Aus Frankreich in die ganze Welt

 

 

von Anja Weinberger

Aus Frankreich in die ganze Welt

 

von Anja Weinberger

Aus Frankreich in die ganze Welt – die Flöte und ihr Weg ins 21. Jahrhundert

Die Flöte, wie wir sie heute kennen und spielen, ist eine Konstruktion von Theobald Böhm, dem deutschen Instrumentenbauer und Musiker. Er hat in langwieriger, genauer und technisch sehr fortschrittlicher Arbeit die Querflöte und das Flötenspiel revolutioniert.

Hier dazu ein sehr treffendes Zitat vom Flötisten Konrad Hünteler: Die Flöte der 1810er Jahre – also vor Böhm – war wie „ein altes Haus, das im Laufe langer Zeit durch zahlreiche Anbauten, Erker […] und Mansarden so unübersichtlich geworden war, dass sich niemand mehr in der komplizierten Anordnung der Flure […] und Treppenhäuser zurechtfinden konnte.“  Die Scheu vor einer völligen Veränderung des Griffsystems, bei der die Fingertechnik ja gänzlich neu erlernt werden müsste, hatte anscheinend immer überwogen. Niemand vor Theobald Böhm traute sich, daran grundlegend zu rühren und eine durch und durch neue, quasi moderne Flöte zu erfinden.

1847 schließlich stellte Böhm das Endergebnis seiner viele Jahre dauernden Tüftelei vor: eine völlig neue Flöte, meist aus Silber und mit zylindrischem Körper. In Frankreich fiel diese Neuerfindung sofort auf fruchtbaren Boden. Im eigenen Lande jedoch wurde der Prophet lange nicht gehört.

Die Flöte ist eines der ältesten Instrumente der Kuturgeschichte und hat einen sehr weiten Weg hinter sich –  vom Knochen oder Schilfrohr mit ein paar oder gar keinen Löchern bis zum technisch sehr komplizierten Instrument von heute. Wer darüber genauer Bescheid wissen möchte, der kann in meinem Buch „Kulturgeschichten – nicht nur für Flötisten“ oder in anderen Texten hier auf dem Blog nachlesen.

Spannend ist es, der neuen Böhmflöte zuzusehen, wie sie von Paris aus ihren Weg nahm bis zu uns ins 21. Jahrhundert.

Aber wir gehen noch einmal ein paar Jahre zurück.

1795 öffnete das Conservatoire de Paris seine Pforten. Die Komponisten Cherubini, Gossec und Mehul bildeten das Direktorium, und zum Lehrkörper gehörten die herausragendsten Musiker des Landes. Mehrere Flötenprofessuren wurden geschaffen.

Eine davon hatte François Devienne inne, und um die fortgeschrittenen Schüler kümmerte sich vor allem der aus Bayreuth stammende Georg Wunderlich, der Ende des 18. Jahrhunderts einer der angesehensten Meister seiner Zunft war. Devienne hingegen hat weniger als Spieler, jedoch umso mehr als Lehrer und Komponist die Flötenwelt geprägt. Seine Konzerte, Sonaten und Duos begleiten uns schließlich auch heute noch ein Leben lang.

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Einer der vielen Schüler dieser beiden war Jean-Louis Tulou. Und der junge Mann entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem wahren Meister seines Faches.

Tulou genoss als Musiker und Virtuose sehr hohes Ansehen, v.a. seine makellose Intonation wurde immer wieder hervorgehoben. Er spielte auf den vier- bis zwölfklappigen Instrumenten der Vor-Böhm-Zeit. Eigentlich war auf diesen Flöten eine gute Intonation unmöglich. Ab 1829 übernahm Tulou Wunderlichs Professur am Conservatoire. Ihm, Tulou, missfiel, genau wie Fürstenau in Deutschland, der kräftige Klang der Böhmflöte und noch konnte er bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahre 1856 die Einführung des neuen Instrumentes verhindern. Aus seiner Feder stammen rund 200 Kompositionen, zum Großteil äußerst elegante Musik, von der bis heute die 15 Grands Solos fester Bestandteil des Repertoires sind. Zu seinen Schülern zählten Henri Altès und Jules Demersseman. Letzterer wurde von Tulou als Nachfolger im Amt am Conservatoire vorgeschlagen, jedoch entschied man unter der Federführung von Berlioz, dass der nächste Professor für Flöte ein Böhmflötist sein solle.

