Die Geschichte der Suite

von Thomas Stiegler

Ich kenne einige Menschen, die nicht verstehen, warum es neben „der Symphonie“ von Beethoven auch noch eine Symphonie von Haydn oder Brahms geben soll. Ganz zu schweigen davon, dass Beethoven anscheinend mehr als ein Werk desselben Namens geschrieben hat und die einfach der Reihe nach nummeriert wurden.

Aber das ist eine Wissenslücke, die sich leicht schließen lässt. Man muss dazu nur wissen, dass Titel von Musikstücken keine Eigennamen sind, sondern Gattungsbezeichnungen.

Am leichtesten versteht man es im Vergleich zur Literatur.  Auch dort gibt es unterschiedliche Gattungen wie Roman, Essay oder Gedicht und auch hier dienen sie einfach dazu, die Form zu beschreiben, die dem Buch den äußeren Rahmen gibt.

So könnte man etwa synonym zu Beethovens „Symphonie Nr. 1“  Thomas Manns „Die Buddenbrooks“ auch als seinen „Roman Nr.1“ bezeichnen.

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In der Literatur gibt man den einzelnen Werken Namen, weil es eine Kunstform ist, die auf dem geschriebenen Wort basiert. In der Musik ist das nicht der Fall. Hier sollen die Titel nicht von der Hauptsache ablenken und die Musik für sich selbst sprechen.

Daher dienen die Bezeichnungen nur als Hinweis, in welcher Form die Musik geschrieben wurde und dazu, die einzelnen Werke voneinander zu unterscheiden.

Obwohl es davon natürlich Ausnahmen gibt und sich etwa in der Romantik eine Musikgattung entwickelte, die sogenannte Programmmusik, in der jedes Stück einen aussagekräftigen Titel trägt („Till Eulenspiegels lustige Streiche“, „Reise nach Italien“ usw.) und in dem der Komponist versucht, ein literarisches Programm in Musik zu setzen.

 

Doch abgesehen davon dienen die „Titel“ von Musikwerken einfach als Gattungsbezeichnung.

In den letzten 500 Jahren hat sich eine große Menge an unterschiedlichen Formen entwickelt. Uns ist das kaum noch bewusst, denn die einzigen, mit denen wir im Normalfall zu tun haben, sind das begleitete Strophenlied oder die Musik, die wir als Hintergrund aus dem Fernsehen kennen.

Aber früher war das anders. Es gibt unzählige Musikgattungen, die sich alle mehr oder weniger voneinander unterscheiden, je nachdem, wofür die Musik gebraucht wurde und was der Komponist damit ausdrücken wollte.

 

Eine der frühesten Musikgattungen war dabei die „Suite“.

Eine Suite ist im Kern eine Sammlung von Tanzsätzen, das heißt von Musik, die sich im Laufe der Zeit für Feste und zur Unterhaltung entwickelt hat.

Doch bevor ich näher darauf eingehe möchte ich kurz über Tänze und Rhythmen im Allgemeinen sprechen.

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Es gibt ein interessantes Experiment aus der Musikwissenschaft. Forscher gingen der Frage nach, welche Parameter für das Erkennen eines Werkes wichtiger sind: die Melodie oder der Rhythmus.

Dazu spielte man Versuchspersonen einfache, bekannte Lieder vor. In einem Fall mit der richtigen Melodie, aber einem veränderten Rhythmus, im anderen Fall mit einer frei erfundenen Melodie, aber im richtigen Rhythmus.

Das Ergebnis war, dass die Lieder nur dann sicher erkannt wurden, wenn sie im richtigen Rhythmus gespielt wurden. Die korrekten Tonhöhen hingegen waren nicht ausschlaggebend für das Erkennen eines Musikstückes.

Wie können das Ganze leicht selbst überprüfen, wenn wir etwa an „Hänschen klein“ denken. Durch seinen prägnanten Rhythmus kurz-kurz-lang, kurz-kurz-lang, kurz-kurz-kurz-… würde man es auch mit der ungewöhnlichsten Melodie erkennen.

 

Dieses Ergebnis überrascht nur auf den ersten Blick und wir müssen uns erinnern, dass der Rhythmus etwas Urmenschliches ist. Schon das Kind wächst im direkten Kontakt zum Herzschlag seiner Mutter auf und auch unser Leben folgt einem individuellen Rhythmus, egal ob es unser Atem ist, unsere Sprachmelodie oder die Art unseres Gehens.

Auch in Gruppen entwickelt sich meist ein gemeinsamer Rhythmus, denken wir etwa an Rockkonzerte oder Volksfeste, bei denen das gemeinsame Singen und Tanzen eines der verbindendsten Elemente ist.

