Bamberger Reiter

 

von Stefan Havlik

Ein Mysterium wird besichtigt – der „Bamberger Reiter“

 

Seit dem 9. Jahrhundert siedeln Menschen dort, wo wir heute von Bamberg sprechen. Über der Bürgerstadt thront die Bischofsstadt, eindrucksvolle Brücken verbinden die beiden Teile der Stadt. So erhebt sich über der Regnitz der Bamberger Dom, dem Heiligen Heinrich als Patronat anvertraut, Sitz des Erzbischofs bis heute – und in seinem Inneren das einzige Grab eines Papstes nördlich der Alpen: Papst Clemens II. war im Jahr 1047 unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen nach einem zehnmonatigen Pontifikat ums Leben gekommen und bevorzugte als Grabstätte seine frühere Bischofskirche: So wurde sein Leichnam nach Bamberg transportiert – ins „deutsche Rom“, dessen Kathedrale einst Alt-Sankt Peter in der Stadt am Tiber ähnlich war.

In dieser Bischofskirche treffen wir auf ein sehr umstrittenes Kunstwerk: Nicht im Sinne einer Geschmacksrivalität, sondern in einem tatsächlichen Streit der Gelehrten, der seit rund 200 Jahren andauert. Die immer wieder neu diskutierte und erwogene Frage lautet: Wen stellt das älteste, nachantike Reiterrelief dar, das im 13. Jahrhundert aus Schilfsandstein von einem unbekannten Meister gefertigt wurde?

Wäre es im unmissverständlich christlichen Europa dieser Zeit vorstellbar gewesen, einen weltlichen Herrscher, der dort weder begraben liegt noch ein heiligmäßiges Leben geführt hat, in einem Gotteshaus zu darzustellen? Das darf deutlich bezweifelt werden. Reiterstandbilder zierten seit den Tagen der Antike Plätze, Schlösser, Prachtstraßen – aber ein Gotteshaus stellte durch alle Zeiten Figuren der Heilsgeschichte und eben Heilige dar.

Betrachtet man den Reiter im Heinrichsdom nun zunächst im Lichte des Rufs Bambergs als „Rom des Nordens“, so wäre die Darstellung des Kaisers Konstantin möglich. Durch die Entscheidung des erst – so will es die Legende – auf dem Sterbebett Getauften wird aus dem je nach dem Willen des regierenden Kaisers mal mehr, mal weniger verfolgten Christentum in kurzer Zeit Staatsreligion.

Konstantin, so wird es von Künstlern vieler Jahrhunderte immer wieder prachtvoll dargestellt, erhält im Traum den Auftrag, sein militärisches Handeln unter das Monogramm Jesu Christi zu stellen. Konstantins Truppen siegen, sein Konkurrent um die Macht in Rom ist geschlagen. Dieser Kaiser des römischen Imperiums, dem man lange Zeit sogar die Schenkung Mittelitaliens an die Kirche zuschrieb – so sehr er Europas christliche Geschichte prägte, so schwer wäre es wohl vorstellbar, dass er waffenlos und ohne das Christusmonogramm, das mit ihm die Brücke schlug vom antiken zum christlichen Kontinent dargestellt würde.

 

Ist der Reiter das Mahnmal für einen Ermordeten? Am 21. Juni 1208 weilt Philipp von Schwaben, König aus dem Geschlecht der Staufer, der Hochzeit seiner Nichte Beatrix von Burgund mit Herzog Otto von Meranien in Bamberg bei – wenige Stunden nach Liturgie und Festmahl wird er in seinen Gemächern von Otto von Wittelsbach ermordet, ehrgeizige Heiratspläne für seine Tochter Kunigunde hatten den adligen Mörder auf den Plan gerufen. Bevor er schon nach wenigen Jahren in den Dom von Speyer umgebettet wurde, fand er zunächst seine Ruhestätte in Bambergs Bischofskirche. Allerdings ist wohl auszuschließen, dass ausgerechnet dieser Dom dem sechs Jahre mit kirchlichem Bannfluch belegten König Philipp ein Denkmal setzen sollte: Schließlich galt Bambergs Bischof, Eckbert von Andechs-Meran, geraume Zeit als Mitwisser des Mordkomplotts: Er hätte sicher einer Denkmalsetzung für den Ermordeten nicht zugestimmt, um die Frage seiner Schuld nicht die Zeit überdauernden Stein werden zu lassen.

