Die eiserne Krone

 

von Christian Schaller

Monza – eine fast vergessene Residenzstadt und Krönungsort

Fast noch im Schatten von Mailand liegt die Stadt Monza, etwa 25 Kilometer nördlich der lombardischen Hauptstadt und eingebettet in das Flusstal des Lambro. Die Gemeinde zählt heute an die 125.000 Einwohner und ist seit 2009 Hauptort der Provinz Monza und Brianza.

Die Nähe zur großen Metropole Mailand hat die Stadt in ihrer jahrhundertelangen und wechselvollen Geschichte jedoch nie davon abgehalten, sich als selbstbewusste Residenzstadt und privilegierter Krönungsort zu behaupten. Die stolze Geschichte und das Prestige des oberitalischen Ortes lässt sich bis auf eine einzige Frau zurückführen: die bairische Prinzessin Theodelinde, geboren in Regensburg und um 600 die eingeheiratete Königin des Langobardenreiches.

Der Legende nach sei es ihr zu verdanken, dass Oberitalien vom arianischen zum katholischen Glauben konvertierte. Sicher belegt ist dagegen, dass sie in Monza eine Sommerresidenz und eine Kirche stiften ließ, den heutigen Duomo di San Giovanni, in der sie bei ihrem Tod 627 auch neben ihrem Gemahl, Langobardenkönig Agilulf, beigesetzt wurde.

Von der frühen Basilika und dem Palast ist heute so gut wie nichts erhalten. Die Kirche wurde nach dem ersten Jubeljahr im Jahr 1300 in ihre heute sichtbare spätgotische Grundform umgebaut. Stifter waren diesmal die Visconti, die Regenten der Lombardei. Ebenso wie beim wichtigsten, mittelalterlichen Profangebäude der Stadt, dem bis 1330 vollendeten Arengario („Stadthaus“), ist der deutliche Einfluss Mailands an der prachtvollen Fassade unverkennbar.

Die Westfront wird durch sechs Lisenen in fünf Teile gegliedert und von einer zentralen Fensterrose dominiert. Die Mauerblenden werden von Tabernakeln gekürt, die wiederum Statuen enthalten. Die hell-dunkle Farbgebung der Fassadensteine kann in ihrer Grundstruktur noch als romanisch-pisanisch gelten. Der Dom von Monza erhielt weitere Umbauten in der frühen Neuzeit, unter anderem den prägnanten Turm bis 1606. Das Innere der nach Osten ausgerichteten Basilika weist drei Schiffe auf, von denen Seitenkapellen nach Norden und Süden abzweigen.

Die Langobardenkönigin Theodelinde wird am Monzeser Dom auf vielfältige Weise dargestellt – so zum Beispiel im oberen Teil der Portallünette an der Außenfassade.

Besondere Beachtung verdient dabei jedoch eine der Kapellen, die der ursprünglichen Stifterin geweiht ist. Die vollständig mit Fresken ausgemalte Cappella di Teodolinda kann ohne Zweifel als ein Höhepunkt der lombardischen Kunst gelten.

Die Zavattari-Brüder Ambrogio und und Gregorio lassen sich als ausführende Künstler festmachen.

Die berühmte lombardische Malerfamilie Zavattari arbeitete im frühen 15. Jahrhundert bereits an der Ausgestaltung des Mailänder Doms mit. Der 1444 fertig gestellte Raum der Theodelindenkapelle beherbergt 44 Szenen, aufgeteilt in fünf einzelne Streifen. Thematisiert werden dabei die Geschichte der Langobarden sowie die Erbauung der Basilika.

Eine Besonderheit der Fresken ist die Auslassung des typisch gotischen Goldgrundes. Die Zavattari gliederten den Hintergrund stattdessen in charakteristischer pastiglia-Manier. Hierbei werden Darstellungen durch pastos aufgetragene Masse – meist auf Kreidenbasis – reliefartig vom flachen Grund abgehoben.

In der Mitte des Raumes befindet sich der Altar der Eisernen Krone der Lombardei sowie ein Sarkophag, der die Überreste Theodelindes, Agilulfs und Adolars beinhalten soll.

Von der immensen historischen Bedeutung und den zahlreich verliehenen Privilegien Monzas künden zahlreiche Schätze von großer historischer, kultureller und kunsthistorischer Bedeutung in den umfassenden Sammlungen des Kirchenmuseums und Domschatzes (Museo e tesoro del duomo), einem zentralen Anlaufpunkt für die Erschließung der lombardischen Kunst und Kultur zu machen.

