Das Leben des D´Artagnan

von Thomas Stiegler

„Einer für alle!“ – „Alle für einen!“

Auch wenn sich die Welt von Jahr zu Jahr immer schneller dreht und wir immer größere Teile unserer Geschichte zu verlieren scheinen, so wird doch immer dort, wo sich ein paar Knaben mit hochrotem Kopf und ein paar Stöcken gegenüberstehen, dieser Ruf schmetternd wie ein Fanfarenstoß durch die Jahrhunderte gellen.

Und immer wieder wird sich der Musketier des Königs aus dem Staub erheben, Mief und Moder aus der Kleidung klopfen und, die Hand am Knaufe seines Degens, Ausschau nach neuen Abenteuern halten.

Denn erfunden vom französischen Autor Alexandre Dumas und seitdem in zahllosen Groschenromanen und Fernsehfilmen verbreitet, ist der Musketier d´Artagnan (gemeinsam mit seinen Freunden Athos, Porthos und Aramis) eines der modernen Urbilder unserer Kultur, vergleichbar nur noch dem Don Quichotte oder dem Prinzen Hamlet.

Aber was die Wenigsten wissen, ist, dass der Figur des d´Artagnan eine historische Persönlichkeit zugrunde liegt, deren Leben mindestens genauso so interessant verlief wie das der Romanfigur.

Charles de Batz-Castelmore, genannt Comte d´Artagnan, wird irgendwann zwischen 1611 und 1615 als jüngstes von acht Kindern auf Schloss Castelmore in Lupiac in der Gascogne geboren.

Sein Vater stammte aus einer alten Kaufmannsfamilie, die Mitte des 16. Jahrhunderts das Gut und Schloss Castelmore erwarb und dadurch in den Kleinadel (la petite noblesse) aufstieg.

Seine Mutter Francoise de Montesquiou hingegen war ein Mitglied der einflussreichen Familie Armagnac, einem Geschlecht, dessen Wurzel sich bis ins Jahr 960 zurückverfolgen lässt.

So schien er für das von ihm gewählte Leben das Beste aus beiden Welten mitbekommen zu haben – den Ehrgeiz des Bürgers sich hochzuarbeiten und gleichzeitig die Überzeugung des angestammten Adels, die ihre wahre Rolle nur in einem Dienst an König und Vaterland sah.

 

Dabei fällt D´Artagnans Leben in eine der unruhigsten Epochen der französischen Geschichte.

Erst zwei Jahrzehnte zuvor wurde mit dem Edikt von Nantes der alte Konflikt zwischen Katholiken und Hugenotten beigelegt. Heinrich IV. konvertierte zum Katholizismus, integrierte die französischen Protestanten in die Gesellschaft und schuf damit die Grundlage des französischen Einheitsstaates.

Doch als er 1610 bei einem Attentat ums Leben kam, steckten die meisten seiner Pläne noch in den Kinderschuhen und sein Erbe Ludwig, der dazu bestimmt war, sein Lebenswerk zu vollenden, war ein erst neunjähriger Knabe.

So übernahm seine Witwe Maria de´ Medici, unterstützt von ihrem Günstling Concino Concini, die Macht, während Ludwig XIII., der als einfältiger Knabe galt, von allen Aufgaben ferngehalten wurde.

Aber in dem Jungen steckte mehr, als es den Anschein hatte. Denn hinter einer geschickt getragenen Maske sammelte sich all seine Wut und ein Wille zur Herrschaft, der ihn 1617 die Macht an sich reißen ließ. Ein Ereignis, das für Concini den Tod bedeutete und für Ludwigs Mutter lange Jahre in der Verbannung.

Doch damit war auch der Weg frei für den größten Minister, den Frankreich je besessen hatte, den Kardinal Richelieu.

Dieser war es, der die absolute Macht des Königs durchsetzte, das Land befriedete und den Weg freimachte, um Frankreich neben dem Reich der Habsburger zur zentralen Macht Europas zu machen.

 

In dieser Welt nun spielt der erste der drei Romane rund um den Musketier d´Artagnan und seiner Freunde.

