Der Vogelhändler

von Thomas Stiegler

Es muss eine zauberhafte Kanzlei gewesen sein. Normalerweise stelle ich mir die Mitarbeiter einer habsburgischen Amtsstube immer als subalterne Schreibtischtäter vor, die hinter verstaubten Aktenbergen still ihre Zeit bis zur Abendstunde verbummelten. Aber hier an dieser Stelle möchte ich von einem Beamten erzählen, einem Sektionschef sogar, der so gar nicht in dieses Bild eines servilen und unauffälligen Staatsdieners passte und der zeigt, dass an den seltsamsten Orten doch manchmal die schönsten Blumen erblühen können. Es ist dies die Geschichte eines Mannes, der in seiner kargen Freizeit die Muße fand, Werke und Bühnenstücke von so unglaublicher Kraft und Schönheit zu komponieren, mit einem solchen Reichtum an Farben und Melodien, dass sie noch heute, nach mehr als hundert Jahren, die Herzen der Menschen zu verzaubern vermögen.

Die Rede ist natürlich von Carl Adam Johann Nepomuk Zeller (1), besser bekannt als Carl Zeller, einen der großen Meister der Wiener Operette und Schöpfer eines der meistgespielten Bühnenwerke aller Zeiten.

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Carl Zeller wurde am 19. Juni 1842 als einziges Kind eines bekannten Wiener Arztes geboren, der allerdings kurz nach seiner Geburt starb. So war seine Mutter gezwungen, gemeinsam mit dem kleinen Sohn zu dessen Großmutter nach Biberbach im Westen Niederösterreichs zu ziehen, wo sie die nächsten Jahre verbrachten. Hier sollte die junge Witwe auch den Arzt Ernest Friedinger kennenlernen, den sie 1846 heiratete und zu dem sie noch im selben Jahr zog.

So wuchs der junge Carl wohlbehütet und umsorgt in einem gutbürgerlichen Umfeld auf und zeigte schon früh Merkmale seiner außerordentlichen Begabung. Bereits mit sieben Jahren saß er an der Orgel, spielte verschiedenste Instrumente und sang mit seiner glockenhellen Stimme die schwersten Lieder. So darf es auch nicht verwundern, dass er schon mit elf Jahren in die kaiserliche Hofkapelle aufgenommen wurde. Es war dies übrigens die Institution, aus der später die Wiener Sängerknaben hervorgehen sollten und die schon damals nicht nur weltweit berühmt, sondern auch als Kaderschmiede zukünftiger Spitzen- musiker bekannt war. Die Schule bereitete dem Knaben (der sich Zeit seines Lebens in hierarchisch geordneten Strukturen am wohlsten zu fühlen schien) keinerlei Probleme und bald war er, der ein ehrgeiziger und eifriger Schüler war, sowohl bei seinen Lehrern als auch bei seinen Mitschülern äußerst beliebt. Für sein weiteres Leben prägend war wohl, dass das Konvikt (2) über ein kleines Orchester verfügte. Hier wurden täglich Werke verschiedenster Komponisten aufgeführt und sogar die ersten musikalischen Versuche besonders eifriger Schüler standen auf dem Programm. Das war auch der Zeitpunkt, an dem Carl Zeller das erste Mal schöpferisch hervortrat: am 25. Juli 1858 erklang hier sein »Lied zu Ehren des Hl. Jakob«.

Doch leider gibt es auf der Welt nur wenige wirkliche Sonntagskinder und meist sucht sich das Leben einen Ausgleich für zu viel Glück und Erfolg. So war es auch beim jungen Carl, bei dem schon früh gesundheitliche Probleme auftraten. 1856 wurde bei ihm eine skrofulöse Augenentzündung diagnostiziert, die einen mehrwöchigen Erholungsurlaub erforderte. Umhegt und umsorgt von seiner Mutter, sollte er zwar bald genesen und auch die Schule wieder besuchen können, doch kündigte sich bereits sein Stimmbruch an. Außerdem klagte er beim Singen über Stechen in der Brust, woraufhin die beigezogenen Ärzte seinen Erziehern nahelegten, ihn von seinen Pflichten als Sängerknabe zu entbinden. Doch aufgrund seiner Leistungen und seines Ehrgeizes erhielt er ein staatliches Stipendium, womit sein weiterer Lebensweg gesichert schien.

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Nach der Matura, die er 1861 mit Auszeichnung ablegte, ging er nach Wien und schrieb sich im Fach Rechtswissenschaften ein. Gleichzeitig nahm er Kompositionsunterricht bei Simon Sechter (3), der schon solche Größen wie Franz Schubert oder Anton Bruckner in die Grundzüge der Musik eingeführt hatte. Doch für lange Zeit sollte sein Hauptaugenmerk auf einem geordneten Lebenslauf liegen: Er promovierte 1869 zum Doktor der Rechte, war dann für einige Jahre an verschiedenen Gerichten tätig und trat 1873 als Staatsbeamter in das österreichische Ministerium für Kultus und Unterricht ein. Auch hier fiel er rasch durch seinen Fleiß und seine schnelle Auffassungsgabe auf und so kletterte er stetig die Karriereleiter hoch, bis er schließlich Sektionschef wurde und schlussendlich zum Ministerialrat avancierte. Dazu trugen sicher auch seine elegante Erscheinung und seine gewinnenden Manieren bei. Denn als begnadeter Erzähler fand er bald Zutritt zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen und war ein gern gesehener Gast an den Tafeln seiner Amtskollegen und Vorgesetzten.