Die dortigen Stücke werden in ihrer Wirkung jedoch von der ebenfalls in der Kirche verwahrten Eisernen Krone der Lombardei übertroffen. Diese goldene Votivkrone aus dem frühen Mittelalter avancierte über die Jahrhunderte zu einem Symbol sakraler und weltlicher Macht, welches nicht nur für Monza, sondern für die gesamte Lombardei als identitätsstiftend gelten kann.

Die Eiserne Krone der Lombardei

Als der Kaiser Theodosius im Jahr 395 starb, hielt der Kirchenvater Ambrosius eine berühmte und bis heute überlieferte Leichenrede auf den großen Förderer des Christentums und letzten Herrscher des römischen Gesamtreiches. Der Tod des Theodosius war jedoch auch die Geburtsstunde einer Legende, die Oberitalien fortan über Jahrhunderte beeinflussen sollte.

In seiner Rede sprach Ambrosius nämlich ebenfalls von einer wertvollen Krone, die neben dem toten Kaiser präsentiert wurde. Sie war aus Eisen gemacht und befand sich ursprünglich im Besitz Kaiser Konstantins des Großen.

Mit dieser ersten Erwähnung begann bereits die Legendenbildung. In widersprüchlichen Versionen berichten die zahlreichen mittelalterlichen Sagen über diese Eiserne Krone der Lombardei, die sich heute im Domschatz zu Monza befindet.

Sie sei über Konstantin zu Theodosius gelangt, von Gotenkönig Theoderich zu Frankenkönig Karl – all diesen Herrschern gemein ist nur der Zusatz „der Große“.

Die Eiserne Krone sei damit die Krönungsinsignie der Lombardenkönige und später für die Herrscher der Lombardei und ganz Italiens. Der namensgebende eiserne Reif im Inneren stamme von einem Kreuznagel von Jesus Christus selbst. Der Goldreif vereint damit weltliche mit sakraler Macht. Doch die Eiserne Krone ist vor allem eines: Symbol und Mythos.

Die mittelalterlichen Könige Italiens seit Pippin, Sohn Karls des Großen, wurden nicht immer gekrönt. Auch ein fest etablierter Krönungsort fehlte lange. Im Jahr 1026 wurde Konrad II., der Begründer des salischen Herrschergeschlechtes, schließlich in Mailand als König der Langobarden ausgerufen.

Gut hundert Jahre später ließ sich Konrad III., der Begründer der Staufer, krönen. Zuerst geschah dies 1128 als Gegenkönig in Monza, wenige Jahre später folgte die vollwertige Krönung in Mailand. Die beiden Orte Monza und Mailand sahen sich in der Folgezeit gleichermaßen als offizieller und traditioneller Krönungsort. Diesen Status galt es durch zugestandene Privilegien zu legitimieren und auszubauen.

Dennoch war Konrad III. der erste und letzte mittelalterliche König, der sich in Monza krönen ließ, obwohl noch 30 Jahre später, 1159, König Friedrich I. Monza in einer Urkunde als offiziellen Krönungsort bezeichnete.

War der Krönungsort für die Realpolitik in letzter Instanz kaum mehr als ein nur sekundär relevantes Instrument, um der Krönung größeres Prestige beizumessen, so sollte der bestehende Wunsch Monzas nach Privilegien und Ansehen ein wesentlicher Grundbaustein für die Legende der Eisernen Krone werden.

Als sich Heinrich VII. aus dem Haus Limburg-Luxemburg 1311 in Mailand zum König Italiens machen ließ, wurde vom Künstler Lando de Senis eine wertvolle Eisenkrone gefertigt, besetzt mit Perlen und Blattornamenten. Die Sage wurde in dieser Zeit damit bereits als reale Geschichte gehandelt.

Der Goldreif aus Monza war scheinbar zu dieser Zeit nicht verfügbar, also wurde kurzum eine neue Insignie angefertigt. Ein Bewusstsein um Authentizität und die einzig wahre Krone fehlte in dieser Zeit.

