Der Zimtstern

von Thomas Stiegler

Wenn man den Zimtstern erwähnt, vor allem wenn man das in der Zeit rund um Weihnachten macht, dann fangen mit Sicherheit alle Augen zu leuchten an. Das hat einerseits natürlich mit der Wirkung des Zimts selbst zu tun, dessen ätherische Öle uns beruhigen und entspannen und dessen Duft uns fortträgt in längst vergangene Kindertage. Noch wichtiger aber erscheint mir, dass das Gewürz an sich tief in unserem kulturellen Gedächtnis verankert ist und sein Besitz schon immer gleichbedeutend war mit Wohlstand und gutem Geschmack.

Denn noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war er eines der teuersten Gewürze des Abendlandes und nur die wenigsten Menschen durften es sich leisten, ihr Geld für eine so seltene und wertvolle Spezerei zu verschwenden. Deshalb auch konnte der Normalbürger nur mit verständnislos staunenden Augen auf solche Exzesse blicken wie etwa den, als im Jahre 1525 der Augsburger Kaufherr Anton Fugger die Schuldscheine Karls V. vor dessen Augen in einem Feuer aus Zimtstangen verbrannte (1)– ein selbst in diesen Kreisen unvorstellbarer Vorgang und ein fast schon dreistes Zeichen von Reichtum, Macht und Dekadenz.

Auf Karl V. werden wir später noch einmal zurückkommen, steht doch die erste schriftliche Erwähnung des Zimtsterns in direkter Verbindung mit seinem Namen. Aber zuerst möchte ich euch noch auf einer kleinen Reise durch unsere Geschichte begleiten.

Was kaum jemanden bekannt sein dürfte ist die Tatsache, dass Zimt und zahlreiche andere Gewürze schon seit den Feldzügen Alexanders des Großen verwendet wurden und bereits in der römischen Antike ein reger Handel mit Asien einsetzte. Im 10. Jahrhundert, ausgelöst durch eine lange Periode des Friedens und des Wohlstands, begann sich dieser Handel zu intensivieren und es war die Lagunenstadt Venedig, die als erste die dem Gewürzhandel innewohnenden Möglichkeiten ergriff und als Umschlagplatz zwischen Orient und Okzident zu einer der führenden Mächte des Abendlandes wurde.

Über Venedig lief allerdings nicht nur der Zimt- und der noch weit wichtigere Pfefferhandel, sondern es wurden auch andere Gewürze wie Ingwer, Muskat oder Nelken gehandelt und über Zwischenhändler bis in die letzten Winkel Europas geliefert.

In den nächsten Jahrhunderten sollte es zu einem wahrhaft verschwenderischen Gebrauch dieser Spezereien kommen, so dass der französische Sozialhistoriker Fernand Braudel es wohl zu Recht die »Tollheit der Gewürze« nannte. Er meinte damit ein sich gegenseitiges Überbieten der europäischen Adelsschicht in Luxus und Prahlerei, was sich vor allem auch im Essen zeigte. Denn je mehr Gewürze auf der Tafel verwendet wurden, desto schmackhafter schien es den Zeitgenossen und umso angesehener war der Gastgeber. Dabei kam es zu solchen Übertreibungen wie etwa zur Hochzeit des Herzogs von Burgund, als bei dessen Festessen die Köche fast 200 Kilogramm Pfeffer verbrauchten (neben all den anderen feinen Zutaten wohlgemerkt!).

Daher ist es nicht verwunderlich, dass bald auch noch eine andere Gruppe ein Auge auf diese Wunder des Morgenlandes warf – eine Gruppe, die sich zwar selbst der Askese verschrieben hatte, die aber nur allzu gern bereit war, diese Regeln für einen höheren Zweck zu brechen und Gewürze gleich verschwenderisch zu nutzen wie der Adel. Denn schon früh war es bei den Mönchen üblich, dass man zur Feier der Geburt Christi erlesenes Backwerk anfertigte und dabei aus Freude über das Kommen des Herrn die erlesensten und teuersten Zutaten verwendete. Und dazu gehörte ohne Frage auch der Zimt! Und so waren es angeblich die Zisterzienser der Abtei Altzella (2) bei Nossen, die Mitte des 12. Jahrhunderts als Erste dieses Gewürz für ihr Weihnachtsgebäck gebrauchten und damit den Zimtstern erfanden.

Allerdings ist dieses Datum nicht schriftlich belegt und daher gibt es noch andere Theorien zur »wahren« Geburtsstunde des Zimtsterns. Die deutsche Gebäckforscherin Irene Kraus etwa datiert seine Entstehung auf das 16. Jahrhundert, denn hier lässt sich das erste Mal ein genaues Datum feststellen und damit kommen wir, wie schon erwähnt, zurück zu Karl V.

