Das Osmanische Reich und die »Türkengefahr« im Europa des 15. Jahrhunderts

 

von Christian Schaller

Das Osmanische Reich und die »Türken-gefahr« im Europa des 15. Jahr-hunderts

 

 

von Christian Schaller

Spätestens ab dem 15. Jahrhundert gerieten die fortlaufenden Eroberungen und Expansionen des prosperierenden Osmanischen Reiches in das Bewusstsein der christlichen Länder Europas. Sie wurden – vor allem durch den Papst – rasch zu einem öffentlichen Feindbild stilisiert. Der Begriff »Türkengefahr« selbst ist allerdings nicht zeitgenössisch, er kam erst in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts auf. Vor allem die Eroberung der alten byzantinischen Kaiserstadt Konstantinopel durch die Osmanen im Jahr 1453 kann als ein epochales Ereignis gelten. Die danach von den Sultanen projektierte Ausdehnung ihres Reiches nach Norden und Westen, also tief in die Länder Europas hinein, zog bis in das 17. beziehungsweise gegen das Russische Reich im Norden sogar bis in das 18. Jahrhundert hinein die sogenannten Türkenkriege oder Osmanenkriege nach sich.

Das 15. Jahrhundert in Europa war geprägt durch eine wachsende und bewusst wahrgenommene Ausbreitung des Islams, die, neben vielen anderen Staaten, in erster Linie das ungarische Reich direkt bedrohte. Nach seinen frühen Erfolgen und Siegen etablierte sich der ungarische Staatsmann und Heerführer Johann Hunyadi über die Jahre hinweg zu einem wichtigen Hoffnungsträger für sein Heimatland, vor allem aber auch in byzantinischen Kreisen. Er konnte der Gefahr, die von den Osmanen ausging, weitaus besser begegnen als viele seiner Zeitgenossen. Seinen Aufstieg und seinen Ruf als »athleta Christi« erlangte Hunyadi durch seine zahlreichen Verdienste und sein Geschick. Der Mythos, der ihn aber nach seinem Tod fortan umgeben sollte, hatte sich erst durch sein Wirken in der Belagerung von Belgrad durch die Osmanen im Sommer 1456 in Gänze herausgebildet.  Nach dem Fall und der Eroberung der so prestigeträchtigen Stadt Konstantinopel durch die Osmanen im Jahr 1453 ging ein Aufschrei durch die christlich-abendländische Welt.

Die Ausbreitung des Islams und des Osmanischen Reiches erfüllte das Abendland mit Sorge, bald war die Türkengefahr ein fester Begriff an den Höfen der europäischen Fürsten und Könige und vor allem innerhalb der Mauern des Vatikans. Nach langen Verhandlungen konnte 1439 in Florenz eine Kirchenunion vollzogen werden. Die Westkirche in Rom verpflichtete sich damit zu jeder erdenklichen Hilfeleistung für die Ostkirche der Byzantiner bei ihrer Verteidigung gegen die Türken, trotz der niedrigen Beliebtheit der katholischen Kirche in Konstantinopel. Noch drohender allerdings erschienen die Osmanen. Bereits 1444 scheiterte ein zunächst hoffnungsvoller Kreuzzug, gestoppt durch eine Niederlage in der Schlacht bei Warna am Schwarzen Meer. Als die Belagerung der alten Kaiserstadt Konstantinopel schließlich durch die Osmanen eingeleitet wurde, versuchte man noch einmal, die Union von 1439 neu auszurufen und wieder aufleben zu lassen. Doch es war es zu spät.

