Der

Nussknacker

 

 

von Anja Weinberger

Mir geht es wirklich oft so – ich komme, wie meine Mutter gerne sagt, vom Hundertsten ins Tausendste. Kennen Sie das auch? Sie meint damit, dass ich von einem Gedanken zum nächsten springe. Wobei in meinen Ohren »springen« viel zu aktiv klingt, denn ich habe nicht den Eindruck, viel beizutragen. Genau genommen passiert das Ganze einfach.

Von einem typischen Beispiel kann ich hier berichten, es ist mir gerade eben erst durch den Kopf gestolpert und führt direkt zu diesem weihnachtlichen Beitrag. Der »weihnachtliche« Aspekt daran ist das weithin bekannte und immer wieder neu choreografierte Ballett »Der Nussknacker« mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, das alljährlich nicht nur Kinderaugen zum Leuchten bringt und im Dezember 1892 am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg uraufgeführt wurde. In der Vorweihnachtszeit, so ab Anfang November und bis hinein in den Januar wird es auf vielen Bühnen getanzt. Der Blumenwalzer, der Tanz der Zuckerfee, der berühmte Marsch und ganz am Anfang die Ouvertüre – all das sind echte Ohrwürmer.

Nun folgen Sie mir bitte auf meinem verschlungenen Weg vom gestrigen Glas Bier mit einem alten Freund bis hin zum märchenhaften Geschehen auf der Bühne in der Weihnachtszeit.

Ich lebe in Franken und bin bekennende Bierliebhaberin. Hier gibt es in beinahe jedem Dörfchen eine kleine oder größere Brauerei. Gestern Abend war ich mit einem Freund in einer neuen Gaststätte verabredet und dort stand verblüffenderweise nur Bier aus dem hohen Norden und Düsseldorfer Alt zur Auswahl. Nach anfänglicher Verwunderung und Rücksprache mit dem netten Wirt habe ich mich für eine Flasche Altbier entschieden (es war nicht schlecht, das muss als Lob genügen), und nach dem ersten Schluck konnte unser Gespräch beginnen. Mein immer sehr kulturinteressierter Freund erzählte von seinem kürzlichen Besuch der Gemäldegalerie in Dresden. Wie immer hatte er eine recht lange Zeit vor dem Schokoladenmädchen von Jean-Étienne Liotard verbracht, sich dann jedoch, ein echtes Kontrastprogramm, besonders von einem heiligen Bonaventura des spanischen Malers Francisco de Zurbarán  angesprochen gefühlt.

Da war er, der Startschuss zu meiner Assoziationskette: Sofort kam mir der Gedanke, dass Düsseldorf nicht nur für sein Alt bekannt ist, sondern auch für die außergewöhnlich guten Sonderausstellungen in der dortigen Gemäldegalerie. Vor einigen Jahren habe ich eben da eine großartige Ausstellung mit Gemälden Zurbaráns sehen können. Man versinkt in seinen Bildern und kann die Stoffe beinahe fühlen, die er den Gestalten auf den Gemälden überwirft. Der Ruhm des Malers gründet nicht zuletzt auf dieser monumentalen Wirkung der sich üppig aufbauschenden Gewänder. Besonders bewegend, neben seinem ganz anders gearteten »Agnus Dei« im Museo del Prado[1], ist die Darstellung des heiligen Serapion. Der noch junge Mann ist in eine weiße Kutte gehüllt, mit den Handgelenken an die Zellenwand gefesselt, den Kopf auf der rechten Schulter ruhend. Ich weiß recht wenig über ihn, lediglich, dass seine Karriere in Richard Löwenherz‘ Armee begann und sie für ihn als ersten Märtyrer des Mercedarierordens endete.

 

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Was mir aber in Erinnerung bleiben sollte, war, dass sich viele hundert Jahre später ein literarischer Zirkel um E.T.A. Hoffmann[2] nach ihm benannt hatte – die Serapionsbrüder[3]. Aber damit nicht genug. Hoffmann veröffentlichte zwischen 1819 und 1821 vier Bände mit Aufsätzen und Erzählungen, die er durch eine Rahmenhandlung verband. Dieser neuen Veröffentlichung gab er ebenfalls den Namen »Die Serapionsbrüder«.

Eine dieser komplexen Erzählungen ist das Kunstmärchen «Nussknacker und Mäusekönig«, in dem Hoffmann die beiden Kinder seines Freundes Julius Hitzig porträtiert – Clara und Friedrich. Dieses Märchen wurde 1838 von Émile de la Bédollière ins Französische übersetzt, und im Jahre 1845 betritt schließlich Alexandre Dumas die Bühne. Er verfasst eine eher freie Bearbeitung des Stoffes, die wiederum Iwan Wsewoloschski zu einem Libretto verführt. Dieser Mann mit dem für uns beinahe unaussprechlichen Namen war seines Zeichens Direktor der staatlichen Theater in St. Petersburg und beauftragte den nur mäßig interessierten Pjotr Iljitsch Tschaikowski mit der Komposition eines neuen Ballettes für die Saison 1892/93. Zuvor hatte dieser schon »Schwanensee« (1875/76) und »Dornröschen« (1890) für das russische Ballett aus seiner Feder fließen lassen. Das neue Werk sollte »Stschelkunschik« – »Der Nussknacker« – heißen.