Karl V. – kaum einen anderen Herrscher umgibt ein solcher Nimbus von Pracht und Glorie wie ihn. Wohl jeder kennt Tizians Gemälde, auf dem er hoch zu Ross in seinem Prunkharnisch fast über der Erde zu schweben scheint. Aber auch, wenn er einer der mächtigsten Herrscher der europäischen Geschichte war, in dessen Ländern »nie die Sonne unterging«, vergessen wir allzu leicht, wie hart umkämpft sein Reich war und wie hart und entbehrungsreich dadurch sein Leben wurde. Denn Zeit seines Lebens zog er von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz und sein Reich war so weitgespannt, dass einer Hydra gleich nach jedem Sieg ein neuer Gegner aufstand. Natürlich kämpfte er bei all diesen Feldzügen nicht alleine, sondern konnte sich der Hilfe wechselnder Bundesgenossen erfreuen. So war es auch Mitte der 1530er Jahre, als er wieder einmal gegen seinen langjährigen Feind, den französischen König Franz I., losschlagen wollte und sich dafür die Unterstützung des römischen Papstes suchte.

Als er zu diesem Zweck in der »ewigen Stadt« eintraf war das natürlich ein großes Ereignis und die offiziellen Auftritte und geheimen Verhandlungen wurden durchbrochen von zahlreichen Festen. Auch ein alter Weggefährte Karls V., der Kardinal Lorenzo Campeggio, der schon bei Karls Krönung in Bologna dabei war und der zu einem seiner wichtigsten Verbündeten auf dem Reichstag zu Augsburg gezählt hatte, richtete dem Kaiser ein Festessen aus. Bei diesem Mahl nun gab es als zwölften Gang unter anderem Makrönchen, Anis- und Pistazienkonfekt, Orangeat und eben auch Zimtsterne – ein Ereignis, das zu unserem Glück schriftlich aufgezeichnet wurde und das heute als offizieller Geburtstag des Zimtsterns gilt.

Zimtstern, © fermate

Bis die Zimtsterne allerdings den Weg in die deutschen Kochbücher fanden, sollte es noch eine ganze Weile dauern. Das hatte wie schon erwähnt damit zu tun, dass das Gewürz noch lange Zeit für den Normalbürger unerschwinglich war und deshalb kaum verwendet wurde.

Durch die immense Gewinnspanne allerdings, die im Gewürzhandel lag, versuchten schon früh andere europäische Mächte, Venedig das Gewürzmonopol streitig zu machen. Am zielstrebigsten ging dabei Portugal vor und als es Vasco da Gama im Jahr 1499 tatsächlich gelang, eine Ladung Gewürze nach Lissabon zu bringen, übernahm das Land die Vormachtstellung in diesem lukrativen Geschäft. Doch nicht für lange, denn es wurde schon im Laufe des 17. Jahrhunderts von den Niederländern und Engländern verdrängt und durch die neue Konkurrenzsituation (und dem beginnenden Gewürzanbau auf Plantagen) verfielen die Preise so sehr, dass Gewürze schließlich zu einer fast »normalen« Zutat des Essens wurden.

Auch der Zimt wurde schließlich so billig, dass er immer weiter Verbreitung fand und im Laufe des 18. Jahrhunderts finden sich daher Rezepte für den Zimtstern in allen deutschen Ländern. So schreibt etwa die Autorin Johanna Von der Mühll, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert »Zimtsterne neben Basler Leckerli, Brunsli, Mailänderli und Hagebuttenschäumchen […] zu den typischen Weihnachtsguetzli der Basler Bürgerfamilien gehörten.« (3)

Dass die Form der Zimtsterne an den Stern von Bethlehem erinnern soll, ist übrigens ins Reich der Legenden zu verweisen. Aber mir gefiel diese Geschichte zu gut, um sie nicht wenigstens zu erwähnen.

Übrigens war die Herstellung der Zimtsterne früher noch weit anstrengender als heute. Im Kochbuch der Rosina Gschwind (4) etwa kann man lesen, dass man das Eiweiß mit dem Zucker eine Stunde lang rühren soll – von Hand natürlich, was eine ziemlich anstrengende Arbeit gewesen sein muss! Vielleicht sollten wir uns in diesem Sinne auch wieder etwas mehr Mühe geben und den Zimtstern nicht nur als ein Gebäck von vielen ansehen, dass man eben zu Weihnachten isst, sondern als eine Köstlichkeit mit einer langen und besonderen Geschichte und ihn so als wichtigen Teil unserer Kultur begreifen.

Bald auch in Buchform – Kulturgeschichten der Weihnachtsbäckerei!

Verwendete Zitate

(1) … Wobei nicht zuletzt der Fuggerforscher Richard Ehrenberg darauf hinwies, dass diese Geschichte frei erfunden ist. In Wirklichkeit taucht sie schon sehr früh in ähnlicher Form im Zusammenhang mit verschiedensten Kaufleuten auf und der Bezug zu Anton Fugger wurde erst am Ende des 17. Jahrhunderts künstlich hergestellt.

(2) … Das Kloster Altzella (ursprünglich Cella bzw. genauer Cella Sanctae Mariae, Altenzelle, heute Altzella) ist eine ehemalige Zisterzienserabtei.

(3) … Zimtsterne / Etoiles à la cannelle / Stelle alla cannella, Inventars Kulinarisches Erbe der Schweiz, patrimoineculinaire.ch

(4) … »550 Kochrezepte von Frau Pfarrer Gschwind«, aus dem Jahr 1892

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