Die Geschichte der Flöte

von Anja Weinberger

Die    Entwicklung    des    musikalischen Repertoires   am   Beispiel   der   Flöte

Wie ist das eigentlich mit unserer Literatur? Es hatte ja jede Zeit ihre Instrumente, jedes Instrument seine Möglichkeiten. Andererseits entsteht Musik ja nicht immer für ein bestimmtes Instrument, sondern wird manchmal einfach in den Köpfen der Komponisten geboren. Oder? Anhand meines Instrumentes, der Flöte, mache ich mich auf den Weg durch die Jahrhunderte. Und ich glaube, dass die Geschichte nicht so verschieden der Geschichte anderer Instrumente ist.

„Als eines der ältesten Musikinstrumente der Welt hat die Flöte während ihrer langen Geschichte immer die Kraft des Archetypischen mit dem Zauber der ihr innewohnenden Wandlungsfähigkeit verknüpft.“ Schöner als Mirjam Nastasi kann man das kaum ausdrücken.

Dem griechischen Mythos nach entdeckte nämlich die Göttin Athene das Flötenspiel. Und seitdem hat sich das Jahrtausende alte Instrument mit seiner mythischen und magischen Bedeutung in den alten Kulturen bis zur Böhmflöte von heute entwickelt. In unserer Zeit füllt es nun seine protagonistische Rolle in der Musik aus.

Als göttliches Attribut bei Pan und Krishna, als Beigabe der Muse Euterpe, als sagenumwobenes Instrument der Verführung, als aristokratisches Statussymbol bei Friedrich dem Großen und als Amateurinstrument des aufkommenden Bürgertums  – die Flöte hat ihren Ton immer unmittelbar über Atem und Zwerchfell erzeugt. Im Gegensatz zu allen anderen Blasinstrumenten klingt sie ja unabhängig von einem Rohrblatt wie z.B. die Oboe, einem Trichter wie z.B. die  Trompete oder einem Kernspalt  wie z.B. die Blockflöte. Der Flötenton entsteht direkt aus dem Luftstrom heraus über den Atem und das Zwerchfell und daraus ergibt sich diese anscheinend einzigartige Verbindung zwischen der menschlichen Seele und dem Klang. Ähnliche Betrachtungsweisen erscheinen in zahlreichen historischen Quellen nur im Zusammenhang mit der menschlichen Stimme.

 

 

Mindestens seit es aufrechtstehende Menschen gibt, gibt es auch Musik. Die ältesten Flöten-Funde sind über 40.000 Jahre alt. Uns interessiert hier jedoch vor allem die Musik, die mit dem Aufschreiben von Noten ungefähr ab dem 9. Jahrhundert begann, sich im 12. und 13. Jahrhundert zu einer echten Mehrstimmigkeit entwickelte und mit dem Minnesang und der Musik des Trecento in die Renaissancemusik mündete. Genau hier beginnt unser Exkurs. Ein guter Einstieg, denn eben zu dieser Zeit ist auch die erste große Welle der Instrumentenentwicklung in Europa zu vermerken. Neben der Weiterentwicklung des mittelalterlichen Instrumentariums tauchen plötzlich viele neue Instrumente auf.

Von nun an klingen Schalmeien, Dulziane, Posaunen, Naturtrompeten, das Zink und auch eine Traversflöte neben der Viola da gamba, der Laute, dem Psalterium und manchen Schlagwerken. Der Notendruck wird von Ottaviano Petrucci um 1500 erfunden, es entstehen Sammlungen von Tanzstücken und auch schon erste Schriften zur Musiktheorie und zur Instrumentenkunde. Viele der Renaissanceinstrumente sind im Laufe der Zeit wieder verschwunden, jedoch können einige durchaus als direkte Vorläufer unserer heutigen Instrumente betrachtet werden.

