Francesco da Milano

von Thomas Stiegler

Francesco Canova da Milano, heute besser bekannt als Francesco da Milano, wurde am 18. August 1497 in Monza, einer kleinen Stadt nordöstlich von Mailand, geboren. Er war der bekannteste Lautenist seiner Zeit und Lucas Gauricos nannte ihn »den wichtigsten und bedeutendsten Musiker von allen, […] besser als Orpheus und Apollon, wenn er die Laute oder ein anderes Instrument spielt« [1]. Er war aber weit mehr als nur ein Lautenist (und beliebter Hofmusiker dreier Päpste), denn in der Geschichte der westlichen Musik ist er bekannt als der erste Komponist, der die hochverfeinerte Textur und die Kompositionsprinzipien der Vokalmusik in seinen Instrumentalkompositionen imitierte und anwandte. Seine Zeitgenossen waren sich dieser Stellung auch durchaus bewusst und nicht zuletzt deshalb nannten sie ihn »Il Divino« [2] (der Göttliche). Was durchaus seine Berechtigung hat, denn seine Werke zählen zu den bedeutendsten, die in der Zeit der Renaissance geschrieben wurden und sie beeinflussten das Wirken mehrerer Generationen von Komponisten in ganz Europa.

Schon sein Vater Benedetto war ein talentierter Musiker und stand im Dienst von Papst Leo X. [3] Früh durfte auch Francesco an seiner Seite auftreten und 1519 wurde er selbst Mitglied des päpstlichen Haushaltes. Bis zum Tod des Papstes im Jahr 1521 sollte er diese Stelle behalten, und nach einem kurzen Zwischenspiel, während dessen er wahrscheinlich weiterhin in Rom weilte, wurde er wieder zurück in den Vatikan berufen, diesmal von Papst Clemens VII. In den folgenden Jahren gibt es mehrere Berichte über sein Wirken, und noch im Jahre 1526 wird er namentlich erwähnt, als er für seinen Dienstherrn und dessen Gast Isabella d’Este auftrat. Man nimmt an, dass er, als er von der bevorstehenden Plünderung Roms durch Kaiser Karl V. erfuhr, die Stadt im Frühling 1527 verließ und nach Norditalien zurückkehrte, wo er 1528 Kanoniker in der Basilika San Nazaró Maggiore in Mailand wurde. Schon zu dieser Zeit war er so berühmt, dass Abschriften seiner Werke in ganz Italien und Europa erschienen.

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Nachdem er einige Jahre am Hof von Kardinal Ippolito de Medici beschäftigt war und unter anderem auch Ottavio Farnese, den Herzog von Parma [4], unterrichtete, trat er nach dem Tod seines Gönners wieder in den Dienst eines Papstes, diesmal von Paul III. Diesen sollte er im Juni 1538 auch nach Nizza begleiten, denn dort galt es zwischen Karl V., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und dem französischen König Franz I. zu vermitteln [5], und der Papst wollte nicht auf den Dienst seines Lieblingsmusikers verzichten. Natürlich hatte das auch repräsentative Gründe, denn Francesco war mittlerweile eine solche Berühmtheit, dass er sowohl für den französischen als auch für den habsburgischen Herrscher spielen durfte. Franz I., der als einer der größten Kunstmäzene seiner Zeit galt, überreichte dem Lautenisten als Dank dafür die unglaubliche Summe von 225 Livres (zu jener Zeit ein kleines Vermögen). Lustiges Detail am Rande: Francesco musste sowohl für Franz I. als auch für Karl V. in getrennten Konzerten spielen, denn die gegenseitige Abneigung der beiden Herrscher ging so weit, dass sie sich weigerten, gemeinsam im selben Raum zu sitzen.

Noch im Jahr 1538 kehrte Francesco nach Italien zurück und heiratete die wohlhabende Aristokratin Clara Tizzoni. Sie ließen sie sich in Mailand nieder und im April 1540 wurde hier ihr gemeinsamer Sohn geboren. Über Francescos letzte Jahre ist leider wenig bekannt. Nur noch einmal finden wir seine Spur, als er 1541 (gemeinsam mit seinem Vater) in den päpstlichen Aufzeichnungen erwähnt wird. Dann hören wir nichts mehr von ihm, bis er am 2. Januar 1543, im Alter von erst 45 Jahren, starb. Er wurde in der Kirche Santa Maria della Scala in Mailand begraben, doch leider können wir sein Grab nicht mehr besuchen – die Kirche wurde 1777 abgerissen und heute befindet sich an ihrer Stelle das Opernhaus »La Scala«, die berühmte Mailänder Scala (was mir als ein passender Erinnerungsort für diesen größten aller Lautenisten erscheint).