 

Die Kathedrale der Stadt an der Regnitz – sie ist nicht nur Ort der mysteriösen Reiterfigur und letzte Ruhestätte eines Papstes, sondern beherbergt auch die Gräber eines Heiligen Ehepaars: Des Bistumsgründers Heinrich II. und seiner Gemahlin Kunigunde, deren imposante Hochgräber heute in unmittelbarer Nähe der Reiterfigur zu besuchen sind. Einige Darstellungen des von Papst Eugen II. Heiliggesprochenen finden wir in der Kathedrale – die allesamt einen eindrucksvollen Herrscher mit langem Bart zeigen. Unwahrscheinlich, dass dies im beeindruckenden Relief des Reiters anders sein sollte, unwahrscheinlich auch, dass Heinrich ausgerechnet in der Kathedrale des von ihm gestifteten Bistums nicht als Kaiser, sondern – abgesehen von der einfachen Krone –  ohne Insignien, und damit als König oder Herzog dargestellt worden wäre.

In der Deutung eines Kunstwerks entscheiden keine Mehrheiten zwischen richtig und falsch. Dennoch darf man zur Kenntnis nehmen, dass seit einigen Jahrzehnten zahlreiche Interpretationen den Heiligen Stephan (Istvan) von Ungarn mit dem „Bamberger Reiter“ dargestellt sehen. Nachdem vor Allem die Entwicklungen und Schrecknisse des 20. Jahrhunderts den süddeutschen Raum vom Land der Magyaren weit entfernt sein ließen, ist zunächst die Vergegenwärtigung der Nähe des heiligen Ungarnkönigs zu Bamberg hilfreich: Gisela von Bayern war es, mit der sich Stephan I. im bayerischen Scheyern verlobte – und diese Gisela war die Schwester von Kaiser Heinrich II.

Ungarns König war somit nicht nur bekannt als derjenige, der aus dem einst wegen seiner starken Reiterarmee gefürchteten Land ein christliches werden ließ, sondern er gehörte auch zum Netzwerk des Hochadels, das Europas Schicksal in entscheidender Zeit regierte. Konkret mit dem Bamberger Dom wird Stephan aber durch eine Legende verbunden, die dem Monarchen gegenüber wenig schmeichelhaft ist: Er soll, noch als Ungetaufter, mit dem Pferd in das Gotteshaus gelangt sein:

„Das Ungarross erblickt
den Kerzenschein, erschrickt.
Der Herr wird belehret vom eigenen Pferde
dass er hier trete auf heilige Erde“ 1

schreibt Andreas Haupt noch 1842.

So sehr dies mit der Darstellung des wachen, ja tatsächlich fast erschrocken wirkenden Pferd in Verbindung gebracht werden könnte, so lässt sich diese Erzählung aufgrund historischer Tatsachen tatsächlich ins Reich der Legende verweisen: Der Eheschließung mit Bayerns Prinzessin Gisela ging zweifellos die Taufe des Magyaren voraus, der wiederum die Krönung zum König folgte – im Jahre 1002, in dem es noch keinen Bamberger Dom gab, so kann ihn Istvan nicht als Heide gesehen haben.

Der aufmerksame, zur Seite gerichtete Blick des Reiters, er kann aber durchaus Spur sein zur Deutung des Kunstwerks, das mit großer Sicherheit durch alle Jahrhunderte an diesem Platz blieb. Sein Blick geht in Richtung des Westchors – dort, wo sein Schwager Heinrich II. und dessen Gattin jahrhundertelang im Grabe lagen. Dass Stephan im Rahmen seiner Wallfahrt nach Aachen (oder Köln?) in Bamberg Station machte und dort erst vom Tod der beiden Verwandten erfuhr, kann möglich sein. Sicher ist, dass der Künstler bewusst die Verbindungslinie zwischen der Reaktion des Reiters und der Grablege darstellte – weder Roms Kaiser Konstantin noch König Philipp von Schwaben hätten dazu Anlass gehabt.

