Der Pharisäer

von Thomas Stiegler

Hoch im Norden, dort, wo das Land scheinbar im Meer versinkt, wo die Menschen in ihren grob gestrickten Sachen über karge Felder stapfen und »Schietwetter« die Bezeichnung für einen typischen Sommertag ist – dort liegt die Insel Nordstrand. Heute ist sie nur noch eine Halbinsel (wiewohl auch eine sehr schöne), aber in der Zeit, von der ich hier erzählen will, war sie noch nicht mit dem Festland verbunden, und die Menschen lebten in ihrer eigenen kleinen abgeschlossenen Welt. Trotzdem waren sie  schon sehr früh weitum bekannt, allerdings weniger für  den Scharfsinn oder den besonderen als Mut ihrer Bewohner, als vielmehr für ihre ausgeprägten Trinkgewohnheiten. Denn landauf, landab galt der Spruch: »Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd – auf Nordstrand ist es umgekehrt.«

Auf diese Insel nun wurde einst der sittenstrenge Pastor Georg Bleyer versetzt. Laut seinen Aufzeichnungen freute er sich auf die Aufgabe, in dieser Einöde das Wort Gottes zu verkünden. Doch er sollte bald bemerken, dass seine Schäfchen ihre ganz eigene Auffassung von den Worten der Heiligen Schrift hatten. Denn das Gleichnis, wie Jesus Wasser in Wein verwandelte, war ihnen viel näher als die Gebote der Mäßigung, und die Männer der Insel tranken, als stünden die Sintflut und damit ihr letztes Stündlein unmittelbar bevor. Dies konnte Pastor Bleyer als ihr Hirte natürlich nicht gutheißen und er machte es sich zur Aufgabe, dagegen anzukämpfen. Seelenkenner, der er war, wusste er, dass es nicht reichen würde, von der Kanzel herab zu wettern, und so begab er sich direkt dorthin, wo der »Teufel Alkohol« sein Unwesen trieb: Mutig schritt er von Hof zu Hof, stellte sich in die Stuben der einfachen Landbevölkerung, kontrollierte Becher und Schränke und predigte unentwegt gegen dieses, in seinen Augen unsägliche, Laster.

Sonnenaufgang Ostsee, © SimoneVomFeld

Eines Tages, im Jahre 1873, wurde zur Taufe des zwölften Kindes des Bauern Peter Georg Johannsen geladen. Für die Bewohner von Nordstrand bedeutete das natürlich eine willkommene Abwechslung vom harten Alltag und eine Möglichkeit, sich wieder einmal nach Herzenslust zu betrinken. Doch unter den scharfen Augen des Pastors schien keine rechte Stimmung aufkommen zu wollen, und keiner wagte es, nach etwas Stärkeren als einem Kaffee zu fragen.

 

Aber der Bauer Johannsen war auch nicht dumm: Er gab seiner Magd den Auftrag, jeden Kaffee mit einem ordentlichen Schuss Rum zu versetzen – mit Ausnahme natürlich den Kaffee des Pastors! Damit dieser den Alkoholdunst nicht bemerkte, sollte sie jeden Kaffeebecher mit einer dicken Haube aus geschlagener Sahne versehen. Der Plan schien aufzugehen, und die Taufgesellschaft wurde schließlich immer fröhlicher und ausgelassener. Das aber machte den Pastor stutzig! In einem unbeobachteten Moment nahm er einen Schluck aus der Tasse seines Nachbarn und entdeckte den Frevel. »Oh, ihr Pharisäer!«, soll er entrüstet ausgerufen haben – womit an diesem Tag nicht nur das Kind, sondern gleich auch das Getränk getauft war.

Wie die Feier weiterging, darüber gibt es leider keine Aufzeichnungen. Aber ich kann mir vorstellen, wie die Geschichte die Runde machte und von Haus zu Haus eilte, bis sich letztlich die Bezeichnung Pharisäer für diese spezielle Art der Kaffeezubereitung einbürgerte. Heute wird dieser Kaffee in ganz Nordfriesland getrunken, und jede Hausfrau, egal ob auf Sylt, Pellworm, Amrum, Föhr oder Nordstrand, beansprucht für sich, den einzig wahren Pharisäer zu kredenzen. Deshalb gibt es auch kein allgemeingültiges Rezept für ihn, und der Kaffee wird einfach »nach Gefühl« zubereitet.

Hier ein einfaches Rezept für den Hausgebrauch:

1 Tasse starker Kaffee   •   4 cl brauner Rum   •   frische Schlagsahne   •   1 Stück Würfelzucker

Die Tassen etwas vorwärmen, den Würfelzucker auf den Boden legen, mit vorgewärmtem Rum übergießen und mit heißem Kaffee auffüllen. Anschließend vollständig mit steif geschlagener Sahne bedecken und servieren.

Pharisäer, © Couleur

Wie wir in der Geschichte gesehen haben, darf der Pharisäer auf keinen Fall umgerührt oder gar durch einen Strohhalm getrunken werden, sondern er wird durch das Schlagobers hindurch genossen. Wer sich übrigens nicht daran hält und das Getränk dennoch umrührt, wird traditionell zum Ausgeben einer Lokalrunde genötigt.

Kleiner Nachtrag: Vielleicht wird sich manch einer an den 4 cl Rum stoßen und meinen, dass das etwas zu viel des Guten sei. Dem sei aber folgende Geschichte ans Herz gelegt:

Einst bestellte ein Gast aus Flensburg einen Pharisäer und war mit dem Getränk so gar nicht zufrieden. »Fade« und »geschmacklos« sei es, ließ er den Wirt wissen, und dass er nicht bereit sei, dafür zu bezahlen. Der Streit wurde lauter und hitziger, und – wie es kommen musste – landeten die beiden schließlich vor Gericht, wo der Richter einen Pharisäer mit 2 cl Rum verkostete. Mit dem Ergebnis, dass der Beklagte Recht bekam! Denn, wie es in der Urteilsbegründung hieß: »Der originale Pharisäer wird als hochprozentiges und alkoholhaltiges Getränk beschrieben, und dazu reichen 2 cl bei weitem nicht aus.«

Ein Urteilsspruch, mit dem jeder Nordländer (mit Ausnahme von Pastor Bleyer) sicher zufrieden gewesen wäre!

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