewerbungen gaben wir vor allem dem Vater zuliebe ab.

Als dieser dann 1750 starb, war es trotz unserer eher distanziert zu nennenden Verbindung ein harter Schlag. Der Tod des Vaters macht einen Mann erst wirklich erwachsen. Kaum zu glauben, dass wir nie wieder vierhändig spielen sollten, nie wieder seiner Aufforderung „Musizieren wir!“ folgen könnten. Meinen Bruder Wilhelm Friedemann traf des Vaters Tod wohl noch härter, er verbrachte viel mehr Zeit mit dem Vater, stand ihm auf besondere Art nahe. Ich nahm nun meinen jüngsten, noch unmündigen Bruder Johann Christian in die Familie auf. Er war mit seinen noch nicht einmal 15 Jahren ein talentierter Lehrbursche und ausgezeichneter Kopist. Später wurde auch aus ihm ein großer Komponist, noch berühmter als ich sollte er eine Zeit lang sein.

1753 schließlich stellte ich fest, dass das immer häufigere Vorkommen von Amateurmusikern dringend nach einem ordentlichen Schulwerk verlangte. Ein Jahr zuvor hatte Quantz seinen „Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen“ mit aus dem gleichen Grunde herausgegeben. Und so entstand also mein Lehrwerk in zwei Bänden. Ich nannte es „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“. 1756 hat dann übrigens Leopold Mozart mit dem „Versuch einer gründlichen Violinschule“  Ähnliches für Streicher getan.

Meine Schule geht nicht nur auf das eigentliche Klavierspiel ein, sondern lehrt auch den guten Geschmack und so manch Theoretisches. Haydn, Mozart und Beethoven haben das Buch gründlich studiert. Nicht beabsichtigt habe ich, dass auf diesem Wege das Orgelspiel in den Hintergrund gerückt wurde. Klaviere standen in beinahe jedem bürgerlichem Haushalt, die Orgeln in den Kirchen und wurden ja nur bei Gottesdiensten benützt. Ich selbst spielte auch so gut wie gar nicht mehr die Orgel und habe nur wenig für das Hauptinstrument meines Vaters komponiert.

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Im selben Jahr besuchte mich der berühmte Dresdner Hofkapellmeister Johann Adolph Hasse gemeinsam mit seiner Frau, der venezianischen Sängerin Faustina Bordoni. Ich bewunderte seine Operntriumphe und er mein Cembalospiel. Die beiden waren DAS Sensations-Künstlerpaar – die europäischen Zeitschriften versäumten keine ihrer Streitereien und keine ihrer Versöhnungen –  und wir mochten uns sehr.

In meiner Berliner Zeit schrieb ich mehr als 300 Werke, der größte Teil davon ist Kammer – und Klaviermusik. Meine „Preußischen und Württembergischen Sonaten“ gelten als bedeutendstes Zeugnis der neuen Stilbildung auf dem Gebiet der Klaviersonate. Ihren Namen haben sie, weil sie Friedrich II. von Preußen und Carl Eugen von Württemberg – auch einer meiner Schüler – gewidmet sind.

In der Zeit des Siebenjährigen Krieges von 1756 bis 1763 hatten wir Musiker erhebliche finanzielle Einbußen hinzunehmen. Als höfische Bedienstete erhielten wir unser Geld in Form von Kassenscheinen. Diese verloren im Laufe des Krieges immer mehr an Wert. Zum Glück hatte ich auch viele Privatschüler und verdiente zusätzlich durch die Veröffentlichung meiner Werke. Aber auch die Kammerkonzerte Friedrichs fanden in den Kriegsjahren nur in sehr kleiner Zahl statt. Für mich also eine wenig erfüllte Zeit. Dieser Krieg war wirklich eine überflüssige und ärgerliche Angelegenheit. Zusätzlich hatte sich die Stimmung am Königshofe in letzter Zeit eingetrübt. Immer wieder gab es Streitigkeiten, vor allem in der Zusammenarbeit mit Christoph Nichelmanns, dem zweiten Cembalisten am preußischen Hofe.

Neben dem höfischen Leben hatte ich zum Glück ein erfülltes bürgerliches Dasein. Mein Freundeskreis war bunt. Lessing, Agricola, Krause, Gleim, Nicolai, Moses Mendelssohn, Anna Louisa Karsch, die Itzigs – mit ihnen und noch vielen anderen konnte ich diskutieren und auch bei manchem Ausflug auf der Spree das Leben genießen. Wir gründeten nach englischem Vorbild Klubs und ich trat ein in die erste Berliner Liedschule. Aus diesen herzlichen Verbundenheiten entsprangen mir die „24 Charakterstücke“, in denen ich meine Freunde und auch ihre Frauen porträtierte.

