Clara Faisst – mit einem Flügel kann man nicht fliegen

von Anja Weinberger

Clara Faisst – mit einem Flügel kann man nicht fliegen

von Anja Weinberger

Eine wirklich großartige Entdeckung ist für mich die Sonate op. 14 von Clara Faisst. Obwohl ursprünglich für Violine und Klavier komponiert, lässt sich das großangelegte Werk auch mit der Flöte ohne einschneidende Veränderungen spielen, da die Violinstimme nur mit wenigen Doppelgriffen ausgestattet ist. Die verblüffende Fülle an Melodien, die abwechslungsreiche Harmonik und die äußerst einfallsreiche Gestaltung lässt sich auf der Flöte sehr gut realisieren, ja, ich habe gar den Eindruck, dass die Kombination Flöte/Klavier für dieses Werk ideal ist. Welch klangvolle und hochkarätige Bereicherung unseres Repertoires.

Clara Faisst war für mich bis dahin eine völlig Unbekannte. Auf der Suche nach Musik von deutschsprachigen Komponistinnen bin ich vor einiger Zeit über ihren Namen gestolpert. Ist die Anzahl der komponierenden Frauen, die auch Literatur für Flöte hinterlassen haben, in unserem Nachbarland Frankreich zwischen 1800 und 1950 verblüffend groß, so gestaltete sich die Suche im deutschsprachigen Raum wesentlich deprimierender.

Also bemühte ich meine Beziehungen zu Musikern und Musikerinnen, zu Verlagen und Archiven; und da fiel irgendwann der Name Clara Faisst. Mir gefiel dieser ungewöhnliche Name mit dem resoluten und doch runden Klang und er blieb mir im Gedächtnis hängen. Nicht lange danach begann ich tiefer zu graben und fand schließlich neben Liedern und Klavierkompositionen ihre Violinsonate. Bald darauf ließen meine Kollegin am Klavier und ich endlich die Töne aus dem vergangenen Jahrhundert erklingen und waren sofort beeindruckt von der Dichte der Komposition, dem Ideenreichtum und der gekonnten Umsetzung und Verarbeitung des Themen- und Motivmaterials.

Wirklich traurig, dass dieses Werk völlig unbekannt ist. Nach ausführlichen Recherchen scheint es mir sicher, dass Clara Faissts Sonate op. 14 seit über 75 Jahren nicht mehr erklungen ist.

Wer war Clara Faisst? Leider ist ihr Leben nur sehr schwer nachzuzeichnen, abgesehen von Lebensdaten und -orten war auf den ersten und auch zweiten Blick kaum etwas über sie zu finden. Aber beginnen wir am Anfang.

 

Clara Faisst wurde am 22. Juni 1872 in Karlsruhe als jüngstes von sechs Geschwistern geboren. Der Vater, ein Oberkirchenrat, starb, als die Kleine ein Jahr alt war. Die Mutter ermöglichte dem verträumten und häufig kränkelnden Mädchen schon zeitgleich mit dem Eintritt in die Höhere Mädchenschule Unterricht in praktischer und theoretischer Musik.[1] Schließlich gelang es Clara, im Großherzoglichen Konservatorium[2] in Karlsruhe zugelassen zu werden, wo bei den öffentlichen Vorspielen schnell ihr großes Talent auffiel. Und so konnte die junge Pianistin 1896 durch die Vermittlung des badischen Hofkapellmeisters Felix Mottl für einige Jahre nach Berlin an die Königliche Hochschule für Musik gehen. Dort war sie Klavierschülerin von Ernst Rudorff[3] (1840-1916), der seinerseits selbst Schüler der eben in diesem Jahr 1896 verstorbenen Clara Schumann gewesen ist. Komposition studierte die junge Musikerin in Max Bruchs (1838-1920) Meisterklasse. Musiktheorie und Kontrapunkt erlernte sie bei Robert Kahn und Woldemar Bargiel, die zu ihrer Zeit angesehene, hochkarätige Lehrer und Musiker gewesen sind.

