Der vergessene Garten

 

von Elisabeth Schinagl

An einem Hang oberhalb der viel befahrenen Bundesstraße B 13 erstreckt sich in der oberbayerischen Bischofsstadt Eichstätt ein vergessener Garten, sozusagen ein Garten im Dornröschenschlaf. Vielleicht sollte ich besser sagen, es sind die Spuren eines Gartens, nicht leicht zu entdecken. Die Faszination dieses Ortes erschließt sich zugegebenermaßen nicht unbedingt auf den ersten Blick. Das ungeübte Auge erblickt zunächst wahrscheinlich nur einen bewaldeten, etwas lieblos verkommenen Hang, dessen rauer Charme durch den von unten herauf dringenden Verkehrslärm massiv beeinträchtigt wird.

Ein bisschen verhält es sich mit diesem Garten wie im Märchen vom Froschkönig. Man muss den garstigen Frosch erst küssen, sprich, sich auf diesen Ort einlassen, bevor er nach und nach seine Geheimnisse preisgibt. Es ist das Verdienst der Eichstätter Künstlerin Li Portenlänger, dieses lange vergessene Juwel wieder ans Licht und ins Bewusstsein gebracht zu haben.

 

„Von dieser Kirche führt die Straße auf den schönen und kostspieligen Graf Kobenzlischen Garten, der rechts der Altmühle liegt… Diesem geschmack- und einsichtsvollen Herrn war es vorbehalten, aus Nichts Etwas zu machen, und einen steilen, unfruchtbaren Berg in einen englischen Park umzuschaffen.“ So würdigt der Bibliothekar Andreas Strauß im Jahr 1791 den Garten in seiner Beschreibung der Residenzstadt Eichstätt. Er berichtet von den zahlreichen Obstbäumen, darunter auch fremde Sorten, die Cobenzl dort pflanzen ließ, von den Wegen, die den Park durchzogen, einem Bienenhaus, künstlich angelegten Grotten mit Sitzgelegenheiten, einem sogenannten englischen Haus mit Balkon, von dem aus man die Aussicht ins Tal und auf den Fluss genießen konnte, und sogar von einer Kegelbahn. In anderen Quellen ist von einem prächtigen Rosengarten die Rede, den Graf Cobenzl anlegen ließ, sowie von diversen Ruheplätzen, an denen Tische und Lehnsessel aus Baumstämmen herausgearbeitet waren. Zur Anlage gehörten auch ein Schlösschen und ein Pavillon, die noch heute Cobenzls Namen tragen.

Während ich auf den Spuren der terrassierten Wege von einst spaziere, ersteht vor meinem geistigen Auge dieses Gartenparadies neu. Graf Cobenzl, Dompropst im Fürstbistum Eichstätt, hatte es nicht nur zu seinem Privatvergnügen anlegen lassen. Ganz im Gegenteil: Der Park sollte ein Ort der Geselligkeit sein und er sollte allen offenstehen, Bürgern ebenso wie Adeligen, Männern wie Frauen. Zu einer Zeit, in der die Standesgrenzen noch klar definiert waren, war dies eine geradezu revolutionäre Neuerung.

versunkene Wege im Cobenzlpark, ©ElisabethSchinagl

Es ist gut möglich, dass Ludwig mit dieser Anlage dem Vorbild seines älteren und erfolgreicheren Bruders Philipp, Diplomat und Staatsmann im österreichischen Dienst, folgte. Dieser hatte nur wenige Jahre zuvor, 1776,  ein Gelände auf dem Reisenberg bei Wien erworben, die dort bestehenden Häuser zu einem Schloss umbauen und einen Garten im sogenannten englischen Stil anlegen lassen. Im Park befand sich eine berühmte Grotte – die Höhle im Eichstätter Garten mag ein Pendant dazu gewesen sein. Ebenfalls wie in Eichstätt war auch der Wiener Garten mit zahlreichen Ruhesitzen, die aus bemoosten Stämmen geschnitten waren, und mit Steinsitzen versehen. Auch Philipp machte sein Anwesen der Öffentlichkeit zugänglich. Es war Treffpunkt zahlreicher Künstler, darunter auch Mozart, der sich von dem Ort stark inspiriert fühlte. Doch so stark die Parallelen bei der Gestaltung und Zielsetzung auch gewesen sein mögen – das Schicksal der beiden Anlagen nahm einen völlig unterschiedlichen Verlauf.

