Der Cappuccino

von Thomas Stiegler

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts herrschte Unruhe innerhalb des franziskanischen Ordens. Viele Brüder sahen das Ideal ihres Gründers, des heiligen Franz von Assisi, verraten und sehnten sich nach einem einfachen Leben und einem Dienst an den Armen und Bedürftigen. So entstanden die verschiedensten Strömungen innerhalb der Gemeinschaft, deren gemeinsames Ziel es war, wieder zu den ursprünglichen Idealen der Gemeinschaft zurückzufinden. Auch der Mönch Mateo de Bascio gehörte zu dieser Gruppe unzufriedener Zeitgenossen und verließ ohne Zustimmung seines Vorstehers die Ordensgemeinschaft, um nach dem Vorbild des heiligen Franziskus mittellos durch die Welt zu ziehen und den Menschen zu dienen. Bald schlossen sich ihm zwei weitere Ordensbrüder an, die dieselben Ideale teilten, und gemeinsam versuchten sie nun, ihre Idee eines einfachen, gottgefälligen Lebens umzusetzen. Der Abt ihres Ordens, dem ihr Tun nicht nur ein Dorn im Auge war, sondern der sich auch vor einem Um-sich-Greifen dieser Ideen fürchtete, sah sich letztlich dazu gezwungen, sie aus dem Orden zu auszuschließen.

Befreit von den Regeln ihrer Gemeinschaft und unterstützt nur von der einflussreichen Herzogin Caterina Cybo, zogen sie mehr oder weniger ziellos durch das Land, bis sie 1527 während einer Pestepidemie im Herzogtum Camerino1 freiwillig ihr Leben aufs Spiel setzten, um die Kranken zu pflegen und die Sterbenden auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Überzeugt von der Lauterkeit ihrer Absichten, gewährte ihnen der Papst schließlich ein Schutzschreiben für ihre weitere Tätigkeit. Fortan durften sie als Wanderprediger durch die Lande ziehen, ihre eigenen Oberen wählen und weitere Brüder aufnehmen. Außerdem wurde ihnen das Tragen einer eigenen Ordenstracht erlaubt, die aus einer kastanienbraunen Kutte mit spitz zulaufender Kapuze bestand. Von dieser Kapuze rührt auch der Name der Mönche her, denn wegen ihrer Form wurden sie bald als »Kapuziner« bezeichnet und wenn sie in den Dörfern auftauchten, riefen die Kinder: »Cappucini, cappucini!« (Die Kapuzen kommen!).2

Mehr als dreihundert Jahre später ist Wien die Hauptstadt des allerchristlichsten Königs und Schutzherrn der römisch-katholischen Kirche, und die Kapuziner sind im gemeinen Volke hoch angesehen.3 So darf es auch nicht verwundern, dass die neue Kaffeespezialität, die aus einem Mokka, dem man ein paar Tropfen Schlagobers beimischte, bestand und in der Farbe an die hellbraune Ordenstracht des Bettelordens erinnerte, typisch wienerisch als »Kapuziner« bezeichnet wurde. Aber die Geschichte geht noch weiter …

Während des Ersten Weltkriegs waren viele österreichische Soldaten in Italien stationiert. Natürlich wollten sie auch dort nicht auf ihre gewohnten Spezialitäten verzichten, und so bemühten sich die italienischen Kaffeehausbesitzer, den Kaffee so zuzubereiten, wie die Soldaten es aus ihrer Heimat gewohnt waren. Den Namen »Kapuziner« übersetzten sie dabei wieder in seine ursprüngliche Form und bezeichneten ihn als »Cappuccio«, also Kapuze, woraus sich im Laufe der Zeit das Wort Cappuccino entwickelte.

Als in den sechziger Jahren in Italien die ersten Espressomaschinen aufkamen, hatte man die hübsche Idee, den Kaffee, anstatt mit Sahne zu verfeinern, mit einer Haube aus aufgeschäumter Milch zu verzieren. In dieser Version wurde der Cappuccino schließlich durch Urlauber und italienische Gastarbeiter in allen Ländern Europas bekannt. Übrigens ist die später in Deutschland entstandene und rasch auch in Österreich verbreitete Variante mit einer Haube aus Schlagobers anstatt des Milchschaums kein Cappuccino mehr, sondern ein Franziskaner, womit sich (wenigstens im Bereich der Kulinarik) der Kreis dann endgültig geschlossen hat!

Die Rezeptur des Cappuccino ist denkbar einfach, doch sollte man auf ein paar Dinge achten: Das Wichtigste ist das richtige Mischverhältnis von Espresso und Milch und die Konsistenz des Milchschaums. Dazu füllt man eine etwas größere Tasse zu einem Drittel mit einem Espresso und gießt mit geschäumter Milch auf. Die Milch muss übrigens vor dem Aufschäumen sehr kalt sein, damit beim Erhitzen ausreichend Zeit für die Entstehung der feinen Luftblasen bleibt. Dabei muss man allerdings darauf achten, dass die Milch nicht heißer als etwa 70 °C wird.4

Falls man keine eigene Espressomaschine mit Milchschäumer besitzt, dann wird die Sache etwas schwierig. Am besten genießt man dann einfach einen Franziskaner oder besucht ein gutes Kaffeehaus. Worauf man beim Cappuccino achten muss, das wissen wir jetzt ja!

Fußnoten

1 In der Region Marken, knapp an der Grenze zu Umbrien in Italien, etwa 30 Kilometer östlich von Assisi.

2 Ab dem Jahr 1535 wurde dieser Name auch offiziell in Dokumenten verwendet.

3 Das erste Kapuzinerkloster im Habsburgerreich wurde 1593 in Innsbruck gegründet, im Jahr 1600 entstand dann das erste ihrer Klöster in Wien.

4 Einerseits kann die Milch bei höheren Temperaturen verbrennen und einen unerwünschten Eigengeschmack entwickeln, andererseits können sich durch zu hohe Temperaturen die Proteinstrukturen der Milch verändern, wodurch der Schaum weniger cremig wird.

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