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Dann schließlich wird die Renaissance durch das Zeitalter des Barock abgelöst. Um 1600 herum beginnt dieser beinahe monumentale Siegeszug in Italien. Nun kommt uns schon das Eine oder Andere bekannt vor. Worte wie „Generalbaß“ oder „Monodie“ stehen im Raum. Rezitative und Arien setzen sich zusammen zu den ersten Opern, Oratorien und Kantaten. Komponisten treten ins Rampenlicht, deren Namen wir auch heute noch kennen: Claudio Monteverdi (1567 – 1643) etwa in Italien, aber auch Heinrich Schütz, geboren im damaligen Fürstentum Reuß, im heutigen Deutschland, etwas später dann Jean-Baptiste Lully, Dietrich Buxtehude und Henry Purcell. Bald erblicken dann  Bach (1685 – 1750), Händel und Telemann das Licht der Welt. Und schließlich wird unter der Führung Georg Philipp Telemanns eine grenzübergreifende Vereinigung der unterschiedlichen Regionalstile im Spätbarock gipfeln.

 

Was stand damals so auf den Spielplänen und Programmen?

Von einem wirklich eigenständigen Flöten-Repertoire kann man erst ab etwa 1700 sprechen. Frankreich übernahm da zunächst die führende Rolle – sozusagen als Gegenpart zu Italien. Denn dort, in Italien, begann die  Violine zu genau dieser Zeit ihren rasanten Höhenflug. Und so kommt es, dass die früheste aufgeschriebene Flötenmusik von Hotteterre (1674 – 1763) stammt, von Loeillet, Couperin oder La Barre. Meist sind das Suiten in der Besetzung Flöte/Generalbaß, gespielt auf der höchstens einklappigen, hölzernen Querflöte.

Und nun ein erster Einschub für die, die mehr wissen wollen…

Was bedeutet eigentlich Generalbass?

Der Generalbass oder Basso continuo bildet das Fundament und harmonische Gerüst unter der Melodielinie. Er wird in einzelnen Noten mit einer oder mehreren darunter gesetzten Ziffern notiert, die dem Spieler anzeigen, welcher Akkord zu spielen ist. Der Basso continuo kann z.B. von einer Orgel, einem Spinett, einer Laute, einem Cembalo, einer Gitarre oder einer Harfe übernommen werden, kurz: von einem Harmonieinstrument. Im Normalfall wird die Basslinie durch ein Fagott oder ein Violoncello verstärkt. Dadurch entsteht diese eigenartige Situation eines Duos zu dritt. Auch bei den Triosonaten mit B.c. spielen dann 4 Musiker drei Stimmen.

Schon kurz darauf entsteht dann das erste echte Solokonzert für Flöte und Streicher. Komponiert hat es Michel Blavet, der zuvor schon viele Sonaten im italienischen Stil geschrieben hatte. In Italien bildete sich nämlich eine beachtliche Tradition des Flötenkonzertes und der Kammermusik  heraus. Vivaldi allen voran, aber auch Pergolesi, Popora, Vinci und Sammartini schrieben sehr früh äußerst virtuose und klangschöne Flötenmusik.

Die erste große Phase der Flötenmusik beginnt nun. Die vielen deutschen Fürstenhäuser mit ihren Hofkapellen machten es erst möglich, dass zahlreiche hochklassige Instrumentalisten und Komponisten mit Musik ihren Lebensunterhalt „erspielen“ konnten. Nun wird die Form vielgestaltiger. Mehrsätzige Suiten und Sonaten sind in der Überzahl, aber auch einsätzige Fantasien und Capricen findet man. Von Hotteterre wurden uns die ersten echten Solo-Werke hinterlassen. Sie heißen „L’art de préluder“ und sind kurze, kadenzartige und sehr freie – quasi notierte – Improvisationen. Viel häufiger als heute war die Musik damals für einen bestimmten Anlass und damit auch für einen bestimmten Musiker komponiert. Dementsprechend orientiert sich der Inhalt des jeweiligen Werkes oft am Aufführungsort und an der Eloquenz des Musikers.