Schon vor Jahrtausenden wusste man um diesen Sachverhalt und diese Methode wurde bei kultischen Handlungen verwendet, indem man durch Klatschen und Stampfen eine gemeinsame Trance erzeugte. Aus diesen Anfängen heraus haben sich dann, über viele Zwischenschritte und losgelöst von jeder kultischen Bedeutung, die ersten Tänze entwickelt.

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Machen wir nun einen Sprung in der Geschichte und blicken wir auf die Entwicklung im Mittelalter.

Zu dieser Zeit hatte sich in unseren Breiten schon eine reiche Tradition an Tanzmusik entwickelt. Aus dem Wunsch nach größtmöglicher Abwechslung (und wohl auch Symmetrie) heraus legte man die Abfolge der Tänze so an, dass auf einen geraden Schreittanz ein ungeradtaktiger Springtanz folgte.

Im deutschen Raum hießen diese Tänze Dantz und Hupfauf, am Hofe Pavane und Gagliarde. In anderen Ländern hatten diese Tänze andere Namen (Pavane und Saltarello, Pavan und Galliard), aber das Prinzip der Paarbildung blieb überall dasselbe.

 

Die Form dieser Tänze war im Volk allgemein bekannt und beliebt. Entweder gab es jemanden im Dorfe, der zum Tanz aufspielte oder es kamen Musikanten, die von Dorf von Dorf zogen und bei Festen über die tradierten Melodien improvisierten.

Wie man sich denken kann, besaßen diese Musiker keinen hohen Stellenwert in der Gesellschaft und auch ihre Art der Musik wurde nicht sehr geachtet. Sie wurde einfach mündlich weitergegeben und im Gegensatz zur Kirchenmusik weder niedergeschrieben noch aufbewahrt.

 

 Erst im 16. Jhdt. begann sich diese Einstellung zu ändern, wofür es mehrere ineinandergreifende Ursachen gibt.

Bezogen auf unser Thema ist am wichtigsten, dass es in den kulturell bedeutendsten Ländern Europas, vor allem in Frankreich, zu massiven gesellschaftlichen Veränderungen kam, die besonders günstige Voraussetzungen für die Entstehung und Verbreitung mehrstimmiger Tanzmusik schufen.

Es war die Zeit, in der sich die königliche Zentralgewalt endgültig etabliert hatte und Hand in Hand damit kam es zum Aufstieg eines städtischen Bürgertums. Dadurch brauchte einerseits der königliche Hof Musik für seine glanzvollen Feste und andererseits verwendete das Bürgertum in zunehmenden Maße die Aufführung von Musik als Mittel der Repräsentation und für seine Vergnügungsveranstaltungen.

Gleichzeitig kam es in der Renaissance zu bedeutenden Verbesserungen im Instrumentenbau, wodurch sich das Interesse sowohl am Instrumentalspiel als auch an der Fertigkeit der Spieler steigerte.

 

Das alles führte dazu, dass nicht nur die Musik einen höheren Stellenwert bekam, sondern auch die Musiker nicht mehr auf einer niedrigen Stufe der Gesellschaft stehenblieben, sondern allgemein anerkannt wurden.

Im Wechselspiel begannen sie auch selbst, ihrem Tun mehr Bedeutung beizumessen und ihr Schaffen für die Nachwelt aufzuzeichnen.

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Begonnen haben sie dabei mit dem, womit sie sich am meisten beschäftigten – der Musik zum Tanze.

Als Sammelbegriff für die schriftliche Niederlegung der ersten Tanzsätze und ihrer Sammlung in Heften hat sich bald der Begriff „Suite“ eingebürgert.

Anfangs wurden einfach die überlieferten Tänze gesammelt und gedruckt, doch bald begannen die Musiker damit, eigenständige Kompositionen zu erschaffen und zu verbreiten.

 

 Lange Zeit gab es dabei keine einheitliche Norm in der Abfolge der Sätze, sondern bis weit in die Mitte des 17. Jahrhunderts hinein blieb eine Suite einfach eine beliebige Sammlung an Tänzen. Doch von Land zu Land etablierten sich langsam erste Konventionen, welche Tänze verwendet wurden und in welcher Form man sie aneinanderreihte.

Im Barock endlich erlebte die Suite ihre Blütezeit und der Begriff „Suite“ bezeichnet ab diesem Zeitpunkt eine aus mehreren Sätzen gleicher Tonart und überwiegend tanzartigen Charakters bestehende Sammlung an Kompositionen. Ihre Grundlage waren zwar immer noch die überlieferten Tänze, aber die Entwicklung hat dazu geführt, dass es jetzt reine Kunstmusik war.

 

Doch bevor wir uns genauer mit der barocken Suite beschäftigen, werfen wir in den nächsten Beiträgen einen Blick auf die Tänze, die den Kern der Suite bildeten.

Es waren das die Pavane, die Galliarde, Allemande und Courante, die Chaconne, das Bourrée, die Sarabande und Gavotte, der Siciliano, das Gigue, das Menuett und die Polonaise.

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