Kriegszug Kaiser Karls V. gegen Tunis (1535): Ein erfolgloser Ausfall der Türken aus La Goletta;Karton als Vorlage für Bildteppiche, die im Auftrag der Statthalterin Maria von Ungarn angefertigt wurden; CC BY-NC-SA 4.0; ©KHM-Museumsverband; Link zum Bild

Der Fall Konstantinopels wird von Historikern bis heute als ein Wendepunkt der Weltgeschichte definiert, der den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markiert. Der osmanische Sultan Mehmed II. erwählte die eroberte Stadt daraufhin zum neuen Herzen seines Reiches  und entschied sich damit nicht nur für einen prestigeträchtigen, sondern auch für einen geschickt gelegenen Ort, an »der Grenze der beiden Erdteile« Europa und Asien. Damit wurden die Osmanen endgültig zu einer ebenso akuten wie konstant drohenden Gefahr im Südosten Europas und Konstantinopel wurde zu einem Symbol für den Begriff der Türkengefahr. Dabei muss erwähnt werden, dass Konstantinopel bei seiner Eroberung 1453 keineswegs ein westlicher Vorposten inmitten von christlichem Feindesland war. Tatsächlich hatten die Osmanen bereits zuvor weite Gebiete im heutigen Bulgarien und nördlichen Griechenland ihrem wachsenden Reich hinzugefügt. Von 1368 bis 1453 war die osmanische Hauptstadt auch das alte Adrianopel, die heutige türkische Großstadt Edirne ganz im Westen der Türkei. Die Stadt liegt 220 Kilometer westlich Konstantinopels und in der damaligen Zeit damit viel näher am Kriegsgeschehen, welches die Aufmerksamkeit und Präsenz des Sultans forderte.

Durch die erfolgreichen Eroberungen konnte das Osmanische Reich im 14. und 15. Jahrhundert florieren. Die Geschichte dieses Landes begann mit den zahlreichen Fürstentümern, die sich nach dem – durch die Mongolenvorstöße des 13. Jahrhunderts herbeigeführten – Zerfall des Reiches der Rum-Seldschuken in Anatolien gegründet hatten. Dem Begründer der osmanischen Dynastie, Osman, gelang es, eine effiziente Verwaltung und ein stehendes Berufsheer zu schaffen. Die Gründung des Osmanischen Reiches wird traditionell mit 1299 angesetzt, als die Türken Gebiete des benachbarten, schwach gewordenen Kaiserreichs von Byzanz eroberten. Ab diesem Zeitpunkt fanden sich also schon verschiedene Kulturen, Ethnien und Konfessionen innerhalb der Grenzen – ein Merkmal, welches das Reich der Osmanen seine gesamte Geschichte hindurch auszeichnete. Als Osman starb, war sein Gebiet fast dreimal so groß wie zu Beginn seiner Herrschaft. Dies ist ein weiterer wichtiger Teil der osmanischen Identität: Expansion. Dieses Bestreben hängt sicherlich auch mit dem Sendungsbewusstsein des Volkes zusammen. Die Osmanen waren Moslems, und durch die geographische Lage ihres Gebietes gleich neben dem byzantinischen christlichen Kaiserreich entwickelten sie sich schnell zu Verfechtern ihres Glaubens, die – wie ihre Vorgänger, die Seldschuken – der Idee des Dschihad folgten und ihr Reich damit zu einem »Zentrum des ideologischen Kampfes im Namen des Islam«  machten. Diese religiöse Mission machte sie durchaus vergleichbar mit den christlichen Kreuzfahrern. Konstantinopel, das sich mehreren Angriffen und Belagerungen erwehren musste, wurde zu einem Symbol des Widerstands gegen den Islam. Zudem war es der Knotenpunkt für den Schiffsverkehr zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer. Als Mehmed II. die Stadt schließlich eroberte, war dies für ihn nicht nur göttlicher Wunsch und himmlische Vorsehung, sondern auch ein Wendepunkt in der osmanischen Geschichte, ein Symbol für den kommenden Aufstieg zum Großreich. Mehmed verlegte den Regierungssitz und die Hauptstadt in das traditionsreiche Konstantinopel und übernahm auch Elemente aus der byzantinischen Kultur, beispielsweise die Art und Weise der Verwaltung, die nun, wie beim Kaiser auch, zunehmend zentralisiert und bürokratisiert wurde. Der Sultan war das absolute Oberhaupt und der Mittelpunkt des Reiches, der Schwerpunkt der Staatsmacht lag allerdings bei dem Heer. Ihr großes Kriegsglück ermutigte und motivierte die Türken sehr und ängstigte im Gegenzug die Christenheit.

