Der Fuggerstadtpalast

 

von Christian Schaller

Der Fuggerstadtpalast in Augsburg

Die Maximilianstraße, seit Jahrhunderten die unangefochtene Prachtmeile der Stadt Augsburg, kann zahlreiche Patrizierhäuser und Bürgerpaläste vorweisen. Doch unter all der Pracht sticht vor allem ein Gebäude bereits aufgrund seiner schieren Länge und Größe ins Auge: der Fuggerstadtpalast. Der Komplex wurde vor 500 Jahren von der Familie Fugger erbaut, war das Geschäftszentrum ihres weltweit agierenden Handelskonzerns und gleichzeitig das Wohnhaus der damals reichsten und vielleicht auch mächtigsten Familie Europas. Die Fugger finanzierten im späten 15. und dem gesamten 16. Jahrhundert mit ihrem sagenhaften Reichtum zahlreiche Fürsten, Könige und sogar Kaiser und Päpste.

Der Fuggerstadtpalast ist heute ein riesiger Komplex inmitten der Augsburger Altstadt, der nach einer jahrzehntelangen Erweiterung zahlreiche mehrgeschossige Gebäude, Flügel und Galerien sowie mehrere Innenhöfe umfasste. Die Residenz der Familie Fugger, damals eine der reichsten und mächtigsten Familien Europas, war der erste Profanbau nördlich der Alpen, der stark vom Stil der italienischen Renaissance beeinflusst war.

Damit zeigt es klar die Beziehungen auf, die den Fuggern im 15. Jahrhundert zu Macht und Reichtum verholfen hatten. Der Webermeister Hans Fugger, gewissermaßen der Stammvater der Familie, war 1367 aus dem Umland nach Augsburg gezogen. Nach der großen Pestepidemie in der Mitte des 14. Jahrhunderts füllten die Vorfahren der Fugger als ehrgeizige Hersteller und bald auch Fernhändler von Textilien die wirtschaftliche Lücke, die durch die zahlreichen Todesfälle zustande gekommen war. Durch geschickte Eheschließungen vermehrte sich auch rasch das Ansehen und Vermögen. Hans Nachkommen investierten immer mehr in den Handel, beispielsweise mit Venedig, dem damals unangefochtenen Handelszentrum des Mittelmeerraumes. Im Sommer lieferten deutsche Gespanne Textilien, Metalle, Salz, Wolle und Wachs über die Alpen nach Süden, um anschließend mit exotischen Lebensmitteln wie zum Beispiel auch Zucker und Gewürzen und wertvollen Stoffen wie zum Beispiel Seide und Brokat die Rückreise anzutreten.

Das günstig gelegene Augsburg war damals das „Tor nach Italien“. Gleichzeitig lernten die deutschen Kaufleute das fortschrittliche Wirtschaftssystem Italiens kennen und brachten dessen Innovationen mit über die Alpen. Vor allem Oberitalien gilt als Wiege des Frühkapitalismus – Banken- und Kreditwesen, doppelte Buchhaltung, bargeldloser Zahlungsverkehr, das weitverzweigte Netz von Faktoreien und interne Nachrichtendienste. Hinzu kamen arabische Ziffern, die Zahl Null und die Plus- und Minus-Zeichen, welche das Rechnungswesen revolutionierten. Auch die Techniken der Barchentweberei und der effizienteren Montanwirtschaft kamen aus dem Süden.

