Wassermanagement-System

 

von Christian Schaller

Eine Stadt in ihrem Element?

Die UNESCO-Welterbe-Stadt Augsburg und ihr historisches Wassermanagement-System.

 

Wasser ist eine Grundvoraussetzung und ein ständiger Begleiter des Lebens. Jeder Mensch hat einen Bezug zu Wasser. Und wie in keiner anderen Stadt ist Wasser geradezu die DNA von Augsburg, die sich wie ein roter Faden durch ihre gesamte Geschichte und Entwicklung zieht. Seit Juli 2019 ist das Wassermanagement-System der Hauptstadt Bayerisch-Schwabens und mit fast 300.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Bayerns ein offizielles UNESCO-Weltkulturerbe.

Was bedeutet „Wassermanagement-System“ überhaupt?

Zugegeben, der Begriff „Wassermanagement-System“ ist etwas sperrig. Allerdings muss er auch ein riesiges Themenfeld abdecken: über 800 Jahre Geschichte und 22 offizielle Objekte, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind und dabei ein unglaublich breites Spektrum von Kunst und Architektur bis hin zu Technik abdecken. Das Wassersystem der Schwabenmetropole ist in seiner zeitlichen, räumlichen und inhaltlichen Fülle weltweit einzigartig. Nur Augsburg belegt die europaweit bedeutsamen Innovationen und Entwicklungen der Wasserwirtschaft so lückenlos und umfassend. Kein anderer Ort vereint eine derartige Fülle an hochrangigen und authentischen Objekten.

Die natürlichen Grundlagen des Wasserreichtums wurden zudem im gesamten Stadtgebiet bereits vor Jahrhunderten arrondiert und langfristig gesichert. Das Wassereinzugsgebiet wird auch noch in der Gegenwart durch Rückbau von Ansiedlungen und Kontrolle der Landwirtschaft nachhaltig geschützt und die Wasser zuführenden Flüsse, vor allem die beiden großen Ströme Wertach und Lech, werden nach und nach wieder naturnaher gestaltet.

Augustusbrunnen und Rathaus, ©ChristianSchaller

Das Wasser erfuhr in Augsburg durch die Jahrhunderte stets eine vielfältige Nutzung. Als eine der ersten Siedlungen überhaupt trennte die wohlhabende, schwäbische Reichsstadt reines Quellwasser aus dem nahen Stadtwald von Brauchwasser aus den Flüssen und Bächen. Ein Kanalsystem führte Trink- und Brauchwasser aus dem Umland in die Stadt, wo die Wasserkraft der Kanäle zahlreiche Mühlen, Wasserräder und Stampfwerke antrieben.

In den Brunnenwerken und Wassertürmen am Stadtrand wurde das Quellwasser sogar durch das Flusswasser in die Wassertürme gehoben, von wo aus die gesamte Altstadt durch ein auf Schwerkraft beruhendes Leitungsnetz aus Holzrohren, sogenannten Deicheln, versorgt werden konnte. Diese öffentliche Versorgung mit Trinkwasser erfolgte seit dem hohen Mittelalter und war für alle Bürger kostenfrei. Der Wasserreichtum begünstigte stets die Entwicklung von Handel sowie Gewerbe und wurde um das Jahr 1600 schließlich durch drei monumentale Prachtbrunnen zelebriert, die noch heute als kunsthistorische Meisterleistungen gelten. Die circa zeitgleich entstandene Stadtmetzg nutzte ebenfalls das weit verzweigte Kanalnetz. Als Zunftgebäude der Metzger wurde es direkt über einem kalten, schnell fließenden Kanal errichtet, um das Fleisch besser zu kühlen und Schlachtabfälle entsorgen zu können – damals eine europaweite, hygienische Innovation.

Das Wassersystem wurde immer wieder für neue und veränderte Nutzungen adaptiert und leistete auch eigene technische Entwicklungen. Seine Techniken wurden vorgeführt und europaweit verbreitet, beispielsweise wurden fähige Brunnenmeister durchaus als „Geschenke“ der Reichsstadt Augsburg zeitweise an Städte und Fürstentümer ausgeliehen. Die Wassernutzung wurde über die Jahrhunderte vom kleingewerblichen bis zum industriellen Maßstab weiterentwickelt und führte vom einfachen Wasserrad der frühen Neuzeit zur hocheffektiven Turbine des 19. und 20. Jahrhunderts.

Stadtmetzg, ©ChristianSchaller

Neuere Erkenntnisse zur Trinkwasserhygiene wurden ebenfalls frühzeitig umgesetzt. Während beispielsweise noch 1892 eine letzte große Cholera-Epidemie ausbrach, weil dort unter anderem nach wie vor das Trinkwasser ungereinigt aus der Elbe entnommen wurde, war reines Trinkwasser in Augsburger bereits seit Jahrhunderten gang und gäbe. Die mechanischen Übertragungen der Wasserkräfte wurden im Raum Augsburg früh durch die Elektrifizierung abgelöst. Die ortsnahe Wasserkraftnutzung und Elektrizitätserzeugung wurde noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch dezentrale Laufwasserkraftwerke ergänzt.

 Das jüngste Objekt auf der Liste der 22 offiziellen UNESCO-Objekte ist wiederum der Eiskanal, ein ehemals notwendiger Bestandteil des historischen Trinkwasserwerks am Hochablass. Die Kanuslalomstrecke war für die Olympischen Spiele von 1972 erbaut worden.