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Und bei uns in Deutschland? Johann Sebastian Bach hat uns Flötisten mit 7 wunderbaren kammermusikalischen Sonaten, einer Partita für Soloflöte und mehreren Triosonaten beschenkt. Sie alle bilden das Zentrum der nun schon recht großen Bibliothek des Flötisten. Auch Händel und Telemann haben viel für die Flöte komponiert, letzterer v.a. auch seine „12 Fantasien für Flöte allein“, die einen Meilenstein in der Literatur darstellen. Auch für Violine, Gambe und Cembalo allein hat Telemann solche Fantasien geschrieben, die bis heute häufig in Konzertprogrammen auftauchen. Oft wurde die Flöte auch als obligates Instrument in Kantaten und Oratorien eingesetzt. Der Schritt zum Orchesterinstrument steht kurz bevor.

Was ist ein „obligates Instrument“?

Meist treten solche Instrumente gemeinsam mit der Gesangsstimme auf. Ein obligates Instrument übernimmt für eine festgelegte Zeit eine zweite Solostimme, die den Gesang umspielt, mit ihm wetteifert und unterstützt. „Obligat“, also „unentbehrlich“ oder „selbstständig“, bedeutet auch, dass die Stimme keinesfalls weggelassen werden kann. Denn bei den Begleitinstrumenten war man da im Barock flexibler – eben je nach Situation und vorhandenen Musikern.

Christoph Willibald Gluck (1714 – 1787) war schließlich einer der ersten Komponisten, der die Flöte in das Orchester integrierte. Einige Zeit später war sie  daraus  schon nicht mehr wegzudenken und spätestens durch die Komponisten der Mannheimer Schule (1747-1777) wurde sie mit viel Solo – und Kammermusikliteratur bedacht. Aber der Reihe nach…

 

Wir befinden uns in einer interessanten Zeit. Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann (um nur zwei von vielen zu nennen) führen die Barockmusik zu einem überwältigenden Höhepunkt. Und da taucht plötzlich die „Söhnegeneration“ auf und möchte alles anders machen. Manche Komponisten wie Quantz, Friedrich II.  und Benda  nutzten die technisch etwas verbesserten Flöten, um eine neue Virtuosität in ihre Kompositionen einfließen zu lassen. Und die Bachsöhne und weitere Komponisten wie Johann Gottfried Müthel, Anna Amalia von Preußen und Johann Stamitz zeigen deutlich, dass wir uns auf dem Weg fort vom Barock und hin zur Vorklassik befinden. Der galante Stil und kurz darauf der empfindsame Stil nehmen Einzug.

Bedingt durch die weiteren Fortschritte im Flötenbau und das besondere Interesse mancher Herrscher am Instrument Flöte entsteht in dieser Zeit eine große Menge neuer Literatur. Dringend  hinweisen muss ich da auf Carl Philipp Emanuel Bachs (1714 – 1788)  Flötenmusik. Nicht nur hat er viele Sonaten für Flöte und obligates Cembalo komponiert, nein, vor allem begeistert uns seine „Hamburger Sonate“ für Flöte und B.c. und seine Solosonate in a-moll.

Die Flöte gehört ja wie die Klarinette oder auch das Klavier und die Harfe zu den Instrumenten, die erst relativ spät  zu dem geworden sind, was wir heute kennen. In der Geschichte des Flötenbaus  gibt es mehrere Wendepunkte, die mit Verbesserungen in der technischen Machbarkeit und der Spielbarkeit einhergegangen sind. Wichtige Namen sind dabei Hotteterre (s.o.), Quantz und v.a. Theobald Böhm, der den Flötenbau im frühen 19. Jahrhundert revolutionieren wird. Bis dahin ist es momentan noch ein recht weiter Weg…

Aber nicht nur Carl Philipp Emanuel Bach und Johann Joachim Quantz haben am Hofe Friedrichs des Großen zur Bestückung der flötistischen Bibliothek beigetragen. Neben vielen anderen Komponisten wie Benda und Agricola haben auch der König selbst und eine seiner Schwestern  eifrige komponiert. Von Anna Amalia von Preußen gibt es in unserem Notenschrank eine sehr schöne und anspruchsvolle Sonate ganz im Sinne Carl Philipp Emanuel Bachs.

