Das

fliegende

Klassen-

zimmer

 

 

von Marion Rissart

Kästners „fliegendes Klassenzimmer“ der Mutigen und Klugen

Die Deutschen lieben Antihelden. So wie Siegfried, der trotz seines Bades im Drachenblut just an der Stelle verwundbar war, wo das Blatt zuvor auf seine Schultern fiel, sind sechs Internatsschüler aus Erich Kästners Roman Das fliegende Klassenzimmer Helden mit sympathischen Schwächen.

Erich_Kästner_1961, ©Basch, Opdracht Anefo

Die mutigen Antihelden

Da gibt es den Klassenprimus Martin, der immer für andere einsteht, aber dessen Eltern zu arm sind, um ihm eine Fahrkarte für die Reise nach Hause zu schicken. Sein bester Freund Johnny Trotz, Autor des gleichnamigen Weihnachtsstückes für die Schulaufführung, der sich selbst überlassen blieb, als ihn sein Vater über den Atlantik zu den bereits verstorbenen Großeltern schickte. Sein Pflegevater brachte ihn ins Internat, und dort träumt er nun von einem späteren Leben als Schriftsteller auf dem Land – mit einer großen Familie und mit Martin als Mitbewohner. Sein Schicksal nimmt er als Herausforderung an (»Das wäre ja gelacht, wenn das Leben nicht schön wäre!«1). Dann gibt es den sensiblen Uli, der sich schnell ängstigt, vor Heimweh nicht einschlafen kann und sich deswegen dafür schämt. Zum Glück beschützt ihn der starke Matthias, der allerdings keine große Leuchte in der Schule ist und von sich selbst sagt, dass »an meiner Dummheit nicht zu rütteln«2 sei. Sebastian, so heißt der Sechste in der Gruppe, ist zwar blitzgescheit, aber er gibt sich kalt und unnahbar, besitzt keinen wirklichen Freund und leidet im Grunde unter seiner Einsamkeit.3

Klassenfoto aus den 20ern, ©privat

Geklaute Diktathefte und persönliches Leid

Die Tertianer kämpfen nicht nur in ihrem »prähistorischem Krieg«4 gegen die Realschüler um die Herausgabe eines »entführten« Mitschülers und geklauter Diktathefte, sondern, wie wir lesen, mit ihrer persönlichen Agenda. Da wir alle Freunde zum (Über-)Leben brauchen, erfindet Kästner mit den beiden Sidekicks »Justus«, alias Dr. Johann Bökh, und dem »Nichtraucher« (Robert Uthofft), zwei Erwachsene als Helfer in der Not. Justus ist der allseits beliebte Hauslehrer der Jungen.

 

Die alles entscheidende Schneeballschlacht, ©National Archives of Norway

Wie er ihnen später verriet, beschloss er aufgrund eines Kindheitstrauma heraus, als Lehrer an demselben Internat, Schülern zu helfen, wann immer sie es nötig hatten. Der andere Verbündete der Jungen, »Nichtraucher«, ist ebenfalls ein Antiheld im herkömmlichen Sinn. Denn er lebt als Aussteiger in einem Eisenbahnwagon in der Schrebergartenkolonie nahe dem Internat. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Klavierspieler in einer heruntergekommenen Vorstadtkneipe. Die Jungs ahnen, dass auch dieser Mann es nicht einfach hatte in seinem Leben, aber gerade deswegen schätzen sie seine Freundlichkeit und Klugheit. Später entpuppt sich eben jener »Nichtraucher« als Arzt und Bökhs verlorengegangener Schulfreund, von dem der Hauslehrer den Schülern ebenfalls erzählt und dem er nachgetrauert hatte.  

 

Der Nichtraucher lebt in einem Eisenbahnwagon, ©pexels

Schwächen zeigen heißt Stärke zeigen

Zum Schluss geht kurz vor Weihnachten doch noch alles gut aus. Johnnys Weihnachtsstück Das fliegende Klassenzimmer wird in der Schule ein voller Erfolg. Martin bekommt von Justus Geld für die Fahrkarte geschenkt, damit er seine Eltern besuchen kann. Nebenbei kümmert sich Bökh auch in den Ferien um den verlassenen Johnny und hat Verständnis dafür, dass Uli mit seiner Mutprobe, dem »Fallschirmsprung« mit Regenschirm, zwar mit einem gebrochenen Bein (natürlich vom Nichtraucher medizinisch versorgt) darnieder liegt, aber dadurch gelernt hat, seine Angst zu überwinden. Der kräftige Matthias darf um seinen kleinen Freund weinen und sich um ihn kümmern, der gescheite Sebastian kann in dieser Angelegenheit seine sensible Seite zeigen und damit etwas von sich preisgeben. 

Der Unterricht wird zum Lokaltermin, ©pixabay

Kästners Fortschritt der Menschheit

Das fliegende Klassenzimmer, ist Kästners großes Meisterwerk in Sachen Trost und Hoffnung. Erschienen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, im Jahr 1933, baut der Schriftsteller in seinen Roman statt Luftschlösser reale Welten, die Kinder bis heute von ihrem eigenen Zuhause her kennen.

Erich Kästner weiß, dass es keine allumfassende kreuzfidele Kindheit gibt, und weist daraufhin, dem Missgeschick immer ins Auge zu blicken, um »bei der ersten Ohrfeige, die euch das Leben versetzt«, nicht »groggy« zu werden.5 Zu der so erworbenen Hornhaut müssen noch zwei weitere Eigenschaften, nämlich Mut und Klugheit, dazukommen. Aber Kästner warnt: »Erst wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind, wird das zu spüren sein, was irrtümlicherweise schon oft festgestellt wurde: ein Fortschritt der Menschheit.«6

 

Schneelandschaft wie in Kästners Roman, ©pixabay

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