Mit dieser oder einer anderen, neuen Krone aus Eisen wurden wohl auch noch Ludwig der Bayer 1327, Karl IV. 1354 und Sigismund 1431 gekrönt. In Monza selbst finden sich keine Aufzeichnungen zu dieser Krone, die Spuren verlieren sich bereits im 15. Jahrhundert. Nichtsdestotrotz war die Eiserne Krone zu dieser Zeit bereits ein populäres und etabliertes Machtsymbol der Könige Italiens.

Die Krone, die sich heute im Domschatz von Monza befindet und den Titel Eiserne Krone trägt, wurde noch im 19. Jahrhundert mit der rein legendarischen Insignie gleichgesetzt.

Der kleine goldene Reif vereint aus kunsthistorischer Sicht in der Tat die Tradition der spätrömischen Herrscherdiademe mit westgotischen und frühromanischen Elementen.

Die jüngere Forschung datiert ihn jedoch in das frühe neunte Jahrhundert – eine Funktion als Königskrone des zu diesem Zeitpunkt bereits untergegangenen Lombardenreichs fällt damit aus.

Mit einem Durchmesser von 15 Zentimetern wird auch die grundsätzliche Nutzung als Kopfschmuck unwahrscheinlich. Der wertvoll verzierte Reif kann als Votivkrone klassifiziert werden – eine wahrscheinlich fränkische Stiftung an den Dom von Monza.

Es liegt darum nahe, dass die heute so genannte Eiserne Krone erst relativ spät – nämlich in den 1450er Jahren durch die Historia Friderici des Aeneas Silvius Piccolomini – mit der Krone aus der Legende gleichgesetzt wurde.

Die Macht des Mythos und der Anspruch auf Oberitalien

Bereits im Mittelalter war die Legende der Eisernen Krone mit großen Namen der Geschichte verwoben. In den Jahrhunderten durch die frühe Neuzeit und Moderne sollte der Mythos – nun verbunden mit dem goldenen Votivreif zu Monza – auch weiterhin wichtige historische Persönlichkeiten und europäische Herrscher in seinen Bann ziehen. Die Votivkrone sollte in der Folgezeit jedoch nur noch dreimal das Haupt von Herrschern schmücken.

Die erste belegte Nutzung erfolgte im Jahr 1530 in Bologna durch Karl V., dem Kaiser, in dessen Reich die Sonne niemals unterging. Karl hatte mit zahlreichen Komplikationen zu kämpfen. Kriege gegen die Osmanen und Frankreich ergänzten die inneren Auseinandersetzungen und das Ausschreiten der Reformation.

Der Habsburger war der letzte vom Papst gekrönte Monarch und ein Verfechter der von seinem Großkanzler ausgearbeiteten Idee einer europäisch-christlichen Universalmonarchie. Karl befand sich in der Folge in einem Wettstreit um die Hegemonie mit dem französischen König. Als er 1530 die Kaiserkrone und die Eiserne Krone erhielt, befand er sich nach großen Siegen im strategisch bedeutsamen Italien auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Die traditionsreichen Herrschaftsinsignien wurden zwar als logische Konsequenz der Realpolitik verliehen, konnten jedoch auch als hoffnungsvolle und zukunftsweisende Zeichen ausgelegt werden.

Die folgenden Herrschaftsjahre Karls V. sollten jedoch die Undurchführbarkeit der universalen Ansprüche herauskristallisieren und nach seinem Tod endgültig unwahrscheinlich werden.

Knappe 240 Jahre später sollte der unverhofft erfolgreiche Italienfeldzug Napoleon Bonaparte zu einem Machtfaktor, Volksheld und Hoffnungsträger im revolutionär-direktorialzeitlichen Frankreich aufsteigen lassen. Er strebte zunehmend energisch nach politischer Einflussnahme.

In ihm kulminierten Talent, Ambition, aber auch bald schon despotisch-größenwahnsinnige Tendenzen. Dennoch setzte er wesentliche Reformen für Frankreich und Europa in Gang. Der Erhalt der Eisernen Krone ein Jahr nach seiner Kaiserkrönung in Paris fällt mit dem Höhepunkt seiner Macht zusammen.

Im Jahr 1805 setzte sich Kaiser Napoleon I. Bonaparte die Eiserne Krone bei einer Zeremonie in Mailand selbst auf. Bereits 100 Jahre vorher war bereits die Verehrung der Krone als christliche Reliquie entstanden, die im Jahr 1717 durch die Ritenkongregation offiziell erlaubt worden war.