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In Mannheim und Schwetzingen am Hofe  Karl Theodors von der Pfalz komponierten Johann Stamitz und seine Kollegen  ebenfalls eine große Anzahl Flötenkonzerte, Sonaten und Kammermusikwerke. In dieser Zeit entstand auch das neue Genre Bläserquintett (Flöte/Oboe/Klarinette/Horn/Fagott). Von Anton Reicha und Franz Danzi wurde diese Besetzung zum ersten Mal mit Musik versorgt, die bis heute häufig und gerne gespielt wird.

Auch das Flötenquartett, also vier Flöten, ist unterdessen entstanden. Wieder ist Anton Reicha zu erwähnen, denn sein spielfreudiges und kurzweiliges D-Dur-Quartett „Sinfonico“ kennt jeder Flötist. Bis ins 21. Jahrhundert ist diese Besetzung von vielen Komponisten entdeckt worden und auch deshalb so interessant, weil in neuerer Zeit sehr gerne und zur Begeisterung des Publikums die Nebeninstrumente Piccolo, Alt – und Bassflöte benützt werden können. Besonders schöne Quartette schrieben Friedrich Kuhlau, Florent Schmitt, Eugène Bozza, Marc Berthomieu, Jaques Castérède, Mari Miura und ganz aktuell Tina Ternes.

Genauso beliebt ist eine andere Besetzung des Flötenquartetts: nämlich Flöte, Violine, Viola und Violoncello. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Abwandlung des Streichquartettes, in dem dann eine der Violinen durch eine Flöte ersetzt wird – auch mit Oboen und Klarinetten  hat man das gegen Ende des 18. Jahrhunderts und bis heute gerne getan. Die berühmtesten Quartette dieser Art stammen vermutlich von Mozart, aber auch Cannabich, Danzi, Devienne, Reicha, Rossini und viele andere werden in der Folgezeit für diese schöne und ausgewogene Besetzung komponieren.

Unterdessen ist unser Notenschrank wirklich gut gefüllt.

Und somit sind wir in der Klassik angekommen. Zwar schrieben die heute v.a. berühmten Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven (1770 – 1827) allesamt Kammermusik, jedoch war Mozart der einzige, der auch 2 Solokonzerte für Flöte komponierte und eines für Flöte und Harfe. Von den in ihrer Zeit mindestens genauso bekannten Komponisten Stamitz, Danzi, Hoffmeister, Pleyel, und Boccherini gibt es einige Konzerte und eine große Fülle  lieferten uns komponierende Flötisten wie Francois Devienne und August Eberhard Müller. Vermutlich das bekannteste und schönste Devienne-Konzert ist das Konzert Nr.7 in e-moll. Die komponierenden Instrumentalisten finden wir ja bis in unsere Zeit hinein und je komplizierter das Instrument, desto häufiger kommen sie vor. V.a. in der Gitarren – und Harfenmusik ist der Anteil dieser Komponisten sehr groß. Die bekanntesten Vertreter im Falle dieser beiden Instrumente sind vermutlich Fernando Sor, Mauro Giuliani, Ferdinando Carulli, Manuel de Falla, Joaquin Rodrigo, Robert Nicolas Charles Bochsa, Francois-Adrien Boieldieu, Elias Parish-Alvars und für viele bestimmt überraschend Niccolò Paganini, der genauso gut Gitarre wie Geige spielte und sehr viel Gitarrenmusik komponiert hat.

Wieso bloß sagt man Solo-Konzert und Solo-Sonate? Ja, wirklich verwirrend. Denn nur eine Solo-Sonate stellt das dar, was man auf den ersten Blick vermutet: ein Instrument spielt ohne jegliche Begleitung, also solo.

Aber ein Solo-Konzert ist im Grunde das genaue Gegenteil. Denn dabei handelt es sich um die Besetzung Orchester plus Einzelinstrument. Der einzelne Geiger oder Flötist oder Pianist steht oder sitzt vor dem Orchester und musiziert mit ihm im Dialog. Und weil dieses Instrument eben eines ist und dem großen Orchester aus vielen Instrumenten gegenübersteht, hat sich für diese Form der Name Solo-Konzert oder einfach nur Konzert für Klavier (oder Violine oder Flöte) eingebürgert. Nicht alles, was sich im Sprachgebrauch durchsetzt, ist auch logisch.