Ein kleiner Einschub für die, die es genauer wissen wollen:

Im Frankreich nach der Französischen Revolution (ab 1789) lag die Verantwortung für die Erziehung der Kinder und Jugendlichen nicht mehr bei der Kirche, sondern beim Staat. Von diesem Zeitpunkt an wurde eine gute Erziehung nicht mehr als Privileg, sondern als Voraussetzung für ein verantwortungsvolles bürgerliches Leben gesehen.

In diesem Zusammenhang entstand 1795 durch die Zusammenlegung der Städtischen Musikschule und der Königlichen Schule für Gesang und Deklamation (École Royale) das Pariser Konservatorium. Die Musikschule (École de musique municipale) bildete bis dahin hauptsächlich Musiker für das Korps der Nationalgarde aus und die École Royale den Nachwuchs für die Pariser Oper.

Die Oper wird in Frankreich weniger als Aufführungsort, sondern vielmehr als Institution betrachtet und geliebt. Die Bürger fühlen sich traditionell sehr verbunden, und Orchestermusiker, Sänger, Tänzer und auch Schauspieler besitzen ein hohes gesellschaftliches Ansehen.

Die Opéra hieß vor der Revolution Académie Royale de musique und war in die Académie Royale eingegliedert. Diese geht zurück auf die Initiative Ludwigs XIV., der im großen Stile Wissenschaft und Kunst förderte, ja die Besten der damals bekannten Welt um sich scharte. Die Académie Royale ist eine Vorläuferorganisation des Institut de France.

Eine begehrte Auszeichnung des Conservatoires war der Prix de Rome, der älteste und vermutlich bedeutendste Wettbewerb Frankreichs für junge Komponisten. Der Gewinner lebte mindestens zwei Jahre lang auf Staatskosten in der Villa Medici in Rom und musste regelmäßig vorgegebene Arbeiten einreichen. Zu den Preisträgern zählen Debussy, Berlioz, Gounod, Bizet, Massenet, Ravel, Ibert, Charpentier, Bozza und Dutilleux. Die erste mit einer Goldmedaille ausgezeichnete Frau war die hochbegabte, leider jung verstorbene Lili Boulanger.

Das Conservatoire de Paris hatte in der Vergangenheit noch mehr als heute einen Ruf wie Donnerhall. Für viele Musiker in ganz Europa war es ein begehrtes Ziel, dort zu studieren.

Tulous jüngerer Kollege Louis Dorus, mit dem er gemeinsam im Orchester der Pariser Oper spielte, war dann einer der ersten Flötisten, der sich für Böhms Instrument entschied. In den Jahren 1837 bis 1839 gab er keine öffentlichen Konzerte, um sich auf die Böhmflöte umzustellen. Eine große Rolle dabei spielte vermutlich auch Paul Hippolyt Camus, der nach Böhms Präsentation der neuen Flöte an der Académie des Sciences ständiger Vertreter für das neue Instrument in Frankreich wurde. Camus war selbst ein ausgezeichneter Flötist, und Böhm widmete ihm seine Grande Polonaise op.16.

1859 wurde Dorus Tulous Nachfolger am Conservatoire de Paris und führte sofort die neue Flöte ein. Dorus war ein sehr gebildeter, toleranter, äußerst geschätzter Lehrer und kann als Urvater der „Französischen Schule“ betrachtet werden. 1868 geht er in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird Henri Altès, der noch bei Tulou studiert hatte, jedoch frühzeitig auf die Böhmflöte umgestiegen war.