Wann sie in ihre Heimatstadt Karlsruhe zurückgekehrt ist, lässt sich leider nicht genau belegen. Möglicherweise hat sie vor ihrer endgültigen Rückkehr eine lange Konzertreise durch die Schweiz und Deutschland unternommen – die wenigen Quellen sind da eher irreführend, als hilfreich. Doch spätestens 1901 ist ihr Name im Adressbuch der Stadt Karlsruhe nachweisbar. Als Pianistin wird sie dort ausgewiesen, später dann als Tonkünstlerin.

Clara Faisst in ihrem Musikzimmer, Jahr nicht genau zu belegen, Mit freundlicher Genehmigung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe
»Tonkünstlerin« – das passt gut zu dem zutiefst romantischen Lebensentwurf, der sich uns Nachgeborenen offenbart. Denn all die Schlagworte (Empfindsamkeit, Individualität, Naturverbundenheit), die der Romantik im Sinne einer Epoche zugeordnet werden können, haben auch größere oder kleinere Spuren in Clara Faissts Leben hinterlassen.

Die Künstlerin Clara Faisst war nicht nur Musikerin, sondern auch Dichterin und setzte sich außerdem intensiv mit der Bildenden Kunst auseinander. Zu ihrem ungewöhnlich großen Freundeskreis zählten Albert Schweitzer (Theologe, Arzt und Musiker), Hans Thoma und Hans Adolf Bühler (beide Maler und Direktoren der Kunsthalle Karlsruhe), Paul von Ravenstein und Carolus Vocke (Maler, beide porträtierten die Künstlerin), Amalie und Joseph Joachim (Musiker), Max Bruch (Komponist), Alfred Cortot (Musiker und Musikschriftsteller) und Wilhelm Furtwängler (Dirigent), mit denen sie fortwährend im Austausch stand. Auf dem Umweg über diese Freundschaften kommen wir der Musikerin möglicherweise etwas näher. Zunächst jedoch einige Zeilen aus Clara Faissts Gedicht Mozart, das 1924 in Freiburg in ihrem über hundert Seiten starken Gedichtband Hörst Du den Ton? veröffentlicht wurde.

Inneres Deckblatt der Gedichtbandausgabe Hörst Du den Ton? von Clara Faisst. Mit freundlicher Genehmigung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe
Die Sonne funkelt hell in goldnen Saiten,

und Lebensfreude strömt aus tausend Tönen!

Das jubelt, rieselt, quillt und lacht und singt –

wie Frühlingsbächlein stürzt der Töne Schwall

hinab aus immer neuen frischen Quellen ….

Bist du das, Mozart, der so selig singt?

Du reißest uns empor in lichte Welt,

wo Krieg und Haß und menschenweh verstummen,

dorthin wo Schönheit wohnt und Harmonie.

[…]

Doch auch den Schmerz singst du, das tiefe Weh,

das deine feine Seele oft empfunden,

als du im Menschenkreis dich fremd gefühlt –

denn Fremdling sein ist Künstlers Los auf Erden.

 

Dieser kurze Einblick in Clara Faissts Geistes- und Gefühlshaltung erklärt auch ihre Liebe zum Kunstlied, kann doch kaum eine musikalische Form gleichermaßen intim und weltumspannend, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt sein. Auf ihre klavier- und kammermusikalischen Werke übertrug die Komponistin den Gestus des Kunstliedes sehr geschickt, so dass auch die Sonate op. 14 häufig den Eindruck einer weit ausschweifenden Erzählung vermittelt, die immer wieder zu besonderen, wichtigen Einzelheiten zurückkehrt.

 

Clara Faisst heiratete nie und verdiente den nötigen Lebensunterhalt als Musikerin und Lehrerin. Sie lebte in einem Haushalt mit ihrer Mutter, deren Witwenrente vermutlich einen beträchtlichen Teil zur Absicherung der beiden beitrug. Das könnte auch erklären, warum die Künstlerin nach dem Tod der Mutter im Jahr 1927 einen Antrag auf Pfarrwaisenunterstützung beim Oberkirchenamt stellte. Eine Nebeneinnahme stellten die Beiträge dar, die sie für unterschiedliche Zeitungen verfasste. Diese Texte waren äußerst vielfältig und befassten sich mit Alltäglichem, auch mit der Politik, und mit künstlerischen Themen.

