Der Cappuccino

von Thomas Stiegler

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts herrschte Unruhe innerhalb des franziskanischen Ordens. Viele Brüder sahen das große Ideal des Franz von Assisi verraten und sehnten sich nach einem einfachen Leben im Dienst an den Armen und Bedürftigen.

Deshalb verließ im Frühjahr 1525 der Mönch Mateo de Bascio unerlaubterweise die Ordensgemeinschaft, denn er wollte nach dem Vorbild des hl. Franziskus mittellos durch die Welt ziehen und den Menschen dienen.

Bald schlossen sich ihm zwei weitere Ordensbrüder an, und um diesem Ungehorsam Einhalt zu gebieten entschied ihr Abt, sie aus dem Orden zu verbannen.

Verachtet und gemieden zogen sie nun durch das Land, bis sie 1527 während einer Pestepidemie freiwillig ihr Leben aufs Spiel setzten, um die Kranken zu pflegen und auf ihrem letzten Wege zu begleiten.

Als Lohn dafür erhielten sie vom Papst ein Schutzschreiben für ihre weitere Tätigkeit.

Sie durften nun als Wanderprediger durch die Lande ziehen, eigene Obere wählen und weitere Brüder aufnehmen.

Außerdem wurde ihnen das Tragen einer eigenen Ordenstracht erlaubt, die aus einer kastanienbraunen Kutte und einer spitz zulaufenden Kapuze bestand.

Wegen dieser Kapuze wurden sie vom einfachen Volk als Kapuziner bezeichnet und als sie durch die Dörfer zogen, rannten die Kinder herbei und riefen „Cappucini, cappucini!“ (Die Kapuzen kommen!).

Cappuccino, ©Pexels

Mehr als dreihundert Jahre später ist Wien die Hauptstadt des allerchristlichsten Königs und die Kapuziner sind im Volke hoch angesehen.

Wahrscheinlich auch deshalb wurde die neue Kaffeespezialität, die aus einem Mokka, dem man ein paar Tropfen Schlagobers beimischte und die in der Farbe an die hellbraune Ordenstracht des Bettelordens erinnerte, als Kapuziner bezeichnet.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Während des Ersten Weltkriegs waren viele österreichische Soldaten in Italien stationiert. Auch dort wollten sie nicht auf ihre gewohnten Spezialitäten verzichten und vor allem war es der Wiener Kaffee, nach dem sie sich sehnten.

Daher bemühten sich die italienischen Kaffeehausbesitzer, ihnen diesen Wunsch zu erfüllen, und lernten, den Kapuziner zuzubereiten.

Sie übersetzten auch seinen Namen wieder zurück in seine ursprüngliche Form und bezeichneten ihn als „Capuccio“, also Kapuze, woraus sich dann später das Wort Cappuccino ableitete.

Als in den sechziger Jahren moderne Espressomaschinen aufkamen, entwickelten sie eine weniger üppige Kapuziner-Variante mit aufgeschäumter Milch anstatt der Sahne.

Und von hier aus wurde der Cappuccino schließlich durch Urlauber und italienische Gastarbeiter in allen Ländern Europas verbreitet und wurde zu dem Getränk, als das wir es heute lieben.

Die später in Deutschland entstandene und rasch auch in Österreich verbreitete Variante mit einer Haube aus Schlagobers anstatt des Milchschaums ist übrigens kein Cappuccino mehr, sondern ein „Franziskaner“.

Womit sich der Kreis dann endgültig geschlossen hat!

Das Wichtigste beim Cappuccino ist übrigens das richtige Verhältnis zwischen Espresso und Milch und die Konsistenz des Milchschaums.

Franziskaner Kaffee, ©anrymoscow

Am besten füllt man eine etwas größere Tasse zu einem Drittel mit einem guten Espresso und gießt den Rest mit geschäumter Milch auf.

Die Milch muss übrigens vor dem Aufschäumen sehr kalt sein, damit ausreichend Zeit für die Entstehung der feinen Luftblasen bleibt. Dabei muss man darauf achten, dass die Milch nicht heißer als etwa 70 °C wird.

Falls ihr keine eigene Espressomaschine mit Milchschäumer besitzt, dann wird die Sache etwas schwierig werden.

Am besten genießt ihr dann einfach einen Franziskaner oder ihr besucht ein gutes Kaffeehaus in eurer Nähe.

Auf was ihr beim Cappuccino achten müsst, das wisst ihr ja jetzt!

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