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1893 schließlich übernimmt Paul Taffanel die Professur für Flöte am Conservatoire de Paris. Rückblickend ist das vermutlich der entscheidende Moment in dieser Geschichte. Denn sein Beitrag zur Entwicklung des Spieles auf der Flöte kann kaum überbewertet werden; er war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Taffanel kultivierte ein ausdrucksstarkes, sensibles Spiel voller Eleganz und Geschmeidigkeit, wobei er einer natürlichen Tongebung oberste Priorität einräumte und seine virtuose Technik respektvoll in den Dienst der Interpretation des Notentextes stellte. Außerdem bemühte er sich sehr um die Wiederbelebung der kammermusikalischen Tradition, was auf seinen dringenden Wunsch hindeutet, die Musikkultur von der puren Virtuosität zu befreien. Er machte eine eindrucksvolle und brilliante Karriere als Musiker und Lehrer. Aus unserer heutigen Perspektive sehen wir eigentlich ihn als den Vater der modernen französischen Flötenspielschule.

Hier ein paar Details:

Paul Taffanel wurde 1844 als Sohn eines Berufsmusikers in Bordeaux geboren.

Er erlernte schon früh das Flötenspiel, von einem ersten öffentlichen Konzert mit zehn Jahren wird berichtet. 1858 zog die Familie nach Paris, eventuell auch wegen der besseren Unterrichtsmöglichkeiten für den begabten Sohn. Bald wurde dieser dann auch Schüler von Louis Dorus, der damals Soloflötist an der Opéra war. Als Dorus die Professorenstelle am Conservatoire de Paris übernahm, trat Taffanel 15-jährig in seine Klasse ein. Schon nach wenigen Monaten erhielt er den äußerst begehrten Premier Prix, eine Auszeichnung, die ein Student üblicherweise erst nach ein oder gar zwei Studienjahren erreichte.

Bereits kurz darauf spielte Taffanel im Orchester der Opéra und blieb über viele Jahre dort Soloflötist. Zusätzlich trat er Stellen an als Flötist der Opéra-Comique und der Société des concerts. Er unternahm Konzertreisen als Solist durch ganz Europa und Russland, mehrmals auch in Begleitung von Camille Saint-Saëns.

1871 gründete Taffanel die Société classique und 1878 die Société de musique de chambre pour instruments à vent, um in der von der Oper dominierten Stadt Impulse zu setzen für die Wiederbelebung anspruchsvoller Kammermusik im Allgemeinen und Bläser-Kammermusik im Besonderen. Er war es auch, der die lange vernachlässigten Werke Bachs, Händels und Mozarts wieder zum Leben erweckte. Beispielsweise waren Mozarts Flötenkonzerte – heute unvorstellbar – damals so gut wie vergessen.

Er regte viele seiner Kollegen an, neue Flötenkammermusik zu komponieren. Es seien nur Fauré und Gounod genannt als Beispiel für viele. Er selbst komponierte ebenfalls. Preisgekrönt ist sein sehr schönes, überraschenderweise klarinetten- und nicht flötenlastiges Bläserquintett, wunderschön das Andante pastorale aus seinen letzten Lebensjahren, das er dem Lieblingsschüler Philippe Gaubert gewidmet hat.

Zeitzeugen berichten von einem außerordentlich schönen Ton, von technischer Perfektion und großer Ausstrahlung. Saint- Saëns war sein größter Bewunderer und drückte mehrfach seine tiefe Traurigkeit über diesen Verlust aus, als Taffanel die Flöte mit dem Taktstock tauschte. Ab 1893 war er nämlich Chefdirigent der Opéra und Nachfolger von Altès am Conservatoire de Paris. Als Lehrer war er eine Inspiration, und Studenten aus der ganzen Welt kamen zu ihm. Sie alle berichten von einem engagierten Unterricht, der aus jedem Studenten das Beste herausholte. Damit begann die Verbreitung der „Französischen Schule“ in alle Himmelsrichtungen.

