Der Elisenlebkuchen

von Thomas Stiegler

In Nürnberg hat der Lebkuchen eine lange Tradition. Schon 1395 wurden hier die ersten Lebkuchenbäcker erwähnt und die Bezeichnung »Nürnberger Lebkuchen« ist bis heute ein Hinweis auf höchste Qualität und besten Geschmack. Für Feinschmecker gibt es ihn hier übrigens in drei Farben: »Weiß« mit Zuckerglasur, »Schwarz« mit Schokoladenüberzug und »Natur«, also einfach ein gebackener Lebkuchen, der eventuell noch mit Mandeln verziert werden kann.

Und dann gibt es hier noch eine besondere Form des Lebkuchens, der um das Jahr 1720 entstanden ist und der den Namen »Elisenlebkuchen« trägt. Im Gegensatz zu den schon erwähnten enthält er kein Mehl, dafür aber viele leckere und seinerzeit äußerst seltene und wertvolle Sachen wie etwa Marzipan, Zimt, Muskatnuss oder Kardamom. Außerdem wird ihm eine heilende Wirkung nachgesagt und wie das gekommen ist, davon soll die folgende Geschichte handeln.

Lebkuchendose Nürnberg, © anaterate

Einst lebte im alten Nürnberg ein Lebküchner (ja, diesen Beruf gab es in jenen Tagen schon), der still und brav seiner Arbeit nachging. Leider war er vom Unglück verfolgt und sehr früh schon verstarb ihm seine junge Frau. Fast wäre er darüber hart und einsam geworden, wenn nicht sein kleines Töchterlein gewesen wäre, das seinem Leben Licht und Wärme gab: Elisabeth.

Elisabeth – ihr hättet sie einmal sehen müssen. Wenn sie morgens in die Backstube kam, ein kleines Lied auf ihren Lippen, dann hüpfte dem Meister das Herz im Leibe. Alle Menschen auf der Straße blieben stehen und sahen ihr nach, wenn sie auf dem Weg zum Markt war, alle grüßten sie und hatten ein gutes Wort für sie (und steckten ihr heimlich das ein oder andere Naschwerk zu).

Da darf es uns nicht verwundern, dass sie des Vaters Augenstern war und er sie über alles liebte. Doch wen das Unglück einmal in seinen Fingern hält, den lässt es nicht mehr so leicht los. Diese Lektion musste auch der arme Lebküchner lernen, denn eines Tages erkrankte sein kleiner Liebling schwer. Ich weiß nicht, was es genau war, das ihr die Lebenskraft nahm. Vielleicht war es ein Fieber, vielleicht auch ein andere Krankheit, aber auf jeden Fall wurde sie täglich blasser und stiller und es stand so schlimm um sie, dass schon der Priester kam und den Lebküchner trösten wollte.

Der Lebküchner allerdings war ein gescheiter Mann. Vielleicht hatte ihn das Unglück mit seiner Frau zu einem Bücherleser gemacht und zum Nachdenken gebracht (manch einer munkelte ja hinter vorgehaltener Hand, dass er deshalb vom Pech verfolgt wurde – denn wer seine Zeit so einsam mit Büchern verbrachte, wer weiß, was der sonst noch für  gottlosen Zauber trieb!). Vielleicht war es so, vielleicht war es auch ganz anders, ich weiß es leider nicht. Aber auf jeden Fall war der Lebküchner ein kundiger Mann und wusste scheinbar mehr als andere.

Vielleicht war es ja auch so, dass ihn sein Unglück etwas hellhöriger hat werden lassen und er seine Ohren spitze, um den Gesprächen auf dem Markt zu lauschen, Reden von den Wundern des Morgenlandes und wie dort Ärzte und Magier mit Kräutern und Gewürzen die Menschen heilten. So wusste er ein wenig um den Wert der fremdländischen Gewürze und da es seiner Tochter immer schlechter ging und er nicht mehr ein noch aus wusste, befahl er seine Seele dem lieben Gott und machte sich ans Werk, einen ganz besonderen Lebkuchen zu kreieren, der seine Tochter wieder gesund machen sollte.