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Werfen wir noch einen Blick auf das Werk des Francesco da Milano. Wer es nicht kennt, der wird überrascht sein, wie sehr es uns auch heute noch berühren kann und mit welcher Direktheit es über fast 500 Jahre hinweg zu uns spricht. Unter seinen 124 Kompositionen für die Laute, die alle ab 1536 erschienen sind, finden sich 60 Ricercars, 40 Fantasien, eine Toccata und zahlreiche Arrangements verschiedenster Vokalwerke. Sie alle zählen zu den bedeutendsten Werken ihres Instruments und an ihnen zeigt sich deutlich, warum da Milano eine solch zentrale Stellung in der europäischen Musikgeschichte innehat. Denn sie markieren den Übergang vom lockeren Improvisationsstil seiner Zeitgenossen zu den kunstvoll ausgereiften Kompositionen seiner Nachfolger, was da Milano zum wichtigsten Wegbereiter und Vorkämpfer einer »neuen« Art des Komponierens machte.

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Denn durch seine jahrelange Verbundenheit zum päpstlichen Hof, der damals das Zentrum der musikalischen Welt war, stand er in engem Kontakt zu den größten Musikern seiner Zeit und kannte natürlich das gesamte Repertoire der polyphonen Vokalmusik. Dadurch konnte er hören und beobachten, mit welcher Raffinesse die wichtigsten Vertreter seiner Zunft in ihrer Arbeit vorgingen und welche Techniken sie dabei anwandten. So begann er bald auch für sein Instrument nach Wegen zu suchen, das Gehörte umzusetzen und bearbeitete eine Reihe an Werken anderer Komponisten, für die er von den Zeitgenossen gefeiert wurde. Wobei er weit darüber hinausging, einfache Kopien fremder Vokalwerke anzufertigen: Durch sein kompositorisches Genie erschuf er idiomatische Lautenwerke in nie dagewesener Qualität und verwendete dazu Techniken, die bis dahin nur in der Vokalmusik Verwendung fanden [7]. Mit eines der schönsten Werke dieser Art ist sicher die Bearbeitung des Chansons »Tu discois que je mourroye« des französischen Komponisten Claudin de Sermisy [8], an dem man das Gesagte sehr gut nachvollziehen kann [9].

Doch auch wenn er zu Lebzeiten vor allem wegen seiner Bearbeitungen bekannt war, so sind es heute seine Ricercars und Fantasien, die unter Lautenisten und Musikwissenschaftlern das größte Interesse hervorrufen und am häufigsten aufgeführt und eingespielt werden. Über den eingefügten QR-Code gibt es übrigens eine Auswahl seiner schönsten und beliebtesten Stücke anzuhören!

Quellenangaben

1 ….. Jener Papst, gegen dessen Ablasshandel Martin Luther in seinen fünfundneunzig Thesen »Disputation zur Klärung der Kraft der Ablässe« Stellung bezog.

2 ….. Lucas Gauricos, Astrologe von Francescos Mäzen Papst Paul III.; zitiert nach Wikipedia: »Francesco da Milano«.

3 ….. Eine Bezeichnung, die ansonsten nur noch Michelangelo Buonarotti zuteilwurde.

5 ….. Ein Neffe von Papst Paul III.

6 ….. Zwischen 1494 und 1559 kam es auf dem Gebiet des heutigen Italiens zu einer Reihe von Kriegen, die in einem direkten Machtkampf zwischen dem französischen Königshaus der Valois und den Habsburgern gipfelten. Der Waffenstillstand von Nizza war nur eine kleine Episode in diesem Konflikt, denn er hielt nur wenige Jahre, und schon 1543 griff Franz I. erneut zu den Waffen.

7 …. Etwa Imitation in verschiedenen Stimmen, Kanon, Stellen, an denen ein freier Kontrapunkt die Melodie umspielt oder die Veränderung einzelner Motive (Verkleinerung, Vergrößerung).

8 ….. 1490-1562

9 ….. Das Chanson und da Milanos Bearbeitung sind über den QR-Code am Anfang des Kapitels abrufbar.

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