Der Dresdner Zwinger

 

von Susanne Reichelt

Zugegeben, SEHENSWÜRDIGKEIT  ist ein schon etwas verstaubt anmutendes Wort, ein bisschen umständlich, sperrig und  ziemlich lang, das Englische ist mit SIGHT oder HIGHLIGHT viel flotter und griffiger.

Und doch muss ich hier einmal eine Lanze für das Deutsche brechen. Man kann sich das Wort doch geradezu auf der Zunge zergehen lassen: Etwas, was DES SEHENS WÜRDIG ist. Und das trifft auf den Dresdner  Zwinger ohne Frage zu: Wer hat nicht alles schon geschwärmt angesichts dieses Ensembles, bei dem  barocke Baukunst und Bildhauerei so genial miteinander verwoben sind, das spröde Material  Sandstein so virtuos zu fließenden, bewegten  Linien geformt ist, und doch bei  aller Liebe zum Detail der grandiose Gesamteindruck  seine Wirkung nie verfehlt.

Heitere Architektur  mit rätselhaftem  Namen

Auch heute noch ist jeder Besucher schwer  beeindruckt, wenn er zum Beispiel vom Theaterplatz aus durch den Torbogen der Gemäldegalerie  tritt und die Stufen zum Zwingerhof hinuntergeht. Direkt gegenüber zieht sofort das zierliche Kronentor mit seiner zwiebelförmigen  Kuppel unter der vergoldeten polnischen Königskrone den Blick auf sich. Es unterbricht die mit Wandbrunnen zwischen hohen bogenförmigen Fenstern geschmückte Langgalerie. Nach links und rechts schweift der Blick zu zwei fast identischen Pavillons, denen sich Bogengalerien zu beiden Seiten anschließen. Ihren  Abschluss finden sie in Eckpavillons, die durch doppelläufige Treppen aus dem Hof heraus erschlossen werden.  Hat der Besucher diese genial proportionierte und rhythmisch gruppierten Bauten mit ihrem reichen Figurenschmuck erst einmal auf sich wirken lassen,  steht ihm EINE Frage schon fast auf die Stirn geschrieben, wir Stadtführer haben sie tausendfach zu beantworten: WARUM HEISST DER ZWINGER „ZWINGER“? Zugegeben, es ist eine durchaus berechtigte Frage, denn das Wort Zwinger hat schon eher einen martialischen Klang, erinnert an Zwingburg, Kerker oder Käfig und steht damit ganz und gar im Widerspruch zum heiter-festlichen Charakter dieses Baukomplexes.

Begibt man sich aber durch das berühmte Kronentor wieder hinaus aus dem Hof, so steht man auf einer simpel konstruierten Brücke über einen Wassergraben, der einst als Festungsgraben bei Bedarf die gesamte Stadt umschließen konnte und so ihre starken Verteidigungsanlagen ergänzte. Ein Teil der  in der Renaissancezeit neu angelegten Festungsmauern ist unterhalb der Langgalerie und des Kronentores  immer noch erhalten. Wo der Zwingergraben heute in einen idyllischen Teich übergeht und ein spitzwinkliger Mauerknick, die „Scharfe Ecke“, erkennbar ist, schloss sich eine der sieben Bastionen der Festungsanlage an.  

Dresdner Zwinger, © Susanne Reichelt

Zwischen ihren pfeilförmig aufeinander zulaufenden Mauern lag der als „Zwinger“ bezeichnete  Bereich, in dem gegebenenfalls „bezwungen“  werden konnte, wer immer seinerzeit unbefugt dort hineingelangt war. Als im 18. Jahrhundert solche Befestigungsanlagen mehr oder weniger ausgedient hatten, nutzte man derartiges Gelände auch anderenorts  für zivile Zwecke, gern für Gärten und Lustbauten. In Dresden aber ist eine wirklich herausragende  Schöpfung dieser Art gelungen und zum Glück bis heute erlebbar trotz der erheblichen Zerstörungen im 2.Weltkrieg, denn schon ab 1946 wurde der rund 20 Jahre dauernde Wiederaufbau dieses Wahrzeichens von Dresden vollbracht.