Paul Taffanel starb 1908, seine Nachfolge trat zunächst Adolphe Hennebains an. Dieser war schon seit 1893 als Assistent Taffanels mit der Klasse vertraut und der Übergang verlief dementsprechend problemlos. Auch in den Orchestern trat er die Nachfolge des verehrten Vorgängers und Freundes an. Hennebains war ein vielgefragter Kammermusikpartner und Gründungsmitglied des Double Quintettes, das in ganz Europa gefeiert wurde. Er ist einer der ersten Flötisten, von dem es Tonaufnahmen gibt.

Und nun Auftritt Georges Barrère. Dieser studierte bei Altès und Taffanel und erhielt 1895 den Premier Prix. Auch er war Flötist in mehreren Pariser Orchestern und führte Taffanels Kammermusikambitionen sehr erfolgreich fort. So wurden 61 Uraufführungen von über 40 europäischen Komponisten in zehn Jahren gespielt. 1905 ging er als Soloflötist zu der New York Symphony. Walter Damrosch, der in Breslau geborene und in die USA emigrierte Chefdirigent, lockte damals einige französische Musiker in die Neue Welt. Mit seiner flexiblen und klanglich brillanten französischen Silberflöte leitete Barrère eine Revolution im amerikanischen Flötenspiel ein. Dort spielte man bis dahin bevorzugt auf schweren deutschen Holzflöten. Auch amerikanische Flötenbauer wurden aufmerksam, und 1913 begann die Firma Haynes mit der Produktion neuartiger Silberflöten im Böhmsystem.

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Barrère gründete zahlreiche Ensembles, mit denen er sowohl französische Musik in Amerika bekannt machte, als auch neue amerikanische Musik in Auftrag gab; und er war Lehrer am Institute of Musical Art, der späteren Juilliard School of Music. Die amerikanische Mäzenin Elizabeth Sprague-Coolidge schenkte ihm eine Haynes-Flöte aus dem Edelmetall Platin. Zur Einweihung des Instrumentes schrieb Edgard Varèse 1936 für ihn das Solostück Density 21.5 (das ist das spezifische Gewicht von Platin), welches bis heute ein wichtiges Stück der Sololiteratur darstellt.

Frankreich steuerte unterdessen auf den 1. Weltkrieg zu. 1914 übernahm Léopold Lafleurance die Flötenklasse, da er als 49-Jähriger nicht mehr zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Damit war er der erste, der eine Professur am Conservatoire innehatte, ohne dort jemals selbst studiert zu haben. Und seit 1891 war er Flötist an der Oper, wo er stolze sechzig Jahre blieb. Erst mit 81 Jahren wurde er als Piccolist pensioniert. Ein ungewöhnlicher Lebenslauf. Duplaix nannte ihn „un hérisson au cœur tendre“ – ein Igel mit zartem Herz.

Philippe Gaubert war während des 1. Weltkrieges Soldat an der Front und wurde in Verdun mit dem Croix de Guerre ausgezeichnet. Nach Paris zurückgekehrt, übernahm er die Professur am Konservatorium. Er hatte eine große Klasse voller heute noch bekannter Namen und führte Taffanels Arbeit in beeindruckender Weise fort.

Philippe Gaubert wurde 1879 in Cahors geboren. In der Familie machte man Hausmusik, und der Knabe erlernte zunächst die Violine. 1886 übersiedelten die Gauberts nach Paris, der Flötenunterricht – sofort als Privatschüler bei Taffanel – konnte beginnen. Da war Philippe erst sieben Jahre alt, und sein erfahrener Lehrer bemerkte sofort das ungewöhnliche Talent. Als Taffanel 1893 seine Professur antrat, nahm er Gaubert sofort in die Klasse auf. Auch Gaubert erspielte sich nach wenigen Monaten den Premier Prix. Schon 1897 wurde er Soloflötist an der Opéra und 1904 Dirigent an der Societé des Concerts.