Interessantes passiert auch auf dem Gebiet der Kammermusik. Die schlichteste Version neben der Solosonate ist da ja das Duo. Sehr häufig finden sich jeweils ein Melodieinstrument und ein Harmonieinstrument zusammen. So entstehen die Besetzungen Flöte und Klavier oder Flöte und Harfe oder Flöte und Gitarre.

Immer noch sind die Flötisten der Zeit durch die mangelnde Technik und Intonation der Flöten vor der Böhm’schen Revolution im Vergleich zu Streichern deutlich im Nachteil. Trotzdem schrieben auch damals einige Komponisten für uns Flötisten. V.a. ist da Friedrich Kuhlau zu nennen. Er erschuf wie kein anderer  im anbrechenden 19. Jahrhunderts viel und zugleich hochwertige Musik. Sowohl für Flöte allein, als auch für Flöte und Klavier hat er Fantasien komponiert voller recht kühner harmonischer Verläufe und  freiem Umgang mit dem Tempo. Und obwohl Kuhlau selbst kein Flötist war, hat er das Instrument sehr gut gekannt. Seine Musik lässt sich gut spielen und ist für uns  Flötisten ein echter Dauerbrenner. Neben den oben genannten Werken hat er ein Großes Quartett für 4 Flöten, 9 Trios für drei Flöten, unzählige Duos für zwei Flöten und drei Quintette für Flöte, Violine, 2 Violen und Violoncello hinterlassen. Dabei handelt es sich keinesfalls um Liebhabermusik, sondern um musikalisch und v.a. auch technisch sehr anspruchsvolle Werke.

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Da Kuhlau außerhalb der Flötenwelt eher unbekannt ist – wie schade – hier ein kleiner Exkurs:

Friedrich Kuhlau lebte von 1786 bis 1832. Er wurde in der niedersächsischen Hansestadt Uelzen geboren, die alle zwei Jahre den internationalen Kuhlau-Wettbewerb für Nachwuchsflötisten ausrichtet. Als Kind verlor er bei einem Unfall das rechte Auge. 1802 zog die Familie nach Hamburg und 1810 floh der 24jährige Friedrich vor Napoleons Truppen nach Kopenhagen, wo er sich so wohlfühlte, dass er dort den Rest seines Lebens verbringen wird. Kuhlau war Zeitgenosse von Beethoven, Weber, Schubert, Rossini, Schiller und Goethe. Seine Musik bewegt sich zwischen Klassik und Romantik. In der Literatur wird er gerne als „Beethoven der Flöte“ bezeichnet, um die Bedeutung seiner Kompositionen für dieses Instrument hervorzuheben. Seine Werke für Flöte waren sehr erfolgreich und die gut verkäufliche Musik wurde bei mehreren Verlegern veröffentlicht. Selbst spielte er v.a. Klavier und komponierte auch für dieses Instrument viel. Theobald Böhm (s.u.) wählte 1832 übrigens eine Solofantasie Kuhlaus um seine neue Flöte vorzustellen. In Dänemark erlangte Kuhlau v.a. mit seinen Opern Ruhm, vom König wird er mit dem Professorentitel geehrt und komponiert mit dem Singspiel Erlenhügel die erste dänische Nationalmusik, die ihn in unserem Nachbarland unsterblich gemacht hat. Dieses Werk zählt noch heute mit mehr als 1000 Aufführungen zu den erfolgreichsten Stücken des königlichen Theaters in Kopenhagen.

Und es entwickelte sich die neue Form des Thème varié: Beliebte Melodien aus Lied – und Opernrepertoire wurden von viele Komponisten mit virtuosem Glanz und Klavier –, Harfen – oder Gitarrenbegleitung sozusagen „wiederverwendet“. Doppler, Fürstenau, Toulu, Drouet, Walckiers, Diabelli, Carulli, Giuliani und der große englische Flötist Charles Nicholson, der Theobald Böhm mit seinem großen Ton und seiner verblüffenden Technik zum Nachdenken und „Erfinden“ brachte, waren Meister dieses Genres.