Philipps Garten bei Wien wurde so populär, dass er im Volksmund bald nur noch Cobenzl genannt wurde. Unter dieser Bezeichnung ist das Gelände noch heute in Wien bekannt.

Auch der Garten in Eichstätt dürfte sich zunächst einiger Beliebtheit erfreut haben. Doch Ludwig war die Freude an seinem neu angelegten Garten nicht lange vergönnt. Er starb bereits 1792, etwa sechs Jahre nach Erwerb des weitläufigen Grundstücks. Die Pläne zum Umbau und zur Erweiterung des Schlösschens, die er beim fürstbischöflichen Hofbaumeister Maurizio Pedetti in Auftrag gegeben hatte, wurden nicht mehr realisiert. Nur wenige Jahre später aber ließ ein nachfolgender Besitzer, Fürstbischof Joseph von Stubenberg, die Anlage sofort und von Grund auf, im wortwörtlichen Sinne mit Stumpf und Stiel vernichten. Anstelle der Obstbäume und des Rosengartens traten Hopfen- und Kartoffeläcker. Die Sitzbänke in der Grotte wurden ausgehauen, ein Teil der künstlich angelegten Höhle zugeschüttet. Nichts sollte mehr an den einstigen Park erinnern.

Ruheplatz, zernagt vom Zahn der Zeit, ©ElisabethSchinagl

Was war geschehen? Woher rührte diese scheinbar sinnlose Zerstörungswut? Warum sollte das Andenken an Cobenzl und seinen Garten derart radikal gelöscht werden?

Um das zu verstehen muss man sowohl die Persönlichkeit des Dompropstes als auch die politische Lage jener Zeit genauer betrachten. Allzu viel ist über Ludwig nicht bekannt. Die Spurensuche erforderte von den wenigen, die diese Mühe auf sich genommen haben, fast detektivisches Gespür.

Geboren wurde er am 9. Februar 1744 in Laibach, dem heutigen Ljubliana. Er studierte in Salzburg, bevor er als Domizellar, der untersten Dignitätsstufe, ans Eichstätter Domkapitel berufen wurde. Da war er gerade einmal 17. Das Amt war in erster Linie eine Versorgungsstelle und mit wenig Verpflichtungen verbunden. Stimmberechtigter Domkapitular wurde er dann gut zwölf Jahre später, 1773. Nach dem Tod von Fürstbischof Graf von Strasoldo kandidierte Cobenzl für das Amt – jedoch vergeblich. Immerhin wurde er kurz danach zum Dompropst ernannt. Alles in allem kann man seinen beruflichen Werdegang aber wohl als eher unspektakulär bezeichnen.

Es ist vor allem ein Umstand, der uns diesen Mann noch nach Jahrhunderten interessant erscheinen lässt und der sein Tun prägte: Ludwig Graf Cobenzl war ein führendes Mitglied des Illuminatenordens.