Nach dem Krieg war sein Leben zu gleichen Teilen vom Flötenspiel, dem Unterrichten, Dirigieren und Komponieren ausgefüllt. Gaubert war einerseits ein rastloser und fleißiger Arbeiter und andererseits ein von Natur aus sehr begabter Musiker. Von ihm existieren einige Aufnahmen, die seinen warmen Flötenton, sein äußerst geschmeidiges Legato und den wunderbar sparsamen Einsatz des Vibratos festgehalten haben. Er beeindruckte mit der Leichtigkeit seines Spiels und der Vielfalt der Klangfarben. Sein Staccatospiel gilt als echtes Aushängeschild der „Französischen Schule“. Das einzige Problem, das seine sonst begeisterten Studenten mit ihm hatten, war, dass er, der von der Muse geküsst war, viele Schwierigkeiten nicht nachvollziehen konnte. Jedoch spielte er bereitwillig vor und besaß auch ein außergewöhnliches Maß an Geduld.

Seine vielen Kompositionen sind nicht nur Gelegenheitsmusik und ganz im Stile der Zeit komponiert. Vor allem die drei Sonaten für Flöte und Klavier und die Trois Aquarells für Flöte, Cello und Klavier überzeugen sowohl Spieler als auch Hörer mit sehr farbenreicher Harmonik, geschmeidigen und doch überraschenden Melodiewendungen und ihren sehr brillanten Passagen ohne Virtuosentum..

Sein plötzlicher Tod 1941 verschonte ihn zumindest vor dem demütigenden Hin- und Her am Conservatoire im besetzten Paris und nach dem 2. Weltkrieg.

Anders erging es dem 1889 im Burgund geborenen Marcel Moyse, der noch kurz bei Taffanel, dann bei Hennebain und schließlich bei Gaubert studiert hatte. Er lebte in dieser außergewöhnlichen Zeit Anfang des 20.Jahrhunderts, in der sich alle Künste in atemberaubendem Tempo weiterentwickelten und Paris der Mittelpunkt der künstlerischen Avantgarde war. Er spielte Flöte bei der Uraufführung von Stravinskys Sacre du Printemps und ebenfalls bei Ravels Daphnis und Chloë.

Schon seit 1932 war Moyse Professor am Conservatoire und beim Ausbruch des 2. Weltkrieges eine der großen Koryphäen seines Fachs, ja hatte Auftritte mit den meisten europäischen Orchestern. Er weigerte sich, im von den Deutschen besetzten Paris zu unterrichten und seine Stelle wurde anderweitig besetzt.

Nach dem Krieg zog er in die USA, gründete die Marlboro School of Music und das gleichnamige Festival, gab dort sehr begehrte Meisterkurse und kam für eben solche auch immer wieder nach Europa zurück. 1984 starb er in den USA und 1989 wurde in Pittsburgh die Marcel-Moyse-Gesellschaft gegründet.

Marcel Moyse sind zahlreiche Werke gewidmet, u.a. auch das Konzert von Jaques Ibert, das er selbst 1934 uraufführte, und mehrere Werke von Bohuslav Martinů.

Seine Schul- und Studienwerke stehen auf den Notenständern der Flötisten in aller Welt. Und unter seinen Schüler finden wir die bekannten Flötisten von heute.

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Vergessen dürfen wir keinesfalls Louis Fleury, denn er hatte das Privileg, Debussys Syrinx zur Uraufführung zu bringen. Wieso ausgerechnet er?

Seine Biographie ist ungewöhnlich. Von Kindheit an interessierte er sich für Musik. Jedoch gab es keinerlei Verbindungen zu Musikern, deshalb erlernte der Junge das Piccolospielen bei einem Friseurmeister und später das Spiel auf der Flöte bei einem Apotheker. Die beiden müssen recht gute Lehrmeister gewesen sein, denn als die Familie nach Paris zog, bereitete Georges Barrère den 15-Jährigen nur kurz auf die Aufnahmeprüfung am Conservatoire vor, die dieser dann auch sofort bestand. Taffanel nahm ihn in seine Klasse auf. Fleury war kein Wunderkind, auch nicht durch das Elternhaus in musischer Umgebung geprägt, aber ein begeisterter und fleißiger Student, der unbedingt in diese Welt der Künste integriert werden wollte. Nach Abschluss seiner Studien mit dem Premier Prix war er Flötist in den unterschiedlichsten Formationen, so an den Folies-Bergère, der Association des grands Concerts, den Concerts Berlioz und den Concerts Rouge. Und er wurde Mitglied in der von Barrère gegründeten Société Moderne d’Instruments à vent, die er etwas später übernahm.