Zu dieser Zeit spielte die Flöte eine große Rolle in privaten Liebhaberkreisen und war auch recht häufig im Konzertleben anzutreffen. Jedoch stand für die Großen unter den Komponisten immer noch das „Problem Querflöte“ im Vordergrund. Denn die Intonation der damaligen Instrumente war sehr problematisch und mehr als eine mittlere Lautstärke konnte nicht erzeugt werden. Außerdem, und das ist mindestens genauso wichtig, war der Tonumfang recht bescheiden und eine uneingeschränkte Modulation durch alle Tonarten war auf Grund der spieltechnischen Ungleichberechtigung mancher Töne nicht möglich.

Beethoven hat eine Serenade komponiert für Flöte, Violine und Viola – Gabrielski und Kummer komponierten Konzerte und Kammermusik (beide waren selbst Flötisten) – Louis Spohr hinterließ das einzigartige Nonett op.31 und weitere Kammermusik für Flöte und Harfe. Außerdem schrieben  Carl Maria von Weber das Trio in g-moll op. 63 (mit dem besonders schönen langsamen Satz „Schäfers Klage“) und Felix Mendelssohn – Bartholdy sein Trio d-moll op.49 für Flöte, Violoncello und Klavier. Ist für andere Instrumentalisten, v.a. für Streicher, die Zeit der Klassik ein wahres Literaturparadies, so sieht das für Flötisten ganz anders aus – die Liste ist recht kurz.

 

Auf ein Werk allerdings, das irgendwie alle Raster und Schubladen sprengt, muss hier natürlich unbedingt hingewiesen werden. Franz Schubert (1797 – 1828) hat 1824 über das Lied „Trockene Blumen“ aus seinem eigenen Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ Variationen für Flöte und Klavier geschrieben. Dieses Werk ist für seine Zeit äußerst ungewöhnlich. Es ist echte Duo-Literatur, das Klavier muss sich nicht auf eine Begleitfunktion beschränken, wie das sonst so oft der Fall ist. Eine Kaskade an Tönen und Gefühlen sprengt das eigentlich noch klassische Gefüge und wendet sich entschieden der Frühromantik zu. In dieser Zeit für uns ein Einzelfall, leider.

 

Doch dann, dann kam Theobald Böhm. Er erfand endlich das, was die Flötenmusik befreien wird. Alle Töne können nun – fast – gleichermaßen gut gegriffen werden, die Lautstärke ist wesentlich verändert, der Klang voller und der Tonumfang vom c 1 bis mindestens zum g 3 gut spielbar. Zuerst gehörten vor allem französische Flötisten zu den Protagonisten und dementsprechend waren auch Komponisten in Frankreich die ersten, die für die neue Flöte, die Böhmflöte, komponiert haben. Nun füllt sich unser Notenschrank in einem noch nie dagewesenen Tempo. Und der Großteil der Flötenliteratur ist kaum mehr von Laien zu bewältigen, so sehr hat sich der technische Anspruch an den Spieler gewandelt.

Zunächst entstehen einerseits kammermusikalische Werke und andererseits ist die Flöte plötzlich häufig Hauptdarsteller im Orchester. Eindeutig, wir sind längst in der Romantik angekommen. Fauré, Gaubert, Taffanel, Debussy, Chaminade   – etwas später Pierné, d’Indy, Roussel, Ravel, in Deutschland Reinecke, Blumer, Juon und Rheinsberger komponieren Klangvolles, Klangschönes, Volltöniges, ja wirklich Flötistisches. Einzig die Gattung „Flöte allein“ hat (noch) nichts Neues zu bieten. Im Grunde verwundert das jedoch nicht, denn diese Epoche des Überschwanges und des Fortschrittes favorisierte immer größere Besetzungen, immer neue Klänge. Aber auch das wird sich bald ändern.

