Dom-Römer-Areal & Neue Altstadt

 

von Peter Nething

Das Dom-Römer-Areal und die Neue Altstadt in Frankfurt a. M.

Schon der Titel macht einen stutzig! Wie kann denn eine Altstadt ‚neu‘ sein? Was wie ein Widerspruch klingt, das ist in Frankfurt a. M. nichts Ungewöhnliches mehr. Die kleine deutsche Metropole, die das Image der kühlen Bankenstadt hat, hat sich ihr Herz zurückgeholt. Aber schön der Reihe nach.

Die Zerstörung war der Neubeginn

Ein Preis für das gescheiterte Experiment eines faschistischen Reiches auf deutschem Boden war die Zerstörung der größten zusammenhängenden Fachwerkaltstadt des Landes. In den Nächten vom 18. und 22. März 1944 wurde die pittoreske Frankfurter Altstadt mit ihren 2000 Fachwerkhäusern bei alliierten Luftangriffen vollständig zerstört. Nur ein einziges Haus, das Haus Wertheym, überstand den von tausenden von Bomben entfachten Feuersturm nahezu unbeschadet.

Nachdem die zum Zwecke der Trümmerbeseitigung gegründete ‚Trümmerverwertungsgesellschaft‘ ihre Arbeit getan hatte, fristete das Herz der Stadt nackt und gesichtslos jahrzehntelang ein trauriges Dasein. ‚Der größte Parkplatz der Stadt‘, ‚Der schönste Spielplatz der Stadtarchitekten‘ waren noch harmlose Bezeichnungen für das Gebiet, das sich vom Kaiserdom bis zum Römer zog. Eine Kette von nicht realisierten Endlosplanungen und teils böser Dispute verschiedener Lager (Befürworter einer historischen resp. zeitgenössischen Bebauung) reihte sich aneinander, bis man sich entschied, 2 markante Gebäude im brutalistischen Stil in den 1970ger Jahren dorthin zu bauen.

Brutalismus im mittelalterlichen Herzen der Stadt

Das Technische Rathaus entlang der Braubachstrasse und in Sichtweite des Doms wurde 1974 eröffnet und beherbergte die technischen Ämter der Stadtverwaltung. Es war Arbeitsplatz für 550 Mitarbeiter der Stadt.

Das Neue Historische Museum, ebenfalls im brutalistischen Stil erbaut, lag gegenüber dem Haus Wertheym und war damit ein scharfer architektonischer Kontrast zum gegenüber liegenden Renaissancebau.

Römerberg in Frankfurt, © lapping

Da half es auch nicht, dass die Besucher durch eine überlebensgroße Sandsteinreplik des Abbildes Kaiser Karls d. Gr. Vor dem Haupteingang begrüßt wurden. Beide Gebäude waren von Anbeginn an heftig umstritten und wurden von der Bevölkerung nicht wirklich angenommen.

Disneyland oder Fachwerkskunst

Zu Beginn der 1980er Jahre begann eine erste Bebauung des östlichen Randes des Römerbergareals nach historischen Vorlagen. Die Fachwerkgebäude der ‚Ostzeile‘ wurden 40 Jahre nach ihrer Zerstörung wieder errichtet. Allerdings wurde ihr Aufbau erneut kritisiert . Diesmal von Historikern, da man kein Datum festlegte, das ihr entsprechendes Erscheinungsbild genau definierte. Da die Häuser in den Jahrhunderten ihres Bestehens mehrfach umgebaut, erweitert, aufgestockt und dem Zeitgeist angepasst wurden, hätte man sich auf ein Datum (sinnvollerweise auf das am Tag vor ihrer Zerstörung) einigen sollen, sodass sie in ihrem Erscheinungsbild wie an diesem Tag hätten nachgebaut werden können. Man wählte stattdessen ein Aussehen, das sie während ihres Bestehens eventuell mal gehabt haben könnten, und das sie besonders schön erscheinen ließ.