1906 gründete er die Société des Concerts d’Autrefois, ein Ensemble, das ganz Europa bereiste. Er interessierte sich für alle Arten von Musik, war unersättlich und arbeitete schon früh mit jungen, noch unbekannten Komponisten zusammen – darunter Mel Bonis und Albert Roussel. Auch faszinierte ihn die Idee einer Liaison unterschiedlicher Künste. So kam es, dass Syrinx von ihm uraufgeführt wurde, denn das kurze Werk für Flöte solo ist ja als Schauspielbühnenmusik entstanden.

Als erster französischer Flötist gab er schließlich alle Anstellungen auf, um sich ausschließlich solistischen und kammermusikalischen Aktivitäten widmen zu können. In ganz Europa, v.a. aber in England, verlief seine Karriere sehr erfolgreich. Seine Programme, die alte und neue Musik mischten und sehr häufig Uraufführungen enthielten, waren für die damalige Zeit äußerst ungewöhnlich. Auch als Musikkritiker und Autor war er erfolgreich; und seine sehr engagierten, leidenschaftlichen, aber niemals auf unangenehme Art belehrenden Texte erfuhren große Resonanz.

Auch nach England kam die Silberflöte über einen französischen Umweg. Geoffrey Gilbert, der englische Flötist, hörte Aufnahmen von Marcel Moyse und nahm daraufhin Unterricht bei René Le Roy. Nach dem 2. Weltkrieg wandte er sich von der Holzflöte ab und der Silberflöte zu. Er übernahm den gerade aufkommenden französischen Stil, kehrte auf seinen Posten als Soloflötist des London Philharmonic Orchestra zurück und wurde zum Initiator und Vorbild für die kommende Generation in England.

Wie ging es in Paris weiter nach dem Krieg? 1941 starb Gaubert und Gaston Crunelle übernahm eine Professur, die er bis 1969 innehatte. Er hatte selbst bei Gaubert studiert und widmete sich vorzugsweise der Kammermusik. Im legendären Quintette instrumental de Paris, später Quintette Pierre Jamet war er Nachfolger von René Le Roy. Dieses Quintett, bestehend aus Flöte, Streichtrio und Harfe, inspirierte eine ganze Generation junger Komponisten. Jolivet, Ibert, Roussel, Françaix, Honegger, d’Indy, Kœchlin, Cras, Jongen und viele mehr komponierten für diese bis dahin unbekannte Besetzung. Und so kommt es, dass wir in diesem Bereich heute auf solch reiche Literatur zurückgreifen können. Keimzelle dieser Erfolgsgeschichte war Debussys Sonate für Flöte, Viola und Harfe, die Jamet mit Kollegen 1917 uraufführte. Außerdem war Gaston Crunelle in guter, alter Tradition von 1933 bis 1964 Soloflötist an der Opéra-Comique.

Und René Le Roy, dessen Name nun schon zweimal gefallen ist? Auch er ist für die Gilde der Flötisten ein wichtiger Mann, denn er war es, der Johann Sebastian Bachs Partita in a-moll nach der Wiederentdeckung durch Karl Straube 1918 zum ersten Mal wiederaufführte.

Und er gründete das oben genannte Quintette instrumental de Paris, um durch diese Instrumentenvielfalt möglichst viele Kammermusikwerke aufführen zu können.

1898 geboren, studierte er bei Hennebain, Lafleurance und Gaubert. Sein Premier Prix 1918 hatte weit über die Grenzen des Conservatoires hinaus ein Echo, Gaubert war voll des Lobes. 1929 reiste er zum ersten Mal in die USA, lernte Franklin Roosevelt kennen, mit dem ihn daraufhin eine lange und enge Freundschaft verband. Von 1952 bis 1968 war er Soloflötist im New York City Opera Orchestra und ab 1971 Professor für Kammermusik am Conservatoire de Paris.

