Gott gebe Glück und Segen drein …
von Alice Graf
Das böhmische Bier schmeckt einfach köstlich, nicht wahr? Kein Wunder. Seit dem Mittelalter arbeiten die böhmischen Bierbrauer tüchtig daran, das Land in ein Bierparadies zu verwandeln. Und das mit Erfolg, wenn man ans Pilsner Urquell, Budweiser, Kozel oder Starobrno und an die mittlerweile ca. 600 Bierbrauereien im ganzen Land denkt. Doch was macht das böhmische Bier so besonders? Das Wasser, der Hopfen, das Malz oder die Braustile? In Böhmen spricht man über die Seele des Bieres, über die Liebe zum Bierbrauen und natürlich zum Biertrinken, über die Tradition und die Geselligkeit. Noch heute wird beim Beimischen der Hefe der alte Spruch aufgesagt: »Gott gebe Glück und Segen drein«, und was mit solcher Liebe und Hingabe zubereitet wird, kann doch nur gelingen und schwere Zeiten überstehen!
Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es im Sudetenland zahlreiche prosperierende Brauereien in Familienhand. Was jedoch über Jahrhunderte im tschechisch-deutschen und deutsch-tschechischen Zusammenleben und Zusammenwirken gelungen war, zerstörten der Krieg und die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland. Was übrig blieb, vernichtete der im Jahr 1948 entstandene kommunistische Staat durch Enteignungen. Privatbesitz wurde verstaatlicht, zugrunde gewirtschaftet, ausgeraubt, verlassen und seinem Schicksal überlassen. So erging es auch drei Brauereien im Adlergebirge, das sich sanft im Nordosten Böhmens erhebt und eine natürliche Grenze zu Polen bildet. Die Höhen um die 1000 Meter, die alten Buchenwälder, malerische Dörfer und der wilde Fluss Orlice (Adler) beheimaten drei außergewöhnliche Brauereien: Die Familienbrauerei in Dobruška (Dobruschka) mit dem Bier Rampušák, die Minibrauerei in Olešnice (Gießhübel) mit dem Bier Agent und die Brauerei in Rychnov nad Kněžnou (Reichenau a. d. Knieschna) mit dem Bier Kaštan. Alle drei beruhen auf einer alten Tradition, haben eine ähnliche Geschichte im 20. Jahrhundert durchlebt und sind im 21. Jahrhundert wie Phönix aus der Asche wiederauferstanden. Die Seele dieser Biere lässt sich jährlich, um den 22. Juli herum, bei einem ganz besonderen Anlass erkunden: Im wunderschönen Ort Bačetín (Batschetin) im Adlergebirge werden beim alljährlichen Bierfest die schmackhaftesten Biere des Jahres präsentiert.
Doch auch das beste Bier freut sich über einen köstlichen, deftigen Begleiter, am liebsten aus der Region und, wie in Böhmen üblich, mit viel Knoblauch: Da sei der berühmte Bramborák (Kartoffelpuffer) aus Kartoffeln, Eiern, Knoblauch, Majoran und Salz erwähnt – im Adlergebirge auch Křápanec oder Kramflek genannt. Das kühle Bierchen mag aber auch kalte Begleiter wie Hermelin, einen Weißschimmelkäse, eingelegt in Öl, Chili, Paprikapulver, Zwiebel, Salz und natürlich Knoblauch, oder den böhmischen Utopenec, den »Ertrunkenen«. Nach dem ersten Schreck stellen wir fest, dass es sich um eine leckere, in Lake eingelegte Wurst handelt.
Das Adlergebirge verbirgt also zahlreiche Schätze: kulinarische, landschaftliche und historische. Egal, ob man sich mit Rampušák, mit Agent oder Kaštan zuprostet, immer heißt es: »Na zdraví a dej bůh štěstí – zum Wohle und Gott gebe Glück und Segen drein!«