Obwohl dieser Geheimbund zumindest als Begriff auch heute noch weltweit im kollektiven Gedächtnis verankert ist, wissen doch die allerwenigsten Zeitgenossen, was es mit dem ominösen Geheimbund tatsächlich auf sich hatte. Lassen wir deshalb kurz einige Fakten Revue passieren:

Am 1. Mai 1776 gründet der Universitätsprofessor Adam Weishaupt mit fünf Studenten in Ingolstadt einen kleinen geheimen Kreis, die Keimzelle des späteren Illuminatenordens. Die Mitglieder tragen Ordensnamen, die meist der Antike entlehnt sind. Das macht die Identifizierung einzelner Personen bis heute schwierig. Weishaupt selbst nennt sich zunächst Spartacus, später Philo; aus Cobenzl wird Arrian.  Auch die Ortsnamen werden getarnt. Eichstätt erhält den Codenamen Erzerum. Der Orden ist dem Weltbild der Aufklärung verpflichtet und hat die Verbesserung und Vervollkommnung der Welt, der Gesellschaft, aber auch jedes einzelnen Mitglieds zum Ziel. Konkret bedeutet das neben dem Bildungsideal auch die Aufhebung der bisherigen Standesgrenzen zwischen Adel und Bürgertum – eben ganz so, wie es Philipp Graf Cobenzl, den sein jüngerer Bruder ebenfalls für die Illuminaten gewinnen konnte, und Ludwig in ihren Gartenanlagen praktizieren.

Der Erfolg des geheimen Ordens scheint anfangs überschaubar. Zehn Jahre nach ihrer Gründung hat die Vereinigung gerade einmal 60 Mitglieder. Neben Ingolstadt und Eichstätt, wohin Weishaupt über seine Frau verwandtschaftliche Beziehungen hatte,  konnten die Illuminaten zwar auch in der bayerischen Residenzstadt München Fuß fassen, die Organisation scheint allerdings chaotisch und auch nicht gerade konfliktfrei. Das ändert sich, als 1780 Adolph Freiherr von Knigge für den Geheimbund gewonnen werden kann.

Das Cobenzlschlösschen in Eichstätt, ©ElisabethSchinagl

Seinem Organisationstalent ist es zu verdanken, dass sich der Orden in den Folgejahren im ganzen Reich ausbreiten kann und hunderte Mitglieder gewinnt. Lange währt der Erfolg jedoch nicht. Knigge verlässt nach einem Zerwürfnis mit Weishaupt den Orden bereits 1784 wieder und – noch wesentlich schlimmer – die Illuminaten geraten zunehmend in den Verdacht, Ketzerei und politischen Hochverrat zu betreiben. Erste Verbote gibt es bereits ab dem Jahr 1784.  Adam Weishaupt muss aus Bayern fliehen. Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg, ebenfalls Mitglied der Illuminaten, gewährte ihm in Gotha Asyl, wo Weishaupt von 1786  an mit dem Titel und der Pension eines Hofrates lebte.

1790, also ein Jahr nach der Französischen Revolution, kommt es noch schlimmer. Bayern geht systematisch und mit aller Strenge gegen Illuminaten und Freimaurer vor, Mitglieder werden verhaftet und in die Verbannung geschickt.

 

Zurück ins beschauliche Fürstbistum Eichstätt, alias Erzerum, und zu Ludwig Graf Cobenzl. „Eichstädt ist das elendste Nest, worin jemals ein teutscher Bischof nistete. Schon der Anblick erweckt Widerwillen.“ So beschreibt der Aufklärer Carl Ignaz Geiger in einer seiner Schriften die Stadt und kaum schmeichelhafter äußert sich Knigge in seinem autobiographischen „Roman meines Lebens: Das ist ein verzweifelter Ort – Oh Pfaffenregiment…der allgemeine Ton von päbstlicher Unterdrückung – die Leute haben nicht das Herz frey Athem zu holen.“