In diesem „französischen“ Zusammenhang muss unbedingt auch Gustav Scheck genannt werden. Denn er war einer der Ersten, der in Deutschland auf einer Silberböhmflöte gespielt hat. Zu Beginn heftig kritisiert, erfuhr er mehr und mehr Zustimmung auf breiter Basis.

Gustav Scheck wurde 1901 in München geboren und erwarb schon als Gymnasiast solide Flötenkenntnisse auf der damals in Deutschland üblichen Böhmflöte aus Holz mit Silberkopf und Reformmundloch. Er studierte zunächst Medizin, dann aber Flöte, Musikwissenschaft und Musiktheorie und begann bald eine steile Karriere als Orchestermusiker. Ab 1924 war er als Flötist anzutreffen in Freiburg, Düsseldorf, Kiel, Bremen, Königsberg und schließlich an der Staatsoper in Hamburg. Auch als Solist und Kammermusiker war er in ganz Deutschland begehrt. Die Musikwissenschaft begleitete ihn sein Leben lang,  zahlreiche Sendungen im Deutschlandfunk trugen zu seiner Bekanntheit bei. Sein Kammermusikkreis Scheck-Wenzinger, in dem er auch Traversflöte spielte, leistete wichtige Beiträge zur dringend nötigen Wiederbelebung der Barockmusik, auch durch zahlreiche Aufnahmen. Von 1934 bis 1942 lehrte Gustav Scheck an der Berliner Musikhochschule und gründete nach dem 2. Weltkrieg gemeinsam mit Willibald Gurlitt die Hochschule für Musik Freiburg. Bis 1964 war er deren Direktor. Ihm wurden viele wichtige Werke der Flötenliteratur gewidmet, u.a. von Genzmer, Fortner, Hessenberg und Heinrich Kaspar Schmid. Zeitlose Bedeutung hat sein Buch Die Flöte und ihre Musik aus dem Jahre 1975. Darin versammelt sind die zahlreichen, gut durchdachten Erkenntnisse eines Musikerlebens. Atmung, Klang, Technik, Musikgeschichte, Analyse – alles wird betrachtet und ist durchwegs einprägsam und schlüssig formuliert.

Sein Wechsel zur Silberflöte wurde zunächst interessiert, aber eher ablehnend verfolgt. Dennoch setzte er sich durch, und seine Suche nach „bezauberndem Gesang, kontrastreicher Farbigkeit und virtuosem Glanz”, wie er selbst sagte,   überzeugte auch den letzten Kritiker. Somit hatte er wesentlich dazu beigetragen, die deutsche Tradition mit der französischen Spieltechnik zu vereinen. Die Silberflöte ist endlich in Deutschland angekommen.

Auch unter den hervorragenden Flötisten unserer Tage sind, so scheint mir, überdurchschnittlich viele französische Muttersprachler. Man denke nur an Aurèle Nicolet, André Jaunet, Jean-Claude Gérard, Alain Marion, Jean-Pierre Rampal, Michel Debost, Maxence Larrieu, Patrick Gallois und vor allem auch Emmanuel Pahud. Wer selbst ein wenig Französisch spricht, der weiß, dass diese Sprache ein ganz anderes Mundgefühl hervorruft, als jede andere europäische Sprache. Auch die Sprachmelodie ist anders.

Vielleicht könnte ein Logopäde da fachlich Genaueres berichten. Möglicherweise ließen sich auf diesem Wege Gründe finden für das außergewöhnliche Staccato und die besondere, ununterbrochene Linienführung.

Alles Spekulation! Und doch, welch ein Glück, dass Theobald Böhms geniale Erfindung auf so fruchtbaren Boden gefallen ist in der französischsprachigen Welt.

Auch dieser Text entstand ursprünglich für mein Buch „Kulturgeschichten – nicht nur für Flötisten“. In einer etwas gekürzten und allgemeineren Version ist er nun zu einer französischen Kulturgeschichte geworden.

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