Die Qualität des Neuen

Was die Qualität der Bausubstanz der Siebzigerjahregebäude betraf, war sie der mittelalterlichen Baukunst doch weit unterlegen. Wären die jahrhundertealten Gebäude nicht der kriegsbedingten Zerstörungswut erlegen, dann würden sie gewiss heute noch dort stehen. Dies galt aber nicht für die Häuser der Neuzeit, die bereits vierzig Jahre nach ihrer Erbauung sanierungsbedürftig geworden waren, was eine erneute Diskussion über Sanierung oder Abriss mit sich brachte.

Kaum jemand in der Stadt allerdings, der für den Erhalt stimmte. So beschloss das Stadtparlament in beiden Fällen den Abbruch der brutalistischen Gebäude.

Was nun?

Erneut begannen nun in allen möglichen Foren und Medien die Diskussionen über eine sinnvolle Bebauung des Altstadtareals. Architekturwettbewerbe wurden ausgeschrieben, Ergebnisse gesichtet und verworfen. Erneute Ausschreibungen und Auseinandersetzungen zwischen ‚Modernisten‘ und ‚Traditionalisten‘ waren an der Tagesordnung. Und siehe da: was niemand für möglich hielt, geschah. Am 23.01.2012 legte die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth, eine Liebhaberin des Städtebaus, den Grundstein für ein am Ende 200 Millionen Euro schweres Bauprojekt.

Vorwärts in die Vergangenheit

Frankfurt Römerberg, © lapping

Nach mehrjähriger Planungs- und Bauphase wurde am 28.09.2018 mit einem 1,5 Mio. Euro teuren Bürgerfest die Neue Altstadt der Öffentlichkeit übergeben. Auf einem Areal, das die Größe eines Fußballfeldes hat (7000qm) ist auf einem Betondeckel, der eine Tiefgarage und eine U-Bahnlinie überdeckt, ein ‚Altstadtviertel‘ aus 35 Häusern entstanden.

15 von ihnen haben perfekte historische Fassaden erhalten (‚Schöpferische Nachbauten‘), wogegen 20 Häuser nach Vorgaben eines hochkarätig besetzten Gestaltungsbeirates (unter Architekt Prof. Christoph Mäckler) in moderner Bauweise entstanden sind. In den Gebäuden befinden sich 80 Eigentumswohnungen und über 30 Geschäfte.

Das Juwel der Neuen Altstadt

Fünfzehn besonders gut dokumentierte Gebäude konnten mit historischen Fassaden detailgetreu wieder aufgebaut werden.

Dazu gehören so wohlklingende Häuser wie das Haus Würzgarten, Esslinger, Zum goldenen Lämmchen, Rotes Haus oder Zur grünen Linde. Das Juwel unter allen ‚rekonstruierten‘ Gebäuden ist aber das Haus zur goldenen Waage, welches schon im Original das schönste Haus der Altstadt war. Allerdings hat das 1618-1621 gebaute Haus seinen Erbauern Abraham van Hameln und dessen Frau Anna von Litt, kein großes Glück beschert. Als Glaubensflüchtlinge verließen die beiden die spanischen Niederlande, um sich in Frankfurt anzusiedeln. Schon während der Bauphase lagen sie mit dem Rat der Stadt und den Nachbarn im Streit, weil Bestimmungen (vermeintlich) nicht eingehalten wurden und weil den Mitbürgern das Haus zu protzig erschien.

Abraham van Hameln war als Zuckerbäcker und Gewürzhändler anfangs auch ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Dann allerdings wurden die Handelswege durch Kriege und Unruhen unterbrochen, sodass die Familie verarmte und das Haus bald nach seinem Tod 1634 verkaufen musste. Die vielen Besitzerwechsel waren dem Gebäude nicht zuträglich, sodass es ein Glück war, dass es 1913 in den Besitz des Historischen Museums gelangte, das auch heute wieder die Ausstellung in den Wohnräumen des Hauses betreibt.“

Verwendete Literatur
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