Mit der Konstruktion der weltweit ersten künstlichen, 660 Meter langen Slalom-Arena gelang den beauftragten Wasseringenieuren der MAN Gustavsburg eine technische Meisterleistung. Sie entwickelten ein strömungstechnisch den geforderten Schwierigkeitsgraden entsprechendes Modell und verwandelten mit Hilfe der gewonnenen Erkenntnisse den Lechkanal in ein reißendes Wildwasser mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde und Strudeln, Stromschnellen und Kehrwasser. Der Eiskanal steht damit stellvertretend für die Tatsache, dass das Wissen um Wasser in Augsburg bis in die Gegenwart lebendig geblieben ist.

Die UNESCO-Bewerbung und was sie für die Stadt Augsburg bedeutet

Im Jahr 2011 wurde die offizielle Interessenbekundung der Stadt Augsburg eingereicht, sich unter dem Titel „Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst“ um den Titel als UNESCO-Welterbe zu bewerben. Der historischen Wasserwirtschaft wurde ein „außergewöhnlicher universeller Wert“ bescheinigt, der eine zentrale Maßgabe der UNESCO darstellt. Als hervorragendes Beispiel der Entwicklung der Wassernutzung über 800 Jahre hinweg ist sie durch die reine Fülle an hochrangigen und authentischen Objekten ein singuläres Zeugnis. Die technologischen Transformationsprozesse der Mechanik und Turbinen sind dadurch bruchlos nachvollziehbar und in ihrer Innovation und Nachhaltigkeit vorbildlich. Jedes Denkmal besitzt zudem eine inhärente Geschichte und immaterielle Leistung – wie das den Brunnenwerken zugrunde liegende Ingenieurswissen.

Und tatsächlich lässt sich die Wasserwirtschaft über die 22 offiziellen Monumente hinaus mit allen Epochen und Entwicklungslinien der Augsburger Stadtgeschichte verbinden, von der römischen Antike bis zur unmittelbaren Gegenwart. Augsburg eignet sich gegenwärtig sukzessive das Image und den Status einer „Stadt des Wassers“ an, sei es durch Kooperationen mit Bildungseinrichtungen oder Augsburger Firmen, durch wissenschaftliche Forschungen und Publikationen, durch offizielle Vortragsreihen, Informationsbroschüren und Social-Media-Auftritte.

Innenraum des Trinkwasserwerks am Hochablass, ©ChristianSchaller

Das Wissen um Wasser ist keine UNESCO-Stätte im klassischen Sinne – kein toter Zeuge der Vergangenheit oder eine pittoreske Residenz, Kathedrale oder Altstadt, an der sich nie wieder etwas verändern wird. Vielmehr ist es an zahlreichen Punkten bis heute in Betrieb oder ein aktiver Teil des urbanen Alltagslebens. Die Augsburger Wasserwirtschaft präsentiert sich als eine Ansammlung sehr unterschiedlicher, über die Fläche verstreuter Objekte und Denkmäler. Sie leistete eigene technische Entwicklungen und wurde immer wieder für neue und veränderte Nutzungen adaptiert. Dieses in der Formulierung „Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst“ zusammengefasste System beförderte kontinuierlich den internationalen Wissenstransfer im Fachbereich der hydrotechnologischen Ingenieurswissenschaften und offenbarte durch die Einbringung künstlerischer Elemente in technische Anlagen die große Wertschätzung des Wassers in der Stadtgeschichte.

Das „Thema Wasser“ wirkt in Augsburg nach innen und außen und verbindet sich mit verschiedensten Chancen und Risiken. Die kulturellen Alleinstellungsmerkmale müssen idealerweise im Bewusstsein der Stadtbevölkerung verankert werden. Eine zentrale Leitlinie ist dabei die „Tradition“ der Nachhaltigkeit, die durch die konsequente Kooperation der lokalen Akteure erhalten und durch die Schaffung eines gezielten Bildungsangebotes gefestigt werden kann. Dieses Netzwerk aus Einwohnern, Stadtverwaltung, Versorgungswerken, privaten Betrieben, Bildungseinrichtungen und Museen sowie dem Denkmalschutz bis hin zu weltweiten Verbindungen zu Partnerstädten kann als Grundlage für die zukunftsfähige Weiterentwicklung des Wasserwirtschaftssystems dienen.

Hier liegt letztendlich die größte Chance und das größte Risiko des Systems der historischen Wasserwirtschaft. Der Institution UNESCO kommt es in ihrem Kern nämlich nicht auf die Präsentation oder Repräsentation einer einzelnen Stätte, Stadt oder Nation an, sondern auf die Rolle des kulturellen Erbes für die gesamte Gesellschaft – heute und in Zukunft. Der nachhaltige Umgang mit der Natur und der global knapper werdenden Ressource Wasser ist eine Botschaft von globaler Wichtigkeit. Die Stadt Augsburg kann mit ihrem reichhaltigen Wissen um Wasser damit vor allem auch ein Vorbild für die Weltgemeinschaft sein.

Link mit interaktiver Karte und kurzen Steckbriefen aller UNESCO-Objekte in Augsburg:

Die 22 Objekte des Augsburger Wassersystems

 

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