Nicht wenige der Kompositionen Clara Faissts wurden verlegt oder in Zeitschriften gedruckt. Ihre Werke waren in Karlsruhe häufig in öffentlichen Konzerten zu hören, auch interpretiert von anderen Musikern. Und die Künstlerin veranstaltete regelmäßig Hauskonzerte in der eigenen Wohnung.

Zwischen 1919 und 1947 hatte Clara Faisst in Hans Berblinger[4] einen zuverlässigen, gebildeten und enthusiastischen Kammermusikpartner. Beide spielten, nur unterbrochen durch Clara Faissts halbjährigen Aufenthalt in Heidelberg während des Krieges, an zwei Flügeln und blieben bis zu Berblingers Tod per Sie. Die Komponistin hat ihrem Kammermusikpartner 12 Sonette gewidmet und mindestens zwei Werke für zwei Klaviere[5].

Die beiden wechselten auch Briefe, die für uns heute eine wichtige Informationsquelle darstellen und die zeigen, wie empathisch und verantwortungsbewusst Clara Faisst gewesen sein muss.

V. a. in der Zeit während und nach dem 2. Weltkrieg lag das kulturelle Leben in Karlsruhe brach. Clara Faissts Konzerte waren da gerne besuchte und wichtige Veranstaltungen.

Hier geht es zum Blog über Frauen in Kunst, Musik und Geschichte – natürlich auf der Kulturplattform „Der Leiermann“

 

Aus einem Brief an Freunde vom 2. März 1946:

» Ich bin sehr tief in musikalische Tätigkeit versetzt, Unterricht, Proben, Hausconcerte u.s.w. Aber solange ich so energiegeladen und froh bei dieser mir so angepassten Tätigkeit bin, solange gefällt mir das Leben in den Ruinen hier! Sie sollen im Vergleich mit Pforzheim u. Bruchsal gar nicht so schlimm sein…

[…] Ich mache am liebsten auf ‚meiner Insel’ selbst Musik und bereite das nächste Hausconcert vor, 3 Beethoven Sonaten op. 53 cdur (Waldstein) op. 81, ‚Les Adieux’ und dazwischen op. 31 dmoll, die ich 2mal bei Ihnen spielte. Wissen Sie noch?«[6]

Und weiter aus einem Brief an Albert Schweitzer: »Ich hatte das gute Bild von Ihnen mit Ihrer so ehrenden Widmung immer in einem Rahmen auf meinem Schreibtisch im Musikzimmer stehen. […] Als ich nach der 1/2jähr. Evakuierung zurückkam war das Bild aus dem Rahmen gestohlen! Ich mußte damals die Wohnung rasch verlassen u. vergaß, es zu entfernen! Es war sehr schmerzlich für mich – hatte ich es doch von Ihnen! Aber meine beiden Flügel waren, wie durch ein Wunder, mir erhalten geblieben, ebenso die Noten u. Bücher, darunter fast alle Ihre Werke. Nun schritten wir durch Not und Tod ohnegleichen – jahrelang. Nicht zu sagen, wie groß. […] Ich konnte Musik machen, trotz den Ruinen, in denen mein Haus als einziges unter vielen, unzerstört geblieben war. Ich konnte Hausconcerte halten für viele Zuhörer, die darnach brennend verlangten.«[7]

Clara Faisst hatte also Glück, denn das Haus, in dem sie lebte blieb beinahe unbehelligt von Kriegszerstörungen. Die Komponistin, zu dieser Zeit ja schon eine ältere Dame, war froh über ihre relative Gesundheit und das Glück im Unglück. Die Einquartierung einer Flüchtlingsfamilie scheint für die feinfühlige Künstlerin Selbstverständlichkeit und Belastung gleichermaßen gewesen zu sein.

Auch religiöse Themen beschäftigten sie im Herbst ihres Lebens vermehrt. Und in den Briefen aus ihren letzten Jahren wird wieder deutlich, wie gründlich sie sich mit der Musik beschäftigt hat, die sie spielte.

