Irish Coffee

von Thomas Stiegler

Irish Coffee (oder Caife Gaelach, wie er in seiner Heimat genannt wird) ist Irlands wichtigster Beitrag zur internationalen Kaffeehauskultur. Doch auch wenn er heute weltweit getrunken wird und neben Espresso und Cappuccino sicher zu den beliebtesten und bekanntesten Kaffeegetränken zählt, ist Irish Coffee  – im Gegensatz zu den meisten anderen in diesem Buch vorgestellten Zubereitungsarten – eine relativ junge Spezialität, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts kreiert wurde.

Die Geschichte dahinter ist hochinteressant, und es lohnt sich, eine kleine Reise in die Vergangenheit zu machen. Dabei müssen wir allerdings aufpassen – denn auch, wenn uns diese Zeit durch Filme und Bücher vertraut erscheint, so ist es für uns doch schwer, sich eine Welt vorzustellen, die so viel kleinteiliger war als heute und sich scheinbar auch etwas langsamer drehte, als wir es heutzutage gewohnt sind. Denn es gab noch nicht dieses weltumspannende Netz aus Nachrichten, Fernsehsendungen und Social-Media-Kanälen, und die Menschen kannten kaum etwas von der Welt außerhalb ihres gewohnten Lebenskreises. Deshalb waren etwa auch ferne Länder noch wirklich ferne Länder, von denen man wenig wusste und die man nicht für einen kurzen Urlaub besuchen konnte. Meist war schon der Besuch der nächsten größeren Stadt ein Erlebnis, über das man lange sprach. Und Autos, vor allem aber Flugzeuge, waren eine noch so neue Erfindung, dass die meisten Menschen sie zeitlebens nie benutzen sollten.

Trotz allem begann sich aber bereits damals jenes engmaschige Netz aus Verkehrswegen zu bilden, das heute, dem Netz einer gefräßigen Spinne gleich, den ganzen Planeten umspannt. Immer wichtiger wurden dabei die internationalen Flugverbindungen, und eine der Ersten war die zwischen der Alten und der Neuen Welt. Ihre Benutzung war aber mitnichten mit dem zu vergleichen, was wir heute unter einer Flugreise verstehen – denn anstatt gemütlich in einem weichen Stuhl zu sitzen, kultiviert in einer Zeitschrift zu blättern und etwa einen Irish Coffee zu schlürfen, saß man mehr als achtzehn Stunden in der engen, zugigen Kabine eines Wasserflugzeuges, dicht an dicht gedrängt mit anderen Passagieren und meist noch zusätzlich eingequetscht zwischen Post und anderem Frachtgut. Zu allem Überfluss landete das Flugzeug auch nicht direkt am Flughafen, sondern auf dem Meer vor der Küste, und man musste nach der Landung noch in einem Boot an Land gerudert werden. Um wenigstens die Reisezeit zwischen den Kontinenten etwas zu verkürzen und es damit den Passagieren etwas leichter zu machen, entschloss man sich, am westlichsten Zipfel Irlands den Flughafen Foynes (den Vorläufer des heutigen Shannon International Airport) zu errichten, der fortan für Reisende aus Übersee die erste Anlaufstelle war.

Altes Haus in Irland, ©wagrati_photo

An einem stürmischen Wintertag des Jahres 1942 war es wieder einmal so weit: Eine Gruppe wirklich waghalsig zu nennender Passagiere (man sollte nicht vergessen, dass auf dem Festland seit drei Jahren ein Krieg wütete) verzichtete auf den Komfort und die Sicherheit eines Ozeandampfers und begab sich an Bord einer Maschine Richtung Amerika. Doch nach stundenlangem Kampf gegen das Wetter musste der Pilot einsehen, dass es unmöglich war weiterzufliegen, und so steuerte er sein Flugzeug zurück nach Foynes.

Auf der kurzen Strecke zwischen Flugzeug und Terminal, wie immer eingezwängt in ein viel zu kleines Boot, wurden die Passagiere kräftig durchgeschüttelt und klatschnass gespritzt und ihr einziger Wunsch war ein trockener Ort, an dem sie sich aufwärmen konnten.