Hintergrund ist der unterschwellige Konflikt zwischen dem ersten Minister Frankreichs und Anna von Österreich, der Gemahlin Ludwigs XIII., der darin gipfelt, dass Richelieu die Gattin des Königs dem Ehebruch überführen will.

Um diese Geschichte entwickelt sich ein munterer Reigen voller Spannung, Abenteuer und Liebeshändel, der in der Ernennung d´Artagnans zum Musketier seinen Höhepunkt findet.

 

In der wirklichen Welt zog Charles de Batz-Castelmore um 1640 unter dem in höfischen Kreisen bekannteren Familiennamen seiner Mutter (d´Artagan) nach Paris, wo er, gleich seinen älteren Brüdern, bei den Musketieren eintreten wollte. Doch wurde ihm dieses Privileg aufgrund seiner mangelnden militärischen Kenntnisse vorerst verwehrt.

Jean-Armand du Peyrer, Comte de Treville, jedoch, der Kommandant der ersten Kompanie der Musketiere und ein enger Freund der Familie, nutzte seinen Einfluss, um ihn im selben Jahr noch im Regiment der „Gardes Francaises“, einem der beiden Infanterieregimenter der königlichen Garde, unterzubringen.

 

Während der folgenden Jahre sollte in Frankreich eine Epoche zu Ende gehen. Innerhalb weniger Monate starben sowohl Richelieu als auch sein König, und der rechtmäßige Thronfolger, diesmal Ludwig XIV., der spätere „Sonnenkönig“, war wiederum ein Kind, diesmal erst vier Jahre alt.

So übernimmt auf Neue eine Frau die Regentschaft, diesmal Anna von Österreich, und wieder ist es ein Kardinal, der die Geschäfte Frankreichs führt.

Mazarin, als Italiener mit einem verführerischen und einschmeichelnden Wesen gesegnet, leitet jedoch nicht nur die Regierung, sondern er fungiert auch als Erzieher und Vertrauter des jungen Königs.

Außenpolitisch war er äußerst erfolgreich und er machte Frankreich zur führenden Macht auf dem Kontinent.

Doch im Inneren unterstütze er die Macht des alten Hochadels und so kam es zu neuen Ausbrüchen von Gewalt, die in einer Serie von Aufständen, der sogenannten Fronde (1648 – 53), gipfelten, die ganz Frankreich erschütterten.

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Doch wir befinden uns noch im Jahr 1640 und d´Artagnan ist ein schlichter Fußsoldat im „Gardes Francaises“.

Mit dieser Einheit nahm er an der Kampagne im Roussillon und an den Feldzügen in Flandern unter dem Generalfeldmarschall Henri de Turenne teil (einen den bedeutendsten Feldherrn der französischen Geschichte).

Hier zeigte er solchen Mut und gab Beweise seiner außerordentlichen Dienstbereitschaft, dass er schließlich doch bei den Musketieren aufgenommen wurde.

 

Im Jahre 1646 jedoch löste Kardinal Mazarin die Garde wegen zunehmender Spannungen mit ihrem Kommandanten Treville auf und die Soldaten mussten in anderen Regimentern Unterschlupf finden. Als einer der wenigen konnte d´Artagnan auf diesen demütigenden Wechsel verzichten, denn zu dieser Zeit war er bereits persönlicher Kurier Mazarins (zu gleichen Teilen Bote, Diplomat und Geheimagent) und begleitete ihn 1651, während der Wirren der Fronde, auf seiner Flucht nach Brühl.

Doch 1657 wurde die erste Kompanie (genannt „Grand mousquetaires“ oder auch „Mousquetaires gris“ – nach ihren grauen Satteldecken) wieder aufgestellt und d´Artagnan wurde wieder ein Musketier.

1658 wurde er sogar Hauptmann der königlichen Garde und übernahm mehr und mehr die Aufgaben eines Capitaine-lieutenant, denn der Duc de Nevers, Philippe-Julien Mazini (ein Neffe Mazarins) frönte lieber einem „dolce far niente“ als Kunstliebhaber in Italien.

