Der weiße Tiger

Ist es wirklich so, dass wir mit den Armen fühlen? Haben wir wirklich Mitgefühl und teilen, wenigstens für Augenblicke, ihr Leid? Legt uns denn unsere Zeit nicht vielmehr nahe, sie als moralisch anrüchig zu empfinden? Im Grunde selbstverschuldet in ihr Elend gerutscht und daher mit einem Makel behaftet?

Wir merken heute gar nicht mehr, wie sehr unser Denken vom Geist des Kapitalismus geprägt ist. Wie sehr er alle Bereiche unseres Lebens durchdringt und mit seinen gierigen Fingern bis in die letzten Ritzen unseres Lebens greift.

Wenn man sich fragt, wie es dazu kommen konnte, dann lohnt ein Blick auf die Stadt Zürich zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Denn dort lebte zu jener Zeit ein Kirchengründer, der den denkbar stärksten Einfluss auf unser heutiges Denken hatte.

Laut Johannes Calvin hat Gott die Menschen zu Anbeginn der Zeit in Auserwählte und Nicht-Auserwählte geteilt. Und nichts, was man in diesem Leben tut, hat Einfluss darauf, was nach dem Tod mit unserer Seele geschieht.

Da es den Menschen jedoch unmöglich ist, mit dieser Unsicherheit zu leben, setzte man alles daran zu erahnen, ob man zu den Auserwählten gehörte.

Die sichersten Zeichen dafür waren „unbändiger Fleiß und wirtschaftlicher Erfolg“. Denn ein Mensch, der emsig schaffte und Besitz anhäufte, konnte darauf hoffen, zu den von Gott Auserkorenen zu zählen.

 

Für unsere aufgeklärten Ohren mag diese Vorform des kapitalistischen Denkens ein wenig seltsam klingen. Aber wenn man bedenkt, wie stark die Lehre Calvins auf die reformierten Kirchen Nordamerikas einwirkte und „durch seine Festsetzung in ganz Westeuropa zu einer Weltmacht“ wurde, versteht man unser heutiges Tun ein wenig besser.

Denn auch, wenn wir an der Oberfläche für die Gleichheit aller Menschen sind, gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit, so schauen wir doch alle zu den Reichen und Mächtigen auf und würden unser Augenlicht dafür geben, zu ihnen zu gehören. Zumindest in unseren schwächsten Momenten.

 

In dieser geistigen Umgebung spielt die Erzählung: „Der weiße Tiger.“

Aravind Adiga gibt uns einen tiefen Einblick in das verrottete Herz Indiens. In das Leben seiner reichen Elite, das korrumpierte System seiner Politiker und den Heerscharen seiner Armen, die nie im Leben etwas anderes kennenlernen werden als eine Welt voller Hunger und Schmerz.

 

Er zeigt, warum die Armen immer arm bleiben werden. Nicht nur, weil sie klein gehalten werden, weil sie keine Möglichkeit des Aufstiegs haben, sondern weil sie sich ein anderes Leben gar nicht mehr vorstellen können.

Und deshalb niemals aus dem Gefängnis ausbrechen werden. Oder „dem Hühnerstall“, wie er es nennt.

 

Aravind Adiga schreibt die Geschichte eines Getriebenen.

Er erzählt, wie der aus einer niederen Kaste stammende Balram durch den Mord an seinem Arbeitgeber selbst die Möglichkeit bekommt aufzusteigen. Und dafür alles auf sich nimmt, selbst den Tod seiner eigenen Familie.

 

Der Autor wirft die Frage auf, ob es heute keinen Ausweg gibt. Ob es keinen anderen Weg gibt, keine andere Art der Lebensführung, um das zu bewahren, was uns als Menschen wertvoll macht.

 

Und es zeugt von seinem Talent, dass er nicht versucht, uns moralisch zu belehren, uns eine einfache Lösung zu bieten oder die Tat seines Protagonisten zu beschönigen.

Sondern dass er allein durch seine Geschichte auf uns zu wirken versucht.

 

Und das tut er. Denn die Welt da draußen ist voll von Balrams aller Art. Und, wie Aravind Adiga sagt, es werden jeden Tag mehr.

Zitate aus:

Aravind Adiga, Der weiße Tiger, dtv-Verlagsgesellschaft 2010, Übersetzung: Ingo Herzke
Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte, Mohr, Tübingen 1956

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