Die Jahrhunderthochzeit und ihr Vorspiel

Wenn man nun weiß, woher der Name „Zwinger“ rührt, tut sich als nächstes die Frage auf, wozu das Ganze wohl diente. Eins vorweg: Ein Schloss ist es nicht, bewohnt war der Zwinger nie! Er war vielmehr ein Veranstaltungsort, eine Arena für höfische Feste, flapsig ausgedrückt könnte man ihn eine Party Location nennen, ja sogar ein „Chillroom“ ist vorhanden, das etwas versteckte grottenartige Nymphenbad mit seinen erfrischenden Wasserspielen nämlich . Allerdings waren  die Feierlichkeiten, mit der der Zwinger als Festsaal unter freiem Himmel 1719 eingeweiht wurde, mit heutigen banalen Partys kaum vergleichbar. Sie sind als Jahrhunderthochzeit in die Geschichte eingegangen und waren tatsächlich ein Ereignis von europäischer Tragweite, gefeiert wurde die Verbindung des Hauses Habsburg mit der Dynastie der Wettiner. Mit wem bitte? So wird der eine oder andere Leser sich fragen, der vielleicht von den Wettinern kaum je gehört hat.  Doch mit August dem Starken ist mindestens ein Angehöriger dieses Geschlechts doch recht bekannt, wenn auch oft nur im Zusammenhang mit seiner Schwäche für Frauen und ihren Folgen, die so manchen schon vermuten ließ, dass wohl  jeder zweite oder dritte Sachse  zu seinen direkten Nachfahren zählt. Die oft zitierte Zahl von 354 oder 365 Kindern ist natürlich maßlos übertrieben, doch ein Körnchen Wahrheit steckt in diesen Unterstellungen natürlich, tatsächlich legitimiert hat er allerdings „nur“ neun Sprösslinge. Mit seiner Gemahlin zeugte er nur ein Kind, den 1696 geborenen Kurprinzen  Friedrich August.

Dresdner Zwinger, © Susanne Reichelt

Dieser einzige eheliche Sohn Augusts des Starken wurde also  1719 mit der Habsburger Prinzessin Maria Josepha verheiratet, der ältesten  Tochter des zu diesem Zeitpunkt bereits ohne männliche Nachkommen verstorbenen Kaisers Joseph I. Nun saß dessen jüngerer Bruder auf dem Kaiserthron, Karl VI., der Vater Maria Theresias, die nach seinem Tod bekanntlich die Herrschaft von ihm übernahm als erste Frau auf dem Habsburgerthron.

Dies hatte die Pragmatische Sanktion von 1713 ermöglicht, die die weibliche Thronfolge beim Ausbleiben männlicher Erben zuließ. Doch war diese zu dem Zeitpunkt ein zunächst durchaus strittiges Gesetz auf dem Papier, das es im Ernstfall erst durchzusetzen galt, wovon der Österreichische Erbfolgekrieg später ja auch zeugte.

Dieser kleine Ausflug in die Familienkonstellationen ist nötig, um zu verstehen, warum diese Hochzeit für die Wettiner eine solch immense Bedeutung hatte. August der Starke rechnete sich durchaus realistische Chancen aus, seinen Sohn eines Tages auf dem römisch-deutschen Kaiserthron zu sehen, war der durch diese Eheschließung doch der Gemahl der erstgeborenen Tochter des älteren der beiden Habsburger Brüder. Pragmatische Sanktion hin oder her. Und diese Aussicht wiederum motivierte August den Starken, dieses Fest zu einem Ereignis werden zu lassen, von dem ganz Europa sprach. Da durfte er keine Kosten und Mühe scheuen, galt es doch, die wirtschaftliche und kulturelle Potenz seines Landes vorzuführen. Somit war das Fest durchaus kein belangloser vergnüglicher Zeitvertreib, sondern ein Mittel vorausschauender Staatspolitik.

Möglich geworden war eine Verbindung des seit der Reformation protestantischen sächsischen Herrscherhauses mit der urkatholischen Dynastie der Habsburger erst mit dem Übertritt des Kurprinzen zum katholischen Glauben. Zwar war bereits sein  Vater aus rein politischen Gründen konvertiert, um zum König von Polen gewählt werden zu können.  Die Bevölkerung und auch große Teile des Hofes und sogar seine Gemahlin waren jedoch lutherisch geblieben und der Kurprinz wurde protestantisch erzogen. Kein Wunder, dass der während seiner Kavalierstour in Italien erfolgte Glaubenswechsel  jahrelang geheim gehalten und erst 1717 in Baden bei Wien öffentlich vollzogen wurde, was die Voraussetzung für  die Bewerbung um die Hand der Kaisertochter war.