Ein kleines Wunder also: Zunächst muss das Sujet den weiten Weg nehmen von Berlin über Paris nach Sankt Petersburg, trifft dort auf einen eher uninspirierten, aber genialen Komponisten, erlebt ein einmaliges Drunter und Drüber bei der ersten Einstudierung[4] und wird schließlich allen Hindernissen zum Trotz das vermutlich meistgetanzte Ballett der Musikgeschichte und zu dem Werk voller herrlicher Musik und einprägsamer Bilder, das wir heute kennen.

Worum geht es im Ballett »Der Nussknacker«? Die Geschichte ist schnell erzählt. Das Mädchen Clara bekommt von ihrem Patenonkel Herrn Drosselmeier einen Nussknacker zu Weihnachten geschenkt. In der Nacht – oder in Claras Traum – erwacht der Nussknacker zum Leben und wird vom Heer des bösen Mäusekönigs bedroht. Eine Armee von Spielzeugsoldaten legt sich enorm ins Zeug, um dem Nussknacker beizuspringen. Dieser wird zum Prinzen, Clara zu seiner Prinzessin, das Ende kann man sich ausmalen. Während der nächtlichen Odyssee erreichen wir mit Clara und ihrem Begleiter über den Rosenwasserfluss das Reich der Zuckerfee. Beim opulenten Fest im Zauberschloss treten Tänzer aus aller Herren Länder auf und Leckereien werden aufgetischt wie im Schlaraffenland …

 

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Natürlich ist das ursprüngliche Märchen Hoffmanns wesentlich komplexer. Genau diese Komplexität hat jedoch dazu geführt, dass im Lauf der Jahre viele Choreografen das Geschehen immer wieder neu zu einem verständlichen und auf der Bühne gut darstellbaren Handlungsablauf gebündelt haben. Die Schlussvarianten sind übrigens zahlreich. Kurz gesagt, nur wenig ist von Hoffmanns vielschichtigem Märchen übriggeblieben. Man sollte es vielleicht wieder einmal lesen? Und man könnte die weihnachtlichen Wochen nützen, um eine Aufführung des Ballettes zu besuchen. Tschaikowskis Musik ist wunderschön und viele der Tänze sind ein wahrer Kindertraum.

Bestimmt findet sich eine Möglichkeit in Ihrer Nähe – und falls nicht, könnten Sie auf die »Nussknacker-Suite« ausweichen. Tschaikowski hat schon Monate vor der Uraufführung des Ballettes acht der neu entstandenen Werke zu einer ungefähr halbstündigen Suite zusammengestellt. Jeder, der sich diese Suite anhört, wird feststellen, dass er bei allen acht Stücken mitsummen kann, auch wenn er vermutlich gar nicht wusste, dass der jeweilige Ohrwurm just aus Tschaikowskis »Nussknacker« stammt.

PS: Selbstverständlich fand gestern Abend noch ein ernsthaftes Gespräch mit dem netten, jungen Pächter des Lokals statt. Ich glaube, die Bierauswahl dürfte sich demnächst regionaler und vielfältiger gestalten. Aber ein Fläschchen Alt wird nun ab und zu auch in unserem Kühlschrank stehen – natürlich neben dem altbewährten, guten fränkischen Bier.

PPS: Der Text ist auch in einem der Weihnachtsbüher des Leiermanns zu finden – Weihnachtliche Kulturgeschichten – ein Streifzug durch Europa

 

Fußnoten

[1] Eine wirklich herzergreifende Darstellung eines gefesselten Lämmchens.

[2] Ein bedeutender deutscher Schriftsteller der Romantik, der von 1776 bis 1822 lebte. Für mich deshalb eine interessante Information, weil E.T.A. Hoffmann auch einige Zeit in Bamberg verbrachte, nicht weit von meinem Wohnort entfernt.

[3] Der Name »Serapion« kommt wie auch »Seraph« oder »Seraphim« vom griechischen Wort für »flammend«, »glühend« oder eben »erleuchtet«.

[4] Die Zeit vor der Uraufführung war von vielen Schicksalsschlägen innerhalb der Kompanie geprägt. So starben beispielsweise Tschaikowskis Schwester und die 15-jährige Tochter des damals weltberühmten Choreografen Marius Petipa. Der gab seine Aufgaben u. a. an Enrico Cechetti weiter (auch nicht unbekannt), der nun in Zeitnot das Projekt zu einem befriedigenden Ende führen musste.

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