Bereits Hans Fuggers Sohn, Jakob, stieg in den Edel- und Buntmetallhandel ein und führte gewinnträchtige Geschäfte mit Gold, Silber und Kupfer. Einer von Jakobs Söhnen sollte Jakob Fugger „der Reiche“ sein. Er ist bis heute der berühmteste Angehörige seines Hauses – und das auch zurecht. Er erweiterte die Geschäfte seiner Ahnen massiv und steigerte das Familienvermögen in ungeahnte Höhen. Um 1500 war er der reichste und vielleicht auch mächtigste Mann der Welt, der Fürsten und Könige, Päpste und Kaiser finanzierte. Der von ihm erbaute Fuggerstadtpalast war die Zentrale eines europa- und beinahe weltweiten Handelskonzerns mit Verbindungen in alle Länder und Metropolen der Alten Welt. Jakob besaß Bergwerke bei Salzburg, in Tirol und Ungarn und er dominierte den europaweiten Markt für Kupfer. Um 1519 sind seine Kredite hauptverantwortlich für die Wahl Karls V. zum römisch-deutschen Kaiser, was 1525 durch Quecksilber- und Zinnobergruben in Spanien zurückerstattet wird.

Fuggerstadtpalast, ©ChristianSchaller

Die Fugger wurden vor allem mit dem internationalen Kupferhandel und nachfolgend mit der Herstellung und dem Vertrieb von Quecksilber sagenhaft reich. In den 1530er und 1540er Jahren waren die Handelshäuser der Fugger, aber auch der Welser und weniger anderer, durch den internationalen Handel, aber auch durch die Verbindungen zum Kaiserhof an der Spitze der süddeutschen Kaufmannschaft. Mit dem unternehmerischen Erfolg folgte auch das Bedürfnis nach Stand und Repräsentation. Jakob Fugger stiftete die Fuggerei, eine der ältesten Sozialsiedlungen der Welt. Gleichzeitig ließ er eine prachtvolle Kapelle in St. Anna für seine Brüder und sich erbauen. Sie war der erste Renaissance-Sakralbau nördlich der Alpen. Zugleich waren er und seine Nachfolger Auftraggeber für zahlreiche Kunstwerke. In der Basilika von St. Ulrich sind bis heute zahlreiche Fuggerkapellen erhalten.

Doch der aufwendigste und repräsentativste Bau war ohne Zweifel das Wohn- und Geschäftshaus der Familie. Der erste Bauabschnitt der „Fuggerhäuser“ entstand zwischen 1512 bis 1515, angeregt durch Jakob Fugger den Reichen (1459-1525), um 1500 immerhin der bedeutendste Kaufherr und Bankier Europas. Als Patriarch der sagenhaft reichen Familie und Leiter des europaweit vernetzten Handelshauses beschloss er damals den Umzug von seinem alten Sitz nahe des Rathauses an den repräsentativsten Ort der Oberstadt – den Weinmarkt (heute: Maximilianstraße). Der Markt diente zugleich als zentraler Festplatz der Stadt. Jakob Fugger erwarb zwei nebeneinander liegende Gebäude, um in einem seinen Wohnsitz, im anderen ein Lagerhaus unterzubringen. Der ausführende Baumeister war zwar ein gewisser Hans Hieber, doch angeblich entwarf Jakob Fugger den Bau eigenhändig nach Plänen, die er auf seinem Aufenthalt in Italien niedergeschrieben hatte. Die mächtige Fassadenfront mit 80 Metern ist eine der längsten in der gesamten Straße. Ursprünglich war sie durch den berühmten Augsburger Renaissance-Künstler Hans Burgkmair (1473–1531) prachtvoll bemalt worden.

Bereits zwei Jahre später, 1517, erfolgten die ersten Aufkäufe von angrenzenden Grundstücken, um den Palast zu erweitern. In insgesamt vier Innenhöfen präsentierten die Fugger ihren Wohlstand und ihren Kunstgeschmack – Säulengänge, Mosaiken, toskanischer Marmor. Der bis heute erhaltene Damenhof spiegelt die Pracht der vergangenen Tage wohl am eindringlichsten wider: Mit seinen prunkvollen Arkadengängen und bemalten Bögen gilt das intime Atrium als einer der schönsten Innenhöfe Deutschlands. Seinen Namen erhielt im Volksmund, weil er angeblich als privater Rückzugsort der Töchter und Gattinnen des Hauses diente. Da die Fugger immer mehr einem adligen Lebensstil frönten, lebten die Fuggerfrauen schon bald wie Fürstinnen und Prinzessinnen und genossen auch eine dementsprechende Ausbildung und Haushaltung. Ab 1507 erwarben die Fugger zunehmend Herrschaften und Ländereien und stiegen letztendlich auch offiziell in den Adelsstand auf. Bis heute existieren im ostschwäbischen Raum zahlreiche Fuggerschlösser. Im Laufe der Jahrhunderte bekleideten zahlreiche Fugger hohe Ämter – sie waren Bischöfe, Kaiserliche Räte, ranghohe Militärs und ab dem 19. Jahrhundert sogar erbliche Fürsten.