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Aus welchen Gründen auch immer wird die Flöte nämlich nach Beginn des 20. Jahrhunderts zum Experimentierinstrument par excellence in der Sololiteratur. Aus der Taufe hebt Claude Debussy (1862 – 1918) diese so lange stiefmütterlich behandelte Form also erneut im Jahre 1913 mit seinem  höchstimpressionistischen Werk „Syrinx“. In dieser „vollkommenen Schöpfung allerkleinster Dimension“ (Gustav Scheck) wurde eine der schönsten Metamorphosen der Antike vertont – die Nymphe Syrinx verwandelt sich aus Angst vor dem Hirtengott Pan in ein Schilfrohr, Pan setzt aus dem Schilf eine Flöte zusammen und entlockt ihr sehnsuchtsvolle Töne.

Nun sind die Komponisten nicht mehr aufzuhalten, überall entsteht Musik für eine Flöte alleine. In ganz Frankreich wenden sich Ibert, Bozza, Jolivet, Kœchlin, Ferroud, Rivier und Varèse der Flöte zu. In Deutschland setzt Karg-Elert den expressionistischen Gegenpol zu „Syrinx“ mit seiner „Sonata appassionata“ und Paul Hindemith komponiert etwas später „8 Stücke“, in der Schweiz schreiben Arthur Honegger den „Danse de la chêvre“ und Willy Burkhard die Suite op.98. Alles ist möglich, die Grenzen der Tonalität werden ausgelotet, das Ausdrucksspektrum wird erweitert, die Vortragszeichen häufen sich, um den Spieler in der Agogik zu unterstützen. Wie ein roter Faden zieht sich die Tradition des quasi-mehrstimmigen Solostückes seit der frühen Barockzeit durch dieses Genre und wird nun bis zur Höchstschwierigkeit getrieben. Und ein zweiter roter Faden wird sichtbar: die Flöte in Verbindung mit ihrem Urcharakter des bukolischen Hirteninstrumentes. Mit Literatur für Soloflöte könnten wir viele Konzertabende füllen, ohne uns zu wiederholen.

 

Vor allem zwischen den beiden Weltkriegen greifen Komponisten gerne auf die Symbolkraft und das mythische Umfeld der Flöte zurück, gerne auch auf die schon ganz zu Anfang genannte religiös-mystische Verbindung. Dazu kommt noch der damals sehr verbreitete Hang zum Exotischen, Fremdländischen. De Lorenzo, Roussel, Delaney, Hahn, Ganne, Glass, Enescu, Jolivet, Nielsen, Dohnányi, Mouquet, Bartok, Gal, Fukushima und noch viele andere komponieren und komponieren.

Durch Debussy ist für uns Flötisten nicht nur durch „Syrinx“ eine neue Welt entstanden. Mit seiner großen Sonate für Flöte, Viola und Harfe hat er eine ganze Generation Komponisten inspiriert, für diese bis dahin unbekannte, so wunderbare Besetzung zu schreiben. Vermutlich war es der beinahe schon orchestral zu nennende Klang, der das zustande brachte. Noch begeisterter wurde die Quintett-Besetzung Flöte/Streichtrio/Harfe mit Literatur bedacht. Jean Cras, André Jolivet, Alber Roussel, Leo Smit, Charles Kœchlin, Vincent d’Indy, Florent Schmitt, de Falla, Alexandre Tansman, Arthur Honegger, Jaques Ibert, Jean-Yves Daniel-Lesur – sie alle haben für das 1922 gegründete „Quintette instrumental de Paris“ komponiert und ihre Musik wurden begeistert aufgenommen und war häufig zu hören. Wie schade, dass man diese große Anzahl herrlicher Werke nur noch so selten auf die Bühne bringt. Warum eigentlich? Leider ist das leicht zu erklären. Der Aufwand ist zu groß, vielleicht auch die Gage zu hoch für fünf Kammermusiker, statt nur für zwei oder drei.

Nach Debussy entstand dann sehr unterschiedliche Musik für Flöte – die dabei am häufigsten anzutreffende Besetzung ist vermutlich das Klavierduo, also Flöte und Klavier. In Frankreich selbst komponierten Milhaud, Gaubert, Dutilleux, Ibert, Françaix und allen voran Poulenc Werke von großer Klarheit und schwebender Leichtigkeit. Poulencs Sonate gehört mit zum Schönsten, was jemals für Flöte komponiert wurde.

