Der fröhliche Trinker

von Thomas Stiegler

In meiner Kindheit gab es eine alte Kindersendung, an die ich mich kaum noch erinnern kann. Das Einzige, das mir im Sinn geblieben ist, ist der Refrain des Titelliedes: „Euch sind Rembrandt und Rubens bekannt, denn sie malten alle im Flandernland.“

Als ich mich wieder einmal an das Lied erinnerte, fiel mir auf, dass es mit dem Text schon seine Richtigkeit hat. Denn fast jeder Mensch kennt heute die Namen von Rembrandt oder Rubens. Auch Vermeer und van Dyck sind vielen von uns noch ein Begriff. Doch einen Maler gibt es, der, obwohl er mit zu den wichtigsten Figuren der niederländischen Malerei zählt, beinahe vollständig aus unserem Gedächtnis verschwunden ist und der fast nie mehr genannt wird. Dabei war Frans Hals einer der bedeutendsten Portraitmaler seiner Zeit und durch seine eigenwillige Technik ein wichtiger Impulsgeber nachfolgender Generationen bis hinauf zu den Impressionisten.

Geboren wurde er um 1580 als Sohn eines Tuchmachers, der, als seine Heimatstadt Antwerpen an den Herzog von Parma fiel, mitsamt seiner Familie in die damaligen Niederlande zog. Dort erschien der Name Hals im März 1591 das erste Mal, als sich die Familie in das Kirchenverzeichnis von Haarlem eintragen ließ, um Frans´ jüngeren Bruder Dirck zu taufen.

Bildnis eines Paares, vermutlich Isaac Abrahamsz Massa und Beatrix van der Laen, Frans Hals, um 1622; © Rijksmuseum; Link zum Bild

Hier wurde Frans Hals auch Schüler des Malers Karel van Manders und blieb es, bis dieser die Stadt verließ. (Dieser Karl von Manders ist übrigens eine sehr interessante Persönlichkeit, die in die Kunstgeschichte als der Verfasser des berühmten „Schilderboek“ eingegangen ist.) Nach der Abreise seines Lehrers dürfte sich Frans Hals autodidaktisch weitergebildet haben und war dabei so erfolgreich, dass er 1610 in die Lukasgilde, die örtliche Malergilde von Haarlem, aufgenommen wurde. In dieser Zeit entstand auch sein frühestes uns bekanntes Werk, das Bildnis des „Jacobus Zaffius“.

Wohl angespornt durch die finanzielle Sicherheit weiterer Aufträge, wagte er den Schritt, eine eigene Familie zu gründen und ehelichte Anneke Harmensdochter. Doch das Familienglück währte nur kurz – bei der Geburt ihres zweiten Sohnes starb seine Frau und Frans Hals blieb mit seinen Kindern allein zurück. Trotz seiner Verantwortung und ernsten finanziellen Schwierigkeiten reiste er im darauffolgenden Jahr nach Antwerpen, um die Werke von Peter Paul Rubens und Anthonis van Dyck zu studieren und so seine Maltechnik zu vervollkommnen. Von dort zurückgekehrt, ordnete er sein Leben neu und heiratete abermals, diesmal Lysbeth Reyniers, die ihm acht weitere Kinder gebar. Fünf seiner Söhne wurden später ebenfalls zu Malern ausgebildet, darunter die bekannten Künstler Frans der Jüngere (1618-1669), Reynier (1627-1671) und Nicolaes (1628-1686).

In der Folgezeit schuf Frans Hals eine Reihe bedeutender Gemälde, wobei ihm die Aufträge der Haarlemer Schützengilde die größte Bekanntheit sicherten – nicht zuletzt deshalb sollte er sich dieser Aufgabe auch bis ins Jahr 1637 getreulich Jahr für Jahr widmen.

In den frühen 1640er Jahren, als innerhalb kurzer Zeit sowohl Peter Paul Rubens als auch Anthonis van Dyck starben, stieg er zum wichtigsten Portraitmaler der Niederlande auf und wurde 1644 sogar zum Vorstand der Haarlemer Malergilde gewählt. In den folgenden Jahrzehnten sollte er nun ein Gesamtwerk vollenden, von dem uns mehr als 200 Gemälde erhalten geblieben sind und das seinen Ruf weit über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaustrug.

Er starb, etwa 84 Jahre alt, im Sommer 1666 in Haarlem.