Nun blieben nicht einmal zwei Jahre, um die ambitionierten Hochzeitspläne vorzubereiten, nicht genug, um etwa ein neues Schloss zu bauen. Das schwebte August dem Starken zwar vor und es gibt ganz konkrete Pläne dafür, nach denen der Zwinger in seinen jetzigen Ausmaßen lediglich der Vorhof für  ein gigantisches Schloss gewesen wäre, das sich auf dem Gelände des heutigen Theaterplatzes bis zur Elbe erstreckt hätte. Das aber hätte zu viel Zeit und Geld verschlungen, August musste sich damit begnügen, das vorhandene altmodische Stadtschloss seiner Vorfahren  in einen „kaisertauglichen“ Zustand zu versetzen.  Das war bei einem über Jahrhunderte  immer wieder in  veränderten, verschachtelten und zu allem Übel  1701 durch einen Brand halb zerstörten Gebäudekomplex eine Mammutaufgabe.

Doch August der Starke machte aus der Not eine Tugend und verband die Renovierung mit der Einrichtung einer prächtigen Raumfolge im Westflügel, die auf das Kostbarste ausgestattet wurde und dem Empfang der kaiserlichen Braut alle Ehre machte. Man kann sich seit 2019 wieder ein Bild von diesen Paraderäumen machen, sie  wurden mit ebenso immensem Aufwand wie damals originalgetreu rekonstruiert aus Anlass des 300. Jahrestages der Kurprinzenhochzeit.  

Dresdner Zwinger, Gartenanlage, © Susanne Reichelt

Vom Garten der Hesperiden zum Festsaal unter freiem Himmel

Doch damit nicht genug, für die Feierlichkeiten benötigte man noch weitere Schauplätze, die entsprechend ertüchtigt oder sogar ganz neu geschaffen werden mussten.  Und dabei nahm der Zwinger eine Schlüsselrolle ein. Zu dem Zeitpunkt existierten bereits die Bauten an der Wallseite, die ab 1709 durch Matthäus Daniel Pöppelmann als Orangerie  errichtet worden waren.  Der mittige Wallpavillon, oft als Höhepunkt der Zwingerbauten genannt, wird bekrönt von der Figur des Herkules mit der Himmelskugel auf den Schultern. Belesene, mythologiekundige Touristen  wenden hier bei Führungen oft ein, dass es doch Atlas war, der das Himmelsgewölbe trug. Richtig, doch einmal wurde Atlas ausgetrickst von Herkules, zu dessen 12 Aufgaben es auch gehörte, die Goldenen Äpfel der Hesperiden zu beschaffen. Das konnte er nur mit Hilfe von Atlas, der am westlichen Rande der Welt das Himmelsgewölbe trug. Herkules brachte ihn dazu, von seinen Töchtern, den Hesperiden, die Goldenen Äpfel  zu holen, bei denen es sich vermutlich um Orangen handelte. Dafür befreite er ihn von der Last der Himmelskugel und schulterte sie selbst, war aber schlau genug, sie dem Atlas nach getaner Arbeit mit einer List wieder aufzubürden, um flugs mit den Apfelsinen davonzueilen. Mit Herkules und dessen Körperkraft und Cleverness verglich sich August der Starke sehr gerne, die Skulptur auf dem Pavillon, übrigens  ein Originalwerk und vielleicht sogar verstecktes Selbstbildnis des Chefbildhauers Balthasar Permoser, ist also eine sehr direkte Anspielung auf August den Starken, der sich zur Unterbringung  der teuer importierten exotischen Kübelpflanzen seinen eigenen Hesperidengarten schaffen ließ.  Diese Bauten am Wall wurden einige Jahre später erweitert um die Langgalerien und das Kronentor, das Augusts Würde als polnischer König effektvoll unterstreicht, wird doch die Krone auch symbolträchtig von Adlern getragen, dem Wappentier Polens. Und als nun die Hochzeit bevorstand und ein schicker Festplatz gleich beim Schloss benötigt wurde, lag es nahe, den Wallbauten ein baugleiches  Pendant auf der stadtwärtigen Seite gegenüberzustellen und so einen symmetrischen Rahmen für die Feierlichkeiten zu schaffen.  Die vierte noch offene Seite, heute der Standort der Gemäldegalerie, sollte  eine spätere Realisierung der großen Schlossneubaupläne doch noch ermöglichen und wurde zunächst nur provisorisch mit einer Art Tribüne geschlossen, von der aus die illustren Zuschauer dem Festtreiben folgen konnten.