Er mischte also alles in den Teig, was seine Gewürzkammer hergab – Zimt, Vanille, Nelken, Koriander, Piment, Muskat, Ingwer, Kardamom (und noch viele geheime Zutaten mehr). Nur auf das Mehl verzichtete er, denn das Weiß des gemahlenen Korns erinnerte ihn zu sehr an das bleiche Gesicht seines Kindes und er wollte nicht Gott und die Heiligen versuchen. Zum Schluss verzierte er den Kuchen noch, damit sein kleines Töchterlein schon beim Anblick Freude hätte und auch wirklich ein Stückchen, wenigstens ein kleines Stück davon probieren würde.

Und ich weiß nicht, wie es geschah, aber die kleine Elisabeth kostete wirklich von dem Lebkuchen und schlief daraufhin ein. Am nächsten Tag nahm sie noch einen Bissen, dann zwei und drei und schon nach kurzer Zeit trank sie etwas Wasser dazu und bekam wieder rote Wangen. Und was soll ich sagen, auf wundersame Weise wurde sie wieder gesund und bald sprang sie aus ihrem Bett, tanzte wieder durch die Backstube und sang ihre fröhlichen Lieder. Was muss das für eine Freude gewesen sein für den armen Lebküchner und wie muss er geweint haben vor Glück.

Der Pfarrer war natürlich neugierig, wie das zuwege ging und auch die Nachbarn wollten wissen, wie dieses Wunder geschehen konnte. Und ihnen allen gab der Lebküchner von seinem Gebäck zu kosten und sie staunten, welch Köstlichkeit er da erschaffen hatte. Und natürlich wollten sie immer mehr davon und immer neue Menschen kamen, die auch ein Stück davon wollten und so weiter und so fort.

Diese Geschichte wiederholt sich ja immer wieder, was soll ich da viel erzählen. Auf jeden Fall gibt es seit jenen Tagen einen speziellen Nürnberger Lebkuchen mehr und die Leute begannen auch bald damit, ihm einen neuen Namen zu geben. Ich kann es mir richtig vorstellen, wie es einer dem anderen sagte: »Was ist denn das für ein Kuchen? Der schmeckt aber gut!« Und der andere dann darauf antwortete: »Ja, das ist doch der Lebkuchen, der die kleine Elisabeth gesund gemacht hatte!«

Und dann: »Achso, der Lebkuchen der Elisabeth, der Elisenlebkuchen!«

Elisenlebkuchen, © silviarita

So, das war die Legende um den Elisenlebkuchen. Ob sie so ganz wahr ist? Das weiß ich nicht. Einiges davon habe ich sicherlich einfach erfunden, denn allzu vieles ist im Laufe der Zeit verloren gegangen. Aber so ungefähr dürfte es schon hinkommen und so ähnlich passiert sein. Wer mir allerdings nicht glauben mag, der kann sich ja auch an die beiden folgenden Erzählungen halten:

Manche sagen ja auch, dass der Name auf eine Elise Haberlein zurückgeht: »Einer Burggräfin dieses Namens wurden angeblich besonders gut geratene Nürnberger Lebkuchen in die Mark Brandenburg nachgeschickt und namentlich zugeeignet.« 1

Und ein anderer wiederum meint: »Elisenlebkuchen haben die höchste Qualität der Oblatenlebkuchen. Deshalb wurden diese hochwertigen Lebkuchen nach der heiligen Elisabeth, der Schutzpatronin der Lebküchner, benannt.« 2

Aber wie auch immer, ich finde die Geschichte um die kleine Tochter des Lebküchners am schönsten und daher glaube ich, dass es auch so geschehen ist. Der Lebküchner und seine Tochter lebten übrigens noch lange, lange Jahre und wurden durch den Elisenlebkuchen so richtig wohlhabend und weit über die Grenzen Nürnbergs hinaus bekannt. Obwohl: das ist eine Geschichte, die ich wirklich gerade erste erfunden habe …

Bald auch in Buchform – Kulturgeschichten der Weihnachtsbäckerei!

Verwendete Zitate

1 ….. https://www.yumpu.com/de/document/view/3395748/ij-a-sutter-gmbh, S. 38

2 ….. Das Bäckerbuch – Grund- und Fachstufe”, 2003, Seite 364, Josef Loderbauer

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