Aus einem Brief an Albert Schweitzer im Jahr 1939: »Gestern las ich in einem Musikkreis aus Ihrem Bachbuch vor. Ich spielte das Ital. Concert. Das ist so befreiend, so lebensstark, so klar, so beglückend froh. Glaubt man, daß dieses Werk vor 200 Jahren entstanden ist? Ach, was ist ‚Zeit‘ – rasch enteilend – solche Lebenswerke wie die unserer ganz großen Meister können nie veralten, denn sie sagen ja gerade jedem Zeitalter das, was es braucht! […] Wenn Sie jemals wieder einmal Abends, wie damals, in meinen Musikraum träten, dann würden Sie da 2 Flügel vorfinden, die mir Freunde schenkten. Mit einem Flügel kann man ja nicht fliegen, dazu braucht man schon zwei! Und da mir das Geld zum Reisen fehlt, ich meine zu solchen Reisen, nach denen ich mich sehne – so lasse ich mich von den Flügeln in ‚ferne Welten‘ tragen, wo alles groß, harmonisch, rein und erhaben ist. […] Ich pflege die Werke unsrer großen Meister und spiele viel Bach – neben den andern Großen. Ein Erlebnis war mir das persönliche Kennenlernen Alfred Cortot’s aus Paris, der hier einige Concerte gab u. mit dem ich nach den Concerten im Hotel zusammen war. Cortot ist ja geb. Waadtländer, also aus dem Heimatland meiner Mutter.[8] Seine Persönlichkeit war mir ebenso beglückend kennen zu lernen, wie er mich als Clavierspieler beglückte. Bach hat er aber nicht hier gespielt, wohl aber Chopin u. Schumann, letzteren in unglaublicher Vertiefung. Er ist wohl von allen großen Pianisten der Gegenwart der seelenvollste, feinnervigste. […] Wir sind alle unter Gottes Schutz und Führung – das ist mein fester Glaube, der allein mir Kraft verleiht!«

Eine der wenigen Fotografien, die wir von Clara Faisst kennen, zeigt sie in ihrem Musizierzimmer an einem der beiden erwähnten Flügel sitzend.

Am 22. November 1948 stirbt Clara Faisst, sie gerät innerhalb weniger Jahre in Vergessenheit. Die badische Landesbibliothek in Karlsruhe bewahrt den bekannten Teil ihres Nachlasses auf. Es könnte durchaus sein, dass sich der in den kommenden Jahren noch vergrößert. Für uns Nachgeborene wäre das ein Grund zur Freude.

Fußnoten und Quellen

[1] Privaten Harmonielehreunterricht als zu dieser Zeit jüngsten Schülerin erhielt sie vom Konzertmeister des Großherzoglichen Hoftheaters in Karlsruhe, von Carl Will

[2] Heute nach der Vereinigung mit der »Musikausbildungsstätte« die Hochschule für Musik Karlsruhe.

[3] Professor für Klavier und Orgel seit 1869, als Nachfolger Max Bruchs Leiter des Stern’schen Gesangsvereines und Dirigent des ersten Konzertes der neugegründeten Berliner Philharmoniker am 5. Mai 1882.

[4] Hans Berblinger (1878-1947) ist im Karlsruher Adressbuch als Fabrikdirektor geführt. Die Firma stellte mechanische Eisenbahnsicherungseinrichtungen her. Unterdessen gehört sie zu Siemens.

[5] Variationen über den Choral Vom Himmel hoch und Rautendeleins Lied für zwei Klaviere

[6] Brief von Clara Faisst an »Liebe Freunde« vom 2.3.1946, Stadtarchiv Karlsruhe, Clara Faisst, Autographensammlung. Leider war nicht zu ermitteln, um wen es sich handelt.

[7] Brief von Clara Faisst an Albert Schweitzer vom 2.1.1948. Centre International Albert Schweitzer in Günsbach

[8] Clara Faissts Mutter Emma war eine geborene Valloton aus der Nähe von Lausanne.

Knödler-Kagoshima, Brigitte: Zum 150. geburtstag von Clara Faisst. https://www.blb-karlsruhe.de/blblog/2022-06-22-clara-faisst-zum-150-geburtstag

Rebmann, Martina: Clara Faisst. Komponistin, Pianistin und Dichterin (1872–1948), in: Lebensbilder aus Baden-Württemberg, Band 23

Rebmann, Martina: Clara Faisst bei MUGI https://mugi.hfmt-hamburg.de/receive/mugi_person_00000234

 

 

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