Wenn man das Portraitwerk von Frans Hals betrachtet, dann fällt auf, dass man es grob in zwei Gruppen teilen kann. Da wären auf der einen Seite Portraits, die  in einer traditionellen Art und Weise ausgeführt sind, wie etwa das „Bildnis des Lucas de Clercq“ oder das „Bildnis der Maritge Claesdr Vooght“. In die Kunstgeschichte eingegangen ist er aber als Schöpfer von Werken, die aus einer ganz anderen Intention heraus entstanden sind. Diese Bilder entsprechen zwar noch unserer gewohnten Auffassung von einem Portrait, aber in erster Linie sind es Genrebilder, also Schilderungen des einfachen Volkes und seiner Lebensumstände, wobei die bekanntesten darunter sicher „Der Narr mit der Laute“, „Singender Knabe mit Flöte“ und das Gemälde „Malle Babbe“ sind.

Porträt von Lucas de Clercq, Frans Hals, um 1635; © Rijksmuseum; Link zum Bild

„Malle Babe“ ist übrigens ein gutes Beispiel für das soeben Gesagte. Denn sie ist zwar eine historisch belegte Figur, deren Name in den Unterlagen des Arbeitshauses in Haarlem auftaucht, aber sie interessiert uns schon nicht mehr als konkrete Person. Vielmehr betrachten wir ihr Gesicht und sehen in seinen Zügen die Qual eines verwirrten Tieres, dass sich in die Welt der Lebendigen verirrt hat und jetzt seine Zuflucht im Wahnsinn sucht.

Mit dieser neuartigen Auffassung eines Portraits schaffte es Frans Hals, die traditionellen Grenzen seiner Zeit aufzubrechen; das dürfte auch der Grund gewesen sein, warum er unbekannte Personen auswählte – denn nur so konnte er sich vom Objekt lösen und mit größter künstlerischer Freiheit neue Wege beschreiten.

Ein weiteres Beispiel seiner Kunst, Menschen zu objektivieren und über den Einzelnen hinaus die Idee hinter einer Figur abzubilden, ist „Der fröhliche Trinker“. Dabei sollten wir wissen, dass Männer beim Wein, entweder als stille Zecher oder – besser noch – als fröhliche Bacchanten, schon lange vor Frans Hals ein beliebtes und weit verbreitetes Sujet der niederländischen Malerei waren. Aber niemandem zuvor ist es gelungen, ein so spontan ehrliches Bild eines Trinkers auf die Leinwand zu bannen wie Frans Hals.

Ein Milizionär mit einem Glas in der Hand, bekannt als der „fröhliche Trinker“, Frans Hals, um 1628 – um 1630 ; © Rijksmuseum; Link zum Bild

Hier zeigt er uns einen Mann mittleren Alters, der in ein helles Lederwams gekleidet ist und fröhlich sein Glas erhebt. Wir sehen einen – trotz eines ernsten Zuges um die Augen – fröhlichen Zecher, der uns einen Trinkspruch entgegenwirft oder ein Scherzwort spricht und schon beim ersten Anblick sind wir gefangen von der unmittelbaren Lebendigkeit des Bildes, das fast an einen Schnappschuss erinnert. Heute sind wir, vor allem dank Smartphone und Co., an solche Aufnahmen gewöhnt und es fällt uns gar nicht mehr auf, wie erfrischend neu und spontan diese Malerei daherkommt. Doch wenn man dieses Bild mit den steifen Portraits seiner Zeitgenossen vergleicht, dann spürt man, mit welchem Mut Frans Hals hier Neuland beschritt.

Interessant ist auch die Maltechnik, die der Künstler in seinem Werk verwendete: Mit lockerem Pinselstrich setzt er – fast wie in der spontanen Malerei – einzelne Striche und Farbtupfer, die von Nahem betrachtet wie zufällig gesetzt erscheinen (man betrachte etwa den Kragen des Hemdes), die sich jedoch, geht man ein paar Schritte zurück, zu einem Bild unmittelbarer Lebendigkeit fügen. Dazu gehören auch Einzelheiten wie etwa die dunklen Striche für Kinn- und Schnauzbart oder die weißen Flecken für die Reflexe auf dem Weinglas oder der schweißbedeckten Stirn. Besonders beeindruckt mich, wie durch die verschwommene Textur des rechten Ärmels eine spontane Bewegung angedeutet wird. Eine wunderbare, für seine Zeit genial erfrischende Idee.

Man sieht, zu Recht gilt Frans Hals als einer der größten Maler der niederländischen Geschichte, und es ist unverständlich, dass sein Name und ein Großteil seiner Werke heute beinahe in Vergessenheit geraten sind!

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Am Beginn unserer europäischen Geschichte steht der Aufschrei eines blinden Sängers: „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus.“

Dieser Zorn des Achilles, dieser Zorn des alten Dichters Homer, sollte unser aller Zorn sein. Zorn darüber, in eine Welt geworfen zu sein, die von Tag zu Tag geistloser wird, menschenfeindlicher, und in so weiten Teilen ohne Wissen um ihre Geschichte und Kultur.

 

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