Altweibersommer
von Anja Weinberger
Der Altweibersommer ist eine besondere Zeit:
Die Luft wird klarer, das Licht legt sich golden über die Landschaft, und feine Spinnfäden schweben silbern glitzernd durch die Luft. Es ist der stille Übergang vom Spätsommer in den Herbst – ein Innehalten, bevor die Tage merklich kühler werden. Wer genauer hinschaut, entdeckt jetzt die Vielfalt der Farben und den unverwechselbaren Zauber dieser Wochen.
In diesen schon deutlich kürzeren Tagen breitet sich ein weiches, goldenes Licht über Felder und Wälder. Morgentau auf den Wiesen, leuchtendes Laub, der Duft reifer Äpfel, Birnen und Trauben – dazu ein sanfter Wind, der all dies heranträgt und uns spüren lässt, dass der Herbst vor der Tür steht.
Es ist eine Schwellenzeit,
die weder die Fülle des Sommers noch die Kühle des Herbstes ganz für sich beansprucht. Gerade dieses Nicht-Endgültige macht den Altweibersommer so reizvoll: Er schenkt uns Augenblicke der Ruhe, in denen man Veränderungen bewusst wahrnehmen kann. Wer sich darauf einlässt, entdeckt eine eigene Poesie – eine Einladung, das Vergehen nicht als Verlust, sondern als Teil des natürlichen Kreislaufs zu begreifen.
Nicht umsonst nennt der Volksmund den Altweibersommer gern »fünfte Jahreszeit«.
Er hat etwas Schwebendes, fast Geheimnisvolles – und zugleich seine festen Bräuche. In den Weinbaugebieten beginnt die Lese, begleitet von Geselligkeit in Kellern und Buschenschanken. Über den steirischen Hügeln klappert der hölzerne Klapotetz, längst ein akustisches Wahrzeichen dieser Tage. Und überall erklingt Musik: von Volksliedern und Blasmusik bei Erntedankfesten bis hin zu den beschwingten Melodien des Oktoberfestes, das die Lebensfreude dieser Wochen weit über Bayern hinausgetragen hat.
Auch sprachlich ist der Altweibersommer tief verwurzelt:
Schon im Mittelalter taucht der Begriff auf, inspiriert von den schimmernden Spinnweben im Herbstlicht. Und auch in anderen Kulturen findet man ähnliche Begriffe: Indian summer, été indien, Brittsommar. Überall geht es dabei um dasselbe: den milden, sonnigen Nachklang des Sommers vor dem Einbruch der kühlen Jahreszeit.