Volles Programm 1719

Längst nicht alle Events der großen Party fanden im Zwingerhof statt. Die Feierlichkeiten zogen sich den gesamten Monat September des Jahres 1719 hin, nachdem die Eheschließung formell in Wien erfolgt und die Braut mit Gefolge nach Dresden gereist war – das letzte Stück auf einer Prunkgaleere auf der Elbe – und im Residenzschloss in den nagelneuen Paraderäumen empfangen worden war. An den folgenden Tagen wurde die Hochzeitsgesellschaft mit diversen Lustbarkeiten unterhalten, Schauessen und Turniere wechselten mit Aufführungen extra komponierter Opern und Komödien, wieder gefolgt von Kampfjagden, Maskenbällen und Feuerwerk. Tatsächlich ist auch einmal ein „Rasttag“ im Veranstaltungskalender zu finden. All diese Veranstaltungen waren aber nur die „Lückenfüller“ zwischen den großen Höhepunkten, den sogenannten Planetenfesten,  die ihren Auftakt erlebten  beim Fest des Apoll, fortgesetzt wurden mit dem Fest des Mars, des Jupiter, der Luna, des Merkur, der Venus und ihren Abschluss im grandiosen Saturnfest fanden, bei dem der Bergbau und damit die Quelle des Reichtums Sachsens gewürdigt wurde, die diese kostspieligen Feierlichkeiten überhaupt erst ermöglichten.

Dresdner Zwinger, © Susanne Reichelt

Dresdner Zwinger, © Susanne Reichelt

Jupiter und Merkur waren die Themen der beiden größten Feste, für die der Zwinger als Schauplatz diente. Beim Jupiterfest wurde zum Beispiel ein Rösserballett veranstaltet, es erschienen dabei als Feuer, Erde, Wasser und Luft kostümierte Reiterscharen in einem choreografierten Aufzug, dem sogenannten Caroussel der Elemente. Das Merkurfest hingegen wurde als Jahrmarkt der Nationen gefeiert, die Gäste waren gekleidet in – übrigens selbst finanzierte – Kostüme, die sie etwa als Tataren, Türken oder Chinesen erscheinen ließen. Bei der Gelegenheit wurde aber auch eine Art Messe abgehalten und Produkte  des Landes wie etwa Porzellan aus der ganz jungen Manufaktur Meißen angeboten. Und August der Starke ließ es sich nicht nehmen, in einer sogenannten „Wirtschaft“ spaßeshalber die Gäste mal selbst zu bedienen, und wohl auch seine Gemahlin, die als „Betsäule Sachsens“ verspottete brave Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth, musste sich dazu herablassen.

Der Dresdner Zwinger heute

Künftig wird man in einem Bereich des Zwingers eine neu gestaltete Multimedia-Ausstellung namens ZwingerXperience erleben können, in der man sich selbst virtuell unter die Akteure  dieses Barockfestes mischen kann und eine anschauliche Vorstellung vom Zwinger als Schauplatz rauschender Feste  bekommt. Diese neue Ausstellung ergänzt die vielfältige Museumslandschaft, die heute im Zwinger ihre Heimat hat: den Mathematisch-Physikalischen Salon, eine Sammlung historischer Messwerkzeuge und wissenschaftlicher  Instrumente, die August der Starke bereits im Zwinger unterbringen ließ, die äußerst reiche Porzellansammlung mit fernöstlichen Keramiken, aber auch den allerersten Produkten der von August dem Starken in Meißen gegründeten ältesten Porzellanmanufaktur Europas, sowie die hochkarätige Gemäldegalerie Alte Meister im sogenannten Semperbau des Zwingers. Sie steht seit Mitte des 19. Jahrhunderts an der Stelle, wo nach Augusts Plänen die neue Residenz entstehen sollte, die jedoch nach der kostspieligen Jahrhunderthochzeit schon aus finanziellen Gründen ein Traum bleiben musste.

Doch um den Zwinger tatsächlich zu erleben, seine spektakuläre Gesamtwirkung wie seinen detailreichen Figurenschmuck, muss man ihn mit eigenen Augen SEHEN, und wie eingangs behauptet, er ist tatsächlich des SEHENS WERT, eine SEHENSWÜRDIGKEIT im wahrsten Sinn des Wortes.

Verwendete Literatur
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