In seiner Freizeit komponierte er, zuerst noch gemächlich und in langen Abständen, erste Werke für die Bühne. Als sich jedoch in den 1870er Jahren seine Neigungen zunehmend der Musik zuwandten, geriet er in einen Zwiespalt zwischen dem, was er als seine künstlerische Bestimmung ansah und den profanen Zwängen seines gewählten Berufs. Doch er blieb stets dem Motto des alten Habsburger Beamtenadels treu: »Der Staatsbeamte hat nichts, aber das hat er sicher.« (4) Selbst als ihm die Stelle als Intendant der Wiener Hoftheater angeboten wurde, lehnte er ab: Die gesellschaftliche Stellung und finanzielle Sicherheit eines Staatsbediensteten schien ihm anscheinend wichtiger zu sein als die geistige Freiheit eines Künstlers. Doch dürfen wir deshalb in ihm noch lange keine ver- knöcherte Beamtenseele sehen, sondern vielmehr einen Menschen, der die Sicherheit des bürgerlichen Lebens brauchte, um umso freier seine Träume in Musik gießen zu können.

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Obwohl er nur in seinen wenigen Mußestunden komponieren konnte, schuf er in zwanzig Jahren sechs abendfüllende Bühnenwerke. Das erste davon, die komische Oper »Joconde« (5), hatte großen Erfolg, doch seine nächsten Werke fielen beim Publikum vollständig durch. Sowohl »Die Fornarina« als auch »Die Carbonari« verschwanden nach wenigen Aufführungen von der Bühne und werden seitdem kaum noch gespielt.

Doch zum Glück ließ er sich davon nicht beirren und 1891 schrieb er sein bekanntestes Werk, das mehr als hundertachtzig Aufführungen in Folge erlebte und bis heute auf allen Bühnen der Welt zu sehen ist: »Der Vogelhändler«. Mit diesem Werk gelang ihm nicht nur der Urtyp einer österreichischen Heimatoperette, sondern er schuf ein Meisterwerk, das die Herzen seiner Zeitgenossen im Sturm eroberte und auch heute noch jeden begeistert, der es das erste Mal hört. Auch die Handlung der Operette ist in ihrer Einfachheit bezaubernd: Tiroler Dorfbewohner treffen selbstbewusst auf sich volksnah gebende Adlige, ein Naturbursch singt im Duett mit einer Gräfin ein Liebeslied und ein Chor lacht dabei über die Kapriolen des Adels. All das wird umspielt von Walzern, Ländlern und zauberhaften Melodien, die mit zum Schönsten gehören, die dieses Genre hervorgebracht hat. Man muss nur einmal dem Auftritt des Adam lauschen, wie er sein »Griaß ench Gott« in die Welt schmettert, um zu verstehen, wieso diese Operette so beliebt ist. Auch andere Lieder dieses Werkes wurden zu sogenannten »Welthits«, etwa das »Wie mein Ahnl zwanzig Jahr«, »Ich bin die Christel von der Post« und natürlich das Duett »Schenkt man sich Rosen in Tirol«. (6)

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1894 sollte Carl Zeller noch die Operette »Der Obersteiger« vollenden, doch dann nahm sein Leben eine tragische Wende: Im Winter 1895 fiel er so unglücklich, dass er sich schwer verletzte und davon nie mehr erholen sollte. Sein Zustand verschlechterte sich sogar so weit, dass er weder gehen noch sprechen noch sein letztes Werk »Der Kapellmeister« vollenden konnte. Seine letzten Jahre wurden aber nicht nur durch sein körperliches Gebrechen verdunkelt, sondern mehr noch durch einen Prozess, der seinen Ruf in der Öffentlichkeit vollständig zerstörte. Eines Meineides angeklagt, wurde er am 31. März 1898 in Abwesenheit schuldig gesprochen und verurteilt. Ein Antritt der Haftstrafe blieb ihm zwar erspart, da seine Gattin Nichtigkeitsbeschwerde vor dem Obersten Gerichtshof eingebracht hatte, doch zu einer weiteren Verhandlung sollte es nicht mehr kommen. Vollständig gelähmt und kaum noch des Sprechens fähig, zog er mit seiner Familie nach Baden bei Wien, wo er langsam verdämmerte und am 17. August 1898 an einer Lungenentzündung starb.

So sollte eines der großen Genies der Operette schon im Alter von 56 Jahren sterben. Doch trotz seines frühen Ablebens und der Tatsache, dass er Zeit seines Lebens nur in seinen freien Stunden komponieren konnte, steht er in der Geschichte dieser Gattung gleichberechtigt neben Carl Millöcker, Franz von Suppé und Johann Strauß, den drei Großmeistern der Wiener Operette, und wird auf ewig als Schöpfer des »Vogelhändlers« in Erinnerung bleiben.

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Verwendete Literatur

1 ….. 1842-1898

2 ….. Katholisches Internat

3 ….. 1788-1867

4 ….. Online Quelle: Carl Zeller, der Operettenkomponist aus dem Herzen des Mostviertels

5 ….. 1876 uraufgeführt

6 ….. Diese Werke sind über den eingefügten QR-Code anzusehen.

 

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