Das Bildnis des Dorian Gray

Ist es heute nicht seltsam leicht geworden, sich hinter einer Maske zu verbergen? Durchs Leben zu laufen, ohne jemals wirklich man selbst zu sein?

Denn wichtig ist nicht mehr, wer wir sind. Wichtig scheint nur noch, wen wir darstellen.

Und so werden wir langsam zu den Masken, die wir tragen.

Ein jeder von uns.

Bis wir niemand mehr sind.

Aber was wäre, wenn wir einen Spiegel hätten, der unser wahres Wesen zeigt?

Einen Spiegel, der uns zwingt, hinter unsere Masken zu blicken?

Ein Spiegel, der nicht nur unsere müden Augen zeigt, unseren faltigen Mund und unsere feisten Körper.

Sondern der uns die ganze Niedertracht unseres Seins vor die Füße speit. Ohne der Möglichkeit, ihr zu entkommen.

 

Was tun wir nicht alles, um unserem wahren Wesen zu entfliehen?

Wir lächeln, wenn wir weinen müssten, wir schminken unsere Gesichter (ja, auch Männer tun das heute) und zwängen uns in viel zu enge Kleider.

All das nur, um nicht zu zeigen, wer wir sind.

Um zu vergessen, dass hinter unseren Masken eine Seele lebt, die hilflos zittert, weint und schreit.

Und die nur noch ein Schatten ist ihres wahren Selbst.

 

Viele glauben, dass unsere Masken nur dazu dienen, uns Schönheit und ewige Jugend vorzugaukeln. Aber es ist mehr als nur das.

Denn in Wahrheit sind alte Menschen mit ihren zerfurchten Gesichtern und den tausend Geschichten im Haar viel schöner als all die glatten Larven mit ihrem toten Blick.

 

Die Sehnsucht nach Jugend ist etwas anderes.

Wir suchen in unserer Jugend nicht nach Schönheit, nicht nach feiner Haut und dunklem Haar.

Nein, wir alle suchen dort nach dem verlorenen Reichtum unserer Seele. Nach der Intensität der ersten Gefühle, der Echtheit und Unberührtheit unseres Denkens und unseres Selbst.

 

Denn im Herzen sind wir alt geworden.

Der süßeste Wein macht uns nicht mehr trunken, die schönsten Blumen bezaubern uns schon lange nicht mehr mit ihrem Duft und der wärmste Wind lässt unsere Seele zittern.

Und auch die Liebe, die einst ein Garten voller Hoffnung war, erscheint uns heute tot und leer.

Denn nachts sitzen wir vor bunten Bildern, umgeben uns mit leeren Dingen und liegen nächtelang bei fremden Körpern.

Ohne Hoffnung.

Alt und arm.

 

Wie armselig ist unser Leben geworden.

Ich höre unser schrilles Lachen, ich sehe unsere aufgedunsenen Gesichter und verzweifelten Blicke und frage mich, wann eigentlich das Leben geflohen ist.

Und wieso wir uns so verzweifelt an dieses Zerrbild von Jugend klammern und es bis in alle Ewigkeit verlängern wollen.

 

Natürlich, auch ich will nicht sterben.

Ich habe Angst vor dem Tod, vielleicht mehr als andere, und versuche ihn zu vergessen.

Nur von Zeit zu Zeit wage ich einen scheuen Blick auf ihn und gehe dann traurig weiter. Funktioniere, atme, esse, schlafe, tu das, was man von mir ersehnt. Immer ahnend, dass einer in der Ecke steht, mit traurig wissendem Gesicht.

Aber ich verdränge den Gedanken an ihn und mache weiter, so, als ob nichts gewesen wäre.

 

Manchmal frage ich mich, was wir verlieren, wenn wir das Bewusstsein um unseren Tod verlieren?

Denn gehört nicht das Ende unweigerlich zu unserem Anfang noch dazu?

Macht nicht gerade dieses Wissen unser Leben aus?

Dass es irgendwann vorbei sein wird?

 

Sind nicht all unsere Kunstwerke, all unsere Erfindungen und Fortschritte, ist all das nicht aus der Angst vor dem Tod entstanden?

Aus Angst davor, die Welt zu verlassen und alle zu verlieren, die wir lieben?

 

Aus Angst vor dem Tod schwingen wir uns in höchste Sphären, schreiben Bücher, durchwachen Nächte, denken, lieben, forschen, gehen immer weiter und weiter und geben niemals auf.

 

Doch was passiert, wenn wir den Tod vergessen? Den Antrieb unserer Seele?

Wenn wir vermeinen, ewig jung zu bleiben hinter immer neuen Masken?

Welchen Schaden werden wir dadurch an unserer Seele nehmen?

 

Welchen Schaden haben wir schon an unserer Seele genommen?

 

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass unsere Masken lügen.

Und dass sie uns blind machen für die Liebe und das Sein. Und für das Leben.

 

Denn wir sind wenig mehr als schlechte Schausteller. Verkrüppelte Seelen auf menschenleerem Weg.

 

Einer, der das schon vor Langem wusste, war Oscar Wilde.

Er hat uns davor gewarnt, was passiert, wenn wir nur noch eine Maske sind. Wenn wir uns dem Teufel verkaufen, wie Narziss nur in unser Äußeres verliebt, und dadurch unsere Seele verdorrt.

 

Vielleicht gleichen wir noch dem Menschen, der wir einmal waren.

Vielleicht glauben wir, noch der Mensch zu sein, den wir in unsrer Jugend kannten.

Mit all unseren Träumen, unseren Hoffnungen und unserem wilden Glauben an ein gutes Sein.

 

Aber in den Stunden der Nacht, wenn wir einsam sind, wenn die Masken fallen und wir nicht länger lügen können, dann merken wir, dass wir alt und hässlich und verfault am Sterben sind.

Außen hübsch geschminkte Larven, doch innen leer und fahl.

 

Das ist dann der Augenblick in dem wir, wie einst Dorian Gray, unser wahres Abbild sehen.

Und verzweifelt sterben.

Denn unsere toten Masken sind schlussendlich wir selbst.

Zitate aus: Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray, dtv-Verlagsgesellschaft 2013, Übersetzung: Lutz-W. Wolff

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