 

Und die hochimpressionistische französische Flötenmusik, die immer wieder wie die „Muttersprache“ unseres Instrumentes erscheint, wird bereichert durch großartige Duomusik der Komponisten anderer Länder, darunter Hindemith, Reger, Juon, Genzmer, Schulhoff, Martin, Nielsen, Martinů und Prokofjev. Ganz deutlich ist zu bemerken, dass das „neue“ Instrument  Theobald Böhms enorme Kräfte freigesetzt hat – bei Komponisten und bei Musikern. Die großen Flötensonaten stehen nun in einer Reihe mit denen anderer Instrumente. Eine kleine Kuriosität am Rande: Prokofjevs herrliche, weitausgreifende Flötensonate op.94 wurde vom Komponisten selbst auf Wunsch David Oistrachs für Violine und Klavier bearbeitet. In den vergangenen Jahrhunderten ist der Weg immer der umgekehrte gewesen.

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Die „großen“ Sonaten für Flöte und Klavier nach 1800, von wem stammen die? So eine Aufzählung kann natürlich nur subjektiv sein. Aber meine Liste ist diese:

 

Friedrich Kuhlau: Sonaten e-moll und a-moll (1826/27)

Carl Reinecke: Undine – Sonate op.167 (1882)

Charles Kœchlin: Sonata (1911/1913)

Philippe Gaubert: 1. Sonate für Flöte und Klavier (1917)

Sigfrid Karg-Elert: Sonate B-Dur op.121 (1918)

Paul Hindemith: Sonate (1936)

Bohuslav Martinů: Sonate für Flöte und Klavier (1937)

Heinrich Caspar Schmid: Sonate (1939)

Sergej Prokofjev: Sonate op.94 (1943)

Henri Dutilleux: Sonatine für Flöte und Klavier (1943)

Leo Smit: Sonate voor fluit en klavier (1943)

Pierre Boulez: Sonatine op.1 (1946)

Francis Poulenc: Sonate (1957)

Lowell Liebermann: Sonate für Flöte und Klavier op.23 (1987)

Salvador Brotons: Sonate op.21 (2006)

Daniel Dorff: Sonata (Three Lakes) (2014)

 

Natürlich ist diese Form und auch die Besetzung willkürlich gewählt  und vernachlässigt somit wunderbares Standardrepertoire jenseits der Sonaten wie Faurés Fantasie, Karg-Elerts Sinfonische Kanzone und Martins Ballade für die selbe Besetzung oder eben die außerordentliche Sonata von Debussy für Flöte, Viola und Harfe, Piazzollas Histoire du Tango für Flöte und Gitarre,  Martinůs Klaviertrios in unterschiedlichen Besetzungen oder Regers Serenaden für Flöte, Violine und Viola. Die Anzahl großartiger Literatur für Flöte ist in diesem Jahrhundert dermaßen gewachsen, dass eine Auswahl schwer fällt und subjektiv sein muss, auch wenn die erwähnten Werke herausragen.

Hier möchte ich meinen Spaziergang durch die Welt der Musik beenden, längst sind wir in der Moderne angekommen. Zu unübersichtlich, zu weitläufig, zu unterschiedlich ist die Musik seit den 1950er-Jahren, um sie noch in wenigen Sätzen beschreiben und in eine Beziehung zu einander setzen zu können. Selbstverständlich wird weiter komponiert für unser Instrument.

Dabei werden auch neue Kombinationen ausprobiert, z.B. entsteht Musik für Flöte und Akkordeon. Stockhausen, Bernstein, Berio, Yun, Gubaidulina, Fukushima – alle haben sie gerne Flötenmusik geschrieben. Und auch die heute noch jungen Komponisten komponieren für uns.

 

Für Schüler und Studenten ist es gar nicht so einfach, aus dieser Fülle an Musik das für sie im Augenblick Richtige heraus zu filtern. Vielleicht kann dieser Artikel auch ein bisschen dazu beitragen, Ordnung in ihren Köpfen zu schaffen. Das würde mich sehr freuen.

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