Schild, Rundschild, Kalkan; Osmanisch 16. Jahrhundert; Schloss Ambras Innsbruck; CC BY-NC-SA 4.0; ©KHM-Museumsverband; Link zum Bild

Doch die Osmanen waren nicht nur ausschließlich ein Feindbild. Die dezimierte Bevölkerung der Stadt Konstantinopel stockte Mehmed nach seiner Eroberung gezielt wieder auf. Es herrschte zwar eine osmanische Mehrheit unter den Bewohnern, die Stadt war aber durchaus weltoffen und wurde von vielen Menschen aus anderen Staaten bewohnt, genau so wie es das ganze Reich seit seiner Gründung gewesen war. Konvertiert oder missioniert wurde nicht, lediglich die Vorherrschaft des Islams und des Sultans musste anerkannt werden. Die Osmanen kopierten und adaptieren viele Elemente der eroberten Gebiete, passten aber wenn nötig auch an.

Konstantinopel war und blieb somit beispielsweise das Zentrum der orthodoxen Kirche, das Stadtbild sollte aber muslimisch geprägt sein. Zudem war das Land sehr eng mit den anderen islamischen Staaten verbunden und zog viele Menschen aus dem ganzen Orient an. Auch viele Christen zogen aus dem Abendland zu. Die Osmanen waren, wohl auch aufgrund der vergleichsweise geringen Bevölkerungsdichte in ihren Gebieten, sehr tolerant gegenüber Immigranten. 

Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 begannen intensive Planungen im Westen. Die Päpste in Rom hatten mehr noch als die weltlichen Herrscher ein umrissenes Bild von der neuen Großmacht aus dem Osten. Sie erschienen ihnen wie der Erzfeind der Christenheit. Die Planung und Ausführung des Kampfes gegen die als Heiden angesehenen Osmanen war eine Art Herzenssache des Heiligen Stuhles. Das Papsttum konnte mit seinen Ressourcen allein allerdings nichts gegen die Osmanen bewirken. Bedingung für einen erfolgreichen Kreuzzug waren deshalb ein Bündnis mehrerer, wenn nicht aller westlicher Staaten. Politische, kirchliche und gesellschaftliche Umwälzungen und Reformen lassen sich schon seit dem 14. Jahrhundert in Kreuzzugstraktaten finden. Die nötige Voraussetzung eines Friedens in der europäisch-christlichen Staatenwelt war nicht nur den Päpsten bewusst, sondern auch vielen zeitgenössischen Herrschern und Schriftstellern. Italien bestand in dieser Zeit aus mehreren Kleinstaaten und Republiken. Das christlich geprägte Land nahm die Türkengefahr sehr wohl wahr, war aber dennoch viel zu gefangen in regionalen Streitigkeiten und internen Ränkespielen. Erst der Frieden von Lodi im Jahr 1454, wohl auch unter dem Eindruck des Falls von Konstantinopel geschlossen, brachte den großen oberitalienischen Mächten Mailand und Venedig sowie anderen italienischen Staaten einen oberflächlichen Frieden. Die Seerepublik Venedig schloss jedoch noch im gleichen Jahr einen Vertrag mit Mehmed II. und dem Osmanenreich. Auch das Heilige Römische Reich deutscher Nation war nahezu handlungsunfähig, ebenso wie die direkt an die Osmanen angrenzenden Gebiete des Königreichs Ungarn und des Serbischen Reiches. Insgesamt scheiterten die meisten Kreuzzugsbestrebungen der Päpste also, auch wenn es an Planungen und Versuchen nicht fehlte. Grund dafür waren die inneren und äußeren Konflikte der meisten europäischen Staaten, die in dieser Zeit bereits zu weit fortgeschritten war, um eine homogene, christliche Allianz zu knüpfen. Die wenigen durchgesetzten Initiativen gegen die Osmanen waren von wechselndem Erfolg gekrönt, allerdings nicht ausschlaggebend für einen endgültigen Sieg.