 

1659 heiratete d´Artagnan die reiche Witwe Charlotte-Anne de Chanlecy, Dame de Sainte-Croix.

Aber aufgrund ihrer übergroßen Eifersucht, die bei einem stadtbekannten Frauenhelden wahrscheinlich nicht unbegründet war, wurde die Ehe bereits nach einigen Jahren wieder geschieden. Doch entsprangen dieser Verbindung zwei Söhne, die beide nach dem König Louis hießen, der auch als ihr Pate fungierte.

Diese Ehre wurde ihm zuteil, da d´Artagnan Zeit seines Lebens zum engsten Vertrautenkreis um Ludwig XIV. gehörte. Schon in den Zeiten der Fronde hatte er den kleinen Prinzen bewacht und als der junge König zu seiner späteren Gemahlin, der Infantin Maria Teresa von Spanien reiste, war er einer der wenigen Auserwählten, die ihn begleiten durften.

 

Auch ansonsten wurde er von Ludwig nach allen Kräften gefördert. Dieser betraute ihn mit den geheimsten und heikelsten Missionen, die völlige Diskretion und besondere Tatkraft erforderten. Dazu gehörte etwa die Verhaftung des Oberintendanten der Finanzen, Nicholas Fouquet, den er 1661 nach einer Konferenz festsetzte.

Fouquet, de facto Finanzminister Frankreichs, hatte während seiner Zeit in der Regierung ein schier unglaubliches Vermögen an sich gerissen und war deshalb dem König ein Dorn im Auge. Eine Tatsache, die ihm schließlich lebenslange Kerkerhaft einbrachte.

D´Artagnan war aber nicht nur mit Fouquets Festnahme beauftragt, sondern er begleitete seinen Gefangenen in den folgenden Jahren auch von Gefängnis zu Gefängnis und sollte erst nach drei Jahren wieder an den Hof zurückkehren.

Im Jahr 1666 wurde er vom König zum „Capitaine des petits chiens du Roi le chevreuil“ (etwa: „Kapitän über die Welpen der Hunde des Königs zur Hirschjagd“) ernannt, was zwar nur ein nomineller Posten war, der aber ein zusätzliches Salär und eine Wohnung in Versailles beinhaltete, was eine zusätzliche Nähe zu seinem König versprach.

Am 15. Januar 1667 war d´Artagnan endlich am Ziel seiner Träume. Im Hof des Louvre wurde er vor versammelter Mannschaft zum Capitaine-lieutenant, also zum Kompaniechef der „Première compagnie des Mousquetaires“ ernannt, eine Ehre, die ansonsten nur hochstehenden Edelleuten des Königreiches vorbehalten war.

 

1672 sollte er noch eine Stufe höher klettern, denn er wurde zum Gouverneur von Litte ernannt. Doch war das ein Amt, das nicht seinen Begabungen entsprach.

Im ausuferndem Konflikt mit den Ingenieuroffizieren Vaubans, die den Auftrag hatten, Lille zur Festung auszubauen, legte er sein Amt noch im selben Jahr nieder und übernahm ein Kommando bei der Feldarmee, mit der er in den Französisch-Niederländischen Krieg zog.

 

Während der Belagerung von Maastrich waren seine Musketiere an der nächtlichen Eroberung einer vorgeschobenen Bastion der Festung beteiligt, die jedoch am folgenden Morgen von den Holländern zurückerobert wurde.

Wider besseren Wissens ließ sich d´Artagnan vom Herzog von Monmouth zu einem erneuten Angriff überreden, der zwar erfolgreich war, bei dem ihm jedoch eine Musketenkugel die Kehle zerriss.

Er verstarb daran, tief betrauert vom König und seinen Musketieren.

 

Am selben Abend noch schrieb Ludwig XIV. an seine Gemahlin: „Meine Dame, ich habe d´Artagnan verloren, in den ich großes Vertrauen hatte.“

(Sockelinschrift auf der D´Artagnan Statue im Aldenhofpark, Maastricht)

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