Erfreulich war der enger gewordene musikalische Kontakt zu Anna Amalia, der Schwester des Königs, selbst eine sehr begabte Musikerin. Im Gegensatz zu ihrem Bruder war sie eine recht revolutionäre Komponistin, sehr interessiert am expressiven Stil der neuen Zeit. Sie mochte meine unbändige, subjektive und leidenschaftliche Tonsprache. 1767 macht sie mich zu ihrem Kapellmeister. Der König dagegen gefiel sich eher im konservativen, galanten, rokkokohaften Stil. Vermutlich war auch das ein Grund, warum meine Unzufriedenheit mit der Zeit wuchs.

Ebenfalls 1767 starb mein Patenonkel Georg Philipp Telemann. In Hamburg hatte er im Laufe von über 40 Jahren nach anfänglichen Schwierigkeiten Großartiges aufgebaut. Er starb als angesehener und vermögender Mann. Ich bat Friedrich um den Abschied, dem er gar nicht gerne und erst nach langem Hin – und Her zustimmte. Und so übernahm ich Telemanns Stelle als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum im April 1768. Hier in Hamburg im hohen Norden war ich nicht mehr Diener, auch nicht Angestellter, sondern vom Senat berufen. Unterdessen war ich über 50 Jahre alt und in der ganzen musikalischen Welt bekannt als „der große Bach“.  An den 5 Hamburger Hauptkirchen sollten jährlich mehr als 200 Aufführungen stattfinden, eine große Arbeitslast, der ich nur durch geschicktes Planen und auch durch Aufführungen der Werke anderer Komponisten begegnen konnte. Ich verdiente hervorragend und konnte es mir auch erlauben, meine Werke im Eigenverlag herauszugeben. Darüber hinaus war genug Geld da, um bedürftige Familienmitglieder zu unterstützen. Wir Bachs hatten nach wie vor recht engen Kontakt und waren immer bemüht, einander zur Seite zu stehen.

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Ich führte regelmäßige Konzertabende ein. Dabei legte ich gleichermaßen Wert auf meinen Geschmack, als auch auf den des Publikums. Wieder schloss ich sehr schnell Freundschaften mit interessanten Männern aus Politik und Kultur. Bode, Klopstock, Matthias Claudius, Mattheson, Christoph Christian Sturm, Johann Reimarus, Friedrich Ludwig Schröder  und wiederum Lessing, der allerdings bald darauf Hamburg verließ, um in Wolfenbüttel Bibliothekar der Herzog- August- Bibliothek zu werden.

Ab 1769 schuf ich zwanzig Passionsvertonungen, zwei Oratorien, ungefähr 70 Kantaten, Motteten und andere liturgische Stücke. Neben meinen eigenen Kompositionen führte ich auch viele Werke meiner Kollegen auf – beispielsweise von Graun, Händel, Telemann oder meiner Familie. Alle Konzerte ausverkauft, die Kirchen immer gut gefüllt.

1777 starb mein lieber Sohn Johann Samuel in Rom an einer langen, sehr qualvollen Krankheit. Im Schmerzenstaumel betäubte ich mich mit Arbeit und es entstand die Kantate „Heilig“ für Altsolo und zwei vierstimmige Chöre. Unumstritten war der Erfolg dieses Werkes voller inniger Hinwendung der Seele zu Gott – es sollte viele Aufführungen erleben. Und in den nächsten Jahren starben auch einige meiner Schwestern und  Brüder. Die Einsamkeit des Alters rückte näher, obwohl das Hamburger Publikum mir sehr zugetan war.

Zum Glück hatte ich ausgiebige, interessante Korrespondenzen: Durch Diderot konnte ich tiefer eindringen in die Gedankengänge der Aufklärung und verfolgte die Herausgabe der Encyclopédie. Johann Heinrich Voss, viel jünger als ich, arbeitete gerade an der Übersetzung der Odyssee. Wie interessant, daran teilhaben zu dürfen. Und mit Klopstock verband mich die kosmopolitische Weltanschauung, die wir im brieflichen Kontakt ausführlich beleuchteten.

74 Jahre habe ich so also auf dieser Welt verbracht – bis zum 14.12.1788. Mein Grabmal befindet sich in der Michaeliskirche in Hamburg. Geblieben ist meine Musik. ‘

 

Carl Philipp Emanuels Leben war ein gänzlich anderes, als das seines Vaters. Immer wieder kommt es in der Geschichte vor, dass ein großer Schritt in politischer, medizinischer oder hier eben musikalisch-philosophischer Art genau innerhalb einer Vater/Sohn-Generation gemacht wird. Daraus entsteht eine zusätzliche Beschleunigung der Erneuerung, eine doppelte Kraft in die Zukunft.

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