Fuggerstadtpalast, ©ChristianSchaller

Im Jahr 1518 wurde sogar Martin Luther in den Fuggerhäusern durch den päpstlichen Legaten Cajetan verhört – die Residenz des Handelshauses diente mehrmals als Kulisse für Reichstage und andere wichtige politische Ereignisse. Jakobs Neffe und Nachfolger, Anton Fugger (1493-1560), ließ auch ein Palatium für Kaiser Karl V. errichten, also einen eigenen Gebäudeabschnitt, der als Unterkunft des Kaisers und seines Gefolges dienen sollte. Noch heute verweist das große Adlertor in der Hauptfront auf den Status des Komplexes als kaiserliches Quartier. Es diente auch noch nachfolgenden Kaisern als Wohnstatt in Augsburg.

In einer der letzten Erweiterungen des Fuggerstadtpalastes entstanden auch die Badstuben. Unter Leitung des deutsch-niederländischen Malers und Architekten Friedrich Sustris entstanden von 1569 bis 1571 (oder 1573) prachtvolle Sammlungskabinette, in der die Familie Fugger ihre wertvollen Sammlungen von Antiken und exotischen Kuriosa unterbringen und präsentieren konnten. Die Badstuben waren damit eine frühe Vorform eines Museums. Ihren Namen erhielten sie ähnlich wie der Damenhof ebenfalls durch eine Bezeichnung aus dem Volksmund – angeblich wirkten die beiden unter dem Bodenniveau liegenden Kabinettssäle mit ihren manieristischen Groteskenbemalungen wie römische Thermenanlagen. Antonio Ponzano (gest. 1602), Alessandro Scalzi (gest. 1596) und Carlo Pallagio (1538-1598) waren hierbei die ausführenden Künstler, die um 1600 ebenfalls das Antiquarium in der Münchener Residenz schufen.

Die Fuggerhäuser erlitten in der Augsburger Bombennacht 1944 schwere Schäden. Ein Großteil der erhaltenen Inneneinrichtung und Musikaliensammlung verbrannte dabei. Der Palast wurde bis 1951 durch den Architekten Raimund von Doblhoff in vereinfachten Formen wiederaufgebaut, beispielsweise wurde die Frontfassade nur noch mit einem schlichten Kassettenmuster bemalt. Der ganze Gebäudekomplex befindet sich bis in die Gegenwart im Besitz der Familie Fugger-Babenhausen. Drei der Innenhöfe sind frei zugänglich, während der Großteil als Einzelhandelsfläche, Büros und Privatwohnungen vermietet ist.

 

Die Innenhöfe der Fuggerhäuser sind in der Regel tagsüber kostenfrei durch einen Vorder- und Hintereingang zugänglich. An jedem Sonntag und zu besonderen Anlässen oder Feiertagen sind sie jedoch gesperrt oder nur begrenzt zugänglich.

Literaturhinweise:

Hagen, Bernt von: Das Fuggerhaus am Weinmarkt (heute Maximilianstraße 36-38) in Augsburg. Lindenberg im Allgäu 2019.
Kluger, Martin: Die Fugger im goldenen Augsburg der Renaissance. Denkmäler erzählen Geschichte. Augsburg 2017.
Lieb, Norbert: Die Fugger und die Kunst im Zeitalter der Hohen Renaissance. München 1958.

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