Und doch meint Knigge, hier ein paar wackere, aufgeklärte Männer angetroffen zu haben. Zu ihnen dürfte zweifelsfrei Cobenzl gehört haben, mit dem Knigge auch in Briefkontakt stand. Einen Vorteil hatte das „verschlafene“ kleine Fürstbistum für die Illuminaten zumindest: Im Gegensatz zu Bayern gab es hier keine Verfolgung und ein Verbot trat offiziell erst 1787 in Kraft. So lässt sich vielleicht erklären, weshalb Cobenzl 1784 überhaupt noch den Mut zu seinem Gartenprojekt hatte. Auch an anderer Stelle setzte er die Ideale der Aufklärung so gut als möglich um: Er bot nicht nur mit seinem Garten einen Treffpunkt ohne Standesgrenzen, er stellte auch seine beachtliche Bibliothek, die immerhin die stattliche Zahl von rund 4000 Bänden aufwies, darunter sehr viele philosophische und naturwissenschaftliche Werke, jedem Wissbegierigen zur Verfügung.

Der Orden erhoffte sich viel von Cobenzl, doch konnte er offenbar nicht alle in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen. Wie gesagt kandidierte er 1781 für den Eichstätter Bischofsstuhl. Seine Wahl schlug allerdings fehl. Die Gründe dafür kennen wir nicht, doch ist nicht ausgeschlossen, dass bereits zu diesem Zeitpunkt sein Liebesverhältnis mit einer Zinngießerstochter und ein gemeinsames uneheliches Kind dabei eine Rolle spielten. In seinem Testament neun Jahre später bedenkt er jedenfalls besagtes Kind mit der stattlichen Summe von tausend Gulden. Für die Illuminaten aber war die verlorene Wahl eine herbe Enttäuschung.

Ein Park im Dornröschenschlaf, ©ElisabethSchinagl

Cobenzl starb mit nur 48 Jahren sehr plötzlich nach einer mehrttägigen Krankheit. Seine sozialen und bildungspolitischen Ideale wirkten jedoch auch über seinen Tod hinaus fort. In seinem Testament bedenkt er das Eichstätter Armeninstitut mit 1000, die erst wenige Jahre zuvor gegründete normalschule mit 1500 Gulden.

In meinem historischen Kriminalroman Francobaldi, der im Umfeld der Eichstätter Illuminaten spielt, habe ich diesem bemerkenswerten Mann und seinem Garten ein kleines literarisches Denkmal gewidmet:

Die Auffahrt zu Cobenzls Sommerresidenz war prächtig illuminiert, der Dompropst wie immer ein aufmerksamer Gastgeber. Mochte das Palais auch klein sein, es herrschte eine angenehm heitere Atmosphäre darin. Das Gebäude lag erhöht und von der Terrasse aus hatte man einen prächtigen Blick auf den Fluss und die Parkanlagen der fürstbischöflichen Sommerresidenz. Ich stand mit Cobenzl dort und genoss die Aussicht.

„Ihr könnt es jetzt vielleicht noch nicht so erkennen, lieber Francobaldi, aber in ein paar Wochen solltet Ihr Euch noch einmal bei Tageslicht her bemühen und die Parkanlagen ringsum genauer betrachten. Ich habe sie im modernen englischen Stil anlegen lassen, der die freie Natur nachahmt. Sie bildet damit einen interessanten Kontrast zur Anlage seiner Exzellenz mit ihren gestutzten Hecken und geometrischen Figuren im französischen Stil. Hier kann man gewissermaßen frei atmen. Mensch und Natur können sich ungezwungen entfalten, so wie es ihrem wahren Wesen entspricht, ohne Einengung durch die Etikette – oder, im Falle der Pflanzen, ohne das Zurechtstutzen mit der Gartenschere.“

Literaturliste:

Von seinem Freinde. Der verborgene Garten, hg. von Carla Neis, Li Portenlänger, Siegfried Schieweck-Mauk, Eichstätt 2011
Li Portenänger, Verborgener Garten – das Cobenzl-Projekt, Eichstätt 2017
Die Korrespondenz des Illuminatenordens, hg, von Reinhard Markner et al., Tübingen 2005ff
Carl Ignaz Geiger, Reisen eines Erdbewohners, Fürth 1996

Elisabeth Schinagl ist hauptberuflich als Autorin tätig.

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