Zusammengefasst war das Osmanische Reich ein effizienter Staatsapparat, der nicht gleich von Anfang an und auch nie allumfassend das Feindbild des christlichen Europas war, allerdings für Jahrhunderte eine drohende Gefahr des »Abendlandes« blieb, auch bedingt durch ihre energischen und anhaltenden da mitunter religiös begründeten Expansionsbestrebungen. Trotz des unausweichlichen Zusammenstoßes des Christentums und des Islams, des Abendlandes mit dem Morgenland, fiel es der zersplitterten europäischen Staatenwelt des 15. Jahrhunderts schwer, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen und geeint aufzutreten, um effektiv gegen die Osmanen vorzugehen. Die Verwandtschaftsverhältnisse von Mittel- und Osteuropa waren eng miteinander verknüpft, die Fronten und Konstellationen waren verwoben und in stetem Wandel. Es gab einen regen Austausch, Kulturtransfer und auch Freundschaften und Bündnisse zwischen den angeblichen Feinden.

Mehr von Christian Schaller gibt es in seinem Buch – Augsburger Kulturgeschichten. Leseproben und ein Bestellformular erhalten Sie über den Link.

Verwendete Literatur

– Franz Babinger, Mehmed der Eroberer. Weltenstürmer einer Zeitenwende, München 1987.
– Franz Babinger, Der Quellenwert der Berichte über den Entsatz von Belgrad am 21./22. Juli 1456, in: Sitzungsberichte Jahrgang 1957, Heft 6, hrsg. von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philologisch-Historische Klasse, München 1957, S. 1-26.
– István Barta, Die Geschichte Ungarns, übers. von Tilda und Paul Alpári, Budapest 1971.
– Steven Beller, Geschichte Österreichs, übers. von Susi Schneider, Wien 2007.
– Katrin Boeckh, Serbien, Montenegro. Geschichte und Gegenwart (Ost- und Südosteuropa. Geschichte der Länder und Völker), Regensburg 2009.
– Holger Fischer, Eine kleine Geschichte Ungarns, Frankfurt am Main 1999.
– Christian Gastgeber, Matthias Corvinus und seine Zeit. Europa am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zwischen Wien und Konstantinopel, in: Denkschriften / Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse ; 409, Wien 2011.
– Cengiz Günay, Geschichte der Türkei. Von den Anfängen der Moderne bis heute, Wien 2012.

– Péter Hanák u. Kálmán Benda, Die Geschichte Ungarns. von den Anfängen bis zur Gegenwart, hsrg. von DEMS. u.a., Essen 1988.
– Friedrich Jäger, Bosniaken, Kroaten, Serben. ein Leitfaden ihrer Geschichte, Frankfurt am Main 2001.
– Joseph Held, Hunyadi. legend and reality (East European monographs 178), New York 1985.
– Elemér Mályusz, Kaiser Sigismund in Ungarn. 1387-1437, übers. von Anikó Szmodits, Budapest 1990.
– Jean Marie Mayeur u. Norbert Brox (Hg.), Die Geschichte des Christentums. Religion, Politik, Kultur, Bd.7: Von der Reform zur Reformation (1450-1530), Freiburg 2010.
– Maurus Reinkowski u. Heinz Kramer, Die Türkei und Europa. Eine wechselhafte Beziehungsgeschichte, Stuttgart 2008.
– Udo Steinbach, Geschichte der Türkei, München 2000.
– Zuzsa Teke, Der ungarische König (1458-1490), in: Der Herrscher in der Doppelpflicht. europäische Fürsten und ihre beiden Throne, hrsg. Von Heinz Duchhardt (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz/ Beiheft ; 43 : Abteilung Universalgeschichte), Mainz am Rhein 1997.
– Thomas von Bogyay, Grundzüge der Geschichte Ungarns, Darmstadt 1977

Wollen Sie immer über die neuesten Aktivitäten informiert werden?

Alle Artikel zu Augsburg

Die Stadtschreiberin von Wien

Die Leiermann Buchreihe

Pin It on Pinterest

Share This