Der Madeleine-Effekt

von Andrea Strobl

Der Madeleine-Effekt

von Andrea Strobl

Ohne dieses Gebäck gäbe es eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur gar nicht, denn im ersten Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit beschreibt Marcel Proust die berühmten Madeleines, »die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Muschel benutzt.« Der Ich-Erzähler wird gleich zu Beginn des Werks durch den Genuss einer in Tee getunkten Madeleine von glücklichen Kindheitserinnerungen eingeholt: »In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl […].«

Und just diese eine Erinnerung führt dann zu sieben Bänden und ca. 4500 Seiten, aus denen Die Suche nach der verlorenen Zeit immerhin besteht! Was Proust hier beschreibt, ist mittlerweile auch von der Neurowissenschaft belegt und wird als »Madeleine-« oder »Proust-Effekt« bezeichnet: Einzelne Geschmacks- oder Geruchserlebnisse können in uns bestimmte Erinnerungen auslösen.

Zu ihrem Namen kamen die Madeleines übrigens – glaubt man einer von mehreren Versionen der Geschichte – im Jahre 1755, als Stanislaw Lezczinsky, König von Polen und Herzog von Lothringen, auf seinem Schloss in der kleinen lothringischen Stadt Commercy einen seiner vielen Empfänge gab. Während des Essens erfährt der König, dass sich sein Konditor nach einem Streit in der Küche kurzerhand die Schürze heruntergerissen und aus dem Staube gemacht hat. Aber eine Menüfolge ohne Nachspeise? Undenkbar bei Hofe! Zu des Königs Überraschung geschieht jedoch ein kleines Wunder: Den Gästen wird nach dem Hauptgang ein köstliches Dessert serviert, bestehend aus kleinem, muschelförmigem Sandgebäck. Der König ist hingerissen und schickt sogleich nach dem »Urheber« dieser Köstlichkeit. Dieser ist schnell ausgemacht: Es ist eine junge, hübsche Küchenmagd, die scheu errötend vor den König tritt – ihre Hände noch voller Mehl …

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Neugierig fragt der König, wie denn dieses Gebäck genannt werde. Die Magd erklärt ihm, dass es keinen Namen habe, sondern ein einfaches Gebäck sei, das man hier, in Commercy, oft an Festtagen backe. Der König daraufhin: »Und wie ist dein Name?« »Madeleine«, antwortet die Magd. »Nun denn«, bemerkt daraufhin der König, »dann nennen wir das Gebäck doch einfach Madeleines‹!« Soviel zur Historie …

Mittlerweile sind die Madeleines von Commercy vor allem durch Prousts Roman buchstäblich »in aller Munde«. Das lothringische Städtchen schlägt noch heute Kapital aus dem Jahrhundertroman und rühmt sich, dass das Rezept noch immer dasselbe sei wie zu Zeiten von Stanislas I.

(Dieser Text ist eine der Kulinarischen Kalendergeschichten aus dem gleichnamigen Buch, das beim Leiermann erschienen ist.)