Napoleon berief auch den prestigeträchtigen Orden der Eisernen Krone ein, um militärische wie zivile Erfolge zu ehren. Die Legitimierung seiner Errungenschaften bedingte die Schaffung dynastischer Strukturen, für die er vorbehaltslos auf durch die Französische Revolution eigentlich überwunden geglaubte Strukturen zurückgriff und alte, überlieferte Symbole instrumentalisierte.

In den darauf folgenden Jahren errang er durch die Friedensschlüsse von Pressburg und Tilsit noch große, militärische Siege. Sein stagnierend-defensiv werdendes Herrschaftssystem sowie wachsender Widerstand in den eroberten Gebieten ließen jedoch auch seine Ideen von einer Neuordnung Europas letztendlich in der Schlacht von Waterloo 1815 scheitern.

Das noch von Napoleon angeregte Kaisertum von Österreich-Ungarn fand 1835 in Ferdinand I. eine durchaus problematische Herrscherfigur.

Als Kind des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches, Franz I., und später Schwager Napoleons befand sich der in seiner Kindheit als schwer erziehbar geltende und unter Epilepsie leidende Habsburger in einem heterogenen Herrschaftsgebiet wieder. Eine Kaiserkrönung war in dem restaurativ-autokratischen Metternichschen System nach dem Wiener Kongress nicht nötig.

Er erhielt als letzter Herrscher die böhmische Wenzelskrone und die lombardische Eiserne Krone – beides ein bloßer Formalakt. Ferdinand I. war durch seine Krönung zum König Lombardo-Venetiens 1838 der letzte Träger des Goldreifs. Die Habsburgermonarchie bediente sich auch noch im voranschreitenden, industriellen 19. Jahrhundert der traditionellen Symbole und Inszenierungsstrukturen. Als entscheidungsschwach und regierungsunfähig geltender Monarch sah sich Ferdinand mit den wachsenden Problemen seiner Zeit jedoch überfordert.

Nach dem Ausbruch der Märzrevolution dankte er Ende 1848 resigniert ab und zog sich bis an sein Lebensende zurück.

Der von Napoleon gegründete Orden der Eisernen Krone wurde von den Habsburgern weitergeführt und nach der Gründung des Königreichs Italien auch durch das Haus Savoyen übernommen – von beiden Machthabern jedoch umstrukturiert.

Die italienischen Könige des 19. und 20. Jahrhunderts trugen die Eiserne Krone nie, ehrten aber ihren Symbolgehalt und die lombardische Tradition. 1878 ruhte die Krone auf dem Sarg von Viktor Emanuel II. und 1900 auf dem Sarg Umbertos I., der in Monza ermordet wurde. Die Eiserne Krone gilt als ein kunsthistorisch wertvolles und für die Stadt Monza identitätsstiftendes Kleinod. So ist sie bis heute auch heraldischer Bestandteil des Stadtwappens von Monza.

 

Die vielseitigen Beweggründe der drei gekrönten Kaiser scheinen dennoch einen ähnlichen Kern zu haben: Die Krönungen waren ein formaler Akt und eine logische Konsequenz der vorangehenden Realpolitik.

Dennoch waren Symbol und Inszenierung wichtig für die Legitimation einer Herrschaft und für den letztendlich angestrebten Machterhalt in einer wechselvollen Konfliktzeit. Sie waren die einzigen Kaiser, die durch die heute sogenannte Eiserne Krone der Lombardei gekürt wurden. Oberitalien spielte im Leben der drei gekrönten Häupter und ihrer Territorien eine wichtige Bedeutung.  Alle drei verfolgten einen Herrschaftsanspruch, der an starke, zeittypische Ideale gebunden war – Universalismus, Autokratie, Restauration.

Die Verleihung der Kaiserkrone fand bei Karl V., Napoleon I. und Ferdinand I. zeitnah statt und sie befanden sich dabei auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Herrschaft. Alle drei scheiterten letztendlich und dankten – ob mehr oder weniger freiwillig – ab. Das Symbol der Eisernen Krone war somit nicht mehr als das: ein instrumentalisiertes Symbol, umgeben von einem Nimbus der weltlichen und geistlichen Macht, der den Anspruch auf Oberitalien aufzeigen sollte, aber niemals garantieren konnte.

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