Die fantastische Welt des J. R. R. Tolkien
von Daniela Frey
»In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.« Ich war, glaube ich, zehn, als ich den ersten Satz von Der kleine Hobbit das erste Mal gelesen habe, und war begeistert von dem Buch. Nachdem ich es fertig hatte, schlich ich in unserer Ortsbücherei, in der ich häufig zu Gast war, um die drei Bände von Der Herr der Ringe herum. Es dauerte aber noch etwas, bis ich diese – da bei den Erwachsenenbüchern stehend – ausleihen durfte. Dann aber war meine Begeisterung noch größer als beim Hobbit. Arda und der Kontinent Mittelerde, die fantastische Welt von J. R. R. Tolkien hatte mich in ihren Bann gezogen!
Tolkien wurde am 3. Januar 1892 in Bloemfontein im heutigen Südafrika als John Ronald Reuel Tolkien geboren. Mit drei Jahren zog er mit seiner Mutter und seinem Bruder nach England. Schon früh interessierte er sich für Märchen und Sagen. Besonders interessierten ihn aber auch Sprachen: Bereits seine früh verstorbene Mutter hatte ihm die Grundzüge der lateinischen, französischen und deutschen Sprache beigebracht. In der Schule begann er später auch, sich mit Griechisch, Altenglisch und Gotisch zu beschäftigen, und unternahm erste Versuche, eigene Sprachen zu erfinden. Später studierte er Sprachen und wurde Professor für englische Sprachwissenschaft in Oxford. Während eines Genesungsurlaubs im Ersten Weltkrieg begann er mit der Erschaffung seiner Mythologie – posthum von seinem Sohn als Das Silmarillion veröffentlicht – und benutzte dabei auch seine erfundenen Sprachen.
In Tolkiens Geschichten über Mittelerde gibt es unterschiedliche, von ihm entwickelte Sprachen. Neben mehreren Elben- und Menschensprachen haben auch die Zwerge, Orks und Ents eine eigene Sprache. Die Elbensprachen »Quenya« und »Sindarin« sind von der finnischen bzw. der walisischen Sprache inspiriert. Beides sind komplexe Sprachen mit Hunderten von Wörtern und einer ausgearbeiteten Grammatik. Wohingegen beispielsweise die Sprache der Orks, auch die »Schwarze Sprache« genannt, nur fragmentarisch dokumentiert ist. Während die Elbensprachen flektierende Sprachen sind, ist die »Schwarze Sprache« eine agglutinierende Sprache, d. h., an den meist einsilbigen Wortstamm werden zur Modifikation Suffixe angehängt.
Tolkien arbeitete mit Unterbrechungen sein ganzes Leben an seiner Welt, ihrer Mythologie, ihren Orten, Figuren und Sprachen. 1937 erschien Der Hobbit, eine Geschichte, die er eigentlich zunächst für seine eigenen Kinder geschrieben hatte. Versuche, Das Silmarillion zu veröffentlichen, scheiterten, da es den Verlegern zu kompliziert erschien und Märchen für Erwachsene damals unüblich waren. So begann er mit Der Herr der Ringe, der in drei Bänden mit je zwei Büchern 1954/1955 erschien.3 Neben weiteren belletristischen Werken veröffentlichte Tolkien auch zahlreiche akademische Arbeiten.4 Das Silmarillion wurde erst nach seinem Tod 1973 von seinem Sohn Christopher veröffentlicht. Christopher Tolkien (1924–2020) publizierte auch weitere Werke seines Vaters, wie Briefe vom Weihnachtsmann (1976), Nachrichten aus Mittelerde (1980) oder, noch kurz bevor er starb, die Geschichten Beren und Lúthien (2017) und der Fall von Gondolin.