Der Carajillo

von Thomas Stiegler

Wie wahrscheinlich die meisten von uns war ich lange der Überzeugung, dass der Rotwein das Nationalgetränk der Spanier ist. Doch inzwischen bin ich etwas älter und vielleicht auch etwas klüger geworden (und manchmal lasse ich mir sogar etwas von anderen sagen), und daher weiß ich mittlerweile, dass es in Wirklichkeit das Bier und der Kaffee sind, die zu den beliebtesten Getränken Spaniens zählen.

Für mich als Österreicher ist das nicht weiter verwunderlich, denn auch bei uns sind es Kaffee und Bier, die neben Wiener Schnitzel und Gugelhupf am öftesten auf unseren Tischen zu finden sind. Was mich allerdings ein wenig verwundert hat, ist, wie sehr sich die Trinkgewohnheiten der Spanier von den unsrigen unterscheiden. Denn während etwa der Kaffee bei uns in erster Linie auf dem Frühstückstisch zu finden ist (und vielleicht noch in geselliger Runde zum Nachmittagsplausch), kann man in Spanien zu jeder Tages- und Nachtzeit beobachten, wie Menschen in einem Café bei ihrem Kaffee sitzen oder in geselliger Runde eine der unzähligen spanischen Kaffeespezialitäten genießen.

 

Für uns hält die spanische Kaffeekultur noch eine weitere Überraschung bereit, und die hat direkt mit dem Kaffee zu tun – durch einen höheren Anteil an Robusta Bohnen und einer besonderen Zubereitungsart (bei der Röstung wird dem Kaffee Zucker beigemengt, der karamellisiert und ihm eine besondere Note verleiht) schmeckt der Kaffee zwar grundsätzlich etwas weicher und milder, ist aber deutlich kräftiger und hat eine anregendere Wirkung, als wir es gewohnt sind.

Außerdem, und das muss ich aus leidvoller Erfahrung sagen, muss man in Spanien aufpassen, was man bestellt (vor allem, wenn man kein Spanisch spricht), denn hier gibt es viele Kaffeespezialitäten, bei deren Zubereitung reichlich Alkohol verwendet wird. Eine davon, von der die Spanier selbst sagen, dass sie »Feuer auf der Zunge, Samt in der Kehle und Wärme im Herzen« verbreitet, ist der Carajillo. Dieser wird, obwohl der Kaffee sehr kräftig ist und mit hochprozentigem Alkohol zubereitet wird, in Spanien zu jeder Tages- und Nachtzeit getrunken, sowohl zum Frühstück als auch nach dem Abendessen oder spät in der Nacht.

Ein Carajillo, © joanett

Zum Ursprung dieses Kaffees gibt es zwei Geschichten.

Die eine geht zurück auf die Zeit, als Kuba noch eine spanische Kolonie war. Damals wurden die spanischen Soldaten, weit entfernt von ihrer Heimat und der Sicherheit ihrer Familien, im sinnlosen Kleinkrieg gegen die Sklaven der Zuckerrohrplantagen und der einheimischen Bevölkerung aufgerieben. Um in diesem Kampf nicht völlig verrückt zu werden, wurden viele der Soldaten zu Trinkern und begannen damit, sogar ihren Kaffee mit Rum zu versetzen – nicht zuletzt, um sich so den nötigen Mut für einen weiteren Tag in der Hölle des Krieges anzutrinken. Aus dem spanischen Wort für Mut aber, »coraje«, sollte sich das Wort »Corajillo« ableiten, woraus sich dann später die heutige Bezeichnung »Carajillo« entwickelte.

Die zweite Geschichte führt uns ins Barcelona des frühen 19. Jahrhunderts. Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens, war damals schon eine der größten Städte des Kontinents und zugleich Epizentrum des Handels mit dem benachbarten Königreich Frankreich. Hauptumschlagplatz der Waren war dabei der Bahnhof Estación de Francia im Osten der Stadt, an dem täglich unzählige Fuhrwerke ihre Waren anlieferten. Da die Arbeit hart und schlecht bezahlt und daher die Gespannführer immer in Eile waren, um möglichst viele Fuhren unterzubringen, riefen sie bei ihren knapp bemessenen Pausen den Kellnern immer schon von weitem ihre Bestellung zu: »Posa’m-ho junt que ara guillo…« (Stellt es neben mich, jetzt bin ich in Eile) soll dabei ihr bevorzugter Ruf gewesen sein – wodurch sich im Laufe der Zeit aus dem Ausdruck »ara guillo« der Begriff »Carajillo« entwickeln sollte.

Aber wie auch immer, ob der Begriff nun bedeutet, dass man sich Mut antrinken möchte oder einfach, dass man in Eile ist, der Carajillo ist noch heute eine der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Kaffeespezialitäten Spaniens.  Dabei scheint jede Region ihre besonderen Vorlieben zu haben: In Katalonien etwa wird er mit einem einfachen Brandy zubereitet und der Zucker wird gesondert serviert. In der Provinz Castellón hingegen ist die Zubereitung etwas aufwendiger. Hier wird der Alkohol zuerst erhitzt, zum Teil im Glas verbrannt und dann mit dem Kaffee gelöscht. Daneben gibt es aber noch zahlreiche andere Möglichkeiten und je nach Region wird der Carajillo mit Whisky, Cognac oder Rum zubereitet, wobei jede Provinz felsenfest davon überzeugt ist, dass gerade ihre Version des Carajillo die einzig authentische ist.

Mehr Geschichten und Rezepte zum Kaffee gibt es in meinem Buch: Der Kaffe – Kulturgeschichten und Rezepte.

 

Um auch einmal zuhause ein wenig spanisches Flair zu genießen, ist es am einfachsten, in einem feuerfesten Glas einen starken Espresso mit Rum, Whiskey oder Brandy zu mischen und nach Geschmack zu süßen.

Wenn man aber einen wirklich einzigartigen Carajillo zubereiten möchte, dann sollte man einmal die Variante »quemado« (gebrannt) versuchen: Dafür gibt man zwei Kaffeebohnen, etwas Rum (oder Brandy) und ein Stück Zitronenschale in eine feuerfeste Tasse und erhitzt das Ganze mit der Dampfdüse der Espressomaschine. Dann entzündet man die Mischung und karamellisiert in der Flamme einen Löffel Zucker, den man anschließend in die Tasse kippt. Zum Schluss stellt man die noch brennende Mischung unter die Espressomaschine und löscht sie direkt mit dem frischen Kaffee.

Zum Schluss noch eine kleine Spezialität: Eine besonders im Sommer beliebte Zubereitung ist der »Café del tiempo« (Kaffee der Jahreszeit). Hierbei bekommt man meist einen mit Anis-Likör zubereiteten Carajillo zusammen mit einem Glas Eiswürfel serviert. Der Carajillo wird nun nach Geschmack gesüßt, in das Glas mit den Eiswürfeln geleert und kalt genossen.

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