Zu ihrem Glück war an jenem Abend der junge Koch Joe Sheridan im Haus, der beschloss, die erschöpften Gäste mit einer besonderen  irischen Spezialität für die ertragene Unbill zu entschädigen. Dabei erinnerte er sich an seine Kindheit, als die Männer seines Dorfes, die von ihrer Arbeit auf den Fischerbooten meist mehr tot als lebendig zurückkehrten, ihren Tee mit einem kräftigen Schuss Whiskey versetzten, um so ihre Lebensgeister zu wecken. Da er jedoch von den Vorlieben seiner amerikanischen Gäste wusste, kochte er anstatt des Tees einen starken Kaffee, warf reichlich Zucker in das schwarze Gebräu und goss zum Schluss noch einen ordentlichen Schuss Whiskey dazu. Dann ließ er noch etwas kalte Schlagsahne in das Glas fließen und servierte das Getränk anschließend seinen Gästen. Diese waren nach anfänglicher Skepsis hellauf begeistert und rätselten, was es mit dem Getränk wohl auf sich hatte. Schießlich fragte einer von ihnen den jungen Koch: »Is this Brazilian coffee?« Worauf Joe Sheridan schlagfertig antwortete: »No, that’s Irish Coffee.« Und damit war der Caife Gaelach geboren ….

International bekannt sollte das Getränk jedoch erst ein Jahrzehnt später werden. Es war der bekannte Reiseschriftsteller Stanton Delaplane, der 1952 einen Zwischenstopp auf dem nunmehrigen Shannon Airport einlegte und dort, neugierig geworden durch den unbekannten Namen, einen Irish Coffee bestellte.

Begeistert von dem Geschmack des Kaffees telefonierte er sofort nach seiner Landung in San Francisco mit seinem Freund Jack Koeppler, dem Besitzer des Cafés Buena Vista, und gemeinsam versuchten sie, diesen Kaffee nachzukochen – aber vergeblich. Was immer sie auch versuchten, jedes Mal musste Delaplane frustriert den Kopf schütteln und zugeben: »No, thats not an Irish Coffee.«

Schließlich machte sich Jack Koeppler selbst auf den Weg, um Joe Sheridan um das Originalrezept zu bitten, was ihm dieser auch prompt gab! Zurück in den Vereinigten Staaten setzte er den Kaffee auf die Karte seines Restaurants, und bald war dieser das beliebteste Getränk des Hauses und weit über die Grenzen seiner Stadt hinaus bekannt. Dadurch galt auch lange Zeit das Café Buena Vista als Ursprungsort des Irish Coffee, bis Koeppler selbst diesen Irrtum aufklärte, sodass wir heute die wahre Geschichte kennen.

Irish Coffee, ©grafmex

Das Originalrezept des Irish Coffee:

Zwei Teelöffel Zucker werden in einem speziellen, hitzebeständigen Irish-Coffee-Glas über offener Flamme karamellisiert, dann 3 – 4 cl Irish Whiskey zugefügt und das Ganze noch einmal erwärmt. Mit einem frischen, möglichst starken Kaffee aufgießen und anschließend halb aufgeschlagene Sahne über einen Löffel gießen, damit diese langsam in die Tasse fließt und sich nicht mit dem Kaffee vermischt.

 

Eine etwas einfachere Variante (und das heutige Standardrezept, wie es auch im Café Buena Vista verwendet wird):

Zuerst wärmt man ein Glas mit heißem Wasser, leert es aus und füllt es zu drei Viertel mit frisch gebrühtem Kaffee. Dann gibt man zwei Würfel Zucker, einen guten Schuss irischen Whiskey und eine Schicht halb geschlagener Sahne in den Kaffee. Wichtig dabei ist, dass man den Irish Coffee (ohne umzurühren!) durch die Sahne hindurch trinkt.

 

Angeblich macht es auch einen Unterschied, ob man weißen oder braunen Zucker verwendet. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber Liebhaber behaupten, dass der braune Zucker das Getränk kräftiger und intensiver im Geschmack werden lässt. Unstrittig hingegen ist die Auswahl des Whiskeys: Kenner verwenden Tullamore Dew (auch heute noch der Whiskey der Wahl im Buena Vista), denn mit seiner besonderen Milde und Weichheit scheint er die perfekte Ergänzung für diesen Kaffee zu sein, der die Seele wärmt und fähig ist, die Lebensgeister wieder zu wecken – und das nicht nur an einem kalten Tag in Irland.

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