 

Angesichts des christlichen Gotteshauses gibt es auch Überlegungen, ob es kein geringerer als der König der Könige selbst sein könnte, den der Künstler hier so beeindruckend darstellte: Der „Bamberger Reiter“ als der Messias, der – wie Hannes Möhring 2004 ausführt – kein Schwert bei sich trägt, sondern dessen Waffe das Wort ist, das aus seinem leicht geöffneten Mund kommt – und der keine Insignien braucht, da er schlicht Herrscher Aller und von Allem ist? Blickt er nach Westen, wo christliche Heere den Islam der Mauren zurückdrängen und damit die Herrschaft der Kirche weiteren Raum gewinnt?

 

Aus fünf Stücken wurde der Reiter einst zusammengesetzt und sein Halt ist ein fast leichtfertig wirkendes Anlehnen des Reliefs an den Pfeiler. Dass ein Abnehmen der Figur auch ihre gleichzeitige Zerstörung bedeuten würde, hat sie gerettet. Kein Geringerer als Reichsmarschall Hermann Göring war es, der die Figur wie so viele Kunstwerke Mitteleuropas für seinen Landsitz Karinhall einforderte – sich aber überzeugen ließ, dass der Reiter dort bleiben muss, wo er schon so viele Jahrhunderte weltlicher und kirchlicher Geschichte erlebt hat.

Gefährdeten Görings Begehrlichkeiten den Bestand des Kunstwerks, war es das Dritte Reich, das ihm zu einer großen, wenn auch ideologiebesetzten Bekanntheit verhalf: Die Diktatur des Nationalsozialismus verehrte den „Herrenmenschen“ und fand ihn in der Gestalt des „weissen Ritters“ mit Vorliebe in der Bildhauerkunst des Mittelalters.

Dass Bambergs Reiter waffenlos und auf einem im Vergleich zu zahlreichen Reiterstandbildern bescheidenen Pferd dargestellt ist, hielt die Ideologen nicht von Vereinnahmung ab – auch, dass das Relief Raum in einem Gotteshaus hatte, in dem das Evangelium Jesu Christi über Generationen verkündet wurde, konnte sie nicht bremsen: Plakate und Bücher über die Allegorie eines „deutschen Helden“ gingen durch die Druckmaschinen und selbst eine Banknote der Reichsbank zierte er, bis Diktatur und Bombenhagel (vor dem die Figur durch einen eigens angebrachten Schutzbunker bewahrt werden sollte) ein Ende fand.

 

Roms Kaiser Konstantin, der deutsche Herrscher Heinrich II., Ungarns Heiliger König Stephan, der ermordete Philipp von Schwaben – schließlich sogar der König der Könige, der wiederkehrende und mit der Apokalypse nach Johannes die Weltenzeit beendende Messias – in einer zwei Meter großen Reiterfigur finden sich über die Jahrhunderte der Betrachtung so sehr unterschiedliche, aber doch stets bedeutungsvolle Interpretationen. Wer den „Bamberger Reiter“ heute betrachtet, kann in den vielen Deutungen einen Gang durch Jahrhunderte christlicher, europäischer Geschichte erfahren – und sieht einen wachen, konzentrierten Menschen dargestellt, der seine Aufmerksamkeit ganz und gar Interessantem widmet – ein wichtiges Zeichen hinein in eine Zeit der kaum zu bändigenden Informationsflut, der Meinungsinflation und der Beliebigkeit in Kultur und Weltsicht.

1 ….. Bamberger Legenden und Sagen, Bamberg 1842 – 2. verm. Auflage: Buchner’sche Verlagsbuchhandlung, Bamberg 1878 – aktuell: Gerhard Krischker (Hrsg.), 2002

2 ….. Hannes Möhring: König der Könige, Der Bamberger Reiter : In neuer Interpretation

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