Der Hase mit den Bernsteinaugen

von Andrea Strobl

„Nicht nur Dinge tragen ihre Geschichten in sich. Auch Geschichten sind eine Art Dinge. Geschichten und Objekte haben etwas gemeinsam, eine Patina.“

Alles beginnt mit einer großen Vitrine, angefüllt mit 264 Netsuken, die der englische Töpfer Edmund de Waal von seinem Großonkel Ignaz von Ephrussi erbt.

Wie  kamen diese japanischen Miniaturen aber überhaupt in den Besitz der einflussreichen und weitverzweigten jüdischen Handels- und Bankiersfamilie Ephrussi?

De Waal folgt den Spuren dieser aus vielerlei Materialien geschnitzten Netsuken und begibt sich auf eine außergewöhnliche Reise zurück in seine eigene Familiengeschichte. Sie führt ihn nach Paris in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach Wien in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und schließlich, Ende des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nach Tokio.

Da ist zunächst der Ururgroßvater aus Russland, der sich Anfang des 19. Jahrhunderts in Odessa mit Weizenhandel ein riesiges Handelsimperium aufbaut, das es ihm finanziell erlaubt, seine Kinder zur Ausbildung nach Wien und Paris zu schicken.

Im Paris der Belle Epoque hat Charles, ein Cousin des Urgroßvaters Viktor von Ephrussi, wenig Sinn für das Bankgeschäft; er überlässt dies lieber seinen Brüdern und geht seiner Leidenschaft, der Kunst, nach. Er wird zum Kunstliebhaber, Sammler und einflussreichen Kunstmäzen. Er schreibt kunsthistorische Bücher, begegnet Künstlern wie Renoir, Degas, Sisley, Pissarro, Manet und vielen anderen; Renoir hat ihn auf dem berühmten Gemälde „Das Frühstück der Ruderer“ porträtiert – es ist der rotbärtige Mann mit Zylinder im Hintergrund.

Japanische Netsuke-Figur, ©marina_tr

Zudem schafft er eine der bedeutendsten frühimpressionistischen Sammlungen jener Zeit. Es war dann auch Charles, der die Netsuken-Sammlung anlegte, ganz dem allgemeinen Enthusiasmus jener Epoche für japanische Kunst, dem „Japonisme“, geschuldet.

In Wien schließlich erhalten de Waals Urgroßeltern Viktor und Emmy Ephrussi die Vitrine mit den Netsuken 1899 als Hochzeitsgeschenk.

Vom ehemaligen Reichtum und der gesellschaftlichen Bedeutung der Familie zeugt noch heute das 1873 von Theophil Hansen erbaute Palais Ephrussi an der Ringstraße. Erschütternd zu lesen sind die Seiten über den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland, welcher den finanziellen Untergang und die Zerstreuung des Wiener Familienzweigs Ephrussi in alle Teile der Welt einleitete.

Das Buch endet in Tokio, wohin die Netsuken nach dem Krieg gelangten, bevor sie ihren Weg zum heutigen Erben Edmund de Waal nach England fanden.

Dieses Buch ist ein selten gelungener Blick auf die Kultur- und Zeitgeschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte. In der gesamten Familiengeschichte der Familie Ephrussi, an Reichtum und Einfluss den Rothschilds über einen langen Zeitraum hinweg ebenbürtig,  begegnet der Leser einer großen Zahl von Vertretern des Kunst- und Geisteslebens der jeweiligen Epochen und Orte. Es ist aber auch die Geschichte einer ganz persönlichen Spurensuche, ausgelöst durch diese japanischen Miniaturen, an denen sich die Erinnerung an Menschen und ihre erlebten Zeiten festmachen lässt.

Angeregt durch de Waals Buch fand übrigens 2019/2020 im Jüdischen Museum Wien eine Sonderausstellung zur Geschichte der Familie statt: Die Ephrussis. Eine Zeitreise.

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